Es ist eine Weile her, dass mich ein Gedichtband so herausgefordert hat wie Ames’ Alsohäute (was, um das Rätsel gleich aufzulösen, die phonetische Schreibweise von „Also heute“ ist – „also“ substantiviert: „mein Also“).
Thomas Klings geschmacksverstärker war auch so ein furioser Angriff gegen das Glatte. Glattheit als ästhetische Kategorie, bei Kling speziell bezogen auf das schlicht gestrickte 70er-Jahre-Gedicht, das er so verabscheut hat, seine brav gekämmte Optik.
Eines von Ames’ Gedichten heißt „leipziger langhaariges“, und das ist schon mal ein Statement. Doch anders als Kling, dessen frühe Punk-Attitüde auch etwas aggressiv Bleckendes, Bellendes haben konnte, kommt Ames eher als freundlicher Rocker daher, allein sein toller Übermut scheint aus derselben anarchischen Quelle zu schöpfen.
(…)
Ames’ Gedichte setzen dem Leser Widerstand entgegen, provozieren im ersten Moment vielleicht sogar Abwehr. Ames weiß darum: „Viele Leser […] lassen sich von Buchstaben auf Papier in die Irre führen. Erwarten Rührung, Erbauung und sind dann enttäuscht, wenn der Text etwas anderes tut. Was er soll.“
Er ist ein Formartist und schneller Wortspieler, wer mithalten will, muss zum geduldigen Verstehen bereit sein. Doch warum sollte man auch sonst Gedichte lesen, wenn nicht, um sich für eine Weile dem betäubenden Alltagslärm zu entziehen und sich in die hinhörende Begegnung mit dem Text zu versenken? Die Gedichte bauen jedenfalls auf Begegnung, und wer sich Zeit lässt, wird immer mehr in ihnen entdecken, seien es Anspielungen auf Ringelnatz, Goethe, Joyce oder die Bibel, Überkritzelungen geflügelter Worte („Banane ist hase, ich weiß von nutz“), Verballhornungen („Ideejoten“, „Poente“), fremdsprachige Einsprengsel, herrlich alberne Anleihen an Dialekt (Hessisch, Sächsisch) und Kindersprache („Augenkacki“), pseudosentenziöse Eigenzitate… oder neue Wortfelder, z. B. den Jargon der Graffiti-Sprayer im Gedicht „giraffe auf fotografien. eine ’tschuldigung“.
/ Meinolf Reul, textem.de
Konstantin Ames, Alsohäute. Gedichte. Herausgegeben von Urs Engeler.
roughbooks, Leipzig und Holderbank (Solothurn) 2010, 58 Seiten, 7,50 Euro. bestellen@roughbooks.ch
Charles Bernstein
What Makes a Poem a Poem?
60-Second Lecture, University of Pennsylvania
April 21, 2004
PennSound URL: http://writing.upenn.edu/pennsound/x/Bernstein-What_Makes_a_Poem.html
Heute:
Neue Übersetzungen amerikanischer Lyrik: J. Laughlin und C. Bernstein
Mittwoch, 22. Februar um 19:30 – Lettrétage – das Literaturhaus in Berlin Kreuzberg
Der zweite Teil des Abends ist dem amerikanischen Lyriker Charles Bernstein gewidmet. Bernstein, geboren 1950 in New York, wird der literarischen Avantgardebewegung, der sogenannten Language Poetry, zugeordnet. Bernsteins Arbeiten werden häufig durch ihre innovative Sprache als postmodern bezeichnet. Er selbst beschreibt seine Dichtung als Spiel zwischen den Genres und Formgattungen. Bis dato veröffentlichte er mehr als 16 eigenständige Gedichtbände und drei Bücher mit Aufsätzen und Reden. Bernstein lehrte an verschiedenen Universitäten, wie der Columbia, der Brown University und in Princeton. Heute lehrt er an der University of Pennsylvania.
In der Lettrétage haben Interessierte nun die Gelegenheit, spannende Einblicke in die Übersetzungsarbeit zu gewinnen. Die Bernstein-Übersetzer Norbert Lange, Mathias Traxler, Tobias Amslinger und Léonce W. Lupette arbeiten derzeit an einer Übersetzung des Gedichtbandes All the Whiskey in Heaven / Selected Poems und präsentieren exklusiv ihre ersten Ergebnisse – direkt aus der Übersetzungswerkstatt!
Im viel zitierten »Hohelied der Liebe« heißt es: »Und wenn ich prophetisch reden könnte und wüsste alle Geheimnisse und alle Erkenntnis und hätte allen Glauben, so dass ich Berge versetzen könnte, und hätte die Liebe nicht, so wäre ich nichts.« (Bibelübersetzung Martin Luther, Neues Testament, Korinther 13). Wochenanzeiger München
Die Anfrage an den Sender Jerewan wird wie folgt beantwortet: Im Prinzip ja, aber erstens steht der Brief des Paulus an die Korinther nicht im Hohenlied des Alten, sondern im Neuen Testament der Bibel, zweitens gibt es deren zwei und das Zitat stammt aus dem ersten, Kapitel 13, und drittens hat Luther so übersetzt: „Und wenn ich weissagen künde /und wüste alle geheimnis / und alle erkenntnis / und hette allen glauben / also / das ich berge versetzte / und hette der liebe nicht / so were ich nichts.“ Aber schön ist es. [Und ich verstehe, warum Luther gegen alle Verfälscher der Schrift wütete, M.G.]
N.B. (vgl. Kommentare):
L&Poe entschuldigt sich für die offenbar mangelhafte theologische Bildung der Mitarbeiter vom Sender Jerewan, die durch 70 Jahre atheistischer Herrschaft entschuldigt sein mag. Und doch haben sie recht, was auch kein Wunder ist, weil die Armenier schon mehr als ein halbes Jahrtausend früher als die Germanen oder Slawen Christen waren. Denn weder die griechische noch ich bin sicher die armenische und gewiß nicht die Lutherbibel kennt die Bezeichnung Hoheslied oder Lied der Lieder für den Korintherbrief. Google dagegen findet sie leicht und verweist auf die deutsche Ausgabe von Wikipedia, in der es etwas ungenau heißt:
Das Hohelied der Liebe aus dem 13. Kapitel des 1. Korintherbriefes (1 Kor 13,1-13 EU) des Paulus von Tarsus ist ein Hymnus an die Liebe, wobei die eigentliche Beschreibung der Liebe in 13,4-8a erfolgt, von „Die Liebe ist langmütig“ bis zu „Die Liebe vergeht niemals“ (dazu noch 13,13: „die Liebe ist die größte“).
Ungenau in mehrfacher Hinsicht. Die Formulierung „das Hohelied aus dem 13. Kapitel“ klingt oder tut, als gäbe es darin ein solches. Das ist natürlich nicht der Fall. Es ist der Abschnitt eines Apostelbriefs. Bis mir jemand Gegenzitate bringt, behaupte ich, daß weder Aristoteles noch Luther einen Brief oder den Teil eines Briefs „Hymnus“ nennen würden noch gar „Hoheslied“ oder „Lied der Lieder“. Das widerspricht dem in den Worten steckenden Gattungsbegriff. Man kann sagen: Passagen des Korintherbriefs sind in hymnischem Ton geschrieben. (Hier greift meine Übersetzungskritik an den Bearbeitungen der Lutherbibel. Luthers Fassung ist poetisch, hier: hymnisch, die modernisierte Fassung ist zu sachlich, bürokratisch. Poetischer find ich da die Fassung der Einheitsübersetzung, Auszug unten.)
„Hohelied der Liebe“ ist auch aus dem Blickwinkel der Übersetzung falsch. Das griechische Wort ist Agape, das deutsche „Liebe“ ist nur eine Bedeutungsvariante. In der englischen King-James-Bibel wird es mit „charity“ wiedergegeben. Der Text des Briefs definiert ja gerade „Liebe“ in einem weiten Sinne – im Wortsinn gewiß auf Glaubensinhalte zielend, aber das Schöne an der (Original-)Sprache (die Rache der Sprache) ist doch, daß man sich nicht festlegen muß. Der Wein bei Hafis ist immer auch Wein, was auch immer die Exegeten uns sagen. Und die Liebe bei Paulus ist immer Barmherzigkeit und und… und Erotik. Und deshalb ist das Hohelied der Bibel ein Hymnus auf die Liebe in jeder Hinsicht, was auch immer die Theologen sagen.
Und der Korintherbrief enthält hymnische Passagen, und der Zeitungsschreiber darf ihn ein Hoheslied der Liebe nennen (wiewohl mir die Bezeichnung doppeltgemoppelt klingt, weil die Liebe im Wort Hoheslied schon mitgedacht ist). Und auch der Prediger kann das sagen, wenn es in seine Predigt paßt. In einem Lexikon mit dem Anspruch der Wikipedia aber sollte man es nicht so sagen. Da könnte man sagen: „Man hat das 13. Kapitel des 1. Korintherbriefs ein Hoheslied der Liebe genannt“ oder noch besser, man recherchiert erst, wer es (zuerst) so nannte.
Übrigens bestätigt sich hier wieder die Schwäche der deutschen Wikipedia gegen die englische. Klickt man nämlich von hier (Überschrift: „Hohelied der Liebe (1. Korinther 13)“) auf die englische Fassung, findet man die korrekte Überschrift: „1 Corinthians 13“. Dazu im Text eine ausführliche Erörterung des Begriffs agape und auch Genaueres über den historischen Kontext des Briefs. Dagegen fehlt die Benennung „song of songs“ (siehe auch hier).
Hier noch 1. Korinther aus der Einheitsübersetzung
Wenn ich in den Sprachen der Menschen und Engel redete, / hätte aber die Liebe nicht, / wäre ich dröhnendes Erz oder eine lärmende Pauke. Und wenn ich prophetisch reden könnte / und alle Geheimnisse wüsste / und alle Erkenntnis hätte; / wenn ich alle Glaubenskraft besäße / und Berge damit versetzen könnte, / hätte aber die Liebe nicht, / wäre ich nichts. Und wenn ich meine ganze Habe verschenkte / und wenn ich meinen Leib dem Feuer übergäbe, / hätte aber die Liebe nicht, / nützte es mir nichts.
Die Liebe ist langmütig, / die Liebe ist gütig. / Sie ereifert sich nicht, / sie prahlt nicht, / sie bläht sich nicht auf. Sie handelt nicht ungehörig, / sucht nicht ihren Vorteil, / lässt sich nicht zum Zorn reizen, / trägt das Böse nicht nach. Sie freut sich nicht über das Unrecht, / sondern freut sich an der Wahrheit. Sie erträgt alles, / glaubt alles, / hofft alles, / hält allem stand. Die Liebe hört niemals auf. /
Prophetisches Reden hat ein Ende, / Zungenrede verstummt, / Erkenntnis vergeht. Denn Stückwerk ist unser Erkennen, / Stückwerk unser prophetisches Reden; wenn aber das Vollendete kommt, / vergeht alles Stückwerk. Als ich ein Kind war, / redete ich wie ein Kind, / dachte wie ein Kind / und urteilte wie ein Kind. Als ich ein Mann wurde, / legte ich ab, was Kind an mir war. Jetzt schauen wir in einen Spiegel / und sehen nur rätselhafte Umrisse, / dann aber schauen wir von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich unvollkommen, / dann aber werde ich durch und durch erkennen, / so wie ich auch durch und durch erkannt worden bin. Für jetzt bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; / doch am größten unter ihnen ist die Liebe.
Tranzyt. Messeschwerpunkt auf der Leipziger Buchmesse
Poetische Tage und Nächte warten auf Lyrikfans. Bei Tage stellt sich das „Internationale Poesiefestival Meridian Czernowitz“ in Leipzig vor. In mehreren Veranstaltungen lesen Lyrik-Stars und Newcomer. Am Nachmittag des ersten Messetages steht zeitgenössische Lyrik aus Polen, der Ukraine und Belarus auf dem Programm. Die Teilnehmer debattieren, was die neue lyrische Richtung in diesen drei Ländern auszeichnet. Die tranzyt-Nacht auf der Leipziger Theaterbühne Skala vereint Slam-Poetry und Musik aus Polen, der Ukraine und Belarus.
Spannend sind nicht nur die Literaturen aus den drei Ländern sondern auch die Literaturzeitschriften und -portale. In Leipzig stellen sich die Zeitschrift des Vereins translit e.V., die deutsch-polnisch-ukrainische Zeitschrift „RADAR“ und das Webportal literabel.de für belarussische Gegenwartsliteratur vor.
Vielfältige Literaturen – vielfältige Buchmärkte
„Polen, Belarus und die Ukraine stehen für unterschiedliche politische Systeme“, erläutert Oliver Zille. „Ebenso verschieden haben sich die Buchmärkte der einzelnen Länder entwickelt und so sind auch die statistischen Gegebenheiten zu unterschiedlich, um eine wirkliche Vergleichbarkeit der bekannten Daten und Fakten herzustellen.“
Polen verfügt über den größten Buchmarkt innerhalb des Programmschwerpunktes. Die gut 38 Millionen Einwohner sorgten 2010 für einen Umsatz von 736 Millionen Euro im Buchmarkt. Der Deutsche Buchexport nach Polen lag 2010 bei 19,79 Millionen Euro. Im Jahr 2009 wurden 24.380 Bücher veröffentlicht davon 13.430 Neuerscheinungen . 26 Prozent der publizierten Titel sind Übersetzungen. Die 200 größten Verlage verzeichneten 98 Prozent des Umsatzvolumens.
Polen verzeichnet insgesamt 3.000 Buchhandlungen und 31.100 Unternehmen im Verlagswesen. Zu den wichtigsten Vertriebswegen zählen der Buchhandel/Buchketten, Supermärkte/Warenhäuser, Direktverkauf/Buchklubs und das Internet . Polen gehört seit 1995 zur weltweiten Spitzengruppe der Lizenzkäufer deutscher Titel. Die Hälfte der Lizenzen entfallen auf Belletristik. Eine Studie aus dem Herbst 2012 der Arbeitsstelle für Leseforschung der Nationalbibliothek ergab, dass 46 Prozent der polnischen Bücherfans gern Übersetzungen fremdsprachiger Literatur lesen, darunter zahlreiche Neuübersetzungen deutscher Klassiker des 20. Jahrhunderts wie Fallada, Remarque oder Rilke. Die Zahl der regelmäßigen Leser liegt stabil bei 12 Prozent der Bevölkerung. Besonders beliebt beim Publikum sind Thriller, Liebesromane und Reportagen. E-Books und E-Reader erfreuen sich vor allem bei jungen Polen großer Beliebtheit.
Belarus stellt mit 9,5 Millionen Einwohnern das bevölkerungsärmste Land des Programmschwerpunktes. 2010 erschienen 10.774 Titel mit einer Gesamtauflage von 42 Millionen Stück. Das Verlagswesen vereint 837 Unternehmen, von denen etwa 100 marktentscheidend sind.
Zwei Drittel der Bevölkerung bekennt sich zum Lesegenuss, während ein Drittel keine Bücher zur Hand nimmt. Weißrussisch ist die Amtssprache in Belarus. Etwa 75 Prozent der Bevölkerung nutzt im Alltag das Russische. Der Mehrheit er Publikationen erscheint daher in dieser Sprache. Nur etwa ein Drittel wird auf Weißrussisch veröffentlicht. Immerhin 13,3 Prozent der Einwohner können nicht auf Weißrussisch lesen und 62 Prozent zeigen an weißrussischer Literatur nur wenig Interesse. Hoch im Kurs steht hingegen zeitgenössische, ausländische Literatur insbesondere russische.
In der Ukraine leben rund 45 Millionen Einwohner. Die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung beherrscht sowohl die ukrainische als auch die russische Sprache. Offizielle Amtssprache ist nach der Unabhängigkeit 1991 das Ukrainische. Die russische Kultur und Literatur beeinflusst aber weiterhin die Gesellschaft. So wird der ukrainische Buchmarkt stark mit russischer Belletristik versorgt. Andererseits steigt die Nachfrage nach Büchern in der ukrainischen Sprache. Den Buchmarkt teilen sich 350 Verlage. Im letzten Jahr gaben 60 Prozent dieser Unternehmen ein Umsatzwachstum an. Im Jahr 2010 betrug die Gesamtauflage an Büchern und Broschüren knapp 34 Millionen Stück, davon erschienen knapp 17 Millionen auf Ukrainisch und gut 15 Millionen auf Russisch.
54 Prozent der Bevölkerung in der Ukraine lesen regelmäßig. Sie kauften zu 38 Prozent ukrainische und zu 60 Prozent russische Publikationen. Bücher auf Deutsch werden von 1,1 Prozent der Ukrainer erworben.
Insgesamt 2.780 Autoren und Mitwirkende in 2.600 Veranstaltungen kommen zu Europas größtem Lesefest „Leipzig liest“ nach Leipzig. Das komplette Programm ist online unter www.leipzig-liest.de verfügbar. Wer viel unterwegs ist, kann die mobile Programm-Version unter www.leipzig-liest.de/mobil erreichen.
Neuer Programmschwerpunkt der Leipziger Buchmesse
Prosa und Lyrik, Gesellschaftspolitik und Fußball, Diktatur und Demokratie – die Literaturszenen in Polen, der Ukraine und Belarus versprechen neue Namen, spannende Themen und bewegende Geschichten. Zur Leipziger Buchmesse präsentieren vom 15. bis 18. März junge Wilde und preisgekrönte Routiniers erstmals den Programmschwerpunkt „tranzyt. Literatur aus Polen, der Ukraine und Belarus“. „Mit ´tranzyt´ wollen wir gemeinsam mit unseren Partnern den Blick auf diese weitgehend unbekannten Literatur-Landschaften schärfen“, erklärt Oliver Zille, Direktor der Leipziger Buchmesse. „Gerade über literarische Texte, erhalten die Leser ein differenziertes Bild der verschiedenen Kulturen.“
Wie gehen Schriftsteller mit den historischen Ereignissen und den teils dramatischen, politischen Entwicklungen um? Welche Aufgaben kommen Autoren und Künstlern in der Diskussion über die Zivilgesellschaften gegen einen alles beherrschenden Staat zu? Wie können die Künstler als Kreative jenseits der jeweiligen Landespolitik wahrgenommen werden? Unterscheiden sich Prosa oder Lyrik aus diesen drei Ländern voneinander oder vom Rest der Welt?
In 20 Veranstaltungen des Programmschwerpunktes „tranzyt“ geben 32 Autoren aus Polen, der Ukraine und Belarus Antworten auf diese Fragen. Von den „tranzyt“-Gästen haben einige bereits auf Deutsch publiziert. Hierzu gehören Joanna Bator, Sylwia Chutnik, Piotr Siemion und Andrzej Stasiuk aus Polen sowie Swetlana Alexijewitsch und Alhierd Bacharewitsch aus Belarus. Deutsche Ausgaben gibt es zudem bereits von den ukrainischen Autoren Juri Andruchowytsch, Andrej Kurkow, Natalka Sniadanko, Oksana Zabuzhko und Serhij Zhadan.
Kurator des Programmschwerpunktes ist Martin Pollack, Experte für Geschichte und Literatur Mittel- und Osteuropas, Autor, Übersetzer und Träger des Leipziger Buchpreises zur Europäischen Verständigung 2011. „Brilliant, bedeutend und beeindruckend sind die literarischen Landschaften Polens, der Ukraine und Belarus“, verspricht Pollack. „Sie verdienen es, von einem großen Publikum entdeckt zu werden. Die teils bestürzenden politischen Entwicklungen sollten unsere Neugier auf neue Themen, Zusammenhänge und Wechselwirkungen von Geschichte, Politik und Kultur noch erhöhen.“ „tranzyt“ ist ein Projekt der Leipziger Buchmesse, der Robert Bosch Stiftung und der Stiftung für deutsch-polnische Zusammenarbeit in Kooperation mit der Rinat Ahmetov Stiftung „Rozvytok Ukrajiny“, der Allianz Kulturstiftung, dem Lviver Verlegerforum und dem Polnischen Institut Berlin, Filiale Leipzig. Koordiniert wird das Programm von der Kulturmanagerin Kateryna Stetsevych.
Fußball und Politik – eine runde Sache?
Politik und Fußball sind vielfältig verknüpft – nicht nur in Polen und der Ukraine. Aber 2012 liegt die Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit ganz besonders auf den gastgebenden Ländern der Fußball-Europameisterschaft. Anlässlich der EM haben sich elf Autorinnen aus der Ukraine auf die Suche nach einem Fußball gemacht. Was dabei herausgekommen ist, erfahren die Zuschauer der Veranstaltung „Wodka für den Torwart“. Unter dem Titel „Freistoß. Fußball und Gesellschaft in Polen, der Ukraine und Belarus“ geht „tranzyt“ der Frage nach, wie sich der Fußball und das Turnier auf die politischen und kulturellen Entwicklungen dieser Länder auswirken.
LEIPZIGER BUCHMESSE
(15. bis 18. März 2012)
Walter Buchebner ist einer der großen Unbekannten der österreichischen Literatur nach 1945 geblieben. Zu seinen Lebzeiten erschienen die Gedichte hauptsächlich in Literaturzeitschriften, Einige offizielle Anerkennungen gab es für seine Werke. So erhielt er den Förderpreis des Wiener Kunstfonds und den Theodor-Körner-Preis für Lyrik. Nach seinem Freitod nahm sich der Lyriker Alois Vogel seines Nachlasses an und veröffentlichte 1969 „Zeit aus Zellulose“ und 1974 „Weiße Wildnis“, Gedichte und Tagebucheintragungen. Rund um eine Ausstellung von Buchebner-Bildern 1977 in der Wiener Erste-Bank-Zentrale produzierte Günter Brödl Buchebner-Gedichte für die legendäre Ö3-musikbox: Großstadtlyrik unterlegt mit Beatmusik. Danach: Funkstille.
Keine weiteren Publikationen folgten außer der Neuauflage von „Zeit aus Zellulose“ im Styria Verlag 1994. Die Germanistin und langjährige Bachmann-Preis-Jurorin Daniela Strigl hat nun Gedichte, Prosa und Tagebücher Buchebners herausgebracht und damit eine Möglichkeit geschaffen, das vor allem lyrisch großartige Werk zu rezipieren. / REINHOLD REITERER, Kleine Zeitung
Walter Buchebner/Daniela Strigl. ich die eule von wien. Mit bisher unveröffentlichten Gedichten und Tagebucheintragungen. Edition Atelier. 220 Seiten, 26 Euro.
Der Emirati-Dichter Ahmad Rashid Thani aus Dubai starb gestern nach schwerer Krankheit im Alter von 49 Jahren, melden die Gulf News.
ist wieder da u. teilt mit:
Zeit, lyrikkritik zu verjüngen. Das Jahr 2012 wird Simone Kornappel, Herausgeberin der“randnummer“und Lyrikerin, für den Inhalt bzw die Zusammenstellung von Kritiken, Interviews, Polemiken etc. auf lyrikkritik verantwortlich sein. Alle kritischen, unabhängigen Kräfte sind weiterhin eingeladen, sich einzubringen. Alles Gute für das nächste Jahr 2012!
Parlandopark: LIEBES SYSTEM: NICHT OHNE AXT
Sonntag, 26. Februar 2012, 20.oo Uhr
StudioAcht Berlin, Grüntaler Str. 8 * Berlin Wedding * S und U-Bahn Gesundbrunnen
Zu Gast im Parlandopark: Ulf Stolterfoht
Moderation: Steffen Popp
Eintritt: frei
Ulf Stolterfoht, der Dichter der Fachsprachen, Erforscher der AMME und Besinger Stuttgarts, wird von aktuellen Projekten berichten, auf drängende Fragen (der Zeit, der Moderatoren, des Publikums) eingehen, überhaupt Auskunft geben – inklusive einer Einführung in das virtuelle Konglomerat BRUETERICH nebst Dependancen im wirklichen Leben! Hernach – oder davor, oder inmitten – werden Stanzen und anderes lyrisch Getuntes zu Gehör gebracht.
Versäumt nicht die rare Gelegenheit – zur Axt!
Zu Gast im Parlandopark: Ulf Stolterfoht
Moderation: Steffen Popp
(http://ulfstolterfoht.wordpress.com/)
(http://kleineaxt.wordpress.com/)
(http://www.roughbooks.ch/ulf_stolterfoht/ammengespraeche.html)
Klaus F. Schneider schickt eine ad-hoc-Übersetzung eines Gedichts von Dorin Tudoran, der mit dem Lyrikpreis Petre Stoica ausgezeichnet wurde (L&Poe #85. Lyrikpreis „Petre Stoica”). Er schreibt:
Was war das für ein ereignis, als ca. 1980, zwischen all den parteikongreßlosungen und führerparolen und offiziellen schlagzeilen in einer studentenzeitschrift dieses gedicht erschien! LA VIE EN ROSE!
du brauchst nichts
zu tun, absolut nichts.
einfach nur zuhören:
“La vie en rose!“
wie kommt es dir vor?
warum nicht? sicher, lösch
das deckenlicht und schalt
das nachtlämpchen ein.
so ist es viel besser, nicht!
und jetzt hör zu:
“La vie en rose!“
wie? du meinst
es geht nicht? ja, wenn
du so unruhig bist! und dann
ist es noch viel zu hell hier.
mach auch das nachtlicht aus. so.
entspann dich. atme langsam und ruhig.
genau. so! und jetzt zuhören:
“La vie en rose!“
das gibt’s doch nicht!
ich verstehe nicht, was mit dir los ist.
ja, wenn du die augen offen hältst!
schließe sie!
so!
fester! noch mehr! so!
und wenn, was ist schon dabei,
dass dir die tränen kommen. zudrücken,
so wie es sich gehört. so!
auch die zähne. sehr gut! ganz fest zusammenbeißen.
so stark wie du nur kannst! und vergiß ja nicht
die zähne! so! hör zu:
“La vie en rose!“
zusammenkneifen. alles.
“La vie en rose!“
auch die zähne!
La vie en rose!
bravo!
“La vie en rose!“
wisch sie nicht weg. keine scham.
so! was ist schon dabei,
wenn du weinst! was macht das schon,
dass es dich schüttelt, vor weinen?
“La vie en rose!“
hervorragend!
“La vie en rose!“
lauter!
“La vie en rose!“
noch lauter!
“La vie en rose!“
pressen!
“La!“
fester!
“Lla!“
so!
“La!“
so, genau, so!
„La-la, La-la!“
hervorragend, ja!
“La-la, La-la-la-la!”
jetzt …
“Tra!”
nein:
“La!”
nicht so:
“Tra La”
so:
“Tra! La! Tra! La!”
So!
“So!“
Genau so!
“Genau so!“
La!
“La!“
Tra!
“Tra!“
Tra, La-la!
“Tra, La-la!“
So!
“So!”
Tra!
“Tri!”
Tri?
“Tri!”
Tra, La-la! Tra, La-la!
“Tri, Lu-li! Tri, Lu-li!“
Tra-la-la-la! Tra-la-la-la!
“Tri-li-lu-li! Tri-li-lu-la!”
Trashpool, genauer betrachtet „]trash[pool – Zeitschrift für Literatur und Kunst“ heißt die Tübinger Antwort auf die verwandten Magazine Edit (Literaturinstitut* Leipzig) und Bellatriste (Hildesheim). Das Heft besticht durch eine ambitionierte Gestaltung mit graphischen Hinguckern. Hinter ihrem surrealistischen Cover präsentiert die aktuelle Ausgabe zahlreiche Texte als Schriftbilder. / Schwäbisches Tagblatt
Trashpool hat 102 Seiten, kostet 5,20 Euro und ist in ausgewählten Tübinger Buchhandlungen erhältlich. Im Internet: www.trash-pool.de.
*) s. Kommentar (schon wieder ein Grund, in Tübingen Lyrikzeitung zu lesen!)
Wir kennen Bobrowskis Formel: „Sprache/ abgehetzt/ mit dem müden Mund/ auf dem endlosen Weg/ zum Hause des Nachbarn.“
Hier ein anderer Aspekt:
„אַ שפראַך איז אַ דיאַלעקט מיט אַן אַרמײ און פֿלאָט“
„a schprach is a dialekt mit an armej un flot“
in englischer Transkription: “A shprakh iz a diyalekt mit an armey un flot” —Max Weinreich, 1945.
So wird die Quelle jedenfalls meist angegeben. Und dort steht es auch:
[Max Weinreich. “der yivo un di problemen fun undzer tsayt”, pp 3–18 in yivo bletter yanuar-yuni 1945 (nyu-york), p. 13.]
Die Autorschaft ist indes zweifelhaft, siehe hier, hier und hier.
Noch einmal wird hier die vergangene Symbolik des sozialistischen Jahrhunderts ausgekostet und die Geliebte als Trösterin und Heizung: „Hab ich dich federnd aufgefangen/ Wie eine Flocke mit dem Mund? Das Licht lag weiß auf deinen Wangen./ So still die Nacht, so weich und rund.“ Das mag gesungen noch angehen.
Dass wir uns nicht falsch verstehen, Wenzel ist bestimmt kein Anhänger einer der Doktrinen des zwanzigsten Jahrhunderts. Seine Formensprache orientiert sich eher an Wilhelm Müllers Winterreise als am Kampflied a la Erich Weinerts Roter Wedding. Bei Müller heißt es: „Fremd bin ich eingezogen, fremd zieh ich wieder aus.“ bei Wenzel: “Ich fühl mich in der Fremde/ als wäre ich zu Haus.“ Und dieser zutiefst romantische Topos („Kein Ort. Nirgends“) wird zugleich im Eingangsgedicht vorgestellt.
Aber um dieses Fremde zu belegen, wird im Bande alles zitiert, was es an Schlechtigkeiten im letzten Jahrhundert so gab: Krieg, Bürgerkrieg, Fernsehen, Konsum. Pate stehen verwundete und ermordete Dichter wie Lorca. „Das Gift der Vergangenheit/ unschädlich machen, Federico, gelingt nicht.“
Und genau hier liegt das Problem, wenn man mal das Pathos der Genitivkonstruktion herausnimmt. Es gelingt Wenzel nicht, die Vergangenheit unschädlich zu machen. Aber wäre nicht genau das eben Befreiung? Sonst nämlich bewegen wir uns in den Netzen der Melancholie, bleiben Gefangene unserer eigenen Geschichte, die wir dann notwendig als Heilsgeschichte (oder Untergangsgeschichte, immer aber mit hegelschem Ende) verklären müssen. Und so bleiben seine Texte seltsam konservativ.
Nach einer Weile CD und Lektüre musste ich Pause machen, so bittersüß die Erinnerungen auch waren, ich war ein wenig genervt, von mir als jungem Mann, von Wenzel, von der Geschichte. / Jan Kuhlbrodt, fixpoetry
Hans-Eckardt Wenzel: „Seit ich am Meer bin“, Gedichte, Matrosenblau Verlag 2011, 104 S., 18 Euro
Der Paschtodichter Murad Shinwari starb am Sonnabend in Khyber im Alter von 85 Jahren. Er wurde in seiner Heimatstadt Landi Kotal begraben. Zahlreiche Autoren und Stammesälteste nahmen am Begräbnis teil.
Er galt als Pionier der modernen Paschtodichtung, u.a. soll er die ersten Blankverse in paschtunischer Sprache verfaßt haben. / dawn.com
In einem Youtube-Clip vom vorigen Februar beginnt Hiromi Ito eine Lesung aus ihrem Erzählgedicht „I Am Anjuhimeko (Watashi wa Anjuhimeko de aru)“ im Museum of Modern Literature in Aomori, indem sie mit der Handfläche laut und wiederholt auf den Tisch schlägt. Ihre Stimme verrät Dringlichkeit, Verwirrung, Panik und das verzweifelte Bemühen, komplexe Ideen mit alarmerregendem Tempo wiederzugeben:
none of that really matters anyway, but that’s not what father says, he says let’s try burying her in the sand and waiting three years, mother was willing to just go along with that, that was a big disappointment, but, well, here’s the problem, I’m just a newborn who can’t even see, and I can’t even utter a word to talk back, so I was wrapped in my mother’s silk underclothes and buried in a sandy spot near a river
„I Am Anjuhimeko“ basiert auf einer mündlichen Text, der seit mehr als 2000 Jahren im nordöstlichen Japan weitergegeben wird.
Ito erzählt die alte Geschichte nicht einfach nach, sie findet eine Stelle in ihrem Inneren, durch die sie den Geist Anjuhimekos und ihrer Mutter leiten kann. Ihr selbst wiederfahren die Schrecken der vor langer Zeit getanen Reise, daher Dringlichkeit, Panik und Verzweiflung.
Kein Wunder, daß die Presse so oft das Wort Schamanin benutzt. Das Wort ist ihr wichtig.
„Ich habe diese Fähigkeit nicht“, sagte sie der Japan Times vor kurzem in einem Interview in ihrer kalifornischen Wohnung. „Aber meine Großmutter und Mutter gehörte zu diesen Menschen. Manche Menschen erreichen Gott und können die Zukunft vorhersagen oder so etwas. Vor dem 2. Weltkrieg wurden diese Fähigkeiten in der japanischen Gesellschaft akzeptiert. Ich dachte nie darüber nach, ob ich an so etwas glaube, aber als ich mit Lesungen anfing, dachte ich mir, vielleicht ist das was ich tue gar nicht so anders. Die Extase, die ich beim Lesen erreichen konnte, das Gefühl, etwas erreicht zu haben. Ich fühlte eine Verbindung zu meiner Mutter und Großmutter.“
Ito wurde 1955 in Tokio geboren. Ihr erster Gedichtband „The Plants and the Sky (Kusaki no Sora)“ wurde 1978 mit dem Gendai-shi Techo Award ausgezeichnet. Sie wurde zur Speerspitze der Frauendichtung der 80er Jahre, einer Bewegung, zu der auch Toshiko Hirata, Yoko Isaka and Koko Shiraishi gehörten.
Ihre Bände „On Territory 1 (Teritori ron 1)“, 1985, und „On Territory 2 (Teritori ron 2)“, 1988, waren Wegweiser weiblichen Ausdrucks, die sich mit Themen beschäftigten, die bis dahin in der japanischen Lyrik ignoriert worden waren: intime Einblicke in weibliches sexuelles Begehren, die Funktionsweise des weiblichen Körpers sowie Körperlichkeit und emotionalen Aufruhr von Schwangerschaft und Geburt. Sie wurde augenblicklich zur Feministin erklärt, aber der Ausdruck ist zu einfach.
„Zwischen 20 und Anfang 30 mochte ich es nicht, wenn man mich Feministin nannte. Man versuchte mich einzuordnen und ich haßte es. Ich wollte Dichter sein, nicht „Dichterin“. Ich widersetzte mich der Art und Weise, wie Männer uns zur Seite zu drängen versuchten, uns nicht zum Mainstream der Lyrik zuließen.“
Itos bekanntestes Gedicht ist das unvergeßliche „Killing Kanoko (Kanoko-goroshi)“, ein intensiver persönlicher Bericht über eine schwere Depression nach der Geburt ihrer ersten Tochter. Sie stellt grausige Kindsmordphantasien neben die guten Wünsche von Familie und Freunden.
Happy Kanoko
Bites off my nipples
Congratulations congratulations
Gleefully I would like
To get rid of Kanoko
Without melancholy, without guilt
I want to get rid of Kanoko in Tokyo
Congratulations
Congratulations on your destruction
Congratulations on your destruction
/ DAVID HOENIGMAN, The Japan Times 19.2.
Hiromi Itō im Poetry International Web / Film von einer gekürzten Lesung von Killing Kanoto
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