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Veröffentlicht am 25. Februar 2026 von lyrikzeitung
188 Wörter, 1 Minute Lesezeit.
Jan Kuhlbrodt
Nehmen wir an
IX
Wieder schieben sich Erzählungen von der Geschichte vor die Geschichte,
schieben sich übereinander, die Eisschollen auf Friedrichs Bild Eismeer
Verlorene Illusion. Berichte eines Vergangenen werden berichtigt.
Berüchtigt mancher Erzähler. Verstummt auch vergessen, vergessen
gemacht. Wieder zur Sprache gebracht.
Wieder vergessen. Innehalten ist Überleben,
Übergehen wenn der Halt keine Gegenwart
zeugt. Die Crux: Prozess und Gedanke.
Immer scheint Winter zu sein. Mit meinen heißen
Tränen. Noch immer kein Boden zu sehen.
Und Kafkas Axt? Konnte ich die vergessen,
da ich zu Fuß unterwegs bin auf dem gefrorenen Meer.
Allerhand. Ein Unbehagen, auch evoziert diesen Wunsch
nach Erlösung, und nicht nur nach Rettung großartiger Texte.
Die Bojen leuchten im Eis. Rotweiße Mützen
Vorstellung verbunden mit Biografie, verhaftet,
In Text erstarrt. Verwandelt, vereist,
die eigene, die eines andern. In seinem letzten Roman
schreibt Gaddis, dass Bernhard seine Texte schon
kopiert habe, bevor er selbst die Texte geschrieben.
Die Auflösung von Zeit, dass die Kopie dem Original
voraus geht. Oder war's so schon immer?
Krokusse, Schneeglöckchen, Buschwindröschen, Narzissen
Aus: Jahrbuch der Lyrik 2017. Herausgegeben von Christoph Buchwald und Ulrike Almut Sandig. Frankfurt/Main: Schöffling & Co., 2017, S. 165
Kategorie: Deutsch, DeutschlandSchlagworte: Caspar David Friedrich, Franz Kafka, Gegenwartslyrik, Geschichtspoetik, Intertextualität, Jahrbuch der Lyrik, Jan Kuhlbrodt, Nehmen wir an, Schöffling & Co., Thomas Bernhard, William Gaddis
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