34. Das innere Kind

Das Gedicht ist Teil eines Zyklus’ mit dem Titel „schmetterlingssäge.doc“, in dessen Nachfolge der 1975 in Polen geborene, in Leipzig aufgewachsene Andre Rudolph mehrere Preise gewann. Einen Schmetterling zu zersägen ist eine grässliche Vorstellung, die Metapher schließt Schönheit und ihre Vernichtung zusammen. Die gegeneinander versetzten Zeilen nehmen das Hin und Her der Sägebewegung auf, folgen einer bewegten, dennoch stabilen Form. Sie lässt genug Raum für das Irrlichtern jenseits fester Grenzmarken. Liebe kann bedrängen, Gewalt kann sich in Sanftheit wandeln.

In der Psychologie bezeichnet „das innere Kind“ die Summe der in der Kindheit gemachten Erfahrungen. Waren sie glücklich, ist uns das innere Kind lieb und vertraut, dominierte der Schmerz, spalten wir es ab und verdrängen es. Aber hier, im Gedicht und so lässig geschrieben wie gesprochen, ist das „innre kind“ ein Bote aus einer anderen Welt. Es erinnert an Märchenfiguren, an das Schwesterchen beispielsweise, dessen Brüderchen in ein Reh verzaubert wurde. Die Bedrohung durch die Geschosse kann es nicht hindern, auch Märchen spielen in einer grausamen Welt. Dennoch ist sein Erscheinen ein Trost. Und obgleich im Raum des Textes alles in der Schwebe bleibt, immer nur „wie“ und nicht „so“, entlässt uns die Wandlung am Schluss in ein Sfumato der Hoffnung. / Gisela Trahms, FAZ / Frankfurter Anthologie, über ein Gedicht von Andre Rudolph

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