Cyrus Atabay (* 6. September 1929 in Teheran; † 26. Januar 1996 in München) war ein Neffe des Schahs von Persien, der in Deutschland und der Schweiz ausgebildet wurde, seine Muttersprache verlernte und ein deutscher Dichter wurde.
Ab 1952 studierte Atabay Germanistik in München. Seit Anfang der 1960er Jahre lebte er abwechselnd in Teheran und London, wo er 1978 – als Neffe von Schah Mohammad Reza Pahlavi durch die Islamische Revolution staatenlos geworden – Asyl erhielt. Die deutschen Behörden lehnten es ab, Atabay ein Visum auszustellen. In London pflegte Atabay eine Freundschaft mit Elias Canetti. Erst 1983 konnte Atabay nach München zurückkommen.
https://de.wikipedia.org/wiki/Cyrus_Atabay
Schach Die Türme fielen in Feindes Hand, meine Bauern habe ich verloren, weise mich nicht aus deinem Land: ich bringe dir die Gaben eines Mohren. Zum Henker mit den Königinnen, die schmieden nur Ränke und Lug, ohne Mann und Roß stehe ich vor deinen Zinnen, ein armer König–: du bist am Zug.
Aus: Cyrus Atabay, Gedichte. Frankfurt/Main und Leipzig: Insel, 1991, S. 33
Franz Daniel Pastorius oder Francis Daniel Pastorius war ein deutscher Dichter in Nordamerika, der einzige deutschsprachige Barockdichter jener Breiten. Eigentlich ein mehrsprachiger Dichter, der Deutsch, Englisch und Niederländisch schrieb, oft gemischt und mit lateinischen Zitaten durchsetzt.
Die Allgemeine Deutsche Biographie (Band 25 / 1887) schreibt über ihn:
Pastorius: Franz Daniel P. wurde am 26. September 1651 zu Sommerhausen im bairischen Unterfranken geboren, machte seine Studien in Straßburg, Basel und Jena und wanderte 1683 als Bevollmächtigter der Frankfurter Gesellschaft nach Amerika aus. Hier gründete er die erste deutsche Ansiedelung in Germantown, die jetzt einen Theil von Philadelphia bildet, und entwickelte hier als Richter, Bürgermeister und Lehrer bis zu seinem am 27. September 1719 erfolgten Tode eine außerordentliche Thätigkeit. Daneben war er litterarisch äußerst fruchtbar; seine Schriften sind nicht alle erhalten, doch lassen sich 43 Werke, meist gemeinnützigen Inhalts, Reisebeschreibungen etc. nachweisen. Als Dichter machte er sich bekannt durch seine „Deliciae hortenses. Eine Sammlung deutscher epigrammatischer Gedichte“ (1710).
Franz Brümmer.
Hier eins seiner englischen Gedichte, das auf Diskussionen in sozialen Netzwerken deutscher Dichter im 21. Jahrhundert immer noch passt.
John Samuel and Henry Pastorius. Concerning the next foregoing Leaves, which contain some of my rhytmical Fancies I would not have you spend any time in the Imitating thereof. For as to Poesie I give you the same Council, Ovidius Naso had given to him by his Father: Saepe Pater dixit—Studium quid inutile tentas? Moeonides nullas ipse reliquit Opes.* From Poëtry Poverty in all ages arose, Therefore my Children content you with Prose, Or at least, Let Meeter-making not be your Profession, but Recreation, Not only because Poëts seldom die rich, but also because that he is twice an Ass that is a Riming one; and that I never knew none, who was not a Lover of strong Liquor. Poëtae Potum, amant & sua Pocla Camoenae, Faecundi Calices quem „non fecere disertum? Horat. &c. Evacuare Scyphos nostri potuere Parentes, Possumus & nostros evacuare Scyphos.** &c &c. And if these Sheets should happen to fall into any other mans hand, I say no more but Read Reader, read judiciously, Shun implicit Credulity; Prove first and then approve the good, Judge not of things not understood. Job 34:3; 1 Thess. 5:2[1].“
Übersetzung von DeepL (von mir nur wenig korrigiert):
* ) “Vater sagte oft: welche unnützen Studien treibst du? Selbst Moeonides [Spitzname Homers] hat keine Reichtümer hinterlassen.“
**) Die Dichter lieben das Getränk und die Musen ihre Pokale, denn wen haben die Pokale noch nicht beredt gemacht? Horaz &c. (…)
Was die nächsten vorstehenden Blätter betrifft, die einige meiner
rhythmischen Phantasien enthalten, möchte ich nicht, dass Ihr Zeit damit verbringt,
dieselben nachzuahmen. Denn was die Poesie betrifft, gebe ich Euch
denselben Rat, den Ovidius Naso von seinem Vater erhalten hatte:
Saepe Pater dixit-Studium quid inutile tentas?
Moeonides nullas ipse reliquit Opes.*
Aus der Poesie ist die Armut zu allen Zeiten entstanden,
Drum, meine Kinder, begnügt euch mit Prosa,
Oder lasst wenigstens die Dichterei nicht zu eurem Beruf, sondern zu eurem Zeitvertreib werden,
Nicht nur, weil Dichter selten reich sterben, sondern auch, weil derjenige
doppelt Esel ist, der sich reimt; und dass ich nie einen gekannt
der nicht ein Liebhaber des starken Branntweins war.
Poëtae Potum, amant & sua Pocla Camoenae, Faecundi Calices quem
"non fecere disertum? Horat. &c.
Evacuare Scyphos nostri potuere Parentes, Possumus & nostros
evacuare Scyphos.* &c &c.
Und wenn diese Blätter zufällig in die Hand eines anderen Menschen fallen sollten,
so sage ich nichts weiter als
Lies, Leser, lies mit Verstand,
Meide unbedingte Leichtgläubigkeit;
Prüfe erst und billige dann das Gute,
Richtet nicht über Dinge, die ihr nicht versteht.
Hiob 34:3; 1 Thess. 5:2[1]."
Übersetzt mit www.DeepL.com/Translator (kostenlose Version)
Aus: The Francis Daniel Pastorius Reader. Writings by an Early American Polymath. Patrick Erben, Alfred Brophy, Margo Lambert. Pennsylvania State University Press 2020
Sonja vom Brocke
Aus: Kameen
Ein Haar »Wie meinen Sie: lang und glatt oder kringelig?« Schämen Sie sich am meisten für Scham? Schnippeln Sie Ihre Lappen ab um mittig akkurat zu glänzen?
***
Gräsern Fessel Trunke Nixen (m/w)
mw mw wm. die
wm hermaphroditi-
mw mus sche See
***
die gegenwärtigen Hunde im O – der Fibel, der Duft- kladee, o. Rufen sie lauthals nach Freihälsen
In: Sonja vom Brocke, Venice singt. Gedichte. Berlin: kookbooks, 2015, S. 47 / 48 / 49
Anna Rheinsberg
Der Schnee hat eine Stimme Wie der Mann, der kam, um Mich zu töten. Ich bin ein Lampion, Eine Eisblume auf Japanpapier. Kein Ausgang. Das Haus ist leer. Nur das Lächeln sitzt noch davor Und jede Menge Müll. Manchmal Liebt mich ein Flüchtling. Ich bin Kein Lächeln. Ich bin Godzilla, Mit einem Hut aus Wolken. Eine Kleinigkeit dich zu finden Und dir die Zunge herauszureißen. Wozu brauchst du eine Zunge Wenn du nicht sprichst? Du bist das Lager, ein alter Gummistiefel. Das bist du. Papi. Mein Staubbeutel. Warum So still? Komm herüber Und erzähl mir vom Untergang Der Titanic. Ich schwamm neben dir
Aus: Anna Rheinsberg: Mit dem Hund geh’n. Berlin: Schock Edition, EdK/Distillery, 2012
Rolf Bossert
(* 16. Dezember 1952 in Reșița, Volksrepublik Rumänien; † 17. Februar 1986 in Frankfurt am Main)
HÄLFTE DES LEBENS Der Mann mit dem tauben Fünfzehnuhrblick kommt wieder zu früh. Der will jetzt sein Bier. Dort drüben tickt wachsam die Uhr der Fabrik. Er drängt sich zum Tresen. Daneben stehn wir. Ihr kennt mich von gestern? Ich bin Hans-im-Glück. Was macht noch der Rote? Mensch. Gut ist es hier. Keine Angst, was. Die Zukunft liegt etwas zurück. Wir schaffen acht Flaschen. Er weint. Zehn vor vier.
Aus: Rolf Bossert, Um den Preis einer Vorsilbe. Gedichte. Hrsg. Ernest Wichner. Perleberg, Berlin: hochroth, 2009, S. 8
Theo Breuer
Natur wie gemalt.
Axel Kutsch
leben • fakten • qualen
bensch denkt grad an die nackten
stellen eines mädchens
blickt vis-à-vis der finstren frau
in lichtgrau vorgetäuschte augen
leckt bald latte milch luft schaum
wie andre auch dort im café
bensch schau bloß auf die uhr
und bilde dir kleine rosen ein
feine rosen azurblauroseros
( nie mehr wird ›ros‹ noch mal ›rose‹ sein )
und • auf mein wort • sehr wilde pflaumen
delicious / so sweet / and so cold
bensch denkt grad an die nackten
stellen eines mädchens
die traumhaft natürliche
kräuselung des kaumhaars
trotz kalten kaffees
sticht es an zung und gaumen
zahlen • zahlen – neinnein • pardon •
wird nicht gegeben
Aus: Versnetze_zehn. Deutschsprachige Lyrik der Gegenwart. Hrsg. Axel Kutsch. Weilerswist: Ralf Liebe, 2017, S. 155
Tanja ‚Lulu‘ Play Nerd, 19.9.2023 [Europa: 20.9.23] © kunstyoga.de & weltlyrik.de
diagnose „erdbewohner“
ich kann lesen ich kann schreiben ich kann dichten ich kann laufen ich kann trinken ich kann essen ich kann all das selbstverständliche vergessen ich kann denken ich kann fühlen mein gedächtnis aktivieren mich erinnern mich sortieren ich kann mich in dir verlieren ich kann reden ich kann hören ich kann schmecken riechen schwören ich kann meditieren ich kann lieben ich kann schlafen und aufwachen ich kann all das selbstverständliche der mensch beherrscht das chaos und noch andre sachen ich kann auch erleuchtung ich kann leere licht und freiheit spüren ich kann wünschen hoffen lieben hassen und durch alle türen passen mich verlieben und loslassen all das selbstverständliche verstehen ich kann nonverbal kommunizieren und sogar mit tieren sprechen ich kann jugend ich kann kinder ich kann rente ich kann marathon und ich kann tod ich kann noch bildung ich kann yoga ich kann bio und demente ich kann pflege ich kann schuster ich kann schneider ich kann koch ich kann das selbstverständliche erlernen ich kann auch schon schwarzes loch ja ich kann dunkle energie ich kann physik ich kann chemie ich kann mich quantenmechanisch entfernen und ich kann aus quatsch „so tun als ob“ ich kann geheimnisse ich kann gesellschaftsspiele ich kann lotto ich kann laufsteg ich kann mensch ich kann auch monster ich entscheide meinen weg ich kann von unten schreiben und von hinten lesen ich kann lyrik als experiment ich kann gemälde ich kann klassisches klavier ich kann rezitation und auf ein bier ein wort ein leben eine bühne ein verdacht ich kann aufgeben nichts anstreben ich kann einfach so verschwinden niemand hat zuletzt gelacht ich kann mich nicht mehr informieren ich kann dich nicht informieren ich kann nichts mehr können alles können könnte kann ich kann nur noch nur noch nur noch ich kann kann ich kann kann ich ich kann ich ich ich ich ich ich i ch ch ch i i i i ch i ch i ch i i _
Ferdinand Avenarius
(* 20. Dezember 1856 in Berlin; † 22. September 1923, heute vor 100 Jahren, in Kampen auf Sylt, begraben in Keitum auf Sylt)
NATUR Hab' heut' vor mir des Weges gehn Eine Gnädige mit ihrem Knäblein gesehn – Hochelegant, das Bürschlein zumal Geschnitten aus dem Modejournal, Nun hielten Madame just Lektion, Dozierten vom feinen Anstandston : Da müsse nicht Schritt und Tritt allein, Auch Wort und Blick gemessen sein – Drum solle sich's endlich mal menagieren, Zum Beispiel nicht so mit den Armen vagieren – Man müsse ja sonst glauben, daß er So ein hergelaufener Junge wär, Man müsse sich sonst ja ordentlich schämen, Ihn wieder mit spazieren zu nehmen! Das Bürschlein – fünf Jahr mocht's, denk' ich, zählen – Schien auch die Sache ziemlich zu quälen: Es trippelte sittsam und still fürbaß Und dachte betrübt an dies und das, Zerknickt, schien's, von dem Herzeleid Ob seiner schlimmen Verworfenheit. Und als des Wegs ein Pfütze kam, Die endlich sein Auge in Anspruch nahm, Wandt's, eingedenk der Lehren, sich Zur Mutter und fragte bescheidentlich: „Darf ich mich mal in die Pfütze legen?" Da dacht ich: o lust'ge – Mama Natur, Laß du sie ängsteln und pfuschen nur Mit ihrer Lackier- und Verkleisterung: Du wirst ein Mensch – Glückauf, mein Jung'!
Aus: Der ewige Brunnen. Ein Volksbuch deutscher Dichtung. Gesammelt und herausgegeben von Ludwig Reiners. München: C.H. Beck, 1955, S. 9f
T.S. Eliot
(* 26. September 1888 in St. Louis, Missouri, Vereinigte Staaten; † 4. Januar 1965 in London)
VERDRÄNGUNG
Sie lag sehr still im Bett mit sturen Augen,
Hielt ihren Atem an, daß sie nicht denken muß,
Ich war ein Schatten aufrecht in der Zimmerecke
Und tanzte freudig in dem Feuerschein.
Sie schrak im Schlaf und ihre Finger krallten in die Decke,
Sie war sehr bleich und atmete auch schwer.
Und wie der Morgen in die Kapuzinerkresse in der dunkelgelben
Schale fuhr,
Da schied ich freudig durch den Fensterspalt.
Deutsch von Norbert Hummelt aus: Sinn und Form 5/2023, S. 632
Suppressed Complex
She lay very still in bed with stubborn eyes
Holding her breath lest she begin to think.
I was a shadow upright in the corner
Dancing joyously in the firelight.
She stirred in her sleep and clutched the
blanket with her fingers
She was very pale and breathed hard.
When morning shook the long nasturtium
creeper in the tawny bowl
I passed joyously out through the window.
Aus: T.S. Eliot, Inventions of the March Hare. Poems 1909-1917, ed. Christopher Ricks, Faber & Faber 1996
Johanna Schwedes
Zufälligkeit mindert ja nicht die Schärfe einer Rasierklinge oder die Erinnerung deiner Hand an meiner Schläfe aber du möchtest wie Rauch aus einer Kaliber ‘38 im Kosmos aufgehen und versicherst dabei alles, wirklich alles geschehe mit gutem Grund. Während du allverbunden auf dem Sofa wie Kautabak deine Zunge im Mund hin und her bewegst öffne ich ein Fenster (nein, nicht in meinem Kopf. Das zweite, zur Straße hin) und hole Luft. Fühlt sich etwas an wie eine Rasierklinge an der Nase (könnte ich dir aufs Sofa werfen) und mit dem Ton (fiuuuup) eines Vogels mit schwarzem Kopf und Autos und Wind und der Unvereinbarkeit dieser zwei Rauschen fällt mir, Ellenbogen aufs Fensterbrett Gedanken in so was wie imaginäre Hände gestützt ein kantiger Stein, Stein vom Dorfstraßenrand, Staub drauf und kleben gebliebene Mücken und Spucke von einem wütenden Kind scharfkantig die Kehle herunter durch die Speiseröhre in den Magen und ich möchte überhaupt ich möchte nur eine Schleuder finden, den Stein in hohem Bogen aus dem Fenster! auf dass er ein Loch schlägt in den Gesang des armen schwarzstirnigen Vogels und heraus schält sich der Himmel wie eine Umarmung aber das verkneife ich mir
Aus: Jahrbuch der Lyrik 2022. Hrsg. Matthias Kniep und Nadja Küchenmeister. Frankfurt/Main: Schöffling, 2022, S. 82
William Carlos Williams
(* 17. September 1883, heute vor 140 Jahren, in Rutherford, New Jersey; † 4. März 1963 ebenda)
Proletarian Portrait A big young bareheaded woman in an apron Her hair slicked back standing on the street One stocking foot toeing the sidewalk Her shoe in her hand. Looking intently into it She pulls out the paper insole to find the nail That has been hurting her
From: The Collected Poems of William Carlos Wiliams. Volume I • 1909-1939. Edited by A. Walton Litz. New York: New Directions, 1991, p. 384
Proletarisches Porträt Eine große junge barhäuptige Frau in einer Schürze Das Haar zurückgekämmt steht auf der Straße Den bestrumpften Fuß mit den Zehen auf dem Gehsteig Den Schuh in der Hand. Sie sieht aufmerksam hinein Und zieht die Einlegesohle heraus den Nagel zu finden Der sie gedrückt hat.
Deutsch von B. K. Tragelehn, aus: Poesiealbum 112. William Carlos Williams. (Ost-)Berlin: Neues Leben, 1977, S. 4.
In dem Poesiealbum von 1977 steht unter diesem Gedicht eine Notiz von Ezra Pound (Deutsch von Eva Hesse):
Um mir seine Eigenheit zu erläutern, hat mir seine Mutter folgende Anekdote erzählt: Der kleine, etwa siebenjährige William Carlos stand eines Morgens auf und zog Kleider und Schuhe an. Beide Schuhe hatten die Knöpfe links. Er betrachtete dieses ungewohnte Phänomen eine Weile, zog die Schuhe sorgfältig wieder aus, wechselte den Schuh a) vom linken an den rechten Fuß und den Schuh b) vom rechten an den linken; beide Knopfreihen erschienen wieder links.
Das verblüffte ihn. Mit linksgeknöpften Schuhen ging er zur Schule, aber . . . und das ist der kennzeichnende Zug der Geschichte: er verbrachte den Tag in gründlichem Nachdenken über diesen Sachverhalt.
Felix Philipp Ingold
dass Gott tot sei das weiss bestenfalls so jemand wie der Reim denn Tod und God gefallen sich gepaart am Zeilenende * für nichts und wieder nichts (nicht mal für die Wahrheit) auf den Mund gefallen (umwem zu gefallen) * wo Worte fehlen blüht Sinn wahrer bis er gleich wieder Augen machtaber wem und wer hat den Schlafbaum gefälltund womitwas blüht was welkt so souverän bis ... bis zum Neubeginn bis hin zum Wort das Name ist und gilt
Aus: FELIX PHILIPP INGOLD, Für nichts und wieder nichts. Verstreute Lyrik. In: manuskripte 240 / 2023, S. 51
Papenfußserie #4. Im Jahr 1990 kamen gleich drei Bücher von Bert Papenfuß heraus. Unsere Nummer 4 erschien bei Steidl reich illustriert von A.R. Penck. Nicht illustriert – Penck hat jede einzelne Seite gestaltet mit Zeichnungen auf leeren Seiten und ebenso um jeden Text herum, kein weißer Raum nirgends. Ich wähle daraus einen Klassiker. Schon 1990 wurde er so empfunden. Sarah Kirsch, die im Gefolge der Ausbürgerung Wolf Biermanns (der für Papenfuß ein rotes Tuch war wie umgekehrt auch) aus der DDR ausgereist war, hatte irgendwann im Sommer 1990 eine Lesung in der Greifswalder Jakobikirche. Neben eigenen Gedichten las sie einige (?) Gedichte junger Autoren, glaube ich, genau weiß ich es nur von diesem einen Gedicht von Papenfuß, dem sie Bewunderung zollte. Es drückt des jungen Dichters Distanz zur „Wende“ in der DDR aus, die er sich weigerte „Revolution“ zu nennen. Wer hätte damals denken können, wie beklemmend aktuell es sich 33 Jahre später lesen würde?

Aus: tiské. Mit Zeichnungen von A. R. Penck. Göttingen: Steidl Verlag 1990, S. 69.
Zur Erläuterung für Ortsfremde: „Fischköppe“ war in der DDR ein Spott- und Schimpfwort für die Bewohner des Nordens, des heutigen Mecklenburg-Vorpommern (Gegenbegriff zu „Sachsen“). Radeberger ist ein Bier aus Sachsen, Nordhäuser und Richtenberger sind damals allseits beliebte Schnapsmarken aus Thüringen und Vorpommern. Pritzwalk, Fläming und Wittstock sind Orte bzw. Gegenden des Landes DDR, die sicher auch ihre Alkoholika hatten. Es wurde viel getrunken, privat und im Dienst. Nachtspeicheröfen waren ein begehrter und entsprechend, sprich rarer Gebrauchsgegenstand (und, anders als der Schnaps, Mangelware).
Uli Becker
(* 14. September 1953 in Hagen)
Wie Dichter das machen Den Asphalt grau tret ich mit Füßen, beiß aber grad so gern ins grüne Gras und kehre heim und spanne den Bogen in meiner Maschine: Sowohl – als auch, ist beides mein Stoff, das Rohe wie das Hartgesottene, und wer bestimmt, man könne nicht auf zwei Hochzeiten tanzen, bei zwei Begräbnissen flennen? Des Dichters Tag- und Nachtwerk ist die stete Kümmerei, und zwar um dies genau wie um das, um beides zusammen mit süßsaurem Lächeln zu verwursten. Die späte Tagesschau noch und ins Bett und sehn, was anliegt oder schmiegt – so funktioniert das: Eine Hand am Puls der Zeit, die andere am Arsch der Welt.
Aus: Zwischen den Zeilen 2, Mai 1993, S. 11
Miroslav Holub
(* 13. September 1923 in Pilsen; † 14. Juli 1998 in Prag)
war ein tschechischer Dichter und Arzt. Holub machte die Matura. Während der deutschen Annexion war er von 1942 bis 1945 als Bahnarbeiter zwangsverpflichtet. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs studierte er bis 1953 Naturwissenschaften, Medizin und Immunbiologie. Er arbeitete an der Tschechoslowakischen Akademie der Wissenschaften und beschäftigte sich dort mit Erfolg in der Immunologie. Dann war er in Prag als freischaffender Schriftsteller, Lyriker und Übersetzer tätig. (Wikipedia)
DIE KATZE Draußen war Nacht wie ein Buch mit sieben Siegeln. Und durch das Sieb der Stadt glitt die Dunkelheit bis zu den Sternen. Ich sagte zu ihr, geh nicht dorthin, auf dich lauert eine Falle, der böse Blick und das ewige Wimmern der Gerber. Ich sagte zu ihr geh nicht dorthin, was soll das, wozu? Aber da öffnete sich das Fenster, und sie ging, eine schwarze Katze in die schwarze Nacht, sie löste sich auf, die schwarze Katze in der schwarzen Nacht, so löste sie sich auf – und niemand hat sie je wieder gesehen. Auch sie selbst sich nicht. Nur hören kann man sie manchmal, wenn es still ist und Nordwind und wir tief in uns hineinhören.
Aus dem Tschechiaschen von U. Achtermann, aus: GESANG DER LIEBE ZUM LEBEN. Tschechische Lyrik der Gegenwart. Herausgegeben von Manfred Jähnichen. Künstlerische Ausstattung von Václav Blaha. Prag: ARTIA, 1983, S. 174
Neueste Kommentare