Schwarze Sonne

109 Wörter, 1 Minute Lesezeit.

Christoph Meckel 

(* 12. Juni 1935 in Berlin; † 29. Januar 2020 in Freiburg im Breisgau)

Ballade

Ich rufe eine schwarze Sonne, schrie
der Hahn im weißen Dampf auf schwarzem Mist.
Geschrei verscheuchte Schlummer aller Höfe.

Die Schwalben stoben in den kalten Regen
der Maulwurf tappte blind durch nasse Blumen
und Ochsen stampften brummend aus den Ställen.

Und Mägde rannten barfuß in die Wälder
und Knechte ritten fort auf alten Gäulen –
der Bauer weinte wild: ach Hahn, mein Hähnchen!

Da hinter siebenfachem Regen stieg
die Sonne schwarz und schnell, stand ohne Laut,
und krachte finster auf die Ebenen nieder.

Aus: Neue deutsche Erzählgedichte. Gesammelt von Heinz Piontek. Stuttgart: Deutsche Verlags-Anstalt, 1964. – Neuausgabe München: Schneekluth, 1980, S. 325

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