Im Verswald versteckt

411 Wörter, 2 Minuten Lesezeit

Gestern vor 100 Jahren wurde der ungarische Dichter László Nagy geboren (* 17. Juli 1925 in Felsőiszkáz, † 30. Januar 1978 in Budapest).

IM VERSWALD VERSTECKT

Lebst wie ein Räuber, im Verswald versteckt.
Hast aus den Seufzern, beklemmenden Sorgen
eines dir hart aufgetragnen Geschicks
dir diesen Wald aus Lianen gelegt;
dieses Gestrüpp, dessen Dunkel das Weiße
seidenen Hemds in ein Irrlicht verwandelt,
Flamme des Weins, von den Winden gehetzt.
Lebst wie ein Räuber, im Verswald versteckt.
Unstet die Augen, wie Lücken im Laubwerk,
wie sie sich weiten und wieder verengen,
immer woanders und niemals in Ruhe,
immer visierend, doch nicht zu visieren;
wölfisches Glühen nach außen und Wachsein,
innen ein Rehkitz mit Sternchen und Sterz;
innen vom Eisengehalt deines Blutes,
doch im azurnen Oval der Membranen
diese phantastische Lichtwelt, dein Füllen,
deine Verfehlung, das Sonnenlicht bleckt.
Lebst wie ein Räuber, im Verswald versteckt.
Mutterschaft der Partisanen, gesegnete,
bärtige Mutterschaft, weinlaubgekrönte ...
daß du zum Fest der sich kreuzenden Fäuste
nicht zur lebendigen Leidtrommel wirst;
daß du den Sinn deines Seins nicht verfehlst,
von den Hebammen des Todes geknetet;
daß dir nicht kalte Pinzetten entreißen den
köstlichen Märchenwelt-Blitz deiner Sinne,
um ihn als Strauß vor den Spiegel zu stellen.
Alles erfröre, wenn sich mit deinem
atmendem Hemd nur ein Stein-Pfahl umhüllte.
Schmück es mit Blumen und halte es fest.
Lebst wie ein Räuber, im Verswald versteckt.
Räuberheld. Himmlische, irdische Breiten
stehen in Flammen. Zur Asche geworden,
stürzen die Vögel vom Himmel. Es taumelt,
trauernd der Mensch, der das Rad erfunden.
Weinend verharrt auch des Ahorns Propeller-
samen. Was ist aus dem Urbild geworden?
Fallschirme breit, Margeriten des Todes,
wenn sie erblühen, verschließt sich das Leben.
Ist doch der Himmel kein Himmel. Der Segen
ein Fluch, wenn sich Manna und Pulver vermengen.
Lichtschein wird Sense. Die Kindlein entsetzt,
kehren der Tagwelt den Rücken, es trommeln
die Fäustchen bestürzt an den Toren der Mütter.
Bereit auch zur Flucht sind die Eiweiß-Girlanden,
Bergbuckel-Herden, sie streben zurück in die
winzige Urzelle. Weiter noch, hinter den
taumelnden Mond, den in Brand gesetzten.
Lebst wie ein Räuber, im Verswald versteckt.
Trägst an den Füßen Moosstiefel und Ameisen-
völker, du glühst von den Giften der Unrast –
und urteilst inmitten der Stachel der Treue,
der du nicht auskommst, und wenn du verreckst.
Lebst wie ein Räuber, im Verswald versteckt.
Wirfst deinen Handschuh, diese fünffingrige
Lilie stracks vor die witternden Hunde.
Gieriges Schnappen. Blut sickert aus ihm.

Übertragen von Wilhelm Tkaczyk, aus: Poesiealbum 45: László Nagy. Ausgewählt von Paul Kárpáti. Berlin: Neues Leben, 1971, S. 31f

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