Das Archiv der Lyriknachrichten | Seit 2001 | News that stays news
Der Ostschriftsteller, sagt Wagner, gilt im Westen als unbelesen, politisch rüpelhaft und auf seine Herkunft fixiert. Deshalb hat er den Flaneur, der von einer Gesellschaft in die andere wechselt und dabei nicht nur seine Umgebung, sondern auch sich selbst beobachtet, zu einer zentralen Figur seines Werkes gemacht. Sein Flaneur ist ein Skeptiker und Spötter, der sich fremd fühlt im eigenen Leben.
Am konzentriertesten sprechen sich diese Themen in den Gedichten aus, die Herz und Motor seines Werkes sind. Die Auswahl in „Gold“ zeichnet vor allem die formalen und thematischen Koordinaten nach, von den aphoristischen Kurzgedichten der frühen Zeit zu den Langgedichten, die konkrete Situationen in ihrer Widersprüchlichkeit auffächern. „Rostregen“ und „Schwarze Kreide“, seine stärksten Gedichtbände, spiegeln die Not der letzten Jahre in Rumänien und mit der Auswanderung den existenziellen Bruch in seinem Leben. Es gibt keine Sprachbilder oder Arabesken in diesen streng gebauten, oft lakonischen Gedichten, in denen vor allem die Form das ausdrückt, was nicht gesagt wird – gemäß Wagners literarischem Credo, „dass es der Text selbst ist, der zur Metapher wird.“
Das hier erstmals veröffentlichte „Tapas“ schlägt allerdings einen neuen Weg ein, mit weit ausschwingendem Rhythmus und weicherem Klang, in dem der Sprachduktus Paul Celans nachhallt. Frech und traurig taucht ein neues „Du“ auf, das Wahrheiten von der Widerspenstigkeit des eigenen Körpers verkündet. Kein anderer Autor hat so offen über seine Parkinson-Erkrankung geschrieben wie Wagner in „Herr Parkinson“ und „Die letzten 24 Stunden“. Genau das gibt ihm nun die Kraft und die innere Freiheit, nochmals einen lyrischen Aufbruch zu wagen. / Nicole Henneberg, Tagesspiegel
Richard Wagner / Christina Rossi: Poetologik. Wieser Verlag, Klagenfurt 2017. 184 S., 20 €.
Richard Wagner: Gold. Gedichte. Aufbau Verlag, Berlin 2017. 208 S., 20 €.
Neueste Kommentare