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Veröffentlicht am 9. Januar 2026 von lyrikzeitung
156 Wörter, 1 Minute Lesezeit.
Jayne-Ann Igel
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»Jedes wort birgt einen widersinn in sich« notierte ich ins tagebuch, und der auslöser für diesen gedanken war, daß ich kurz zuvor das wort flußläufe gelesen und dabei die läufe eines tiers vor augen hatte, daß also auch der fluß nichts anderes als eine wesenheit, die sich auf ihren läufen fortbewegt durch raum und zeit, über stock und stein, wie es oft heißt, auf läufen, die ermüdet und kalt, bläulich verfärbt – Das wasser läuft, man läßt es laufen, das gezähmte im hause, manchmal sieht man es überlaufen, und ich stellte mir vor, daß es ein tausendfüßler, der in fließender bewegung, gleich der rede, die in fluß geraten, aus anfänglichem stocken und stolpern erlöst, einem stottern… immer dies gehen, dies sich festhaken an einem wort, das vielfüßig sich behauptet, im vers, dies buchstabieren von neuem …
Aus: Aus Mangel an Beweisen. Deutsche Lyrik 2008-2018. Hgg. v. Michael Braun und Hans Thill. Heidelberg: Das Wunderhorn, 2018, S. 119
Kategorie: Deutsch, DeutschlandSchlagworte: Aus Mangel an Beweisen, deutsche Lyrik 21. Jahrhundert, Gedicht des Tages, Gegenwartslyrik, Hans Thill, Jayne-Ann Igel, Jayne-Ann Igel Gedicht, Lyrikzeitung, Michael Braun, Prosa-Lyrik, Sprache und Bewegung, Sprachreflexion, Wortwidersinn, Wunderhorn Verlag
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