Im Geigenkasten nisten die Schwäne

Die Zeitschrift „Sinn und Form“ teilt mit:

Liebe Leserinnen und Leser,
aufgrund eines Urteils des Berliner Landgerichts vom 23. Februar 2023 konnte SINN UND FORM in den letzten Monaten nicht wie gewohnt erscheinen. Die Akademie der Künste hat gegen das Urteil Berufung eingelegt. Um Sie, liebe Leserinnen und Leser, jedoch nicht länger auf den Ausgang eines – sich möglicherweise noch länger hinziehenden – Rechtsstreits warten zu lassen, hat die Akademie der Künste die formalen Hindernisse, die das Gericht gesehen hat, überwunden. Und wir sind froh, SINN UND FORM nun wieder herausgeben zu können.

https://sinn-und-form.de/dokumentation-der-juristischen-auseinandersetzungen-um-sinn-und-form/1-202-1

Sinn und Form Heft 2 wurde gestern ausgeliefert. Darin von Thomas Böhme

DIE WINDHOSE

Steine wirbeln, Luft stürzt ab.
Himmel & Erde haben die Kleider vertauscht 
wie Raum & Zeit ihre Badetücher.

Ein grinsender Schirm treibt vorbei.
Gesprenkelt mit kosmischen Sommersprossen.
Aus hohem Gewölk regnen Plastikflaschen.

Der Geigenschüler mit den mageren Beinen 
hält sein Instrument vors Gemächt.
Wie soll er jemals sein Solo zu Ende bringen?

Diese vertrackte Partita d-Moll
für die er gern seine Jugend geopfert hätte.
Jetzt fliegt ihm der Lorbeer um die glühenden Ohren.

Zum Geläut eines gotischen Domes
jaulen Hunde mit eingekniffenen Schwänzen.
Eine Schwanenfeder setzt die Sonne in Brand.

Gotisch sind auch die gekenterten Boote.
Spitzwinklig ragen sie über den Horizont 
hinein in die angeschlagene Himmelsrosette.

Schon jagen die ersten Schwimmer 
ihren Schirmen & Handtüchern nach.
Das Schilf befeuert ihren vergeblichen Eifer.

Dann verebben jäh die Geräusche.
Aus der Asche ist eine neue Sonne geschlüpft.
Im Geigenkasten nisten die Schwäne.

Aus: Sinn und Form 2/2023, S. 164

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