Mit einem Fest im Schauspielhaus und in der Aula der Alten Universität ist am Samstag in Graz das 50-Jahr-Jubiläum der Literaturzeitschrift „manuskripte“ gefeiert worden. Rund 500 Gratulanten aus Kunst und Politik waren dabei.
Über 150 Persönlichkeiten aus dem Literaturbetrieb waren gekommen, um Herausgeber Alfred Kolleritsch zu seinem Lebenswerk zu gratulieren. / orf
Ihr großes Geheimnis wurde erst neun Jahre nach ihrem Tod bekannt: Marianne von Willemer war nicht nur eine große Liebe von Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832). Als einzige der vielen Frauen, die Deutschlands Dichterfürsten inspiriert haben, hat die Schauspielerin und Tänzerin auch bei Goethe mitgeschrieben. Einige Gedichte Willemers fanden Eingang in Goethes großes Spätwerk »West-östlicher Divan«, das von der persisch- arabischen Dichtkunst beeinflusst ist.
»Es gibt zwei, von denen wir es ganz sicher wissen, das sind die berühmten Gedichte an den Ostwind und Westwind«, sagt Prof. Anne Bohnenkamp-Renken, Direktorin des Freien Deutschen Hochstifts, einem Goethe verbundenen Forschungszentrum in dessen Geburtsstadt Frankfurt. / Darmstädter Echo
Hans ist ein fein erzogener und irgendwie immer trauriger Junge, der Gedichte schreibt und an Gedichte glaubt, und die Lasker-Schüler schlägt ihn bald zum Ritter der Traurigkeit. „Tristan“ nennt sie ihn und “meinen reinen Liebesfreund“. Dessen Studienfreund Friedrich ist schwul und Hans schwimmt, ist schwul und auch wieder nicht und letzten Endes doch. Die Lasker-Schüler liebt das, liebt Männer, die schwimmen oder homosexuelle Männer (im hohen Alter wird man sie für verwirrt halten, als sie einmal unvermittelt auffährt und losplappert: »Ich glaube, wenn ich ein Mann wäre, wäre ich homosexuell.«). Solche Männer kann sie lieben, gefahrlos und völlig aufgelöst.
Man lacht am Tisch im Café und amüsiert sich und ist trotzdem im Verborgenen traurig, ein jeder für sich. Da geht die Tür auf und Franz Marc betritt die Szene. Er ist aus München angereist, um die Lasker-Schüler zu retten.
Friedrich Wilhelm Plumpe hat seit 1909 zusammen mit Hans Ehrenbaum-Degele zunächst in Berlin, dann in Heidelberg Kunstgeschichte und Philosophie studiert. Als er eines Abends auf der traditionsreichen Heidelberger Studentenbühne spielt, ist Max Reinhardt zugegen und spricht den jungen Mann an – er suche noch genau solche Schüler. Hans und Friedrich reisen Reinhardt nach ins oberbayerische Murnau, um ein Gastspiel der Max Reinhardt Truppe anzuschaun. Plumpe ist hin und weg, ein rauschender Abend im Park in den Armen von Hans, und so nennt er sich fortan Murnau. Friedrich eilt gleich nach Berlin und will Schauspieler werden. Hans kommt ihm nach, im Sommersemester 1911 verläßt er Heidelberg und folgt seinem Freund.
Ob Ehrenbaum-Degele schwul war? Er und Murnau waren nachweislich Abonnenten der ersten Homosexuellen-Zeitschrift der Welt: „Der Eigene“. Die Zeitschrift erschien monatlich und brachte Gedichte, Prosa und männliche Aktfotos. Namhafte Schriftsteller veröffentlichten dort, u.a. auch Klaus und Thomas Mann, auch der Bohèmien und Anarchist Erich Mühsam, der mit dem selbsternannten Psychoanalytiker Johannes Nohl auf einer Reise nach Italien selbst einmal homoerotische Abenteuer einging. Der Eigene, das war der, der seinen Weg ging, angelehnt an Max Stirner. Der Eigene, das war der freie Mensch.
Die empfindsame Lasker-Schüler schrieb: “Er sang den Frauen Lieder / In süßerlei Abendfarben.“ – aber das stimmt eigentlich gar nicht. Seit 1911 veröffentlichte Ehrenbaum-Degele Gedichte und manchmal gab es Frauen darin, aber sie stehen nirgends im Zentrum und in seinem eigenen Leben finden sie nicht statt. Es gibt überall nur Murnau.
/ Aus einem Essay von Frank Milautzcki über Hans Ehrenbaum-Degele, vollständig im Füllhorn der fixpoetry.
Der lauter Niemand Preis für politische Literatur ist nun vergeben. (Siehe Nr. 122 November)
Der erste Preis ging an Clemens Schittko, die beiden zweiten Preise an Susanne Eules und Marcus Roloff.
Auf der lauter niemand Seite findet sich, nicht gleich zu finden, auch eine kleine Nachlese zur Preisverleihung. (Rechts auf „preis politische lyrik“ klicken und dann etwas weiter unten.) Hier ein kurzer Auszug:
Es fehlt ihr also die Möglichkeit eines Tabubruchs welcher in offensichtlich stark restriktiv geführten Gesellschaften sowohl den Autoren in seinem Mut, wie auch den Leser in ihrer Wut beseelte, ähnlich wie eine Bombe nur hochgeht, weil sie einen Stahlmantel besitzt. (Anm.: Stefan Döring, der Juror, der nicht mitdiskutierte, vertrat damit eine der wenigen Möglichkeiten, sich wirklich außerhalb der Regel unserer Gesellschaft zu stellen, nämlich durch Verweigerung: Nur wie weit ist die nun wirksam? – Andererseits fragte der Stifter Eingangs, warum viele der eingereichten Texte eine so resignierte Haltung besäßen: Vielleicht, weil außer bei öffentlich inzenierten Wutritualen und -Predigten, bei welchen das Zeigen und Feiern eines Ausbruchswillens oft das einzig Interessante bleiben, kein Widerstand wirkliche Ansatzpunkte findet: Was bleibt ist das Gemecker von den Hinterbänken.
Der Berner Dichter und Pfarrer Kurt Marti, einundneunzig, auch ein lebenslanger Tagebuchschreiber, hat nun »Spätsätze« veröffentlicht. Sie handeln vom Lebensraum, der gleichsam aus drei Buchstaben besteht. Jenen drei Buchstaben, die das »Abendleben« vom »Ableben« trennen, und die herausfallen werden wie haltlos gewordene Zähne. / Hans-Dieter Schüt, ND 4.12.
Ein starker Jahrgang 2010 mit 53 Auszeichnungen, meldet die Stiftung Buchkunst:
1 034 Bücher von 457 Einsendern nahmen dieses Jahr am Wettbewerb »Die schönsten deutschen Bücher« der Stiftung Buchkunst teil.
Eine unabhängige, achtköpfige Zweite Jury entschied nach viertägiger Arbeit am 27. November 2010 über die diesjährigen »Schönsten«: 45 Bücher erhalten eine »Prämiierung«, 8 Bücher eine »Anerkennung«. Eine Woche zuvor hatte die siebenköpfige Erste Jury 301 Bücher an die Zweite Jury weiterempfohlen, 733 Bücher schieden in der ersten Runde aus.
Unter den PRÄMIIERUNGEN
GRUPPE 1: ALLGEMEINE LITERATUR:
Oswald Egger
Die ganze Zeit
Suhrkamp Verlag – Berlin
Preis: 44,80 Euro
ISBN: 978-3-518-42133-8
Typografie: Oswald Egger – Hombroich, Nina Knapitsch – Berlin
Herstellung: Nina Knapitsch – Berlin
Michael Lentz
Offene Unruh
100 Liebesgedichte
S. Fischer Verlag – Frankfurt am Main
Preis: 16,95 Euro
ISBN: 978-3-10-043926-0
Typografie: Katja von Ruville – Frankfurt am Main
Herstellung: Katja von Ruville – Frankfurt am Main
Auf der Short-List des Wettbewerbs, „Fünfundvierzig auch sehr schöne Bücher“, sind Bücher von Uwe Tellkamp und Rainer Maria Rilke.
Ein paar auch sehr schöne stehn überdies in meinem Regal.
Noch vor rund zwei Jahrzehnten kam die Türklingel am Abend des 6. Dezember kaum zur Ruhe, weil ganze Hundertschaften maskierter Halbwüchsiger von Haus zu Haus zogen, um das wohl unverschämteste Gedicht aller Zeiten gegen eine süße Gage runterzuleiern. Anno 2010 allerdings bleibt die Nachbarschaft von derlei altbackenem Brauchtum verschont, denn klingeln wird es in der Nacht von Montag auf Dienstag vornehmlich in den Kassen der Elektro-Großmärkte. / Frank Fischer, gamona.de
Auch vor der Lyrik machten neue Trends nicht Halt. Das „lange Gedicht“, in den 70er Jahren stark politisch beeinflusst, erlebe eine Wiedergeburt, jetzt als Naturgedicht. / Südwestpresse
re’trac·tion [-kʃn] s.
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I know a bank where the wild thyme blows, where oxlips and the nodding violet grows and hayfever sufferers sneeze wildly
In Xanadu did Kublai Khan a stately pleasure dome decree, but so many voters objected he cancelled it
I grow old, I grow old, I shall wear the bottom of my stomach rolled
James James Morrison Morrison Weatherby George Dupree couldn’t fit his name on the Child Protection Forms
Stop all the clocks, cut off the telephone , actually just wait I’ll order a pizza first
When I compare thee to a summer’s day, please recall that I’m English. William Shakespeare
SO YOU JUST HOLD THIS DOWN WHILE YOU TYPE EH? CLEVER! E E CUMMINGS
In retrospect, that red wheelbarrow wasn’t as important as I thought. Also, I was drunk. William Carlos Williams
Goe, and catche a falling starre / Get with child a mandrake roote / I knowe you woulde / you’de roote anythinge
While Death stopping for me was kindly, I should point out that he talked the entire goddamn ride. Emily Dickinson.
They fuck you up, your mum and dad, but being a librarian in Hull fucks you up even more. Philip Larkin
How do i love thee? let me count the ways. 1. oh, right. i don’t. Elizabeth Barrett Browning.
No, May is crueller. Eliot
Unverkennbar ermöglicht ihm die positiv zu sehende Schamlosigkeit eine produktiv verwirrende Tiefe. Dissonanzen großer Herbheit schneiden um so schärfer ins Ohr, als Seiler sich sonst in einen Rausch der Assonanzen, Alliterationen, Wort- und Zeilenwiederholungen hineinzuschreiben versteht. Manche Verse scheinen melancholische Wanderlieder zu sein, gerade recht für die Reise, ob mit dem Fahrrad, im Zug oder zu Fuß. Geradezu greifbar ist Gehen, Schreiten, Fahren, das Seiler oft mit seiner Autorenarbeit verbindet. „Ich schreib nicht mit der Hand allein“, heißt es bei Nietzsche, „der Fuß will stets mit Schreiber sein. Fest, frei und tapfer läuft er mir bald durch das Feld, bald durchs Papier.“ Als Wanderschreiber und Dichtergeher gleicht Seiler einem guten Reisekameraden, dem man auf der Leselebensreise gern folgen kann, zumal er den Tod kennt, aber in seinen Versen nicht über die Maßen fürchtet; selbst wenn er ihn im Treppenhaus überfällt.
Schön, wie leichthändig Seiler die Tradition einwebt, keck, auch kritisch, Hofmannsthal und George zuzwinkert, antike Elegie-Töne verwendet. Das Fußball-Epos „Die Fussinauten“ zeigt seine Freude am dramatischen Erzählen, das balladengeschult ist, wie „geruch der gedichte“ unterstreicht. / Rolf-Bernhard Essig, FR 3.12.
im felderlatein.
Von Lutz Seiler. Suhrkamp, Berlin. 100 S., 14,90 Euro.
Gefunden im roughblog:
„Das Internet ist für mich die größte emanzipatorische Erfindung der Menschheit seit der Erfindung der Schrift. (…) Es hat seit der Erfindung des Telegraphen und des Telefons nichts Vergleichbares gegeben, und das Netz schlägt diese Erfindungen ja noch, weil jeder mit jedem ganz nach eigenem Wunsch in Verbindung treten kann. Es ist ein verwirklichter Traum. Und jeder hat Zugang zu jedem. Ich bin eine begeisterte Anhängerin des Netzes. Und die schärfsten Restriktionen von Regierungen können immer auch von technisch Versierten umgangen oder ausgeschaltet werden. Das Netz ist demokratisch und subversiv zugleich. Es ist Gott.“
Quelle: Elfriede Jelinek in einer E-Mail-Korrespondenz mit Rita Thiele, abgedruckt im Programmheft zu „Das Werk. Im Bus. Ein Sturz“, Schauspielhaus Köln, 2010…
Der Schriftsteller Alfred Kolleritsch, Mitbegründer des Forum Stadtpark in Graz, sprach mit Thomas Trenkler über die Literaturzeitschrift „manuskripte“, die er seit 50 Jahren herausgibt.
Standard: Am Samstag werden mehr als 140 Autoren beim Festakt im Grazer Schauspielhaus dabei sein. Ein derart großes Autorentreffen gab es noch nie, oder?
Kolleritsch: Es war etwas verwegen von mir, alle wichtigen Autoren, die im Laufe der letzten 50 Jahre in denmanuskripten publiziert haben, einzuladen. Das Erfreuliche – und gleichzeitig Erschreckende – ist, dass fast alle zugesagt haben. Peter Handke kommt mit Hubert Burda, Ulla Berkéwicz kommt, Robert Menasse, auch Peter Turrini. Eine bunte Fülle. Die Jelinek kommt nicht, sie hat aber einen schönen Text geschickt.
Hainichen. Soviele zeitgenössische Dichter aus Sachsen in einem Buch gab es noch nie: 140 Lyrikerinnen und Lyriker sind es, die der Band „Es gibt eine andere Welt“ versammelt. Herausgegeben haben das Buch, das heute im Dichter-Museum von Hainichen, dem Gellert-Museum, seine Premiere erlebt, ebenfalls zwei Lyriker: der in Dresden lebende Axel Helbig und der aus Hainichen stammende Andreas Altmann, der im übrigen einer der Initiatoren der in der „Freien Presse“ erscheinenden Reihe „Gedicht der Woche“ ist. / Ulrich Hammerschmidt, Freie Presse 3.12.
Buch und Buchpremiere Andreas Altmann/Axel Helbig (Herausgeber): Es gibt eine andere Welt. Eine Anthologie aus Sachsen. Verlag poetenladen Leipzig. 400 Seiten. 24,80 Euro. ISBN 978-3-940691-23-1. – Buchpräsentation heute 20 Uhr im Gellertmuseum Hainichen.www.gellert-museum.de
Die amerikanische Lyrikerin Elyse Fenton gewann den diesjährigen Dylan Thomas Prize ( £30,000) für „Clamor“, eine Sammlung von Kriegsgedichten, die sie schrieb, während ihr Mann als Militärarzt in Bagdad diente. Damit ging zum wiederholten Mal in diesem Herbst ein Preis an ein Buch aus einem Kleinverlag, in diesem Fall dem Cleveland State University Poetry Center. / Guardian 2.12.
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