50. Echo

(Woche der türkischen Poesie)

ECHO

When a poet
Dies
God
Feels it first

Fazıl Hüsnü Dağlarca

gefunden bei: Kusadasi.biz (dort gibt es mehr türkische Gedichte auf Englisch)

Auch ich war in Kuşadası. Wohnte zwei Nächte in einem schönen Hotel am Meer, mit Blick nach Griechenland hinüber. Die Tage durch anders beschäftigt: schnell raus aus der Stadtwüste. Mein Baedecker von 2002 sagt noch: 22.000 Einwohner. Wikipedia nennt für 2008 58.650, heute sind es schon viel mehr, wohl 6stellig. Die ganze Bucht in einem riesigen Umkreis mit Hochhäusern zugeklotzt, hunderte, mindestens, im Rohbau, hunderte leer, weil Sommerhäuser. Früher war es eine kleine idyllische Hafenstadt. Die Ruinen von Ephesos sind in der Nähe, Izmir nicht weit (ich hab nur das erste geschafft für diesmal).

Die biz-Seite für Addicts und Expats benutzt die englische Schreibweise ohne Sonderzeichen. Es heißt aber nicht Kussa-Dassi, sondern etwa: Kusch-Ádassä, das heißt Vogelinsel. (Gesehen haben wir die nicht, nur Samos mit Sonnenuntergang)

49. Ostseegedichte

Es ist erstaunlich wie viele Gedichte sich mit Esprit der Landschaft Ostsee annehmen. Dem Meer und den sich daraus und daran entspinnenden Gedankenlandschaften. Diese setzen sich nicht nur aus typischen Signalsymbolen wie Möwen oder Brandung zusammen. Ostsee kann auch heißen: Hinterland und Distanz. Eine Projektionsfläche des durchzivilisierten, urbanen, neurotischen Alltags. Ein Auslöser für poetische Bilder, die um Weite, Unschärfe und Individuum kreisen. Ein Raum mit großer Reichweite kann die Ostsee im Gedicht sein. Ein Ort sogar, an dem der Gischt des Nichtmaritimen begegnet wird oder die Stadt auf die Stadt trifft.
Mit Gedichten von: Andreas Altmann, Wilhelm Bartsch, Nico Bleutge, Mirko Bonné, Volker Braun, Tom Bresemann, Crauss, Ulrike Draesner, Carl-Christian Elze, Saskia Fischer, Claudia Gabler, Mara Genschel, Matthias Göritz, Dieter M. Gräf, Udo Grashoff, Ariane Grundies, René Hamann, Sebastian Himstedt, Hendrik Jackson, Nicolai Kobus, Uwe Kolbe, Jan Kuhlbrodt, Björn Kuhligk, Thomas Kunst, Birgit Kreipe, Christian Lehnert, Maik Lippert, Thomas Meyer, Bert Papenfuß, Silke Peters, Kerstin Preiwuß, Steffen Popp, Lutz Rathenow, Arne Rautenberg, Nikola Richter, Jan Volker Röhnert, Hendrik Rost, Maren Ruben, Ulrike Almut Sandig, Jörg Schieke, Sabine Schiffner, André Schinkel, Kathrin Schmidt, Tom Schulz, Achim Wagner, Jan Wagner, Judith Zander, Henning Ziebritzki.

Die Schönheit ein deutliches Rauschen
Ostseegedichte
Connewitzer Verlag
2010, 250 Seiten
Herausgeber: Ron Winkler
ISBN: 978-3-937799-43-8

/ Tubuk. Nicht jedes Buch

48. Annette-Skulpturen

Mehr oder weniger intensiv hat sich Winfried Häder in den vergangenen Monaten mit dem Werk Annette von Droste-Hülshoffs beschäftigt, sich in viele ihre Gedichte eingelesen. Im Auftrag des Roxeler Heimat- und Kulturkreises arbeitet der Bildhauer aus Altenroxel am ersten Part eines auf drei Phasen ausgelegten Skulpturenprojekts im Zeichen der weltbekannten Dichterfürstin: Zwischen den alten Linden vor der Villa Höping sollen auf dem Pantaleonplatz im jährlichen Wechsel Annette-Skulpturen aufgestellt werden. / Ibbenbürener Volkszeitung

47. Wortheimat Wien

Wie man das nennen soll, was Robert Schindels (Über)leben ausmacht? Glück, Zufall, Fügung? Er ist der Johann Ohneland der deutschsprachigen Literatur, wurde als Kind jüdischer Kommunisten 1944 in Bad Hall / Oberösterreich geboren. Schindel war noch nicht ein Jahr alt, als man ihn von seiner Mutter trennte, „von einer Stunde auf die andere“, sagt er rückblickend in einem Interview. Unter falschem Namen wurde das Baby in ein nationalsozialistisches Kinderheim, „eine dunkle Kindergrippe“ (Schindel), gebracht. Seine Mutter überlebte das Konzentrationslager Auschwitz und fand ihr Kind nach Kriegsende wieder; sein Vater war im März 1945 in Dachau hingerichtet worden. 1986 debütierte der Dichter Robert Schindel bei Suhrkamp mit dem Band „Ohneland – Gedichte vom Holz der Paradeiserbäume“. …

„Die Wörter suchen seine Nähe. Er tut ihnen gut und stärkt ihr Selbstbewußtsein. Er dreht sie ein wenig oder streckt sie und stellt sie in neue Zusammenhänge, und dann wischt er mit dem Ärmel drüber und behaucht sie zwei- oder dreimal und poliert einmal nach“, das hat der österreichische Chansonnier und Aktionskünstler André Heller über Schindel gesagt und launig-ahnungsvoll hinzugefügt, daß wohl „die Bearbeitung einer Schrammelmelodie durch Arnold Schönberg“ herauskäme, wollte man versuchen, Schindel in Musik zu übertragen. …

Wien, das Schindel eine „Vergessenshauptstadt“ nennt, ist zugleich die „Wortheimat“ des Dichters. Dort, in der Schüttelstraße der Leopoldstadt steht die „Schüttelhütte“, wie er seine Wohnung nennt, und dort gibt es auch das „Zartl“, Stammcafe des Autors. Ohne das Wienerisch-Pointierte ist seine Dichtung nicht denkbar. Seinen Hang zum Wörterfinden- und Erfinden kann man beinahe jedem Gedicht ablesen. …

Was hier noch nicht erwähnt wurde: Robert Schindel schreibt auch wunderschön sinnenfrohe Liebesgedichte, die vor einigen Jahren bei Insel unter dem Titel „Zwischen dir und mir wächst tief das Paradies“ erschienen sind. „Daweil ich warte, schreiben sich solche Gedichte“, meint der Dichter zu jenen Texten, in denen er, die Formen von Liebes- und Sehnsuchtsliedern nutzend, verflossener oder gegenwärtiger Liebe nachsinnt. Manchmal hat das auch mit Warten zu tun, dann gilt es knapp festzuhalten: „Anderthalb Jahre gingen um / Die Leidenschaft hatte wenig zu tun.“

Am 13. April 2010 kommt der Dichter, Romancier und Essayist Robert Schindel, der viele Jahre den Vorsitz der Klagenfurter Bachmannpreis-Jury innehatte und in diesem Jahr einem Ruf als Poetik-Professor auf Zeit an die Universität Bamberg folgt, als Gast der Reihe „Literarische Alphabete“ des Literaturforum Dresden ins Hygiene-Museum. / Volker Sielaff, Dresdner Neueste Nachrichten 10.4.

46. Konya, das ist Mewlana

(Woche der türkischen Poesie)

Nicht nur anatolische Mütterchen schwärmen für Mewlana Dschelal-ad-din Rumi, den wir Westler kurz Rumi nennen, weil es sich leichter merkt, und spricht.

Jeder Rock ein Derwischrock,
jede Zeile eine Sure,
jedes Wort von Bedeutung,
Konya, das ist Mewlana.

Asien, von Türken
wurde es erobert,
und Konya von Mawlawis,
Konya, das ist Mewlana.

So heißt es in einem Gedicht von Arif Nihat Asya (1904-1975). (Mawlawis sind Angehörige des von Rumi geleiteten Derwischordens.) Und sogar der kommunistische Dichter Nazim Hikmet ist affiziert: „Mewlana, hier bin auch ich dein Schüler“.

Goethe bemüht sich um Verständnis und geht doch auf Distanz. Hafis war ihm gemäßer – Rumi schien ihm maßlos, gar abstrus: „Nach obiger Darstellung wird man diesem großen Geiste nicht verargen, wenn er sich ins Abstruse gewendet. Seine Werke sehen etwas bunt aus: Geschichtchen, Märchen, Parabeln, Legenden, Anekdoten, Beispiele, Probleme behandelt er, um eine geheimnisvolle Lehre eingängig zu machen, von der er selbst keine deutliche Rechenschaft zu geben weiß. Unterricht und Erhebung ist sein Zweck, im ganzen aber sucht er durch die Einheitslehre alle Sehnsucht wo nicht zu erfüllen, doch aufzulösen und anzudeuten, dass im göttlichen Wesen zuletzt alles untertauche und sich verkläre.“

Maßlos? Abstrus? Ich zitiere aus den reimlosen, aber eleganten Nachdichtungen des deutschen Dichters persischer Herkunft Cyrus Atabay:

Aus: 100 Vierzeiler

20

Mich hat ein seltsamer Taumel erfaßt,
mein Herz flattert ruhelos in der Luft;
jedes Atom von mir hat sich aufgelöst,
mit der Geliebten kreisend allerorten.

34

Eine Zeitlang verbrachte ich andere kopierend,
in mir selbst fand ich nicht die angemessene Regel;
da hörte ich mich beim Namen gerufen:
Als ich mich verließ und hinaustrat, erkannte ich mich.

92

Du warst ein Frömmler, ich lehrte dich singen,
verstummt warst du, jetzt ist dir willfährig das Zauberwort;
du warst ohne Namen und Zeichen in der Welt,
ich entdeckte dich, jetzt erklärst du die Zeichen.

93

Am Rande des Wahnsinns lebte ich bis jetzt,
nach Ursachen und Gründen suchend; ein Leben lang
klopfte ich an eine Tür, sie öffnend, erkannte ich:
Von innen hatte ich gepocht.

99

Gestern nacht sah ich dich in der Zusammenkunft
und wollte dich in meine Arme schließen;
unter dem Vorwand, dir eine Auslegung mitzuteilen,
neigte ich mich zu dir, mit den Lippen deine Wangen berührend.

Aus: Hafis, Rumi, Omar Chajjam. Die schönsten Gedichte aus dem klassischen Persien. Übertragen von Cyrus Atabay. Hrsg. u. m.e. Nachwort versehen von Kurt Scharf. München: Beck 1998 (Neue Orientalische Bibliothek)

45. Tübinger Schreiben, Eßlinger Rechnen

Punkte, Orte, Linien: Das ist das Thema in der Lyrik von Eva Christina Zeller, die gestern als Bahnwärter-Stipendiatin in Esslingen begrüßt wurde. Wo bin ich? Was bin ich? Das sind die zentralen Fragen ihres Schreibens. Stilistisch liegt es zwischen Friederike Mayröcker und Inger Christensen, inhaltlich ist es vielleicht ein „Tübinger Schreiben“ . Damit ist eine poetische Verfahrensweise gemeint, die von der Philosophie ausgeht, und die Stimmungen und die Welt unter deren Ideen ordnet. …

Um 6500 Euro zu sparen, hat der Gemeinderat bekanntlich das Bahnwärterstipendium ausgesetzt.

/ Ulrich Stolte, Stuttgarter Nachrichten / Filder Zeitung 8.4.

44. Arabische Sizilianer

Die in Berlin lebende Sängerin Etta Scollo stammt aus Sizilien. Sie singt gegenwärtig arabische Dichter aus Sizilien. Mit der Künstlerin sprach Antje Rößler, ND 9.4.:

ND: Wie sind Sie auf die arabischen Sizilianer gestoßen?
Scollo: In der Bibliothek von Bologna fand ich zufällig eine Anthologie mit etwa 70 modernen italienischen Übersetzungen von Gedichten arabischer Poeten, die auf Sizilien lebten. … Ibn-Hamdis, der bekannteste Dichter dieser Zeit, beschreibt vor allem die Schönheit der Insel Sizilien.

43. Millionen für Dichter

Die saudische Dichterin Hissa Hilal errang in der Endausscheidung des populären arabischen Lyrikwettbewerbs von «Abu Dhabi TV»«Dichter für Millionen» den dritten Platz. Dafür erhielt sie das Preisgeld von drei Millionen Dirham (rund 611 000 Euro).

Als sie in einer früheren Folge der Sendung ein Gedicht gegen fanatische Religionsgelehrte vortrug, die junge Männer zu Selbstmordattentaten anstacheln, tauchten in Islamistenforen im Internet Todesdrohungen auf. / MdZ 8.4.

Sieger wurde ein Dichter aus Kuwait, Nasser al-Ajami, Platz 2 ging an Falah al-Mowraqi, ebenfalls Kuwait.

Mehr: Voice of America /

42. Open for Entries: The National Poetry Competition 2010

Now in its 33rd year, the Poetry Society’s National Poetry Competition is one of the world’s biggest and most prestigious poetry competitions. Winners have been both established and emerging poets, including Carol Ann Duffy, Ian Duhig, Philip Gross, and Jo Shapcott. Prizewinners also see their work published in the Poetry Society’s leading international journal,Poetry Review.

The judges this year are poets George Szirtes, Deryn Rees-Jones, and Sinéad Morrissey. The prizes are £5,000 for the overall winner, £2,000 for the second, £1,000 for the third, and seven commendations of £100. The deadline is October 31, 2010. Enter online or download an entry form at www.poetrysociety.org.uk.

41. Sprache des verlorenen Paradieses – Pasolinis „Dunckler Enthusiasmo“ auf der Bühne

Das poesiefestival berlin bringt am 12.6.2010 den Gedichtband „Dunckler Enthusiasmo“ von Pier Paolo Pasolini auf die Bühne.

Ursprünglichkeit und Unschuld: das war die lebenslange, ungestillte Sehnsucht des Dichters Pier Paolo Pasolini. Die Sprache des verlorenen Paradieses und der Auflehnung gegen die Gesellschaft war für ihn der Dialekt der Mutter, das Friaulische. Unter der Regie von Leopold von Verschuer führt das poesiefestival berlin am 12. Juni um 20 Uhr in der Akademie der Künste die Gedichtesammlung „Dunckler Enthusiasmo“ des italienischen Autors auf. Die Übersetzung stammt von Christian Filips, der für diesen Zweck eine eigene Sprache entwarf aus Mittelhochdeutsch, Lutherisch, Sozio- und Dialekten ebenso wie aus Journalisten- und Fachsprachen.

Der junge Pasolini evoziert in seinem Frühwerk mit dem Friulanischen das Dorf und die Landschaft im Friaul, im Nordosten Italiens. Er kreiert eine antibürgerliche Utopie, das Bild von einem einfachen Leben, einer „besseren Jugend“. Dieses Ideal hat Pasolini während seiner gesamten bewegten Karriere als Schriftsteller und Filmemacher niemals aufgegeben. Kurz vor seinem Tod griff er die frühen Gedichte wieder auf, variierte und kommentierte sie. Die konstruierte Idylle verbindet sich hier mit einer wortgewaltigen Klage über die konsumorientierte Massengesellschaft und einer Abrechnung mit Italiens faschistischer Vergangenheit. Nirgendwo sonst in Pasolinis Schaffen tritt dessen obsessives Leiden an der Moderne und seine Suche nach einer Alternative deutlicher zu Tage.

Die Fassung für das Theater greift die Dichotomie zwischen Kindheitsutopie und einer als tragisch empfundenen  Realität durch eine Zweiteilung des Bühnenraumes auf. Das mütterliche Dorf steht auf der einen Seite, die globalisierte Welt auf der anderen. Es entstehen zwei Echoräume, die einander beständig antworten. Die späten Gedichte reagieren auf die frühen – und umgekehrt.  Dabei wird deutlich, dass Pasolinis politischer Kampf gegen die Massenkultur für eine „archaische, agrarische Ordnung“ nicht zu gewinnen ist. Die ursprüngliche Welt des Friaul muss dem Neuen weichen, der Dichter ist aus seinem Paradies vertrieben.

Die Musik stammt von dem Schweizer Komponisten Bo Wiget, einem „Glücksfall für die Theatermusik“ (Diedrich Diederichsen).

Pier Paolo Pasolini (*1922 Bologna, † 1975 Ostia) war einer der wichtigsten und wegen seines skandalträchtigen Lebens und seiner politischen Einstellung auch umstrittensten italienischen Schriftsteller und Filmemacher. Im November 1975 kam er unter noch immer nicht ganz geklärten Umständen gewaltsam ums Leben.

Das poesiefestival berlin wird gefördert durch den Hauptstadtkulturfonds und findet statt in Kooperation mit der Akademie der Künste.

Mit freundlicher Unterstützung der MARITIM Hotels Berlin.

Langpoem: Dunckler Enthusiasmo
Pier Paolo Pasolini
Sa. 12. Juni 2010, 20.00 Uhr
Akademie der Künste, Hanseatenweg 10, 10557 Berlin
Mit: Leopold von Verschuer (Regie, Schauspiel), Bo Wiget (Musik), Eva Brunner (Schauspielerin), Linda Olsansky (Schauspielerin), Christian Lindhorst (Chorleitung)

Poesiegespräch: Prophet Pasolini?

Sa 12. Juni 2010, 18.30 Uhr

Akademie der Künste, Hanseatenweg 10, 10557 Berlin

Mit Christian Filips (Übersetzer, Berlin), Durs Grünbein (Autor, Berlin), Leopold von Verschuer (Regisseur, Berlin)

40. Lesung mit Pietro Montorfani in der Lettrétage

Pietro Montorfani, Lyriker aus der italienischsprachigen Schweiz, stellt sich am kommenden Sonnabend in einer Lesung in der Lettrétage vor:

Lyrik aus der italienischen Schweiz
Lesung: Pietro Montorfani

Sonnabend, 10. April 2010, 19.30 Uhr in der Lettrétage
Methfesselstraße 23-25, 10965 Berlin

Eintritt frei

Pietro Montorfani, derzeit Stipendiat im LCB, liest am kommenden Samstag in der Lettrétage in Kreuzberg aus seinem Gedichtband „Quasi un Hopper“. Wie der amerikanische Maler Edward Hopper entwirft Montorfani in seinen Gedichten Bilder von einzelnen Personen, jede einzigartig durch kleine Details und Fragmente einer Lebensgeschichte.

Der Lyriker Pietro Montorfani wurde 1980 in Bellinzona (Schweiz) geboren. Nachdem er als Kulturredakteur für das „Giornale del Popolo“, gearbeitet hat, verbrachte er zwei Jahre als Assistent für italienische Literatur an der Universität Mary Washington in den USA. Er promovierte an der Katholischen Universität von Mailand über die italienische Literatur der Renaissance und ist heute Chefredakteur der Zeitschrift Cenobio, der größten Literaturzeitschrift der italienischsprachigen Schweiz. Montorfani erhielt ein HALMA-Stipendium der Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia.

Das HALMA Netzwerk verbindet 26 literarische Zentren in 21 Ländern und wurde 2006 von der Robert Bosch Stiftung, der Borderland Stiftung und dem Literarischen Colloquium Berlin initiiert. Drei Halma-Stipendiaten werden in diesem Jahr im LCB leben und arbeiten: Pietro Montorfani (Arbedo/Schweiz) im April, Elena Jurissevich (Genf) im Juli sowie Flavio Soriga (Cagliari/London) im Oktober. Die Stipendien wurden durch die Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia und die Europäische Kommission ermöglicht.

weitere Informationen:
www.halma-network.eu

39. Proto

Ein blauer Einband, ein neonroter Aufkleber, fünf Autorennamen – so sieht sie aus, die Erstausgabe der neuen Düsseldorfer Literaturzeitschrift „Proto“. Der 35-jährige Herausgeber Sascha Lück hat die roten Sticker einzeln auf jedes der 600 Exemplare geklebt. „Das Magazin ist eben ein bisschen wie mein Kind“, begründet er. Ein Gespräch mit ihm über die Entstehung des Heftes in der Welt vom 8.4.

Genannt werden Gedichte von Astrid Kohlmeier

38. Messebericht Edition Rugerup

Liebe Freunde der Edition Rugerup,

erst einmal: wir haben die Messe nicht nur überlebt, sondern genutzt und genossen. Die Edition hat einen Stand mit luxbooks geteilt, was nicht nur aus professioneller Sicht eine ausgezeichnete Entscheidung war: unsere Programme ergänzen sich, über unsere Pläne und Wünsche konnten wir uns angeregt austauschen, und ich erfuhr auch eine Menge praktische Dinge, die uns mit Sicherheit weiterhelfen werden. Christian Lux und Annette Kühn also herzlichen Dank für ihre offenherzige und selbstlose Hilfe und für wärmende Gespräche. Wir hoffen auf mehr Zusammenarbeit in der Zukunft!

Für einen kleinen Verlag, der auf einem schwedischen Bauernhof gegründet wurde, ist die Messe eine einmalige Gelegenheit, die Menschen, mit denen man sich per Mail austauscht, endlich persönlich kennenzulernen. Ich möchte hier kein Who’s Who der Edition anlegen, aber ich habe mich über Ihre Besuche am Stand sehr gefreut und ziehe es bei weitem vor, Menschen zu schreiben, denen ich persönlich begegnet bin.

Am 19.3. fand der Rugerup-Abend in der Galerie KUB statt, es lasen Dorothea Grünzweig aus ihrer Hopkins-Übersetzung (Jürgen Brôcan nannte diese in der NZZ einen „Meilenstein in der deutschsprachigen Hopkins-Rezension“ und lobte Grünzweigs Übersetzung als die bislang gelungenste), Christine Koschel aus dem von ihr wunderbar übersetzten MacEwen-Band „Die T. E. Lawrence Gedichte“ und Martina Jakobson aus ihrem hochgelobten Auswahlband „Wolkenrauch“ von Innokentij Annenskij. Wir fanden die Heizung zu laut und ließen sie ausschalten, was leider dazu führte, daß es (eigentlich passend) bei Annenskij schnell sibirisch kalt wurde. Nach der Pause wurde es wieder warm und die mitreißenden Gedichte über Lawrence von Arabien fanden großen Anklang unter den Hörern.

Offenbar wurde auf der Messe wieder viel über elektronische Bücher und Literatur im Internet diskutiert. Als wir unsere ersten Bände drucken ließen, ging es uns unbedingt um das Buch, das Buch als Medium, Kulturträger und liebevoll gestalteter Gegenstand. Das erhöht zwar die Kosten für die Produktion, grenzt aber das „Produkt“ deutlich von jeder elektronischen Ästhetik und Vernunft ab. Wir hoffen, daß sich das… nun, „auszahlt“ ist das falsche Wort, aber daß es sich lohnt und halten läßt.

Leider fand ich bei meiner Rückkehr nach Rugerup eine Remissionsanfrage vor: unser Grossist (der nicht nur die Titel in Internetläden kaufbar macht, sondern auch für viele große Buchhandlungen die einzige Bestellstrategie ist) schrieb: unten aufgeführte Titel möchte ich zur Remission anfragen. Es handelt sich hierbei um Titel, welche aus wirtschaftlichen Gründen bei uns aus dem Sortiment genommen wurden. Bitte senden Sie mir hierfür die Remissionsgenehmigung zu. Das ist ein schwerer Schlag für uns, war der Gedanke doch, Bücher von solcher Qualität und kulturellem Wert zu veröffentlichen, daß sie sich über viele Jahre tröpfchenweise verkaufen. Der Verlag sollte eines Tages auch dank der Backlist existieren können. Eine zweisprachige Auswahl aus dem Lebenswerk eines wichtigen Dichters ist ja nach zwei Jahren nicht passé. Man sollte wohl auch den begehrten Bestseller bei einem gut sortierten kleinen Buchladen kaufen, um diese Läden nicht zu gefährden. Solche Buchhändler schauen immer noch unter buchhandel.de nach, ob ein Buch lieferbar ist, und bestellen es dann bei unserer Auslieferung in Berlin. Übrigens sind dort die Konditionen für kleine Verlage auch günstiger!

Sonst schicken wir noch fröhliche Frühlingsgrüße in die Runde, freuen uns über unsere Praktikantin Paula Bögel, die gestern aus Deutschland angereist ist und uns sehr helfen wird, und wünschen Ihnen Muße und Gesundheit.

Mit besten Grüßen

Margitt Lehbert
Edition Rugerup
Nimrod Förlag AB
Rugerup 8379
S-24296 Hörby
t/f: +46 415 60337
www.rugerup.de

37. Bei Rumi in Konya

(Woche der türkischen Poesie)

Konya war in seldschukischer Zeit Sommerresidenz (im Winter zog man ans freundlichere Mittelmeer). Die, mindestens, Halbmillionenstadt, wahrscheinlich sind es viel mehr, wird uns als konservativ beschrieben, und man sieht, daß alle Frauen verschleiert sind und sieht so viele schwarze Ganzverkleidete wie sonst nur in Deutschland. („Die haben wir alle zu euch geschickt“, sagt Orhan).

Der heilige Paulus war hier, später Friedrich Barbarossa und Marco Polo. Vor allem aber Rumi, der große persische Mystiker. 1207 oder wahrscheinlich ein paar Jahre früher wurde er im heutigen Afghanistan geboren. Er war der Sohn eines berühmten Gelehrten, der den Ehrennamen „Sultan der Gelehrten“, Sultan al-Ulema, erhielt. Ob auf der Flucht vor den Mongolen oder wegen wissenschaftlicher Neider gingen Vater und Sohn nach Anatolien. Eigentlich hieß er Muhammad, daraus wurde Mawlana Jalal Al-Din (Jellaladin) Al-Rumi. Rumi heißt Anatolien, Mawlana (Mewlana) heißt sovielwie „Edelmann“, heute aber, lesen wir, ist das Wort ganz auf den Dichter und Mystiker übergegangen. Mawlana ist Rumi. Noch heute wird er in seiner Stadt Konya verehrt. Wir haben es gesehen. Das von Rumis Sohn gegründete Kloster des Ordens der Tanzenden Derwische, obwohl von Atatürk verboten und in ein Museum verwandelt, ist noch heute ein Wallfahrtsort. Keineswegs nur Touristen, vielleicht mehr noch Einheimische und vor allem Frauen sehen wir ehrfürchtig durch die Hallen wandeln. Hier ist er begraben, ein riesiger, schräg aufgestellter Sarkophag bezeichnet die Stelle. Es ist aber viel zu voll, um in Ruhe zu schauen. Schon sind wir vorbeigedrängt. Im Nebenraum eine Glasvitrine, darin ein großes prächtiges Buch, das wie ein Koran aussieht, aber es ist Rumis großer Diwan. Er schrieb Persisch, aber seine Gedichtsammlung, 43.000 Verse, enthält auch Texte in arabischer, türkischer und griechischer Sprache. Das Exemplar in Konya, vor dem wir stehen, gilt als ältestes erhaltenes. Mehr ein Heiligtum als ein Gedichtbuch. Wir sehen eine Frauenhand, die zärtlich über das Glas streicht. – Im nächsten Raum wieder ein Auflauf. Schwarzvermummte ältere Frauen, die eine Glasvitrine küssen. (Fotografieren und Filmen ist hier verboten). Gleich daneben freilich hält eine verschleierte junge Frau ein Handy ans Ohr. Es dauert ein Weilchen, bis wir auf der anderen Seite der Vitrine stehen, auf der ein Schild tatsächlich den „Bart des Propheten“ verheißt. Um es lesen zu können, muß ich meinen profanen Vollbart auf einen halben Meter der Reliquie nähern. Ich war beim Barte des Propheten! Über Rumi später mehr.

36. Randnotiz

von Achim Wagner

(mit freundlicher Genehmigung aus seinen Facebook-Seiten)

Samstag, 20. März 2010 um 18:54

was mir schon zu beginn meines aufenthalts in istanbul auffiel, war die erstaunliche dichte, respektive anzahl belletristischer buchhandlungen, gleiches gilt für ankara, für izmir. nun gilt die türkei als vergleichweise leseunfreundlich, statistisch gesehen, auf nachfrage sagten mir türkische bekannte, dass es eben in den großen städten noch genügend leser gäbe, auf dem land sähe das anders aus, was aber – denke ich – für jede weltgegend gilt, und durch den beständigen – und enormen – zuzug nach istanbul und eben nach ankara und izmir ballt sich bereits offiziell 30 % der türkischen bevölkerung in den drei größten städten des landes, inoffiziell sind es um die 40 %; was mir entsprechend auffiel, war die literarische bildung – quer durch alle gesellschaftsschichten – was mir nebenbei natürlich sehr hilfreich war und ist, um für mich neue literarische entdeckungen zu machen. der literarischen bildung entspricht ein politisches interesse, im wissen um die geschichtliche vergangenheit des landes, es gibt eine fundierte diskurskultur, die mich wiederum in meiner eigenen haltung bestätigt, dass sich kulturelles interesse und politische anteilnahme gegenseitig bedingen sollten, miteinander verbunden sein sollten, voneinander los gelöst, führen sie lediglich zu einem oberflächlichen ästhetischen oder politischen dogmatismus… auf facebook findet sich „her gün 1 şiir“ (jeden tag ein gedicht), mit 38000 „fans“, gregor koalls sehr schönes lyrikmail-projekt hat etwa 16000 abonnenten, statisch gesehen liegt deutschland (sehr) weit vor der türkei, in der lesefreundlichkeit…

(Woche der türkischen Poesie)