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Veröffentlicht am 18. August 2025 von lyrikzeitung
340 Wörter, 2 Minuten Lesezeit
Zur Erinnerung an Peter Brasch
Peter Brasch, der jüngere Bruder von Thomas und Klaus Brasch, war ein Meister des tragikomischen Alltagsmonologs. In seinem Gedicht „Requiem für ein Tach“ verdichten sich Kälte, Zärtlichkeit, Witz und Weltflucht zu einem Liebesdialog voller Lücken und Lärmen. Eine zärtlich-chaotische Szene zweier Verlorener im Prenzlauer-Berg-Winter, irgendwo zwischen Kohlenkeller und Dachrinne, zwischen Sofia Loren und Grubenunglück.
Hier redet sich jemand gegen die Einsamkeit in Rage – mit sarkastischer Wärme, rauchigem Trotz und einem prekären Rest Hoffnung. In diesem Jahr wäre er 70 geworden. Wir erinnern mit diesem Text an einen Dichter, der den Sound der späten DDR und der Nachwendezeit in ihrer schrägen Melancholie einfing.
Peter Brasch
(* 18. September 1955 in Cottbus; † 28. Juni 2001 in Berlin)
Requiem für ein Tach
Ein Liebesgedicht
Stoß jetzt die Decke weg Mann und Geh in Keller
Kohlen holen/Iss kalt Ich bin zu faul/Rauch ich jetz
Oder Nich/Iss nich gesund/Hörst Du Lieb/Mein Lieb/
Wo iss denn der Wein von Gestern/War was übrig!/Da
liegt Schon wieder Schnee aufm Fenster/Der kotzt ein
an dieser Schnee/Da war ein Grubenunglück/Ob sie
schon aus dem Schacht sinn/Umarm mich ma, iss kalt/
Ja/Umarmst mich seltener immer sel-Tener./Nee./
Willst du weiterschlafn/Mach ich die Augen zu und
denk da iss gar keine Frau Weil keine da war/Stell dir
doch eine vor Du Idiot/Nimm die Hand da weg/– – –
sofia loren sitzt auf der dachrinne zusamm mit den
Taubn: LIEBER NE BLINDE IM BETT ALS NE TAUBE
AUFM DACH. – sofia loren jedenfalls sitzt aufm dach-
first und bohrt sich mitm streichholz im Ohr und hustet.
– Jaja/Diese Wohnung ist ein Lazarett für vereiste
Fensterscheibn/Sag ich Dir/Ich küss dich jetzt/Werd
doch mal erwaxen Mann/Ich bin ein doter Verkannter/
Ein verkanteter Toter biss Du/Am meisten wenn du
gesund bist/Schmatz nich so beim Rauchen/Kohln holn
Los raus jetz Zusammreißen Aufstehn Mann/So iss das
Leben Sonst wird das Nix/Ich reiß mich zusamm jetz,
solang biß nich mehr beisamm bin Reiß ich mich/Iss
gut/Küß mich/Mußt du immer das letzte Wort Ham/– – –
Aus: Peter Brasch, Rückblenden an Morgen. Stücke Gedichte Prosa. Berlin und Weimar: Aufbau, 1991, S. 79
Kategorie: Deutsch, DeutschlandSchlagworte: Alltagsmonolog, Berliner Autoren, Berliner Kältepoesie, DDR Poesie, DDR-Literatur, Dialoggedicht, Familie Brasch, Großstadtlyrik, Kohlenkeller und Kälte, Liebesgedicht DDR, Lyrik mit Trotz, Nachwendeliteratur, Ostberlin 1980er, Peter Brasch, Poesie über Einsamkeit, Poesie des Alltags, Prenzlauer Berg Literatur, Requiem für ein Tach, Sarkasmus und Hoffnung, Sound der späten DDR, Sprachwitz DDR, Thomas Brasch, Tragikomische Lyrik, Verlorene in der Stadt, Verlorenheit in der Liebe, Winterpoesie, Zärtliche Sprachgewalt
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