Das Archiv der Lyriknachrichten | Seit 2001 | News that stays news
So ganz an die Präzision seiner Lyrik – Kirsten liest auch ein paar Gedichte aus dem Buch „Wettersturz“ – kommt die Prosa allerdings nicht heran. Da geht es auch um das Bewahren bedrohten sächsischen Wortschatzes. Aber die Metaphern sind genauer, etwa zu Beginn des Gedichts „Erdlebenbilder“: „geboren zu Klipphausen, zwei morgen wind / hinterm haus“ … Wie er die DDR überstanden habe? Nun, sagt Kirsten, er sei halt als Naturdichter abgestempelt gewesen, als ungefährlich. Natur ist tatsächlich seine Leidenschaft, wenngleich eine tragische: „Es gibt keine mehr“, sagt Kirsten. Nur noch bearbeitete oder zerstörte Natur.“ Ein bisschen von der alten, echten Natur hat er in seinen Texten bewahrt./ Hannoversche Allgemeine 13.3.01
Der Autographenkatalog 617 des Auktionshauses Stargardt verzeichnet für die Auktion vom 20. und 21. Februar 1979 unter der Nr. 201 lakonisch: «Eigenhändiges Gedichtmanuskript mit Titelzeichnung. 18 S. folio. Auf Kartonblättern, in schlichtem Pergamentband mit rotem Rückenschild». Das schmale Werk aus Papier, Tinte und Buntstift war einst ein selbst gefertigtes Verlobungsgeschenk Else Lasker-Schülers für die Bankierstochter Lucie von Goldschmidt-Rothschild
Hebräische Balladen in der Handschrift von Else Lasker-Schüler. Hrsg. v. Norbert Oellers. Jüdischer Verlag im Suhrkamp-Verlag, Frankfurt am Main 2000. 61 S., Fr. 33.-. . / Angelika Overath, Neue Zürcher Zeitung , 13. März 2001
… die ersten sechs Bände der neuen Sammlung Luchterhand, die in diesen März-Tagen ausgeliefert werden, sind ausschliesslich Lyrik-Titel – und der Editionsplan für 2001 und 2002 kündigt neben Klassikern des Hauses (Jandl und Christa Wolf) weitere Lyrik-Originalausgaben an! In ihrer äusseren Gestalt, dem asketisch strengen Weiss des Umschlags, auf den ein Zitat aus dem jeweiligen Band gedruckt ist, knüpfen die Bände an alte Luchterhand-Traditionen an. Aus dem Programm der alten Sammlung Luchterhand hat man Auswahlbände der JahrhundertpoetenWilliam Butler Yeats und Pablo Neruda neu aufgelegt, nebst einer klugen Sammlung mit Gedichten des russischen Unglücksdichters Sergej Jessenin, dessen Werk bislang im Luchterhand-Schwesterverlag Volk & Welt erschienen ist. – Neben diese drei Dichter der klassischen Moderne treten drei prägnante Temperamente der lyrischen Gegenwart mit Originalausgaben: Die experimentierfreudige Lyrikerin Ulrike Draesner legt nach ihren sehr eigenwilligen Shakespeare-Übersetzungen neue Gedichte vor («für die nacht geheuerte zellen»), die erneut ihren kühnen Umgang mit dem Formenrepertoire der Tradition bezeugen. Der Dichter Norbert Hummelt ist auf seinem Weg zur romantischen Wiederverzauberung der Welt noch einen Schritt weiter gegangen – und erprobt beim Entziffern der «Zeichen im Schnee» einen hohen Sehnsuchts-Ton. Die Portalfigur bei der Eröffnung der neuen Sammlung Luchterhand ist der tote Ernst Jandl, an dessen «künstlichem Baum» sich die Reihe einst emporrankte. Mit den «Letzten Gedichten» dieses grossen, verzweifelten Dichters, der in minimalistischer Lapidarität und oft obszöner Selbstanklage die Vernichtung des eigenen Werks heraufbeschwört, beginnt – vielleicht – eine neue Ära des literarischen Taschenbuchs. Michael Braun, Basler Zeitung 13.3.01
ist Trägerin des diesjährigen Apollon- Grigorjew-Preises für russischsprachige Lyrik. Die Autorin konnte die mit 25 000 Dollar dotierte Auszeichnung – die höchste ihrer Art in Russland – für den im letzten Jahr erschienenen Gedichtband «Der vierte Schlaf» im Moskauer Puschkin-Museum entgegennehmen. In deutscher Übersetzung wurde Wera Pawlowa erstmals vonder Zeitschrift «Akzente» (Heft 1, 2000) mit einer umfangreichen Lyrikauswahl vorgestellt. Id. /NZZ 13. März 2001
Die Bekundungen von Zeitgenossen lassen zusammen mit den vielen eingestreuten Texten des Dichters ein eindringliches Gesamtbild von seiner Eigenart entstehen. Heym, der an Baudelaire und Rimbaud anknüpfte, verband seine neuartige Großstadtlyrik mit kühnen Sprachbildern, verwendete dabei aber traditionelle Mittel wie den Reim und Vierzeiler mit fünfhebigen Jamben. Gerade dieser Kontrast von Inhalt und Form bewirkt jene kunstvolle Verfremdung, die von der frühen Kritik nicht gleich bemerkt wurde, heute aber evident und als besondere Qualität des Dichters anerkannt ist.
Nina Schneider: Am Ufer des blauen Tages. Georg Heym. Sein Leben und Werk in Bildern und Selbstzeugnissen Verlag Hans-Jürgen Böckel, Glinde, 223 S., zahlreiche Abb., DM 48,– ISBN 3-923793-25-1) / Peter Engel, Bocholter-Borkener Volksblatt13.3.01
Etwas Positives gleich am Anfang: Die Volksbühne in Berlin war richtig gut besucht an diesem 14. Februar, obwohl Rolf Dieter Brinkmann sicher nicht ein Autor des Volkes war und ist. Aber das Konzept der Organisatorin Elettra de Salvo [ www.elettradesalvo.de ], Brinkmann eine Hommage aus Lesung, Vortrag, Hörspiel, Film und Performance zukommen zu lassen, las sich offenbar für viele überzeugend. Und das ein Jahr nach seinem 60. Geburtstag bzw. 25. Todestag – zu spät also? Für Brinkmann ist es nie zu spät. …
Der von Jim Morrison und „The Doors“ besungene und von Brinkmann gerne zitierte Versuch „Break on through to the other side“ wurde demonstriert von einer sich vergeblich gegen biegsame, halbdurchsichtige, aber nicht nachgebende Barrieren drückenden, wälzenden, nackten männlichen Person. Ein schöner Kontrast zur ätherischen wirkenden, weiß gekleideten Di Salvo. Diese wiederum stand im Kontrast zu dem den bösen schwarzen Mann gebenden, sich leider zu häufig selbst inszenierenden und zu selten in Brinkmanns Wortkaskaden vergessenden Blixa Bargeld. Der Durchbruch hätte hier gelingen können, so aber wurde die Performance eher ein zunehmend zäher Mach-uns-den-Brinkmann-Contest.
Den Abschluss der Nacht bildete eine Party, laut Programm getragen von einem „Brinkmann-kompatiblen Soundtrack“, mixed by DJ Rygulla. Auch hier waren viele nur mit dem Kopf dabei, der nickte nämlich im Takt, aber nicht mit dem Bauch, dem Herzen, dem Rest, der völlig unbewegt blieb. Auf diese Weise sahen sie so deplaziert aus, wie Eltern auf der Party ihrer Kinder. – Die Unanpassbaren sterben, und zurück bleiben nur die Zeitzeugen.
Nächste Aufführung: 21. März 2001, Frankfurt/M. im Club U 60311
Jeremy Bartels Olaf Selg André Wunstorf, titel – Magazin für Literatur, Film und Crossover
Many critics, among them the admirably rigorous William Logan (who was inspired by A Gilded Lapse of Time to call Schnackenberg „the most talented American poet under the age of 40”), admired this sprawling tripartite epic of artistic and religious crisis and redemption. To my mind, there was more crisis than redemption. The exhaustingly spun-out sentences, the vatic obscurities („Rumors lash the angel’s robes/Into transitory statues/ Madly overturned/But they disappear without breaking”), the ambitious, rather mandarin (indeed, Eliotic) allusions to great monuments of literature (the Commedia, Osip Mandelstam ) and painting (Mantegna, Piero della Francesca), and to historical personages (Augustus, Herod, Stalin, Tiberius, Constantine)—all this smacked of a poet desperately attempting to break through an agonizingly long case of writer’s block („Years I could only thumb the page/Into featureless velvet…”) by means of sheer excess.
(…)
As small a sound
As a housefly alighting from Persia
And stamping its foot on a mound
Where the palace once was;
As small as a moth chewing thread
In the tyrant’s robe;
As small as the cresting of red
In the rim of an injured eye; as small
As the sound of a human conceived—
A human conceived, an injured eye, a fallen palace: here, before the poem has barely begun, you’re given the whole arc of Oedipus’ story, sketched with almost bleak economy.
The Throne of Labdacus by Gjertrud Schnackenberg
Supernatural Love:Poems 1976-1992 by Gjertrud Schnackenberg/ DANIEL MENDELSOHN, New York Review of Books
At the time of his greatly memorialized death in 1997, Allen Ginsberg was the most famous poet in America, to the digital Gilded Age of the 1990s what Robert Frost had been to the affluent and optimistic Camelot of the 1960s, an elder poet from an earlier age, whose insights and historical signature, acquired over long decades of public and private life, are widely sought and honored. He was an icon, and as such was famous for many reasons, his poetry being only one among them. As the most politically immersed and faithfully outspoken poet in American history, he has long been associated with Left politics and a variety of causes, ecological, aesthetic, sexual, psychological, and, on some occasions, purely rhetorical. As a poet advocating expressiveness and probity in art, he has also long been imitated and quite openly copied by his disciples across these American states. As Helen Vendler wrote in The New Yorker, Ginsberg’s political actions „make him a significant cultural figure, but it is the poetry that makes him a significant literary figure.“ / nowCulture März 2001
Dichter verschiedener Sprachen werden den 2. Unesco-Welttag der Poesie am 21. März in Berlin mit einem Lyrikertreffen begehen. Die Autoren italienischer, amerikanischer, französischer, flämischer, griechischer und deutscher Sprache werden vom 17. bis 21. März in der deutschen Hauptstadt gemeinsam ihre Gedichte übersetzen, teilte die Literaturwerkstatt Berlin mit.
Jeder Schriftsteller hat jeweils zehn Texte vorgelegt, die vorab übersetzt wurden. In Berlin soll jeder Dichter nun mit jedem seiner Kollegen Nachdichtungen erarbeiten. Am Welttag der Poesie, am 21. März, stellen die Autoren ihre Texte vor und berichten über die Erfahrungen der Zusammenarbeit. Die Texte sollen anschließend auch auf der Internetplattform www.lyrikline.org präsentiert werden.
Neben dem Berliner Uwe Kolb e gehören die Autoren Donate Berra (Mailand), Sapphire (Ford Ord/Kalifornien), Phlippe Beck (Straßburg), Bernrad Dewulf (Brüssel) und Kostas Koutsourelis (Athen) zu den Teilnehmern des Lyrikertreffens. Das Internet-Angebot wird durch weitere Autoren wie Günter Saalmann, Lutz Rathenow und Jutta Richter bereichert, die neue Lyrik für Kinder präsentieren. / N 24 , 11.3.01 City-Lyrik in Berlin und Köln
meldet die „Welt“ vom 11.3. so: Wird Lyrik, wie schon von unseren antiken Ahnen, zur Behandlung moralischer und seelischer Haltungsschäden verwendet, geschehen Wunde. Wie erfreulich, dass gleich zwei Städte sich ihren „Lokalneurotikern“ mit Lyrikangeboten nähern möchten: Die Berliner Literaturwerkstatt lädt zum „Lyriktreffen “ ein, (17.-21.3.) und in Köln findet “ lit.Cologne“ statt (21.-25.3.), ein Fest, wie es in Deutschland so noch nicht gefeiert wurde. Mit 60 Dichtern aus 20 Ländern, Stars wie Nick Hornby und Raoul Schrott inklusive.
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He wrote poetry before he wrote songs, and after Linda’s death he produced a torrent of verse. Now his lyrics and poems have been published – although Paul McCartney thinks his words look naked on their own. …
Then, after Linda died, closing their long and passionately close marriage, he wrote poetry in her memory, ‚poetry out of grief and deep emotion‘. Some of those poems are in Paul McCartney’s new book, outpourings of the heart, elegiac love songs and prayers to God. They sit alongside some of the most famous lyrics in the world, since Mitchell persuaded him to gather the past and the present together under the simple title Blackbird Singing: Poems and Lyrics 1965-1999 (it’s not, he says, meant to look like an epitaph on a tombstone; he’s not dead yet).
Recent poems are sandwiched between ‚Yesterday‘ and ‚Hey Jude‘. It’s the first time he has allowed his old songs to be reproduced like this: ‚They look a bit naked, don’t they?‘ And perhaps this marks his growing acceptance of his mythological past, a willingness to embrace what he for many years turned away from. The recent Anthologies, the return last year to the Cavern in Liverpool where he began, and now this splicing together of the Sixties with the rest of his life suggest a moving out of the extraordinary and intimidating shadow.
McCartney’s favourite self-penned poem
Her Spirit
Her spirit moves wind chimes
When the air is still
And fills the room
With fragrance of lily
Her eyes blue green
Still seem
Perfectly happy
With nothing
Her spirit sets
The water pipes a-humming
Fat lektronic forces be with ya sound
Her spirit talks to me
Through animals
Beautiful creatures
Lay with me
Bird that calls my name
Insist that she is here
And nothing
Left to fear
Bright white squirrel
Foot of tree
Faces me
With innocent gaze
Her spirit talks to me
Blackbird Singing by Paul McCartney is published by Faber & Faber at £14.99
/ Nicci Gerrard Sunday March 11, 2001 The Observer
Hagen – Die Autoren Brigitte Oleschinski und Jochen Winter sind am Sonntag mit dem Ernst-Meister-Preises für Lyrik der Stadt Hagen geehrt worden.
Am Sonntag nahmen die Berliner Zeithistorikerin und der in Paris lebende Autor die mit insgesamt 25 000 Mark dotierte Auszeichnung entgegen. Mit dem Preis solle das Bemühen der beiden Schriftsteller um die Pflege und Weiterentwicklung der deutschen Sprache und Poesie honoriert werden, hiess es in der Begründung.
Die mit jeweils 3000 Mark dotierten Förderpreise gingen an den Dortmunder Jürgen Wiersch, Helwig Brunner aus Graz und Sabine Scho aus Hamburg. Der Lyrikpreis wird seit 1981 im Andenken an den Hagener Dichter Ernst Meister (1911-1979) vergeben. Die Autoren werden jetzt in zweijährigem Turnus ausgezeichnet. Zuvor war der Ernst-Meister- Preis nur alle vier Jahre verliehen worden. Neu sind auch die Förderpreise für drei Nachwuchslyriker, von denen einer aus Westfalen stammen soll.
/ news.ch 11.3.01 – la (Quelle: sda)
Lyrik auch mal in der taz: Welche Bücher ich gerne verlegen würde(4): Rebekka Göpfert, Leiterin des Literaturprogramms im C. H. Beck Verlag
Hätte ich einen eigenen Verlag und läge der wunderbare Sonnettzyklus „Das Schmetterlingstal/ Sommerfugledalen “ der dänischen Lyrikerin, Essayistin und Romanautorin Inger Christensen nicht bereits in zwei (!) sorgfältig edierten Ausgaben auf Deutsch vor – einmal im Kleinheinrich Verlag zusammen mit einer CD, auf der die Autorin selbst liest (ein Hörgenuss, den man sich nicht entgehen lassen sollte), und einmal bei Suhrkamp, versehen mit einem hervorragenden Nachwort von Thomas Sparr, in beiden Fällen in der meisterhaften Übersetzung von Hanns Grössel – dann würde ich keine Sekunde zögern und dieses Buch als Haupttitel ins Programm aufnehmen. …
Inger Christensen greift hier den Sonnettkranz auf, eine relativ strenge Zyklusform, die eigentlich aus dem Barock stammt. Der Kunstgriff der Autorin – und darin ist gleichzeitig die Faszination ihres Werkes auf mich begründet – liegt in der Zusammenführung von Logik und Mathematik mit der vermeintlichen Unordnung von Sprache: Sie schafft daraus ein Labyrinth, das seiner ganz eigenen Ordnung gehorcht. Mit unglaublicher Leichtigkeit gelingt es ihr, das Muster des Sonetts plötzlich zum Tanzen zu bringen und vor dem Leser ein eigenes, entferntes, vielleicht schon fast vergessenes Land auferstehen zu lassen.
Inger Christensen schildert einen dänischen Sommer, gefüllt vom Summen der Insekten, vom Duft der Blumen, vom Rauschen eines sanften Windes. Vor diesem Hintergrund erzählt sie uns die Geschichte ihrer Vorfahren, ihrer Großmutter und ihres Vaters, die Geschichte vom Leben, an dessen Ende der Tod steht. Und gleichzeitig – der Rahmen ist hier mehr als nur ein Vorwand – entsteht eine Poetologie, die, wenn man sich einmal darauf einlässt, die Welt neu ordnet und erklärt. Das, was man uns immer zu trennen gelehrt hat, kommt plötzlich neu zusammen: Traum und Wirklichkeit, Chronik und Märchen, Ding und Idee, Chaos und Ordnung. (mit Link auf eine Christensen- Lese- und Hörseite !) / taz 10.3.01
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Wer sich in der Literatur auf Reisen begibt, läuft kaum Gefahr, am Touristenklassensyndrom zu erkranken. Eher droht man, sich in der Weite der Andeutung zu verlieren. Raoul Schrott hält sich an fremden Orten an die Erinnerung und klassische Motive.
iv
ist die erinnerung noch überrascht daß
es so heißt hundert lira auf dem tisch
pallas athene vor dem olivenbaum auf
ihren speer gestützt das jahr die zahl
und die ganze italienische republik
was bleibt ist was die anderen erzählen
im mund gewechselte worte während
ich mit dem kleingeld in der tasche spiele
casa di rosa, anacapri, 14.6.1992
So kurz Raoul Schrotts Gedicht auch ist, es enthält trotzdem wichtige Motive der Lyrik; ein wenig, als sei es eine Parodie, die mit den Möglichkeiten des Genres spielt. Gelungene Dichtung ist jedoch häufig parodistisch, Stimmen und Motive werden übernommen und nachgeahmt. Der Katalysator, den sie dabei durchlaufen, die Person des Dichters, wandelt sie so um, dass das Endprodukt neu und eigenartig ist. Einer Gebrauchsanweisung kommt der Vers gleich: «was bleibt ist was die anderen erzählen» ? aber nur solange, bis man es selbst erzählt hat und darüber ein anderer geworden ist. / Hendrik Rost, NETZEITUNG 10.3.01
Lyrik heiße nicht „quälende Unverständlichkeit“, meint „Die Welt“; vielmehr sei sie kurz und voller Erfahrungen – wie das Leben . Gesagt getan, zwei Welt-Lyrik-Leben-Beiträge:
1. Steffen Jacobs: Ja sicher, ich bin Lyriker. Was ich sage, wird wahr
Die Lyrik kann davon nicht unberührt bleiben. Ihr Gegenstand ist ja das Subjektive, Private, Menschliche. Ebendies erfährt nun im Eiltempo eine Umwertung, wie sie selbst die schärfsten Kritiker der sogenannten „Neuen Medien“ in den achtziger Jahren schwerlich vorausgesehen haben. So ertappe ich mich in letzter Zeit immer öfter bei kulturpessimistischen Gedanken, die mir früher völlig fern lagen. Von Seiten der Medien, denke ich in solch schwachen Momenten, ist ein Dialog mit der Lyrik auf absehbare Zeit wohl nicht mehr zu erwarten. …
Wer glaubt, die magisch-rituelle Herkunft der Lyrik habe mit dem heutigen Lyrikbetrieb wenig zu tun, irrt. Die fruchtbarste Verwendung von rituellen und schamanistischen Elementen habe ich zwar öfter bei Musiker-Poeten als bei Lyrikern gefunden (beim frühen Leonard Cohen oder dem späten Tom Waits). Das Beispiel Peter Rühmkorfs zeigt jedoch, wie gegenwärtig auch Lyrikern die Problematik ist: Rühmkorfs Abhandlung „agar agar zaurzaurim. Zur Naturgeschichte des Reims und der menschlichen Anklangsnerven“ hält anregenden Lesestoff zur Geschichte der Assonanz bereit. Parallelen finden sich in je individueller Ausgestaltung im expliziten Schamanismus eines Ted Hughes und in der theatralischen Inszenierung des Lautlichen bei Ernst Jandl. / Die Welt 10.3.01
2. Warum Lyrik, Herr Conradi? Verleger-Frage
Die Lyrik flüstert, aber oft trägt Flüstern weiter als jedes Gebrüll. Wer sich der Lyrik öffnet, wird mit einer Intensität belohnt, die andere Literaturformen nur selten aufzubieten vermögen. Denn die Lyrik setzt der allgemeinen Flüchtigkeit textlicher Rezeption eine Präzision entgegen, die zur genauen Lektüre zwingt, und diese Wachheit für jede Nuance des sprachlichen Ausdrucks belohnt sich selbst. Ebd .
3. Es geht nicht ohne Jandl
Friederike Mayröcker: Requiem für Ernst Jandl. Suhrkamp, Frankfurt/M. 2001. 48 S., 24 Mark.
Zum Neustart der Sammlung Luchterhand erscheint Ende des Monats aus dem Nachlass Jandls „Letzte Gedichte“ (128 S., 18,50 Mark). / Ulrich Weinzierl Die Welt 10.3.01
(mit letzten Gedichten von Jandl)
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