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Zum Tag 1000 des offenen russischen Überfalls auf die Ukraine noch ein Gedicht des ukrainischen Dichters Wassyl Stus. Zur Zeit kann man in Berlin (noch bis Ende Mai 2005) eine Ausstellung zu seinem Leben und Werk sehen, direkt vorm Brandenburger Tor, im polnischen Pilecki-Institut. In einem Heft, das man dort gegen eine Spende für die Ukraine bekommt, sind neben den Informationen der Ausstellung auch 16 Gedichte des Autors abgedruckt, neu übersetzt von Irina Bondas. Einige kann man in der Ausstellung auch auf Ukrainisch anhören.
In einem Brief an den Dichter Andrij Malyschko vom 12. Dezember 1962 schreibt Stus, der als Ukrainischlehrer in Donezk lebte, über die Zurückdrängung der ukrainischen Sprache:
In Horliwka gibt es nur zwei oder drei ukrainische Schulen, die es aber nicht mehr lange geben wird. Und in Donezk gibt es anscheinend gar keine ukrainische Schule. Das ist schon ein sehr trauriges Bild.
Eine einzige Erklärung der Eltern genügt, und die Kinder lernen die Sprache der eigenen Eltern, der eigenen Nation nicht mehr. Wird das Ukrainische so nicht zu einem folkloristischen Komödienstadel mit Horilka und Trachten? Deutsch, Französisch, Englisch sind Pflichtsprachen – nur die Muttersprache nicht.
[…] Wie kann man das alles einfach so hinnehmen? Es lassen sich ganz einfach chauvinistische und schamlos-national erniedrigende Fakten aufzählen. […] Warum sind wir so gleichgültig und warum sind wir so demütig vor dem Schicksal als wäre es ein fatum?
Wie können wir diesen besonderen Internationalismus hinnehmen, der die gesamte geistige Einheit der Menschheit zu zerstören droht?
[…] Wir erleben gerade (und nicht nur jetzt), dass alles Ukrainische allmählich gleichbedeutend wird mit rückständig, oberflächlich und sogar primitiv […]
Bitte verstehen Sie mich richtig. Ich habe nur gute Absichten, aufrichtig gute Absichten, doch die Politik der Assimilation ist keine gute Sache. Ich hoffe, Sie können meinen Kummer nachvollziehen.
Ich spüre den Fluch der Jahrhunderte, untätig zu bleiben, denn das wäre meine Sünde vor der Heimat, meinem Volk, meiner Geschichte. Vor allen Menschen, die ihr Blut für unser Land vergossen haben. Der lange Leidensweg der Kämpfer für nationale Gerechtigkeit ist Teil unserer Geschichte, aber wir können uns nicht einmal zu einem gerechten Zorn aufraffen.
Stus schrieb ukrainische Gedichte, sie wurden bis auf Verstreutes in Zeitschriften in der Heimat nicht gedruckt. Er setzte sich für die ukrainische Kultur und für Menschenrechte ein und wurde vom System zu vielen Jahren Straflager und Verbannung verurteilt. Viele Texte wurden beschlagnahmt und vernichtet. Er starb im Lager an den Folgen der Haft. Selbst die sterblichen Überreste blieben in Haft, erst nach der Unabhängigkeit der Ukraine konnten sie heimgeholt werden.

Wassyl Stus (ukrainisch Василь Семенович Стус, wiss. Transliteration Vasyl‘ Semenovyč Stus; * 6. Januar 1938 in Rachniwka, Oblast Winnyzja; † 4. September 1985 in Kutschino, Gulag Perm-36, Oblast Perm)
Ich kann nicht ohne Iwans Lächeln
den kalten grauen Winter überstehen.
In Abgründen der Nacht, wenn Kyjiw ruht
liege ich wach und krieg kein Auge zu,
den lieben Freund so böswillig verleumdet wissend.
Gleich Morgenröte schimmert er im Nebel,
wird sich jedoch mit keiner Silbe zeigen,
nur Schweigen, Schweigen, Schweigen, Schweigen.
So still, mein schnauzbärtiger Sonnenschein!
Womit hab ich das Unglück nur verdient.
Bringen drei Könige, jetzt bettelarm,
dir ihre Gabe - bitterlichen Gram.
Mein Guter, hörst du mich? Iwan!
Verzeih mir meinen Feiertags-Chreschtschatyk
Denn deine Schwelle ist zu hoch für mich,
ich spür sie nicht und übertret' sie nicht.
Verzeih, dass auch zum siebten Mal ich diesen Kessel
im tauben Krafthaus heize. Dass ich dulde,
wenn nicht zu dulden ist, nicht aufzuschieben,
fast unerträglich ist, wie ich beim Lesen liebe
von dir Geliebte: Orhan, Nezval, Dante,
wie sehnlich will ich in den neunten Kreis.
Doch meine Akte, wie die Zukunft voll,
von einem Mitläufer vermutlich nicht gewollt,
einem von denen, die die Welt mir raubten,
das Land beraubt, und mir, die Ruhe raubend,
blieb blutig peinigender Zorn nur noch
sowie das Recht auf Mühsal unter ihrem Joch.
In ihren Löchern sitzen sie, die braven Männer,
wahrhaft und tapfer, dass euch euer Teufel holt.
Sind etwa Tugenden nur etwas wert, solange
sie weder Kraft noch Mut noch Willigkeit verlangen
zu helfen, beizustehen, einzutreten,
dem Leidenden im Unglück Schutz zu bieten,
bereit zu sein, zu kämpfen, um zu leben,
bereit zu sein, zu sterben für das Leben?
Wirst du verurteilt, Teurer, dann wohin
soll ich mit dieser großen Schande ziehn'?
Verfluchtes Land, der Deinen bin ich keiner,
der Feiglinge und Mörder Heimat.
06.12.1965
Übersetzung von Irina Bondas, aus: Stus. Pilecki-Institut Berlin. 17.10.24-31.5.25
Lesetipp: Wassyl Stus. Versensporn – Heft für lyrische Reize Nr. 51. Hrsg. von Tom Riebe. Edition POESIE SCHMECKT GUT, Jena 2022
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