29. Hinter tausend Hefeweizen

Nicht nur zur Wirklichkeit hat der Dichter ein allergisches Verhältnis, auch den überlieferten Schatz von Weltweisheit, vom Kindervers bis zur absoluten Poesie, wehrt er fuchtelnd ab wie einen Mückenschwarm. In einem ‚Psalm‘ heißt es ‚Vater, schließ den Weltraum / Turnsaal zu, abends wenn ich schlafen / geh, vierzehn Engel bei mir stehn / dreizehn mit Brüsten voll Milch / und Honig, wer singt das Lied / wer nimmt den Hut, es klingt / nach rostigen Klingen, Solingen rostfrei / es klingt‘.

Die tiefe Verstörtheit der ersten Gedichte des Bandes lässt in den folgenden Kapiteln zwar nach, und es gibt viele, bei denen die scheinbar surreale Technik nicht nur Sarkasmus, sondern auch Humor vermittelt wie in ‚Die Holledau, die blöde‘. Aber wie leicht schlägt das um wie in ‚Sommerabend‘ mit einem Vers von Rilke über den Panther: Er reißt einen Abgrund von Nihilismus auf, der sich auch hinter einer sarkastischen Geschmacklosigkeit nicht mehr verbergen lässt: ‚was macht das schon für einen Unterschied, verschwinden oder / herausgestrichen werden aus einem Plan / der nicht aufgeht / nur die lange schweigende Mehrheit der auf dem Grund / der Flüsse röchelnden Fische, die den Rochen voll / und hinter tausend Hefeweizen keine Welt‘. / HANS-HERBERT RÄKEL, SZ 4.8.

TOM SCHULZ: Kanon vor dem Verschwinden. Gedichte. Berlin Verlag, Berlin 2009. 96 Seiten, 16,90 Euro.

28. Bulgarien ist ein Löwe

Vielleicht ist Bulgarien nichts anderes als ein schönes Tier, das der Finger auf der Landkarte entdeckt: «Katze, Maus und Hund / die Erde die ist rund / Amsel Eule Möwe / Bulgarien ist ein Löwe / vor einem Schälchen Meer / der Ozean blutig ringsumher.» Es mag aber auch sein, dass der bulgarische Löwe sich plötzlich in einen Hund verwandelt, der neben einem bulgarischen Hirtenhund einen serbischen Schäferhund und einen albanischen Windhund in sich vereint. Ein solcher «Mischling des Balkans», wie Georgi Gospodinow ihn nennt, scheint ein höchst unberechenbares Wesen zu sein: «er taugt für die Jagd / leckt jedem die Hände / ist nicht böse, wenn man ihn anschreit / nur manchmal nur manchmal / (sehr selten jedoch) / stürzt er los und beisst und beisst und beisst . . .» …

Die Übersetzer, gleich drei an der Zahl, haben Georgi Gospodinows Sprache in ein geschmeidiges Deutsch verwandelt. Sie machen nicht nur die vielen Einsprengsel aus der Alltagssprache hörbar, sondern auch die Kunst des Verses, eines Verses, der den Miniaturen Jan Skácels mindestens ebenso viel verdankt wie den amerikanischen Beat-Poeten. Vielleicht kann man es mit Gospodinows «Technik zum Entgräten von Texten», bei der man alle Konsonanten aus den Wörtern entfernt, so sagen: U E I E E ! Will heissen: UNBEDINGT LESEN! / Nico Bleutge, NZZ 24.7.

Georgi Gospodinov: Kleines morgendliches Verbrechen. Aus dem Bulgarischen von Valeria Jäger, Uwe Kolbe und Alexander Sitzmann. Droschl-Verlag, Graz 2010. 120 S., Fr. 31.50.

27. Kommunistischer Schmetterling

Wie tief damals das Niveau des Instituts gesunken war, kann folgende Geschichte bezeugen: Als eine verunsicherte Assistentin die von Rzounek protegierte Dozentin Zdeňka Bastlová halbironisch einmal fragte, wie man an einem Gedicht über den Flug eines Schmetterlings erkenne, ob es sich um ein marxistisches oder ein nichtmarxistisches Gedicht handle und ob es den Interessen der Arbeiterklasse diene, antwortete die Dozentin, ohne zu zögern: «Doch – nach der Art, wie er fliegt.» / Alena Wagnerová, NZZ 15.7. (zu einem Buch über den Lehrstuhl für tschechische Literatur an der Karlsuniversität Prag.

26. Sirius

Die Eigenkompositionen der vier erstklassigen Musiker kreisen um die weltverbindende Lyrik des „schwäbischen Türken“ Kürsat Celik. Dieser spielt auch die Saz, die langhalsige türkische Laute, welche den Barden aus Anatolien und am Kaukasus als Begleitinstrument diente. / Augsburger Allgemeine

25. Poetry International Festival 2010

Auf der Website des Poetry International Web neu: Aufnahmen von Autorenlesungen des diesjährigen Poesiefestivals: Carlos López Degregori (Peru), Erik Spinoy (Belgien),  Thomas McCarthy (Irland), Marc Kregting ( Niederlande) und Valérie Rouzeau (Frankreich) sowie Gespräche und Diskussionen von Herausgebern und Dichtern der US-amerikanischen und japanischen Sektion des PIW. Neu in der ersten Augustausgabe Gedichte aus Indien und Irland.

www.poetryinternationalweb.org

45 poetry clips filmed on location at Atlanta Hotel in Rotterdam.

POETRY CLIPS – Poetry International Festival 2010

24. Form gegen Lärm

In seinem zweiten Gedichtband, King Log (1968), begann Hill Zeichen von Größe zu zeigen. Man nehme nur seine Folge reimloser Sonette, „Funeral Music“. Im Angesicht der Schrecken der Nachfolgekriege des 15. Jahrhunderts stellt das Gedicht die Sonettform gegen den Schlachtenlärm:

. . . Recall the cold
Of Towton on Palm Sunday before dawn,
Wakefield, Tewkesbury: fastidious trumpets
Shrilling into the ruck; some trampled
Acres, parched, sodden or blanched by sleet,
Stuck with strange-postured dead. Recall the wind’s
Flurrying, darkness over the human mire.

… Die Schwächen der Poesie – ihre Grenzen – anzuerkennen ist Hills Stärke als Dichter. Daher eignet er sich in idelaer Weise als Kronzeuge gegen Adornos berühmtes Verdikt, daß es barbarisch sei, nach Auschwitz Gedichte zu schreiben. Tatsächlich widmen sich einige der stärksten Gedichte Hills dem Holocaust, wenn sie auch notwendigerweise zugleich auf sich selbst bezogen sind, ihres Status als Literatur eingedenk. Das achtzeilige Gedicht „Ovid im Dritten Reich“ endet:

I have learned one thing: not to look down
So much upon the damned. They, in their sphere,
Harmonise strangely with the divine
Love. I, in mine, celebrate the love-choir.

„Damned“ scheint sich auf die Nazis zu beziehen; aber vielleicht auch auf ihre Opfer – eine Zweideutigkeit, die die Wendung „look down“ sehr hervorhebt. (Ich stelle mir den Sprecher als Aufseher vor, der von einem Wachturm herunterschaut. … Man gewahrt einen Dichter, der zwischen zwei Bildern seiner Kunst hin- und hergerissen ist. Einerseits weiß er, das sich der Gegenstand künstlerischer Interpretation entzieht. Er kann es aber auch nicht lassen. „Die Last, die der Autor aushalten muß“, sagte Hill 1980 mit Bezug auf den Holocaust. / Richard King, The Australian über den neuen Oxford Professor of Poetry Geoffrey Hill

23. Meine Anthologie: Zwei gleich eins

Maria Hebrea (Maria die Jüdin), erstes Jahrhundert v.Ch.*

Die Zahlen

 

2 sind 1
3 & 4 sind 1
1 wird 2
2 wird 3

Maria die Jüdin war eine Alchimistin im hellenistischen Ägypten. Sie soll die Grundlagen unseres chemischen Wissens gelegt haben. Manche bezeichnen sie als „Mutter der Kunst“. Das obenstehende Zahlengedicht ist ihr einziger überlieferter Text.

Es erinnert, schreibt Jerome Rothenberg in der Anthologie „Exiled in the Word. Poems & Other Visions of the Jews from Tribal Times to Present“, Washington 1989, „an e.e. cummings´ Beschreibung der Strategie des Dichters: zu behaupten, daß zwei mal zwei fünf sind. Oder Edmond Jabès über eine spezifisch jüdische poesis: ´Die Zahl 4´, sagte er, ´ist die Zahl unseres Untergangs. Haltet mich nicht für verrückt. Die Zahl 4 ist gleich 2 mal 2. Es ist diese obsolete Logik, in deren Namen man uns verfolgt. Denn wir behaupten, daß 2 mal 2 auch 5 sind, oder 7, oder 9. Man muß nur die Kommentare unseres Gelehrten nachschlagen, um das bestätigt zu finden. Nicht alles ist schlicht und einfach [simple in simplicity]. Man haßt uns, weil wir nicht in den simplen Rechenaufgaben der Mathematiker aufgehen.´ (Das Buch der Fragen, S. 92).“

Hier enthülle, schreibt Rothenberg weiter, die Gleichung der russischen Dichterin Marina Zwetajewa ihren Sinn: Alle Dichter sind Juden.

Edmond Jabès wurde 1912 in Kairo geboren und während der Suezkrise 1956/57 wie viele Juden aus Ägypten ausgewiesen. Er starb 1991 in Paris.

Zuerst in L&Poe 2004 Feb #74. Zwei gleich eins (Anthologie)

Außerdem:

2005 Aug #46. Mallorquinische Pflanzennamen

*) oder spätes 3. Jh. v. Ch.?

22. Traklfilm

Wirklich belegt ist die inzestuöse Beziehung zwischen den beiden Geschwistern nicht; aber die Schauspieler sind sich einig: Die Gedichte legen den Verdacht zumindest sehr nahe, und darauf baut die Geschichte auf. „Ich glaube, es war so“, meint Baumeister. „Schon weil die Mutter alle Briefe verbrannt hat.“ Und auch Trakl-Darsteller Eidinger ist, nach Lektüre der Gedichte, überzeugt: „Eindeutiger geht’s gar nicht.“ …

Von den Drogen als Vorbereitung hat Eidinger wohlweislich die Finger gelassen. Nur einen Finger hat er sich gelb gefärbt und für die Rolle zu rauchen angefangen. Größte Herausforderung ist indes etwas anderes: „Die Monstrosität des Moments, wenn Trakl seine Schwester küsst.“ Auch wenn die Schauspieler noch nichts verraten dürfen: Harte, explizite Szenen sind zu erwarten. Dabei, erklärt Eidinger, sei es keineswegs Ziel des Films, sich am Inzesttabu abzuarbeiten. „Sondern den Zuschauer dazu zu bringen, sich selbst die Erfüllung dieser unmöglichen Liebe herbeizusehnen.“ / Die Presse 4.8.

„Für immer und ewig“ erzählt die Lebensgeschichte des Dichters Georg Trakl. Der Film wird in Österreich und Luxemburg gedreht, geplanter Fertigstellungstermin ist im Februar 2011.

21. Geheimes Gedicht

Sergio Bizzio hat zwölf Romane veröffentlicht und etliche Drehbücher und Theaterstücke geschrieben doch sein allererstes Werk war ein Liebesgedicht. Mit zwölf Jahren schrieb er es für eine Freundin. Doch dieses Gedicht sei nicht für die Öffentlichkeit, zumindest noch nicht, erklärt er schmunzelnd: „Niemals könnte ich ein Gedicht aufsagen, dass ich seit meinem zwölften Lebensjahr geheim halte. Aber ich erinnere mich noch genau an jedes Wort. Eines Tages, wenn das Gedicht und ich beide älter geworden sind, werden wir es vortragen, jetzt wäre es mir peinlich.“ / Ö1

20. Fest für Jandl

Ein „Fest für Ernst Jandl“ hatte Jutta Skokan, die Intendantin der Festwochen Gmunden, versprochen, und ein Fest ist es geworden. Vier Tage währten die „Feierlichkeiten“, klug und abwechslungsreich zusammengesetzt aus Vorträgen, Lesungen, Gesprächen, Performances, Ton- und Bilddokumenten. …

In der Nacht zum 1. August stieß man im Buffet des Gmundener Stadttheaters pünktlich um 0 Uhr auf Ernst Jandls 85. Geburtstag an und beklagte gleichzeitig, dass der im Jahr 2000 verstorbene Jubilar selbst nicht mitfeiern konnte. Umso erfreulicher war es, dass Friederike Mayröcker, Jandls Lebensmensch für Jahrzehnte, das Fest für Ernst mit einer berührenden Lesung bereicherte. …

Der Dramatiker Ernst Jandl wurde durch Hörspiele und durch eine Leseaufführung der Sprechoper „Aus der Fremde“ gewürdigt. Emmy Werner, Erich Langwiesner und Franz Schuh verzichteten auf den von Jandl vorgesehenen Sprechgesang, vertrauten zur Gänze auf die Verfremdung durch Sprache und bewiesen, dass auch dies eine Möglichkeit ist, Jandls dunkelhumoriges Drama über den Alltag eines Schriftstellerpaares überzeugend zu inszenieren. / Oberösterreichische Nachrichten

19. Zwei Schatten

«Um zu bleiben / braucht man hier / (. . .) / zwei schatten / für eine sonne.» Solche Doppelungen und Spaltungen gehören zur Grundbefindlichkeit des Exilierten, und das Gedicht, dem die Zeilen entnommen sind, wirft denn auch selbst sozusagen einen doppelten Schatten: Es erscheint in Saids neuem Lyrikband «Ruf zurück die Vögel» so gut wie in der Prosasammlung «Das Niemandsland ist unseres». Der 1947 in Teheran geborene Autor ging bereits zu Zeiten des Schah-Regimes ins Exil und hat mittlerweile mehr als zwei Drittel seines Lebens in Deutschland verbracht; dass das Verhältnis zur alten wie zur neuen Heimat aber auch nach so langer Zeit noch ein prekäres ist, deutet sich im zweitgenannten Buchtitel an. …

2009 verliess Said vorübergehend sein «Niemandsland» und errichtete im Dialog mit dem israelischen Lyriker Asher Reich «Das Haus, das uns bewohnt». Der so betitelte Band enthält Gedichte, die der in einem orthodoxen Jerusalemer Quartier aufgewachsene Reich auf Saids Einladung hin an den deutsch-iranischen Kollegen sandte, damit dieser den Texten eigene Dichtungen zur Seite stellen konnte. Diskursiver und fester in der eigenen Herkunft verortet als Saids karge Wortbilder, bietet Reichs Dichtung nicht zuletzt auch eine Art Ankerpunkt beim Versuch, in der Zwiesprache dieser zwar unterschiedlichen, doch einander nicht fremden lyrischen Temperamente den gemeinsamen Nenner zu finden. Eine inspirierende interpretatorische Herausforderung, die dem Leser gleichsam zwei Sonnen – nämlich den eigenen Blick und den poetischen Reflex, durch den die Texte sich gegenseitig beleuchten – für die Jagd nach dem schattenhaften Sinn des Gedichts beschert. / Angela Schader, NZZ 3.8.

Said: Das Niemandsland ist unseres. West-östliche Betrachtungen. Diederichs-Verlag, München 2010. 111 S., Fr. 27.50. Said: Ruf zurück die Vögel. Gedichte. Verlag C. H. Beck, München 2010. 109 S., Fr. 26.50. Asher Reich / Said: Das Haus, das uns bewohnt. Ein israelisch-iranisches Poetengespräch. Stiftung Lyrik-Kabinett München, 2009. 94 S., Fr. 28.20.

18. Venedig ist schöner nicht

„Im sonnigen Glanz, bei des Mondlichtes Schein / Die Stadt ist ein lebend Gedicht / Auf dunkler Flut fahren Schiffe darein; / Venedig ist schöner nicht“, schwärmte der Dichter und Journalist Albert Wiek 1915 über Danzig.

Auch Joseph von Eichendorff beschwor schon 1842 den Mond über den nächtlichen Straßen. Man lobte allgemein die Schönheit der Stadt und ihr kulturelles Leben in den zahlreichen Cafés und auf der Pferderennbahn. 100 Jahre später war der Glanz vergangen und Pablo Neruda nannte das zerstörte Danzig eine „irrzerfetzte Rose“, eine Stadt „kugeldurchsiebt vom Krieg“. / Undine Zimmer, Potsdamer Neueste Nachrichten

Peter Oliver Loew: Literarischer Reiseführer Danzig. Acht Spaziergänge. Potsdam 2009, Deutsches Kulturforum östliches Europa, 408 Seiten mit zahlreichen farbigen und Schwarz-Weiß-Abbildungen, Kurzbiografien, Zeittafel, umfangreichen Registern und zweisprachigen Karten, 19,80 Euro

17. I Novissimi

Balestrini, Initiator der Lyrikergruppe ‚I Novissimi‘, lustvoller und lautstarker Wortführer der italienischen Neoavantgarde, die mit den bürgerlichen Vorstellungen eines Subjektes kurzen Prozess machte, richtete sich bewusst gegen all“ die Langweiler, die eine Handlung erwarteten und ein wieder erkennbares Personal. Ein erzählendes Ich, was für ein Unsinn! Unter den arrivierten Schriftstellern entfachte dieses Getöse des literarischen Nachwuchses großen Zorn.

Pasolini wandte sich wutschnaubend von den Novissimi ab, der Lyriker Andrea Zanzotto, Vertreter der Hermetik und großer Erbe Montales, bezeichnete die Gedichte der Neoavantgardisten als ‚blödsinnige Protokolle von Nervenzusammenbrüchen‘. Denn Zanzotto, Pasolini und Carlo Emilio Gadda waren trotz ihres experimentellen Ansatzes von der ethischen Aufgabe der Literatur überzeugt. Die ‚Novissimi‘, zu denen auch der kürzlich verstorbene Edoardo Sanguineti und Elio Pagliarini gehörten, machten es sich in ihren Augen zu leicht – man könne nicht einfach nur die tradierten Formen zu Brei zerstampfen.

Aber die neuen Lyriker hatten Erfolg. 1963 bildete sich in Anlehnung an die Gruppe 47 der gruppo 63, ein loser Zusammenschluss von Schriftstellern und Wissenschaftlern, die sich die Erneuerung der italienischen Kultur auf die Fahnen geschrieben hatten. Hier waren auch Leute wie Giorgio Manganelli, Luigi Malerba und Umberto Eco mit von der Partie. Ecos Theorie vom ‚offenen Kunstwerk‘ entstand in diesem Rahmen. / MAIKE ALBATH, SZ 27.7.

NANNI BALESTRINI: Tristano N· 7860 von 109 027 350 432 000 möglichen Romanen. Mit einem Vorwort von Umberto Eco. Aus dem Italienischen und mit einem Nachwort versehen von Peter O. Chotjewitz. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2009. 138 Seiten, 15 Euro.

16. Nietzsche und Liliencron

Nietzsche ist eine der beiden Portalfiguren, die der Dichter Wulf Kirsten an den Beginn seiner großen Anthologie zur deutschen Lyrik zwischen 1880 und 1945 gestellt hat. Und ohne Zweifel wird hier ein neuer Ton angeschlagen. Aber das Instrument ist die in der klassischen Literatur der Deutschen gebildete Sprache, daran erinnert das Echo des vorangestellten Genetivs. Die andere Portalfigur ist Detlev von Liliencron, der als Rezitator mit seinen Gedichten durch die Vortragssäle zog und hier vor allem in den reimlosen Versen des Gedichts ‚Auf einem Bahnhof‘ (1890) den Blick auf die technisch-industrielle Moderne freigibt, in der die ästhetische Moderne als ihr Ausdruck und Widerpart groß wurde: ‚Der neue Mond schob wie ein Komma sich / just zwischen zwei bepackte Güterwagen.‘

Das Komma ist gut gesehen, es lässt den alten Begleiter, den bewährten Gedankenfreund der deutschen Poesie, den Mond, auf die Welt der Büros und Kanzleien scheinen, und kontrastiert seinen Lauf mit der verwaltungsgestützten Beschleunigung des modernen Lebenstempos: ‚Ein Bahnbeamter mit knallroter Mütze / schoß mir vorbei mit Eilgutformularen.‘ Man muss, hat man die beiden Portalfiguren passiert, ein wenig innehalten und zurücktreten, um das Riesengebäude dieser Anthologie ins Auge zu fassen, ehe man es betritt. / LOTHAR MÜLLER, SZ 26.7.

WULF KIRSTEN (Hrsg.): ‚Beständig ist das leicht Verletzliche‘. Gedichte in deutscher Sprache von Nietzsche bis Celan. Ammann Verlag, Zürich 2010. 1120 Seiten, 79,95 Euro.

15. Text Drawings

Joe Hardesty

Work from the series Text Drawings. Hardesty’s work with text drawings is a conceptually compelling look at the content of photographs and how one reads an image.

„I make seemingly simple drawings on paper that address ambiguous and contradictory aspects of our cultural landscape. By focusing viewers’ attention primarily through the use of text, my drawings work both as a concrete reality created on the page and as a changing series of interpretations as each viewer “reads” the text differently. I want the process of making art – the act of imagination – to be both visible and entertaining. Using only language to describe what the viewer is experiencing, the drawings inhabit a space somewhere between text, image and the mind’s eye.“

Found here