40. Ich, der Dichter Jesse Thoor

Der einleitende Essay von Michael Lentz über die Poetik von Jesse Thoor ist einer der besten und intensivsten Texte, die in den letzten Jahren über Lyrik geschrieben wurden. Er korrigiert das Etikett „Vagantendichtung“, das dem Frühwerk Thoors bisweilen verpasst wurde, analysiert die Handhabung der Sonettform sowie das „Crossover sprachlicher Stilniveaus“ und beschreibt Metaphorik und Motive dieses poetischen Solisten. Und trifft in Zeiten, in denen die Medien und bald auch die Leser nicht mehr wissen, wozu man Gedichte, die Königsdisziplin der Literatur, eigentlich braucht, eine grundsätzliche Feststellung: „Es gibt Gedichte, die einen ganzen Roman ersetzen können. Ihre Kürze hält dem Roman seine Länge vor. Jesse Thoor hat eine Vielzahl solcher Gedichte geschrieben.“

(…) Die handwerkliche Basis auch der Dichtung, die verzweifelte Einsamkeit der letzten Lebensjahre, die Hinwendung zu einer ekstatischen Religiosität – all das hat Jesse Thoor in große Dichtung transformiert. Und dabei in „Lieder und Rufe 1949–1952“ zu kürzeren und freieren Gedichtformen gefunden, ohne je dem Reim abzusagen, der ihm wie selbstverständlich gelungen ist. „Ich, der Dichter Jesse Thoor – dem Zünglein, Zeh und Ohr/ und die Seele fror“, so lautet die erste Strophe der „Rufe zur Nacht“ die mit einem poetischen Kuss enden, von dem man nicht weiß, ob es ein Liebes- oder ein Todeskuss ist. / Cornelius Hell, Die Presse 10.5.

Jesse Thoor
Das Werk
Hrsg. und mit einem Essay von Michael Lentz. 468 S., geb., €24,70 (Wallstein
Verlag, Göttingen)

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