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Veröffentlicht am 10. September 2010 von lyrikzeitung
Endler sudelte, er schrieb Tagebuchblätter, ätzend scharf, mit Genuss kauzig, mit Freude vertrackt, ehrgeizig bedacht auf das Sammeln jedweden Widersinns und Unsinns; mit wonnigem Fiber quirlte er Sprache, collagierte Zeitungsdeutsch mit seiner beißenden Poesie (»Tarzan vom Prenzlauer Berg«, »Der Pudding der Apokalypse«, »Nebbich. Eine deutsche Karriere«, »Krähenüberkrächzte Rolltreppe«). Er nannte sich Bubi Blazezak oder Bobbi »Bumke« Bergermann, bezeichnete sich selbstironisch als »Protestvergissmeinnicht, fiepend«, und wo die aktenmanische Stasi recht hatte, da hatte sie recht: »Der IM schätzt ein, dass die Art des Vortrags von Endler sehr gut war, weil er sehr akzentuiert sprach und mit deutlicher kabarettistischer Tendenz las. Während der Veranstaltung nahm er Alkohol zu sich.«
Soeben erschien »Dies Sirren«, lebendige Gespräche von Renatus Decker mit Endler (Wallstein Verlag Göttingen, 192 S., 19 Euro): sieben Unterhaltungen, von der Kindheit über Erlebnisse mit Paul Celan bei der »Gruppe 47« bis hin zu dem, was man die Psychogramme eines DDR-Insassen nennen könnte: Für Endler war der Osten zunehmend eine Witzstaatlichkeit, über die er aus seinen Schmuddelecken nur ablachen konnte.
Heute wäre Adolf Endler, der 2009 starb, 80 Jahre alt geworden. / Hans-Dieter Schütt, ND 10.9.
Kategorie: Deutsch, DeutschlandSchlagworte: Adolf Endler, Hans-Dieter Schütt, Paul Celan, Renatus Decker
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