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Veröffentlicht am 9. März 2002 von rekalisch
Wer einmal das entsagungsvolle Lächeln eines Mathematikers gesehen hat, der aufgefordert wurde, seine Arbeit zu erläutern, der muss erkennen, dass die intellegible Welt an diesem Punkt schmerzlich und hoffnungslos entzweigerissen ist und die Hohenpriester dieses Fachs ihr Geheimnis wahren müssen auch dann, wenn sie es viel lieber teilten. Etwas kleinlaut merkt Enzensberger schließlich an: „Auch für mich bleibt die Zugbrücke zu ihrer Insel hochgezogen.“
Wozu also der ganze Zinnober? Was bringt Enzensberger von dieser aufwendigen Nicht-Begegnung als intellektuellen Gewinn wirklich heim ins Land des Schriftstellers und der Gemeinverständlichkeit? Wie sich bald erweist: isolierte Sustantive, ohne genaue Kenntnis ihrer Bedeutung rein auf den Wallunsgwert hin gesammelt wie einst von Gottfried Benn: „Die Mathematik kennt Wurzeln, Fasern, Keime, Büschel, Garben, Hüllen, Knoten, Schlingen, Streifen, Strahlen, Fahnen, Flaggen, Spuren, Kreuzhauben, Ober- und Unterkörper, Geschlechter, Skelette, Maximal-, Haupt- und Nullideale, Ringe, Einsiedler, Monster, Irrfahrten…“ usw. usw. Das ist hübsch; aber es ist recht wenig und wird darum rasch langweilig. /
BURKHARD MÜLLER, Süddeutsche 9.3.02
HANS MAGNUS ENZENSBERGER: Die Elixiere der Wissenschaft. Seitenblicke in Poesie und Prosa. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2002. 281 Seiten, 19, 90 Euro.
Kategorie: Deutsch, DeutschlandSchlagworte: Burkhard Müller, Hans Magnus Enzensberger
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