Das Archiv der Lyriknachrichten | Seit 2001 | News that stays news
536 Wörter, 3 Minuten Lesezeit.
Juliette Pary ist heute nahezu unbekannt. 1946 erschien in Paris ein schmaler Gedichtband in deutscher Sprache – An die Deutschen –, veröffentlicht unter dem Pseudonym Julia Renner. Das Buch wurde damals in Deutschland nicht wahrgenommen. Erst in diesem Jahr veröffentlichte Andreas Kelletat einen Nachdruck.
Hinter dem französischen Namen verbirgt sich die 1903 in Odessa geborene jüdische Schriftstellerin Julia Gourfinkel, die in Russland aufwuchs, seit den 1920er Jahren in Paris lebte, als Übersetzerin, Journalistin und Reformpädagogin arbeitete und während der NS-Zeit in der jüdischen Kinder- und Jugendrettung aktiv war. Sie schrieb diese Gedichte im Schweizer Exil – nicht auf Französisch, nicht auf Russisch, sondern auf Deutsch – der Sprache der Täter.
Die Gedichte entstanden 1944 in Les Pléiades oberhalb des Genfersees. Pary selbst sprach später von einer unerklärlichen Inspiration: Für ihre Prosa war ihr das Französische selbstverständlich, für ihre Lyrik jedoch schien ihr allein das Deutsche geeignet. In An die Deutschen begegnen sich Anklage, Trauer, Zorn, Bitterkeit, jüdisches Selbstbewusstsein und ein erschütterndes historisches Wissen aus unmittelbarer Nähe. Es sind Gedichte einer Überlebenden, die den Mord an den europäischen Juden nicht aus der Distanz kommentiert, sondern aus der ganzen Erfahrung der Zeitgenossenschaft. Über ihre Entstehung sagt sie:
»Es war eine wahre Explosion! Ich schrieb ›zwanghaft‹ […]. So als ob mir die Gedichte diktiert wurden. Die meisten Gedichte beziehen sich auf Träume, die ich damals hatte: es waren unter dem Druck der Zeit-Ereignisse entstandene Visionen […].»Es war eine wahre Explosion! Ich schrieb ›zwanghaft‹ […]. So als ob mir die Gedichte diktiert wurden. Die meisten Gedichte beziehen sich auf Träume, die ich damals hatte: es waren unter dem Druck der Zeit-Ereignisse entstandene Visionen […].«
Das folgende Gedicht stammt aus diesem Band. Es ist Teil eines außergewöhnlichen, widersprüchlichen und sprachlich eigenwilligen lyrischen Dokuments der Nachkriegszeit – geschrieben von einer Autorin, deren Stimme erst jetzt langsam hörbar wird.
Juliette Pary
(* 6. August 1903 als Julia Gourfinkel in Odessa, damals Regierungsbezirk Neu-Russland, † 1. Oktober 1950 in Vevey, Schweiz)
ES KOMMEN MIR
Wotan-Gedanken,
Verfluchte deutsche
Ahnungs-Schrecken-Gedanken.
Zittrige, fahle,
Blutige.
Wie viel von Unsern,
Wie viel von Euern
Sterben noch,
Damit Ihr hört
Auf unsre Stimme,
Auf unsre tote,
Rächende Stimme?
Die Stimme von Wilno,
Die Stimme von Warschau,
Die Stimme vom Ghetto,
Das Ihr gestürmt.
Mit Tanks und Bomben,
Mit Donner und Feuer,
Mit Braun-Kolonnen
Habt Ihr gestürmt
Die letzten Juden,
Die sich verteidigt
Fast ohne Waffen
In wilden Schlachten,
Die letzten Kämpfer
Habt Ihr erwürgt.
Im Polenlande,
In Todeszügen,
In Eisenzügen,
Vom Tod benannt,
Erstickten Menschen
Dumpf ohne Luft,
Fest aneinander
Gepresst, zerpresst
Von luftlos heißem
Erstickungstod –
Wo Kind an Mutter
Gedrückt gestorben,
Sie sah es sterben
Im letzten Krampf.
Muss ich auch sterben?
In grausen Grüften
Lebendge Juden,
Von Euch begraben,
Sich noch bewegen
Unter der Erde,
Die zugeschüttet
Von Eurer Hand.
Das habt Ihr Deutschen,
Ihr habt’s getan.
Durch Eure Nazis,
Die Euch verhext.
Ihr braunen Nazis,
Braun zum Erbrechen,
Schwarzbraungelbblutig,
Ihr seid noch da!
Ich will Euch töten.
Wie mit den Taten,
So mit der Schrift.
In Eurer Sprache
Will ich Euch töten,
In Eurer Sprache
Erklingen mir
Die Ahnungsverse
Aus Deutschlands Seele,
Die wund und wehe
Mit meiner Seele
So tief vermischt.
Aus: Juliette Pary: An die Deutschen. Paris 1946 (unter dem Pseudonym Julia Renner). Neuausgabe, hrsg. Andreas Kelletat. Mannheim: persona Verlag Lisette Buchholz, 2025, S. 11-13
Neueste Kommentare