Friederike Pannewick erforscht die arabische Literatur – und findet darin nicht nur eine große, hierzulande kaum bekannte ästhetische Kunstfertigkeit, sondern auch gesellschaftliche Einstellungen von aktueller politischer Brisanz. Etwa in diesem Gedicht:
Ein Körper liegt da, hingeworfen zwischen Bergpfaden,
Raubtiere streiten sich um ihn.
Blut überzieht die Erde mit Purpur und macht den Ostwind
Schwer vom Duft des Moschus.
Ein Lächeln umspielt seine Lippen, voll Spott
Über dieses niedere Dasein.
Der palästinensische Dichter Abd ar-Rahim Mahmud verherrlichte den Tod eines Märtyrers 1937, im Kampf gegen jüdische Einwanderer, die in Palästina ihren eigenen Staat gründen wollten. Damals entwickelte sich in der arabischen Welt eine intensive Verehrung für Männer, die für eine gerechte, aber aussichtslose Sache ihr Leben opfern. Der Märtyrer-Kult hält bis heute an, ob in Afghanistan oder Tunesien. Die Wurzeln dafür hat Pannewick, Professorin an der Universität Marburg, im 7. Jahrhundert gefunden. Damals erhob Hussein, der Enkel des Propheten, Anspruch auf Mohammeds Nachfolge und wurde von einer Übermacht seiner Gegner getötet.
„Diese Situation passte wunderbar, strukturell gesehen, für eine Situation wie die der Palästinenser Anfang des 20. Jahrhunderts, als die zionistische Siedlungsbewegung stark wurde und auch gegen das britische Mandat ein fast aussichtsloser Kampf geführt wurde. Also der Märtyrer als eine Figur, die einer sehr stark in die Enge getriebenen Gruppe die Hoffnung gibt, in irgendeiner Form, und sei es transzendental, zu einem Sieg zu kommen, obwohl die politische Situation nahezu aussichtslos ist.“
/ Matthias Hennies, DLR
„Gegen herzschmerz hilft allein/rilke shake bei facke Ische in44: Nicht auf den ersten Schluck mundet dieser „rilke shake / mit amour&schoko pur*, den Angelica Freitas uns kredenzt – naturgesüßt durch einen Schuss Keats, dazu eine Prise Cantos von Ezra Pound als Geschmack sverstärker und ein „toast ä la blake4* zum Knabbern, das Ganze dekoriert mit den Blütenblättern von Gertru-de Steins „Rose ist eine Rose“.
Aus: FAZ 7.3. S. 28. – Auflösung des Anfangs:
(…) /rilke shake bei fackelschein“:
Gerrit Wustmann macht mich darauf aufmerksam, daß heute die große persische Autorin Simin Daneshvar (Daneschwar) gestorben ist. Die einzige mir bisher zugängliche Informationsquelle ist die englische Fassung des Wikipediaartikels, welche das Todesdatum enthält. Sie schrieb Romane und Kurzgeschichten und übersetzte westliche Prosa und Dramen. Sie gehört zu der Gruppe starker Frauen in der neueren Literatur ihres Landes.
Vgl.: «Ich» zu sagen, ziemt sich nicht. Frauen erobern ihren Platz in der iranischen Literatur. NZZ 15.11. 2003
„Ode an die Freude“
Malträtiert von einer Bürokratenvereinigung namens Europäische Union, missbraucht für unzählige Werbespots, zweckentfremdet zur Eröffnung von Olympischen Spielen, Gartenfesten und Friseursalons, ist das Finale von Beethovens 9. Sinfonie samt der Verse von Schiller zu einem Gassenhauer verkommen …
Und doch gehört dieses Stück voller Zuversicht, Tatendrang und Sinnesfreude zum Besten, was die deutschsprachige Lyrik jemals hervorgebracht hat. Pathetisch gewiss, aber glaubwürdig und deshalb ergreifend. Es geht um Aufbruch, um Revolution, um ein rätselhaftes Elysium.
Was aber hat das mit Wulff zu tun? Will er uns damit ein fröhlich-trotziges „Leckt mich am Arsch“ entgegenschleudern? Geht es ihm, wie seine letzten Fans aus dem Duisburger Moscheeverein vermuten könnten, um das Motiv der Verbrüderung? Oder, wie mäßig begabte Kabarettisten nun kalauern werden, um das Umschlingen der Millionen? Spielt „eines Freundes Freund“ auf Carsten Maschmeyer an? / Deniz Yüzel, taz
Der kabylische Radiomacher und Dichter Mohamed Benhanafi starb im Alter von 85 Jahren. Kabyle.com schreibt:
Die große Stimme des kabylischen Radio Mohamed Benhanafi verabschiedet sich und folgt unseren großen von uns gegangenen Künstlern. Das ist ein großer Verlust für unsere Kultur – noch einmal gesagt, unsere Bibliothek verliert tagtäglich Schatzkammern, die unsere Sprache bewahren konnten trotz Zensur und der Tiefschläge jener, die das Medienmonopol innehaben.
Mohamed Benhanafi, eigentlich Aït Tahar Mohamed, wurde 1927 im Dorf At-Sidi-Atmane geboren. Im Unabhängigkeitskrieg wirkte er als Kommisar in der Stadt Tiaret. Nach der Unabhängigkeit begann seine Rundfunkkarriere. Er schuf zahlreiche Sendungen. Mohamed Benhanafi ist auch ein bedeutender Dichter. Viele große Künstler sangen seine Texte. Er starb am 4.3.
Kipphardts Stück konnte ein Erfolg werden in jener vorübergehenden Phase der – nach dem 17. Juni 1953 – gelockerten kulturpolitischen Zügel. Kipphardt setzte Alfred Matusche durch, sehr nahe stand er Peter Hacks; aber als er freilich Ilf und Petrows »12 Stühle« modern bearbeitete, blieb ihm die Bühne versagt: Themen wie die ständige Furcht der Funktionäre vor Konspiration und die Furcht anderer vor Verfolgung und Verhaftung überspannten den Bogen dessen, was die SED unter Satire verstand. 1959 ging Kipphardt, in Atemnot geraten unterm Druck der Dogmatiker, zurück in den Westen. »Die Bänder des Kehlkopfs gefrieren/ im Luftzug der Proklamationen« heißt es schon in einem Gedicht von 1949. / Hans-Dieter Schütt, ND 8.3.
G&GN-INSTITUT DÜSSELDORF 7.3.2012 / Wem die mystischen „Best of“ von Tom de Toys gefallen, könnte jetzt einen kleinen Schock bekommen, wenn er die frisch online publizierte Ergänzung dazu liest: „D’DORF HELAAF“ heißt das neue PDF-Machwerk zum kostenlosen Download und verspricht im Untertitel 13 Gedichte „zum Mond anheulen“ aus den Jahren 1993 bis 2012. Darin finden sich „sorgfältig ausgewählte“ Langgedichte von De Toys und seinen beiden Mitarbeitern Ärwin Ängstirn & Bruno Brachland, die man teilweise bereits aus anderen Bezügen kennt – und die alles andere als mystisch, esoterisch oder sonstwie beruhigend wirken… So wurde das „Wutgedicht“ ÜBER-B-WERTUNG zum Beispiel von stan lafleur in den Akten der ehemaligen Rheinischen Brigade veröffentlicht und ÜBERSCHREI vom Tacheles-Künstler Tim Roelofs in seine Pariser Rauminstallation integriert. Den Auftakt macht das legendäre SocialBeat-inspirierte Poem INFLATION, das leider nur bruchstückhaft im Kultbuch „Von Acid nach Adlon und zurück“ (Johannes Ullmaier, Ventil Verlag 2001, Neuauflage geplant!) vertreten ist, dafür aber als hochwertige Hörversion im G&GN-Institut heruntergeladen werden kann (unter www.NEURODADA.de). Krönendes Schlusslicht, oder sollte man besser „Schlußßlicht“ sagen, da es im ganzen PDF vor lauter verbotenen scharfen ß nur so wimmelt, macht das topaktuelle Gedicht ÜBERHO(H)LUNG (PLERomACRON Teil 3), das bereits in der Lyrikzeitung in einem Kommentarfeld seine Erstveröffentlichung erfuhr!
KOSTENLOSER DOWNLOAD ALS PDF BEIM G&GN-INSTITUT @ www.HELAAF.de =
http://poemie.jimdo.com/fotos-bilder/definitiv-ddorf/sommerloch-3/
[oder hier: DDORF HELAAF 13 Gedichte 1993-2012 Poemie-Edition 7.3.12]
PINGPONG: 13.9.2010: 62. Neuropolitik Teil IV & EEE-Teil 8 =
https://lyrikzeitung.com/2010/09/13/62-neuropolitik-teil-iv-eee-teil-8-taugt-das-grose-staunen-als-lebensphilosophie-fur-das-23-jahrhundert/
Willkommen und Abschied, Ankommen und Abfahren,
Bleiben & Gehen, Hello and Goodbye
Lyrikwettbewerb für Schülerinnen und Schüler ab 14 Jahre aus Leipzig und den fünf Umgebungsstädten Markkleeberg, Markranstädt, Taucha, Schkeuditz und Zwenkau
Was haltet ihr von Mobilität?
Wie mobil müsst ihr heute schon sein? Wie mobil wollt ihr später mal sein? Wie verkraftet ihr die Trennung von liebgewordenen Gewohnheiten? Wie erlebt ihr Mobilität, als Kinder und Heranwachsende bei euren Eltern? Wie erlebt ihr Unrast und Hektik? Habt ihr Angst vor Verlusten, wenn ihr als Jugendliche euer Elternhaus, eure Freunde, eure Umgebung verlassen müsst? Leidet die erste (oder zweite) Liebe darunter?
Schreibt es auf, findet Verse dafür.
Mit Fahrrädern, Bussen und Bahnen steuert ihr bereits heute eure Mittel- und Ganztagsschulen oder Gymnasien an. Später wird der Radius durch den Standort eurer Ausbildungsstätte vermutlich noch erweitert. Manche von euch werden auch das Schüleraustauschprogramm wahrnehmen oder gar den Unterricht in anderen Ländern fortsetzen.
Versucht, für eure Gedanken und Gefühle die passenden Worte zu finden.
Anregungen geben viele Dichter, googelt sie oder seht bei Goethe nach, lest dessen Gedicht „Willkomm(en) und Abschied“. Lasst euch von Bertolt Brechts Kurzgedicht „Radwechsel“, inspirieren, in dem es heißt: „Ich bin nicht gern, wo ich herkomme. / Ich bin nicht gern, wo ich hinfahre. / Warum sehe ich den Radwechsel / mit Ungeduld?“ Geht in die Bibliothek, fragt auch nach Büchern zeitgenössischer Dichterinnen und Dichter. Kramt in Antiquariaten und Buchhandlungen nach Lyrik und holt euch Anregungen.
Wir freuen uns auf eure Gedichte, auf neue Verse und eigene Töne.
Habt Mut, sucht eure eigene Form.
In beiden Kategorien (14 bis 16 Jahre sowie 16 plus) werden jeweils drei Hauptpreise vergeben.
Für jede Kategorie stiftet die Sparkasse Leipzig 500 € als 1. Preis. Die BMW Niederlassung Leipzig stiftet einen Gruppenpreis für die Schule, deren Schüler sich mehrheitlich beteiligt haben. Die besten 30 Texte werden im „Poesiealbum neu“ veröffentlicht und beim Lesefest 2012 vorgestellt. Einsendeschluss ist der 30. April 2012 (Poststempel)
Unsere Teilnahmebedingungen für dich:
– Du bist mindestens 14 Jahre alt und Schülerin bzw. Schüler.
– Sende im Zeitraum 1. Oktober 2011 – 30. April 2012 bis zu drei Gedichte ein; es steht dir frei, ob du diese gesammelt oder einzeln einsendest.
– Jede Einsendung bitte mit deinem Namen, Geburtsdatum, deiner Anschrift und deiner Schule und Klassenstufe versehen, gib uns für Rückfrage bitte deine E-Mail-Adresse an.
Bitte kopiere jedes deiner Gedichte sechsmal.
– Leg deinem Beitrag bitte ein kurzes Schreiben bei, in dem du versicherst, dass du das Gedicht verfasst hast und für diesen Wettbewerb mit der Veröffentlichung einverstanden bist. (Die Autorenrechte bleiben bei dir.)
Deine Unterlagen sendest du bitte an:
Gesellschaft für zeitgenössische Lyrik e.V.
Kennwort: Schülerwettbewerb
Gerichtsweg 28
04103 Leipzig
Weitere Informationen über:
www.lyrikgesellschaft.de
vom lauter niemand preis hier:
(02.02.12) Die Juroren des 3. lauter niemand preises für politische lyrik sind die Gewinner der letzten beiden Preise Hel ToussainT und Clemens Schittko. Für lauter niemand liest die Gedichte Clemens Kuhnert: Also eine interessante Mischung, auch wenn zweimal der selbe Vorname vorkommt. Wir planen bis Ende Februar zu einer Entscheidung über die Gewinner gekommen zu sein und sie auf der Leipziger Buchmesse mit einer Lesung vorzustellen. Dazu soll ein Reader mit den Texten der Lyriker in der engeren Auswahl erscheinen. Eine Lesung in Berlin mit Feier wie in den letzten Jahren ist im Anschluss geplant.
wer mehr weiß, wink mit zaunpfahl genügt!
Über 4000 Menschen sollen es gewesen sein, die im März vor 100 Jahren seinem Sarg folgten, in dem man ihn zunächst aufgebahrt hatte, mit langem weißem Bart. Auf dem katholischen Friedhof von Linden an der Ruhr, das damals noch nicht zu Bochum gehörte, drängten sich die Menschen. Dabei musste Heinrich Kämpchen bis zuletzt von kümmerlichen 40 Mark im Monat leben – ein Knappschaftsarzt, der seine Gedichte schätzte, hatte ihn zum Berg-Invaliden geschrieben, als Kämpchen im ganzen Revier keine Arbeit mehr fand, weil ihn die Zechenbarone auf einer „Schwarzen Liste“ führten, nachdem er auf der Zeche Hasenwinkel einen Streik organisiert hatte. Er bekam Anfahrverbot auf Lebenszeit – und Zeit für jene Gedichte, die ihn weit über seinen Tod hinaus berühmt machen sollten als ersten Literaten der Arbeitswelt. Und als einen, der nicht nur über sie schrieb, sondern auch aus ihr kam. / Jens Dirksen, westen.de
Auf die Bergmannsfrauen dichtete er ein „Loblied“: „Statt zu weinen und zu jammern und ans Bitten sich zu klammern, haben sie mit Heldenmute sich begeistert für das Gute, für die Knappen im Gefechte, sprachen Hohn dem feigen Knechte. Wie die Weiber der Germanen standen sie zu unseren Fahnen, ließen sich nicht schrecken, irren und durch Gleisnerworte kirren – nein, sie führten noch die Schwachen, halfen mahnen, halfen wachen. Darum Ehre diesen Frauen, die mit uns die Zukunft bauen, unsern Kindern es schon lehren, sich des Druckes zu erwehren und, will man sie niederringen, Sieg durch Taten zu erzwingen.“ (Aus dem Gedicht „Den Tapferen Frauen“, erschienen in der „Bergarbeiterzeitung“ am 25.2.1905) / Rote Fahne
Auch wenn wir hierzulande derzeit ein leichtes Konjunkturplus zu verzeichnen haben, so darf diese Momentaufnahme nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Lyrik weiterhin in einer Krise steckt. Diese Krise folgt einem Mechanismus, der, einmal ins Rollen gekommen, so leicht nicht mehr zum Stillstand zu bringen ist. Die Lyrik hat es in den vergangenen Jahrhunderten versäumt sich attraktiv am Markt zu positionieren und so wird sie mehr oder minder künstlich durch die Autoren und Verleger am Leben erhalten. Das hat allerdings den Vorteil, dass sich die Lyrik zu einer attraktiven Nische für Kleinanleger entwickelt.
Ein solcher Kleinanleger ist der hochroth Verlag…
Diese Einleitung von Mario Osterland scheint lesenswerter als die Gedichte von Boris Preckwitz, die der Rezensent im Anschluß lobt und die er so zitiert (Rez. spricht von „ansteckendem Rhythmus und herrlichem Wortwitz“):
Da ist es „fünf vor abgebrannt“, da wird das „pleiteseibeiuns“ gebetet, da „rumort’s in den luxusbuxen“ und „kein aas von partei / will mehr teil sein / der eigenen menschenversuche!“
Wenn das die Rettung sein soll, bleib ich mal lieber in der Krise. (Aber die Bücher von hochroth sind schön und meistens spannender!)
Gleichzeitig mit dem Georg-Trakl Preis 2012 vergibt das Land Salzburg den Georg-Trakl-Förderungspreis für unveröffentlichte Lyrik in der Höhe von 3.000 Euro. Einzureichen sind 15 unveröffentlichte Lyriktexte bis zum 25. April 2012. …
Die Texte werden einer unabhängigen Jury ohne Bekanntgabe der Namen der Autorinnen und Autoren vorgelegt.
Nur Einreichungen (Texte in dreifacher Ausfertigung) mit ausgefülltem und unterschriebenem Einreichungsbogen werden entgegengenommen. Es können sich nur Autorinnen und Autoren bewerben, die einen biographischen Bezug zu Salzburg haben, dieser ist explizit darzulegen. Ausgeschlossen sind diejenigen, die bereits mit einem Georg-Trakl-Förderungspreis ausgezeichnet wurden.
Bewerbungen sind unter dem Betreff „Georg-Trakl-Förderungspreis 2012“ an das Amt der Salzburger Landesregierung, Abteilung 12, Referat Kultur, Gesellschaft und Generationen, Franziskanergasse 5a, 2. Stock, 5020 Salzburg zu richten oder persönlich in der Zeit von Montag bis Donnerstag, 8.00 bis 16.00 Uhr, Freitag, 8. 00 bis 12.00 Uhr, abzugeben. / Land Salzburg
Als Jochen Hieber vor einigen Tagen bei Klaus Merz anrief, um ihm zu sagen, dass er in diesem Jahr mit dem Friedrich-Hölderlin-Literaturpreis ausgezeichnet werden soll, war dieser „völlig verblüfft und zugleich hocherfreut“, erzählt der Juryvorsitzende und FAZ-Feuilleton-Redakteur. Neben der üblichen Freude über eine solche Auszeichnung – zumal wenn sie wie der Hölderlinpreis mit 20000 Euro dotiert ist – verbindet den 1945 geborenen Merz vieles mit dem allerersten Preisträger von 1983, Hermann Burger: Beide sind im schweizerischen Menziken aufgewachsen, Burger hat die erste Publikation von Merz 1967 rezensiert. / Martina Propson-Hauck, FR 6.3.
Die Piratin Marina Weisband kapert ein russisches Lied und schreibt darüber:
Die eigentliche Tragödie beginnt dann, wenn ich mir den gereimten Text ansehe. Die russische Sprache klingt zwar oberflächlich härter, ist in ihrem Wesen aber fließender. Das Deutsche hingegen klingt im Vergleich dazu – in meinen Ohren – wie ein Sack mit kaputten Schreibmaschinen und Besteck, der die Treppe runterfällt.
Während Rilke es schafft, der Sprache Eleganz zu entlocken, vermag ich das leider gar nicht. Vielleicht fehlt mir hier das Gespür einer Einheimischen für Sprache. Mir ist es wichtig, dass die Sprache nicht stolpert. Also benutze ich gern vokalreiche Worte, die die Sprachmelodie des Originals besser wiedergeben.
Wie geschickt man es auch macht – und ich habe viele professionelle Übersetzungen gelesen – zumeist verliert ein Gedicht gegenüber seiner Originalsprache. Je besser das Werk, desto mehr verliert es, denn umso mehr gab es zu verlieren. Während Fachtexte an unseren Verstand gerichtet sind, zupft Lyrik im Normalfall emotionale Saiten. Die Emotionen entstammen unserer Gewohnheit, unserer Sozialisation, unserer Kultur. Sie sind weniger übertragbar, sie sind das, was uns seit Kindheit im Innersten anrührt. Wie erreicht man sie genau so, wie sie bei ganz anders gestrickten Menschen erreicht werden? Ich weiß nicht. Mir ist klar, dass eine gute Übersetzung im Prinzip fast ein neues Gedicht in der Zielsprache sein muss. Es wird gegenüber dem Original viel verlieren und viel Eigenes gewinnen. Mich macht es traurig, dass ich das, was ich wirklich zeigen will, nie zeigen kann. Ich übersetze nur. Ich schicke es in die Welt hinaus und hoffe, dass es irgendwo, bei irgendjemandem, etwas anrührt.
/ faz-blog
Die seit Anfang 2011 bei Distillery erscheinende Schock Edition vermag es mit ihrem Angebot, beide Gelüst-Richtungen zu befrieden: in guter alter Dutzend-Zählerei bringt es zweimal im Jahr ein Schock Gedichte hervor, in fünf Heften zu je zwölf Texten eines Autors; Auflage: sechzig, natürlich; die, unter denkbarster Schlichtheit mit je einer Monotypie von Silka Teichert, einem Piktogramm ausgestattet, ein Morgenrot am darbenden Himmel der sich mehrenden Gedichtfabrikanten ausmacht. Ein Schuber darum, dass das Ganze hält und steht: und fertig ist das Gebinde, das sowohl dem bibliophilen Interessenten die Aufwartung machen kann – als auch (man wagt es nicht zu denken) geeignet ist, einem Trend lyriklesender Touristen zuzuarbeiten.
… Katrin Heinau liefert im „Handbuch für Überschwemmungen“ mit einer Reihe „Träume“ nach Benjamin das heimliche Highlight der Folge: „Das Haus stand und stand, der Mond glich nichts, und wie das Licht die Fassade beschien. Ich selbst spazierte im Plüschgewand. Die langhaarigen Nüsse waren zu Walen geschrumpft in meinem Händchen. Alles geschah in einer Sekunde.“
Bertram Reineckes Exegesen, auf dem Fundament des Vorhandenen (das „Komm“-Gedicht findet schließlich ins Offene) zu neuen Blickweisen gelangend, ergehn sich in eindrücklichem Zwielicht mit den illusionsfreien Berlin-Gedichten Gerd Adloffs, die „die Zukunft in Kürze“ erwarten. / André Schinkel, fixpoetry
Schock Edition: 5 x 12 Gedichte. Herausgegeben von Kai Pohl. Dritte Lieferung: Gerd Adloff, Florian Günther, Katrin Heinau, Bertram Reinecke, Anna Rheinsberg. Berlin 2012: EdK/Distillery. 5 x 28 Seiten, 24 Euro.
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