Ceija Stojka
(Margarete Horvath-Stojka, * 23. Mai 1933 in Kraubath an der Mur, Steiermark; † 28. Januar 2013 in Wien)
e kamesgi luludschi – die sonnenblume die sonnenblume ist die blume des rom. sie gibt nahrung, sie ist leben. und die frauen schmücken sich mit ihr. sie hat die farbe der sonne. als kinder haben wir im frühling ihre zarten, gelben blätter gegessen und im herbst ihre kerne. sie war wichtig für den rom. wichtiger als die rose, weil die rose uns zum weinen bringt. aber die sonnenblume bringt uns zum lachen.
Aus: Die Morgendämmerung der Worte. Moderner Poesie-Atlas der Roma und Sinti. Gedichte versammelt und ediert von Wilfried Ihrig und Ulrich Janetzki. Berlin: Die Andere Bibliothek, 2018, S. 71
Zbyněk Havlíček
(22. Mai 1922 in Jilemnice, heute vor 100 Jahren – 7. Januar 1969 in Prag), tschechischer Dichter, Literaturtheoretiker, Psychoanalytiker und Übersetzer
Die stalinistische Epoche
»Ich weiß sehr wohl, daß solch intime Prozesse auf einen hinzustoßenden Herrn, der zuschaut
beziehungsweise assistiert, äußerst bezaubernd wirken, besonders – an dieser Stelle will ich ganz offen
sprechen – wenn ich selbst mich zu solchen Gelegenheiten sehr bequem anziehe. Wohlan, es schadet nicht –
selbstverständlich verlange ich absolute Selbstbeherrschung von den Mädchen.«
Aus dem Brief einer Sadistin
Wenn ein elastischer Rohrstock oder eine kleine Peitsche
In memoriam der Geschichte zuschlägt
Blättert der Kopf eines weiblichen Zöglings zwischen deinen Schenkeln
Unartig in den Bibliotheken
In der Hirnrinde der Städte
Der Kopf eines weiblichen Zöglings zwischen deinen Schenkeln
Die Beine in absoluter Ruhe nie übereinandergeschlagen
Absätze aus Eis mit geangelten Sternen
Beginnen gen Island zu laufen
Wenn du den Ursprung des Kusses
In der Müdigkeit der Mineralienwelt wiederholen läßt
In irgendeiner Altamira des Schlafs
Wenn du die Figuren sozialer Tänze wiederholen läßt
Stalinistische Reihenübungen
Schön und militaristisch
Wenn du meinen Kopf böhmischer Dörfer
In memoriam der Geschichte aufschlagen läßt
Singe ich ein altes Lied aus der Zeit der Inquisition
Als ich zur »Irrenanstalt« ging
Die Apfelbäume blühten als ich zur »Irrenanstalt« ging
[1951]

Übersetzt von Dominique Fliegler, Martin Hrádek, Tereza Uteseny, aus: Höhlen tief im Wörterbuch. Tschechische Lyrik der letzten Jahrzehnte. Ausgewählt u. kommentiert von Urs Heftrich und Michael Špirit. München: Dt. Verl.-Anst., 2006, S. 134f
Emile Verhaeren
(* 21. Mai 1855 in Sint-Amands bei Antwerpen; † 27. November 1916 in Rouen)
DIE BRENNENDEN SCHOBER (Auszug)
Glut in des Abends Tiefe die Ebene hellt.
Aufspringend Sturmgeläut bellt und gellt,
Stößt wund sich am starrenden Firmament;
– Ein Schober brennt!
Die Menge, in Wegschleusen drängend, heult!
Die Menge, durchs Dorf sich zwängend, heult!
Ein Hund in der Hofenge heult und heult!
– Ein Schober brennt!
Die Flamme rasselt und prasselt und malmt.
Entreißt sich flatternde Fetzen, verqualmt,
Aufzüngelnd grell in gewundenen Schleifen,
Verweht sie in rasend gepeitschten Schweifen.
Ganz plötzlich listig dann eingerollt,
Sie in sich sinkt –
Doch hoch wieder springt
Sie, Schmutz bald, bald wieder lauteres Gold.
Da plötzlich ein anderer Schober, entzündet.
Ein Flammenbündel, sich jenem verbündet,
Wirft hoch die langen
Schwefelschlangen!
Und siehe: die Feuer wandern und wandern
Als Schein von einem Hofe zum andern,
Und in die Fenster düstere Glut
Hinrinnt wie rotes geronnenes Blut.
– Ein Schober brennt!

Deutsch von Max Rieple, aus: Das französische Gedicht des 19. und 20. Jahrhunderts. Französisch-Deutsch. München: Goldmann, o.J. (Goldmanns Gewlbe Taschenbücher Band 965), S. 139
LES MEULES QUI BRÛLENT (Extrait)
La plaine, au fond des soirs s’est allumée,
Et les tocsins cassent leurs bonds de sons,
Aux quatre murs de l’horizon.
– Une meule qui brûle!
Par les sillages des chemins, la foule,
Par les sillages des villages, la foule houle
Et dans les cours, les chiens de garde ululent
– Une meule qui brûle!
La flamme ronfle et casse et broie,
S’arrache des haillons qu’elle déploie,
Ou sinueuse et virgulente
S’enroule en chevelure ardente ou lente,
Puis s’apaise soudain et se détache
Et ruse et se dérobe – ou rebondit encor:
Et, voici, clairs, de la boue et de l’or.
– Quand brusquement une autre meule au loin s’allume!
Elle est immense – et comme un trousseau rouge
Qu’on agite de sulfureux serpents,
Les feux — ils sont passants sur les arpents
Et les fermes et les hameaux, où bouge,
De vitre à vitre, un caillot rouge.
– Une meule qui brûle!
Kuno Raeber
(* 20. Mai 1922 in Klingnau; † 28. Januar 1992 in Basel)
Warten Kannst du nicht warten, bis das Grab über dir einstürzt, was klopfst du, was schreist du? Kannst du nicht warten, bis dir der Ball hart gegen die Brust stößt, was klopfst du, was schreist du? Kannst du nicht warten, bis dir das Kind mit dem schmutzigen Finger erstaunt übers Kinn streicht, was klopfst du, was schreist du? Kannst du nicht warten aufs feuchte Frühjahr, auf Kinder, auf Spiele, die dich zufällig befreien, was klopfst du, was schreist du? Kannst du nicht warten? (1962)
Aus: Kuno Raeber: Lyrik (Werke in 5 Bänden, Band 5). München, Wien: Nagel & Kimche im Hanser Verlag, 2002, S. 165
Ada Christen
(* 6. März 1839 in Wien; † 19. Mai 1901 in Inzersdorf)
»Dein Vers hat nicht das rechte Maaß,« So will man mich verweisen, »An Fluß und Glätte fehlt es ihm« – Und wie sie's sonst noch heißen. Sie zählen an den Fingern ab, Verbessern wohl zehnmal wieder; Ich leg' die Hand auf mein blutendes Herz: Was das sagt, schreib' ich nieder.
Quelle:
Ada Christen: Lieder einer Verlorenen, Hamburg (2. Aufl.) 1869, S. 20f
Permalink:
http://www.zeno.org/nid/20004651839
Vor 60 Jahren, am 17. Mai 1962, wurde Matthias Holst geboren, der sich als Autor/Performer „Matthias“ BAADER Holst nannte. Er wurde nur 28 Jahre alt. Er schrieb, textete, sang und performte in Halle und Ostberlin. Auf dem Rücktitel des von Tom Riebe herausgegebenen Bandes „hinter mauern lauern wir auf uns“ steht über ihn:
Wenn der Wunsch nach angstfreiem geistigen Leben so gewachsen ist, dass er den Raum einnimmt, den sonst Resignation, Furcht oder Zaudern ausfüllen, dann kann eine unverwechselbare Literatur entstehen, die nicht die Anbetung von Schönheit, sondern das Anschreiben gegen den Zerfall des Subjekts zum Ziel hat. Die Texte von „Matthias“ BAADER Holst sind Überlebensrationen, sie sind Auffanglager und Archen für alles Diskriminierte und Ausgestoßene. Das einzigartig Rauschhafte, Schrille und Bedrohliche, das zutiefst Verstörende und doch hochgradig Bezaubernde seiner Wortkaskaden, Metapherngestöber und Assoziationsgeschwader, die ihnen eingeschriebene Verwüstung jeglicher Gewissheit und Ordnung – all dies lässt die Texte … auch heute noch unvermindert lebendig und aktuell erscheinen.
„Matthias“ BAADER Holst
(* 17. Mai 1962 in Quedlinburg; † 30. Juni 1990 in Berlin)
heavy metal/makarenko
acht jahre nach unserer gemeinsamen inhaftierung (hauptquartier golgatha-makarenko: gelitten gestorben auferstanden in den toten eines brennenden kaufhauses: des banats im jahr der panzer und barrikaden an meinem 6. geburtstag dem beginn eines u-boot kriegs zwischen mir und meiner seele der gesellschaft und dem einzelnen im verlies der familie) brach elvira mortadella ein in mein leben war die günderrode einer flasche grubenfusel zum einheitlichen verkaufspreis von 1,17 m eh wir einfuhren uns eingruben die stellung wechselten im sturz: auf den müllhalden der geschichte weiter halstücher trugen feten feierten unterm strich im traum: giftskandale eines sommers der torero werden will und aufgrund von todesangst als kfz-schlosser ausblutet ein bettnässer in carmens armen den hyänen betören: lamborghinis der mohr und die raben von london für eine bigband batistas und die „märchen aus 1001 nacht“ für de sades hyperion hält der sich verliebt in elvira mortadella diese heiraten will aber seinen ahnenpaß vergessen hat: im exil und wir trugen keine mütze im schulhaus unsre kahlgeschorenen köpfe leuchteten jedem freier einer unangemeldeten säuberung: heim

Aus: „Matthias“ BAADER Holst: hinter mauern lauern wir auf uns. Hrsg. Tom Riebe. Halle: Hasenverlag, 2010, S. 37
Der chinesisch-amerikanische Künstler und Dichter Walasse Ting starb heute vor 12 Jahren. Ich besitze eins seiner Bücher mit sehr freien Übersetzungen klassischer chinesischer Gedichte, ich mag es sehr. Der Untertitel des Buches sagt: „63 poems by 33 poets, translated and recomposed by Walasse Ting“. Sie muten ein bisschen wie wörtliche Übersetzungen der fremdartigen Sprache in einer Art Pidgin English an. Das heutige Gedicht ist von Chen Tzu Ang (656-698), andere Schreibweisen des Namens sind Tschön Dsi-ang, Tschen Dsi-ang, Tschën Dsï-ang, Ch’ên Tzu-ang; man findet auch andere Angaben für das Todesjahr. Ich bin nicht zu 100 % sicher, dass es sich um dasselbe Gedicht handelt wie in der deutschen Übertragung, es gibt aber sehr starke Indizien. Also 2 Gedichte oder 2 Fassungen. Interessant finde ich sie beide, aber die Fassung von Walasse Ting spricht mich direkter an, heutiger.
Chen Tzu Ang
I Behind me No ancient people Facing me No future men I stand mountain Look big sky Alone
Aus: Chinese moonlight. 63 poems by 33 poets, translated and recomposed by Walasse Ting. Mit 4 Siegeln und 4 doppelseitigen Farblithographien von Walasse Ting. [American Distributor:] New York, Wittenborn, [1967], S. 26
Tschen Dsi-ang
Als ich den Turm von Yodschou bestieg Ich sah sie nicht mehr, die Weisen vor mir, noch seh ich die Weisen künftiger Zeit. Unendlich das All! – Allein wein ich hier Tränen unendlicher Traurigkeit.
Aus: Chrysanthemen im Spiegel. Klassische chinesische Dichtungen. Aus dem Chinesischen übertragen und nachgedichtet von Ernst Schwarz. Berlin und Weimar: Aufbau, 1976, S. 88
Desanka Maksimović
(Десанка Максимовић; * 16. Mai 1898 in Rabrovica bei Valjevo; † 11. Februar 1993 in Belgrad)
Warnung Höre, ich sage dir mein Geheimnis: Laß mich niemals allein, wenn Musik erklingt. Sonst kann es geschehen, daß mir fremde Augen, gewöhnliche Augen, mild und tief erscheinen. Sonst werde ich noch in Tönen versinken, doch um nicht zu ertrinken, die Hand jedem hinstrecken. Sonst kann es geschehen, daß mir flüchtige Liebe, eine Eintagsliebe, schön und leicht erscheint. Sonst gebe ich einem in dieser wundervollen Stunde von dem schönsten Geheimnis Kunde, wie sehr ich dich liebe. Oh, laß mich niemals allein, wenn Musik erklingt. Sonst kann es geschehen, daß draußen im Wald meine Tränen wieder rinnen aus Quellen, die von selber entstehen, sonst kann es geschehen, ein Schmetterling schreibt mit schwarzen Flügeln ins trübe Wasser, was man manchmal nicht zu sagen wagt. Sonst wird es mir in der Dunkelheit scheinen, daß einer singt und mit Bitterkraut in die alte Wunde des Herzens dringt. Oh, laß mich niemals allein, niemals allein, wenn Musik erklingt.
Deutsch von Astrid Philippsen, aus: Desanka Maksimović, Der Schlangenbräutigam. Gedichte. Berlin: Volk und Welt, 1982, S. 16f
Emily Dickinson
(* 10. Dezember 1830 in Amherst, Massachusetts; † 15. Mai 1886 ebenda)
202 “Faith” is a fine invention For Gentlemen who see! But Microscopes are prudent In an Emergency!
Der "Glaube" ward erfunden Für Den der sehen kann! Doch notfalls setzt die Vorsicht Mikroskope ein!
Deutsch von Gunhild Kübler, aus: Emily Dickinson, Sämtliche Gedichte. Zweisprachig. Übersetzt, kommentiert und mit einem Nachwort von Gunhild Kübler. München: Hanser, 2015, S. 171
Viktor Dyk
(* 31. Dezember 1877 in Pšovka bei Mělník; † 14. Mai 1931 auf der Adriainsel Lopud, Jugoslawien)
Prolog Sohn einer finstren Generation war ich, die mit sich und der Welt entzweit. Irgendein Vers berichtet noch davon: „Nur einen Tag des Glücks kennt meine Jugendzeit!“ Ich litt ob dieses Dunkels. Nun schluchzt laut nach Jahren auf das überhörte Weinen. Eh wir uns umgesehn und aufgeschaut, mocht größer uns die Erde wohl erscheinen. Ach, nimmermehr zurück ins Leben leitet, was man versäumt und was verflog wie Spreu. – Wenn auf dem Hang der Tod die Gräser schneidet, sei wenigstens das eine: Duft von Heu. –
Deutsch von Franz Fühmann, aus: Die Glasträne. Tschechische Gedichte des 20. Jahrhunderts. Hrsg. Ludvík Kundera und Franz Fühmann. Berlin: Volk und Welt (2., verbess. Aufl.), 1966, S. 66
Prolog Syn generace byl jsem zachmuřené, jež se sebou i světem boj svůj svádí. Verš čísi všechno žalně připomene: „Jen jedenkrát jsem šťasten byl v svém mládí.“ A trpěl jsem a týral pro tu chmuru. Po letech pláč se přeslechnutý slyší. Než když jsme kolem hleděli a vzhůru, zem’ byla větší, nebe bylo vyšší! A v život nikdo více nepřivleče, co propaseno a co pokoseno. — Ta s kosou trávu z rodných luk když seče, ať aspoň voní na okamžik seno !
DYK, Viktor a JELÍNEK, Hanuš. Básně: [výbor]. V Praze: Družstevní práce, 1933. s. 350
L&Poe Journal #02 – Tabu
Der erste Abschnitt meiner Ulysses-Lektüre hier
(Das Buch ist in 18 Kapitel eingeteilt, die nicht weiter untergliedert sind. „Abschnitt“ bezieht sich hier nur auf mein eigenes langsames Voranschreiten im Lesetagebuch. Der 1. Abschnitt bezog sich fast allein auf die erste Seite; noch 1077 liegen vor mir, ich muss mich sputen. Ich merke schon, Ulysses lesen ist leichter als darüber Tagebuch führen.)
Die Protagonisten sind belesen und witzig. Buck Mulligan betrachtet Stephens „Rotzfahne“ (the bard’s noserag) und spottet sogleich über Stephen und die irischen Dichter insgesamt. Die Farbe des benutzten Taschentuchs nennt er rotzgrün, snotgreen: „eine neue Kunstfarbe für unsere irischen Poeten“. „Kann man fast schmecken, was?“ Dann geht er nach draußen, und sofort liefert ihm der Anblick der See eine neue Assoziation, ja einen Dreiklang seines immensen literarischen Gedächtnisses mit der sichtbaren Welt um ihn herum und dem laufenden Gespräch.
Mein Gott, sagte er still. Ist die See nicht genau was Algy sie nennt: eine liebe graue Mutter? Die rotzgrüne See. Die skrotumzusammenziehende See. Epi oinopa ponton. Ah, Dedalus, die Griechen! Ich muß dir Unterricht geben. Du mußt sie im Original lesen. Thalatta! Thalatta! Sie ist unsere große liebe Mutter. Komm her und sieh.
(Wollschläger 9)
Algy ist die witzig-vertrauliche Anrede an den englischen Dichter Swinburne: Algernon Charles Swinburne. Da braucht man die Randbemerkung der gelehrten Suhrkampausgabe. Die „graue liebe Mutter“ sei eine Anspielung auf zwei Zeilen in Swinburnes Gedicht „The Triumph of Time“. Allerdings braucht man dann eine gute Bibliothek zur Hand (oder das Internet), um die zwei Zeilen zu lesen. Hier die betreffende Strophe (die betreffenden Zeilen fett):
The low downs lean to the sea; the stream, One loose thin pulseless tremulous vein, Rapid and vivid and dumb as a dream, Works downward, sick of the sun and the rain; No wind is rough with the rank rare flowers; The sweet sea, mother of loves and hours, Shudders and shines as the grey winds gleam, Turning her smile to a fugitive pain.
„Algy“ Swinburne nennt die See gar nicht „graue liebe Mutter“. Bei ihm ist die „süße See“ die Mutter der Liebschaften (loves) und der (Schäfer-?)Stunden, grau sind nur die Winde, die die See aufwühlen.
Dass Mulligan ungenau zitiert, kann man auf Lücken in der (trotz allem blendenden) Gedächtniskraft der Figur zurückführen oder auch auf Absicht – der Figur oder/und des Autors. Zunächst weiter zur Gedächtnis- und Assoziationsstärke. Mulligan kommt vom schmutzigen Taschentuch des Poeten (das er nebenbei ausleiht, sorgfältig säubert und benutzt) über die Farbe (rotzgrün) auf die irischen Dichter, zu denen die Farbe passe (unausgesprochen bleibt, ob wegen ihrer Armut oder ihrer armen Dichtkunst); dann findet er die graugrüne Farbe in der Irischen See vor der Haustür wieder – sie befinden sich im Martello-Turm südlich der Dublin Bay (von dem mir Google sagt, während ich diese Zeilen schreibe: vorübergehend geschlossen. Lesen im 21. Jahrhundert.)
Ich sehe im Original nach: bei Joyce steht bloß „a great sweet mother“. Da hat der deutsche Übersetzer ein bisschen nachgeholfen. Mulligan beruft sich auf Swinburne, aber die Bilder der rotzgrünen See in der Farbe der irischen Dichter sind ganz sein eigen. Er ist kein verlässlicher Erzähler. Er hat seine eigene Agenda. Ohnehin reicht sein Gedächtnis weiter zurück als auf die irischen oder englischen Poeten. Er liest Swinburne mit den (blinden) Augen Homers, bei dem mehrmals die Formulierung „die weindunkle See“ vorkommt, Epi oinopa ponton. Ich bin nicht Mulligan, ich lese das in den Randbemerkungen der Suhrkampausgabe (Hallo, Immanuel!). Danke, ich liebe solche Spiele, die mir Futter geben. Voß vereinfacht das zu „über das dunkle Meer“, das wäre zu wenig Futter für den Iren. Er muss schon das Original lesen. Thalatta, Thalatta. [Das wäre ein weiterer Faden.] Ich muß dir Unterricht geben. Du mußt sie im Original lesen. (Sein Spott über die irischen Poeten scheint auch daher zu rühren, dass sie nicht die Originale lesen. Ich muss mal aufpassen, ob der Faden wiederaufgenommen wird. Der Faden der Geduld.)
Das ist eine schöne Stelle, hier macht mein Tagebuch schon wieder eine Pause.
sind nicht die Verse der Trobadors. Sie wurden erst 1948 wiederentdeckt, der Name dieser Gattung volkssprachlicher, eigentlich „makkaronischer“ Dichtung (d.h. Dichtung in mehreren Sprachen) ist Jarcha (spanisch) oder Chardscha. Es scheint sich um die ältesten volkssprachlichen Gedichte in einer romanischen Sprache überhaupt zu handeln, das älteste bekannte datiert von 1042, ein halbes Jahrhundert vor dem „ersten Trobador“ Wilhelm von Aquitanien, dessen „Lied aus reinem nichts“ auch in der deutschen Gegenwartsdichtung bekannt wurde (Thomas Kling, Raoul Schrott, Norbert Lange). Diese Texte sind in arabischer Schrift überliefert, ja sie gehören im Grunde zur arabischen Dichtung – es sind die Schlussverse eines Muwaschschah-Gedichts.
„Die Jarchas sind die ersten überlieferten Ansätze der volkssprachlichen Lyrik, geschrieben in einer Mischung von Arabisch (im Folgenden hervorgehoben durch Kursivschrift) und mozarabischem Spanisch, d.h der Sprachform, die von den im Maurengebiet lebenden Christen und Juden gesprochen wurde. Die »jarchas« (wörtl: Gürtel) fungierten als Refrains innerhalb längerer, in klassischem Arabisch geschriebener Gedichte, den »muwassahas«, und sind ein beredtes Zeugnis für die »convivencia«, das Zusammenleben der drei Kulturen im iberischen Mittelalter.“ (aus: Literatura española. De las Jarchas al siglo XXI. Antología. Hrsg. Hans-Jörg u. Mercedes Neuschäfer (Fremdsprachentexte). Stuttgart Reclam, 2005, S. 11).
Die Anthologie gibt folgenden „Original“text (kursiv ist Arabisch):
Mió sidi Ibrahim, ya nuemne dolye, vente mib de nojte. In non, si non queris, iréme tib: garme a ob legarte.
„Original“ ist freilich etwas übertrieben. Erstens sind es arabische Schriftzeichen, die kann man transkribieren, aber die arabische Schrift hat zweitens keine Zeichen für Vokale. Damit ist sie eigentlich ungeeignet für eine vokalreiche Sprache wie das Spanische, und der Text wird fast unleserlich:
bn sydy ’br’hym y’ nw’mn dig b'nt myb dy nht ’n nwn šnwn k’rš yrym tyb grmy ’wb lgrt
Der Text hat auf Arabisch keine Bedeutung, deshalb hat es so lange gedauert, bis die Texte entziffert (wiederentdeckt) wurden. Die Lesarten sind auch in der Forschung umstritten. Die genannte Anthologie gibt folgende Fassung in modernem Spanisch:
Señor mío Ibrahim, / oh nombre dulce, / vente a mí / de noche. / Si no – si no quieres / iréme a tí: / dime en dónde / encontrarte.
Auf Deutsch etwa:
Mein Herr Ibrahim, o süßer Name! Komm zu mir bei Nacht. Wenn nicht – wenn du nicht willst, werde ich zu dir gehen. Sag mir, wo ich dich treffen kann.
Halyna Kruk
(Geboren 1974, lebt in Lwiw)


Deutsche Fassung von Claudia Dathe. Aus: gedichte gegen den zeitgeist. Engelsdorf: Nachtalb Verlag, März 2022 (Das Heft enthält Texte deutscher, österreichischer, tschechischer, slowakischer und ukrainischer AutorInnen).
Halyna Kruk siehe auch Schreibheft 086 (2016) und lyrikline (wo man auch dieses Gedicht von der Autorin gesprochen hört) – Nachrichten in der Lyrikzeitung
Dinçer Güçyeter
Knöpfchen Mnöpfchen zwischen 20 anderen Terrassen kocht das Wasser in der Blechkanne auf unserer Terrasse auf dem Hockerkocher die Cleopatra des Hauses holt die Wanne aus der Getreidekammer mischt das Gekochte mit kaltem Brunnenwasser zieht mich aus und trägt die zappelnden Beine in die Wanne auf anderen Terrassen ziehen die Frauen den Faden mit Stopfnadel durch die ausgeschabten Auberginen meine Hände, gekreuzt auf dem Knöpfchen seht mal, das deutsche Kind wird in Milch und Honig gewaschen kichert eine, dann kichern alle, dann die ganze Welt am Abend hängen aufgefädelte Auberginen und meine Scham zum Trocknen an den Gittern befestigt mit Wäscheklammern
Aus: Dinçer Güçyeter, Mein Prinz, ich bin das Ghetto. Gedichte. Nettetal: Elif Verlag, 2022, 5. Auflage, S. 37
Andre Rudolph
hallo! das wölfische in mir macht einen schnupperkurs, daher schreibe ich ihnen. ich deale mit den prägemünzen der intuition. gestern habe ich die kinder auf dem kopf getragen, danach taten mir hals, schultern und herz weh, das war nicht gut, gestern haben die kinder zwei schwedische kronen im garten vergraben, für die schatzsucher. ein thema regnet mir ins gedicht, folglich setze ich ihm eine kapuze, jetzt regnet es nicht mehr, aber meine schuhe sind nass. das wölfische in mir, das ich in meinem namen trage, heult, glaube ich, auf. ja, ich höre es sehr deutlich heulen. dieses gedicht wird endgültig mein ruin werden, fühle ich, endlich. sehr behutsam, ein wenig zaghaft, taste ich mich bis zur schwelle meines ablebens vor, der tod isoliert sich mit gipskartonplatten und styropor, wie anders dagegen das wölfische. (wie schwer trage ich immer wieder an meinen ohren.) von meinen angstzuständen habe ich schon berichtet, immer denke ich, dass es jetzt bald kracht, aber es kracht nicht, ein paar schaufelgeräusche, der selbstmörder in meinem lebensfilm zieht ein bein nach und winkt, brütende stare im vogelhaus, kirschdiebe, das ist alles. eine recht halsbrecherische freiheitsidee hast du da am start, sagt es. später dann wieder ein paar entlastungsbiere, das ist auch nicht gut. der kühlschrank singt das wölfische singt meine schnabeltasse zittert, oder mir ist ein schnabel gewachsen und ich bin das. wer weiß, ich weiß, sie würden jetzt gern noch mehr über meine kinder erfahren, kinder sind beruhigend. das nichts ist sehr beruhigend. vom sprachkleister werden die schuhe auch nicht trocken, denke ich, sie sind rot, ich habe sie einst auf der straße gefunden, einst, ja. schaufelRAD übrigens, nicht schaufel.
Aus: Andre Rudolph: Ich bin für Frieden, Armut und Polyamorie – welche Partei soll ich wählen? Gedichte. Köln: parasitenpresse, 2020, S. 15ff
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