48. antichoc

Der literarische Untergrund ist längst aus einem Schmuddel- und Billig-Image entwachsen. Die Tatsache auf der einen Seite Gedichte zu verschenken, und auf der anderen Seite anspruchsvolle Bücher herzustellen, entspricht der alten 68er Vision, nicht eine Subkultur, sondern im besten Sinne des Wortes, eine autonome Superkultur zu erschaffen.

„Östlich der Milz liegt Moskau, westlich der Leber Manhattan.“ (S. 78)
Die erste Generation gesamtdeutscher Lyriker, zwischen russischer Seele und amerikanischer Dekadenz, dort wo der Westen am Östlichsten ist. Amerikanische Beatliteratur, französische Postmoderne, Punk, Bier und Sonnenbrand – all das gehört mit in die Wortkonstruktionen des Kai Pohl. Und ab S. 90 gibt es noch 3,5 Seiten Anmerkungen, die belegen sollen, dass er sich so manches nicht alleine ausgedacht hat, sondern auch von Anspielungen und Ideen anderer lebt – eben der Vernetzung.

Kai Pohl gehört zu den Großen der „schönen Verlierern“. Dass er vom Schreiben seiner Gedichte heute nicht leben kann liegt nicht daran, dass heute angeblich niemand mehr Gedichte lesen will, sondern daran, dass der Kulturbetrieb und die Gesellschaft an den Feinheiten unserer Sprache so wenig Interesse hat — die anderen werden „Solanum nigrum antichoc“ lieben.
Wir alle haben keine andere Möglichkeit: „Der Bruch mit dem Kontinuum der Herrschaft | muß ein Bruch mit deren | Sprache sein.“ (S. 81) / knobi der büchernomade

Kai Pohl, Solanum nigrum antichoc. Cut-ups und Gedichte. Verlag Moloko+ Pretzien bei Magdeburg 2013, 93 S., 15 Euro

Noch ein Hinweis: Ebenfalls 2013 erschien von Kai Pohl das 16seitige Heft „Zerschossene Bande – Gedichte“ mit Zeichnungen von Tomasz Bohajedyn als Siebdruck (rote Schrift, schwarze Zeichnungen) in einer nummerierten und signierten Auflage von 50 Exemplaren. Erhältlich auch in polnischer Übersetzung, Preis auf Anfrage, bei: www.pappelschnee.de

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