Fremd in der Lyrik

Lukas Palamar

Gattungen

Fremd in der Lyrik, kenne ich
kein anderes Leben als dieses,
dessen Eindrücke auf mich einprasseln
wie ein Graupelschauer im Winter.

Fremd im Drama, muss ich
Gegensätze einen, Widersprüche binden,
um ein Teil dessen zu sein,
womit ich nichts zu tun haben will.

Fremd in der Epik, bin ich ein Junge,
der wie ein Wasserfall plappert,
dessen Mutter ihn darauf anspricht,
der für immer verstummt.

Fremd in jeder Gattung, habe ich
das Leben auswendig gelernt,
fehlt nur noch der Tod, und
meine Sammlung ist komplett.

Aus: Abwärts! Nr. 49, Oktober 2023, S. 19

Für Bert

Kristin Schulz

jede menge. für bert

             „stehaufmännchen, stehaufmännchen, 
             wo hast du deine beine"

jede menge 
schnippchen geschlagen
& ausgetrieben
der schippe den tod der kippe die hast 
den sätzen den schluss dem fehler die last 
& eingebläut
dem tresen das fest 
letzte stunde nächste runde 
einberufen ausgestoßen

im gestrüpp
den worten den rest gegeben 
silben & silber verjubelt 
sämtlichen wiedergängern 
ins fäustchen gespuckt 
aus voller kehle 
die segel gebläht die kegel 
vertäut im wind –
gegen die fallen (der fälle)

alle samen im fluss & die ufer 
abwegig genug 
zu betreten & 
wieder & weiter 
aufgestanden immer 
ausgestanden nimmer 
ruinos porös komatös
ab- & auf-
gelöstes flöz

in der parkklinik weißensee 
eine amsel gegen morgen zu 
wusste es besser als wir –

wohin wenden 
die wunden 
sich schicht 
um schicht
tiefer (nach dem 
verlust) –
dissonanz 
in reinform 
der reimform

Aus: Abwärts! Nr. 49, Oktober 2023, S. 2

Die Welt wird in Kapitel aufgeteilt

Ataol Behramoğlu

(* 13. April 1942 in Istanbul) 

Wenn ich sterbe sterb ich gegen Abend

Wenn ich sterbe sterb ich gegen Abend 
Pechschwarzer Schnee fällt auf die Stadt 
Mein Herz verdeckt alle Wege 
Zwischen meinen Fingern 
Sehe ich: die Nacht ist gekommen

Wenn ich sterbe sterb ich gegen Abend 
Die Kinder gehen ins Kino 
Mein Gesicht in einer Blume vergraben 
Mir ist fast zum Weinen zumute 
Dahinten fährt ein Zug vorbei

Wenn ich sterbe sterb ich gegen Abend 
Ich möchte meinen Kopf nehmen und losgehen 
An einem Abend betret ich eine Stadt 
Zwischen Aprikosenbäumen hindurch 
Geh ich schau aufs Meer 
Und seh mir ein Theaterstück an

Wenn ich sterbe sterb ich gegen Abend 
In der Ferne zieht eine Wolke vorüber 
Eine düstere Kindheitswolke 
Ein surrealistischer Maler 
Beginnt die Welt zu verändern 
Vogelstimmen, Schreie 
Des Meeres und der Felder 
Farben fließen ineinander

Ich bringe dir ein Gedicht 
Die Wörter sprudeln aus meinem Traum 
Die Welt wird in Kapitel aufgeteilt 
In einem ist der Sonntagmorgen 
In einem das Himmelsgewölbe 
In einem das welke Laub 
In einem ein Mensch 
Für jedes Ding beginnt alles von Neuem

Aus dem Türkischen von Erika Glassen, aus: Kultgedichte Kült Şiirleri. Herausgegeben von Erika Glassen und Turgay Fişekçi. Vorwort von Erika Glassen. Zürich: Unionsverlag, 2008, S. 84ff

Ben ölürsem akşamüstü ölürüm

Ben ölürsem akşamüstü ölürüm 
Şehre simsiyah bir kar yağar 
Yollar kalbimle örtülür 
Parmaklarımın arasından 
Gecenin geldiğini görürüm

Ben ölürsem akşamüstü ölürüm 
Çocuklar sinemaya gider 
Yüzümü bir çiçeğe gömüp 
Ağlamak gibi isterim 
Derinden bir tren geçer

Ben ölürsem akşamüstü ölürüm 
Alıp başımı gitmek isterim 
Bir akşam bir kente girerim 
Kayısı ağaçları arasından 
Gidip denize bakarım 
Bir tiyatro seyrederim

Ben ölürsen akşamüstü ölürüm 
Uzaktan bir bulut geçer 
Karanlık bir çocukluk bulutu 
Gerçeküstücü bir ressam 
Dünyayı değiştirmeye başlar 
Kuş sesleri, haykırışlar 
Denizin ve kırların 
Rengi birbirine karışır

Sana bir şiir getiririm 
Sözler rüyamdan fışkırır 
Dünya bölümlere ayrılır 
Birinde bir pazar sabahı 
Birinde bir gökyüzü 
Birinde sararmış yapraklar 
Birinde bir adam 
Her şeye yeniden başlar

Nachtgeister

Gertrudis Gómez de Avellaneda

(* 23. März 1814 in Camagüey [vormals Santa María del Puerto del Príncipe], Kuba; † 1. Februar 1873 in Madrid)



Die Rache

Anrufung der Nachtgeister

Ihr stummen Söhne der düsteren Nacht!
Ihr Geister, die ihr das Entsetzen liebt,
die ihr verborgenen Racheplan nährt,
und frevelhafte Liebe unterstützt!

Ihr Wesen, schweigend in tückischer Lauer,
die ihr den Hass beschützt und den Verrat,
die ihr vertreibt das bekümmerte Zögern
der lauen Angst und dummen Mitgefühls;

die ihr in finsteren, einsamen Wäldern,
dem Räuber überreicht den flinken Dolch 
und rasch erstickt das vergebliche Wimmern,
des Opfers, das dem Todesstoß erlag!

Ihr Untertanen des Frevels, ihr Diener des Fehltritts, 
Herbei! Herbei! Fliegt los! Fliegt los!
Ersehnten Jubels schlug endlich die Stunde,
es öffnete die Ewigkeit ihr Tor.

Verlasst die Höhlen des billigen Rausches
wo ihr nur schäbige Gedanken weckt,
und sanft lasst schlafen die unschuldge Jungfrau,
verstört sie nicht mit eurem düstren Bild,

bedrängt die Nachtwache nicht des Asketen,
gebt finster nicht der frevelhaften Gattin 
den Traum ein, dass in ein brodelndes Blutmeer
das eheliche Lager sich verwandelt;

führt nicht vor Augen unredlichen Richtern
der ungesühnten Opfer düstre Schar;
noch feistem Wuch’rer das todbleiche Elend,
das schrecklich fluchend ihn verdammt.

Würdig’res Ziel und besondre Genüsse
bereit ich euch, ihr Geister ohne Licht!
Momente sind’s ganz nach eurem Verlangen,
die diese Nacht in ihrem Mantel birgt.

Ihr Thron erhebt sich von Ebenholz glänzend,
die Winde schlafen ihr zu Füßen ein, 
ihr Frieden, tief wie der Frieden des Sarges,
ist Abgrund: kalt und gänzlich ohne Laut.

Die Sterne seht, wie ihr Reich sie verlassen,
den Mond, wie er sein Himmelbett verdeckt,
der blaue Schleier des höchsten Gewölbes,
um treu euch Schutz zu geben, schwarz sich färbt.

Das Echo schläft in den halbhohlen Heimen;
im Schatten schläft der leichte Zephir sanft ...
Mein Hass nur wacht und betrachtet verwundert
die Friedlichkeit, ihm völlig unbekannt.

Kein Murmeln wird in der grabgleichen Stille
enthüllen können das Geheimnis, schwarz ... 
Nur euch, ihr Geister des großen Mysteriums
beglückwünscht jetzt die stumme Stimme schon.

Kommt her! Kommt her, denn mit Groll überladen 
spür’ diese Stirn ich, die ihr glühen seht,
die Lorbeer sucht, der mit Tränen benetzt ist,
damit ihr herbes Leiden sanfter wird!

Kommt her! Kommt her, ihr unzähmbaren Geister!
Erfüllt mit Grauen, Trauer diesen Ort! ...
Kommt her, bewegt mit Bedacht eure Schwingen, 
entflammt damit noch mehr mein Herz, kommt her!

Kommt her! Kommt her! Vom barbarischen Feinde
erhoff ich bald zu trinken reichlich Galle ...
Nie wachen mehr meine schlaflosen Lider,
wenn seine ihm mein grimmes Toben zudrückt.

Gebt meinen Lippen, die gierig sich regen,
sein dampfend Blut ohn Unterlass – los, eilt!
Mag es verschlingen, in Sturzbächen trinken
mein nie gestillter, inniglicher Durst!

Lasst meine Zähne mit knirschendem Knacken
sein untreu Herz in tausend Stücke spalten,
ich schlafe dann wie auf prächtigem Brautbett
auf seiner Haut, die warm noch ist und blutig.

Wenn ich so liebliche Bilder beschreibe,
spür ich mein Herz vor Wonne lauter schlagen ...
Geister des Grauens, nicht zaghaft erweist euch
und bringt vergeblich nicht mein Blut in Wallung! 

Wenn aus den dürren, den einsamen Feldern
ein überreiches Fest ihr wollt gewinnen,
gebt mir, so gebt, seine wehrlosen Glieder, 
daran soll sich mein Hunger endlich stillen.

Ihr Untertanen des Frevels, ihr Diener des Fehltritts, 
Herbei! Herbei! Fliegt los! Fliegt los!
Ersehnten Jubels schlug endlich die Stunde,
es öffnete die Ewigkeit ihr Tor.

Aus dem Spanischen von Àxel Sanjosé

La venganza

Invocación a los espíritus de la noche

¡Callados hijos de la noche lóbrega!
¡Espíritus amantes del pavor,
que la venganza alimentáis recóndita,
y esfuerzo dais al criminal amor!

¡Númenes mudos de asechanzas pérfidas,
protectores del odio y la traición, 
que disipáis vacilaciones tétricas
de flojo miedo y necia compasión;

los que en las selvas solitarias, lúgubres,
dais al bandido el rápido puñal
y los gemidos sofocáis inútiles
del que a su golpe sucumbió mortal!

¡Ministros del error, del crimen súbditos!
¡Atender! ¡Atender! ¡Volad! ¡Volad!
Que ya la hora sonó de ansiado júbilo,
y sus puertas abrió la eternidad.

Dejad los antros de la inmunda crápula,
do prodigáis mezquina inspiración;
y el blando sueño de la virgen cándida
no perturbéis con lóbrega visión,

ni atormentéis vigilias del ascético;
ni adustos con la esposa criminal,
la hagáis soñar que se convierte en piélago
de hirviente sangre el tálamo nupcial;

ni a inicuos jueces la inultas víctimas
reproduzcáis en lúgubre escuadrón;
ni al vil logrero la indigencia lívida,
lanzando en él terrible maldición.

  ¡Más digno fin, placeres más insólitos
hoy os preparo, espíritus sin luz!
Momentos son a vuestras ansias prósperos
los que esta noche envuelve en su capuz.

Su torno se alza esplendoroso de ébano
y los vientos se duermen a sus pies
y su honda paz, como la paz del féretro,
profunda, fría y sin sonido es.

Ved las estrellas de su imperio prófugas;
ved cual cubre la luna su dosel, 
y el manto azul de la celeste bóveda
negro se vuelve, en protegeros fiel.


El eco duerme en sus asilos cóncavos;
duerme en la sombra el céfiro fugaz...
Mi odio tan solo vela, y mira atónito
la para él desconocida paz.

Ningún rumor en el silencio fúnebre
el negro arcano revelar podrá...
¡Solo a vosotros, del misterio númenes,
la muda voz os felicita ya!

¡Venid! ¡Venid, que de rencores grávida
siento esta frente que miráis arder,
y un lauro pide que refresquen lágrimas
para templar su acerbo padecer!

¡Venid! ¡Venid, espíritus indómitos!
¡De horror y duelo este recinto henchid!...
Venid, las alas sacudiendo próvidos,
a enardecer mi corazón, ¡venid!

¡Venid! ¡Venid! Del enemigo bárbaro
beber anhelo la abundante hiel...
¡No más insomnes velarán mis párpados
si a él se los cierra mi furor cruel!

¡Dadle a mis labios, que se agitan ávidos,
sangre humeante sin cesar, corred!
¡Trague, devore sus raudales rápidos,
jamás saciada mi ferviente sed!

¡Hagan mis dientes con crujidos ásperos
pedazos mil su corazón infiel,
y dormiré, cual en suntuoso tálamo,
en su caliente, ensangrentada piel!

Al retratar tan plácidas imágenes,
siento de gozo el corazón latir...
¡Espíritus de horror, no pusilánimes
dejéis mi sangre inútilmente hervir!

Si de estos campos solitarios, áridos,
queréis tener magnífico festín,
dadme sus miembros, dádmelos escuálidos,
y en ellos mi hambre se apaciente al fin.

¡Ministros del error, del crimen súbditos!
¡Atended! ¡Atended! ¡Volad! ¡Volad!
¡Que ya la hora sonó de ansiado júbilo,
y sus puertas abrió la eternidad!

Aus: Spanische und hispanoamerikanische Lyrik. Bd. 2: Von Luis de Góngora bis Rosalía de Castro. Hrsg. v. Martin von Koppenfels und Johanna Schumm. München: C.H. Beck, 2022, S. 420ff.

Manche Vögel sind Späher

Christine Busta 

(* 23. April 1915 in Wien; † 3. Dezember 1987 ebenda)

Die Botschaft

Manche Vögel sind Späher:
Sie hocken auf Wipfeln und Graten
oder im Dickicht, gesanglos. 
Unvertraut sind die Nester 
ihrer Herkunft, die Flüge 
unerreichbar, und jäh trifft 
mitten ins Herz ihr Schrei.

Manche Worte sind lautlos, 
aber immer äugt etwas
her nach dir aus der Stille.
Eingesehn sind die Wege, 
alle. Geh nur! Schon witterst
du den bergenden Herdrauch. 
Doch am Rande der Dörfer 
holt es für immer dich ein.

Aus:

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Deutsche Gedichte von 1900 bis zur Gegenwart. Herausgegeben von Fritz Pratz. Zweite erweiterte Neuausgabe. Frankfurt/Main: Fischer, 1987, S. 55.

Sieh da, der Sommer – ein weiterer Sommer – ist tot

Màrius Torres

(* 30. August 1910 in Lleida; † 29. Dezember 1942 in Sant Quirze Safaja)

Schüsse von Jägern schrecken den hellen Nachmittag auf!
Sieh da, der Sommer – ein weiterer Sommer – ist tot.
Leinen und Lavendel blühten; noch rosa ist das Heidekraut,
die Ulmen färbten sich schon gelb nach Nord.

Und gestern Nacht, da stieg gleich einem jungen Traum
des Jahres erster Frost, ganz blau, herab,
und wieder frisch, wie knetbar weicher Ton,
lebt auf mein Wesen, zusammengekauert im Bett.

Wie wiederholt doch jedes Jahr dieselben Wunder!
Heut wird der Himmel höher sein und flüchtiger,
ein Luftzug, des vielen grünen Schauspiels müde,
streut dann ein leichtes Gold aus, glücklich, tätig,

und die so oft geles’nen Bücher, die altvertrauten,
sie sind dann prall und voll wie gute Muskatellertrauben,
die wir am Abend essen, die in uns Hoffnung wecken,
als wären weder Welt noch Menschen ein Jahr älter.

(1940)

Aus dem Katalanischen von Àxel Sanjosé, aus: Màrius Torres, Poesies / Gedichte, katalanisch/deutsch. Aachen: Rimbaud, 2019, S. 83

Dispars de caçadors sobtant la tarda clara!
Heus ací que l’estiu —un altre estiu— és mort.
Floriren lli i espígol; el bruc és rosa encara,
han groguejat els oms de cara al nord.

I aquesta nit, igual que un somni jove,
el primer fred de l’any, tot blau, ha descendit
i fresc, altra vegada com una gresa tova,
el meu ésser s’aviva, ben arraulit al llit.

Com cada any repeteix iguals miracles!
Avui el cel serà més alt, més voladís,
un aire, fatigat de tan verds espectacles,
escamparà un or tènue, activament feliç,

i els llibres tan llegits, la vella confiança,
seran tersos i plens com els bons moscatells
que mengem cap el tard i ens omplen d’esperança
com si ni el món ni els homes fossin un any més vells.

Ebd. S. 82

Nur weil sie halt geboren sind

Alfred Kerr 

(* 25. Dezember 1867 in Breslau; † 12. Oktober 1948 in Hamburg)

DAS SCHLIMMSTE

Die Juden haben unbestritten 
Von allen Verfolgten das Schlimmste gelitten:
Nicht weil sie politisch verschworen sind —
Nur weil sie halt geboren sind.

(1936)

Aus: AN DEN WIND GESCHRIEBEN. Lyrik der Freiheit. Gedichte der Jahre 1933-1945. Berlin: Agora, 1982 (4. Aufl.), S. 65.

dass man die gorgo nie wird streicheln können

Anne Martin

poetologie eines bevorstehenden unglücks
 
das geräusch wenn man glascontainer leert
alle farben zusammen kippt
 
als wäre am ende egal
wie die dinge geordnet lagen
 
sich distinktes
scherben von gewürzgurken, hustensaft und wein
 
als dröhnendes geröll entlädt
schädeltektonik zum wanken bringt
 
hinter der stirn zwischen den ohren
alles über mir zusammenbricht
 
die altersflecken der buschwindröschen
dass man die gorgo nie wird streicheln können
 
nicht zu sehen was dein schlaf dir träumt
nicht wissen wie seelen überwintern
 
laubhaufen, fotoalben oder dendriden
wie ich satt werden soll
 

seit du nicht mehr isst
so laut der wind das wasser und das nichts

Erscheint in Kürze beim Verlag parasitenpresse

Anne Martin: sollbruchstellen. Gedichte, 86 S., 12,- € (in Vorbereitung für Herbst 2023)

Lärmstadt

Gerrit Engelke 

(* 21. Oktober 1890 in Hannover; † 13. Oktober 1918 in Etaples bei Cambrai, Frankreich, gefallen heute vor 105 Jahren, wenige Wochen vor Ende der Kampfhandlungen)

DIE STADT LEBT

Um die Großstadt sinkt die Welt in Schlaf.
Felder gilben, Wälder ächzen überall.
Wie Blätter fallen draußen alle Tage, 
Vom Zeitwind weggeweht.

Die Stadt weiß nichts vom bunten Aufschrei der Natur, 
Vom letzten aufgepeitschten Blätterwirbel, 
Die Stadt hört nicht von Berg und Stoppelflur 
Den trauergroßen, herben Schlafgesang.

Ob Ebene und Wald in welkes Sterben fallen, 
Ob draußen tost Vergänglichkeit, 
Im Stadtberg brüllen Straßen, Hämmer hallen:
Die Lärmstadt dampft in Unrast ohne Zeit.

Zuerst erschienen 1923. Aus: Gerrit Engelke, Rhythmus des neuen Europa. Das Gesamtwerk. Mit einer Einführung herausgegeben von Hermann Blome. Hannover: Postskriptum, 1979, S. 53

Ich 1983

Gisbert Amm

Jungkommunist ich 1983

Ich wusste alles besser als die Alten.
Die Welt war wissenschaftlich klar und aufgeteilt. 
Hätten wir erst die storren Äste abgebeilt, 
würd uns am blanken Stamm der Zukunft nichts mehr halten.

So dachte ich in glatten Fahnenstangen.
Das weitverzweigte Leben war mir eng.
Das Dasein hatte hart zu sein und streng. 
So würden wir ins Reich der Freiheit langen.

Ich wollte nur druckreife Sätze sprechen, 
trank keinen Alkohol und hatte keine Frau, 
und wusste nichts von Stalins Großverbrechen.

Naiv war ich, mit einem Drahtverhau 
im Kopf und einem Großhirn wie ein Rechen. 
Gefahr den Freunden und erbärmlich schlau.

Aus: Gisbert Amm, Semper. Gedichte. Wien: edition fabrik.transit, 2023, S. 14

Dann schöne Welt Ade

Heute vor 65 Jahren starb der süddeutsche Heimatdichter (ja, ja!) Johannes R. Becher. Zum Anlass die erste Strophe seines Gedichts „Traumtod“ in der ersten Fassung.

Johannes R. Becher 

(* 22. Mai 1891 in München; † 11. Oktober 1958 in Ost-Berlin)

Die letzten Nächte sollte man verbringen 
Wo voll der Mond scheint und an einem See, 
Am schönsten wäre es in Überlingen 
Am Bodensee
Und wenn die Vögel singen 
Schon drei Uhr früh 
Dann schöne Welt Ade.

Aus: Johannes R. Becher, Gedichte 1949-1958. Berlin und Weimar: Aufbau, 1973 (Gesammelte Werke Bd. 6), S. 623

DAS MEER HAT heute achtundzwanzig Farben

Joan Maragall 

(* 10. Oktober 1860 in Barcelona; † 20. Dezember 1911 ebenda)

DAS MEER HAT heute achtundzwanzig Farben 
und alles ist bewegt, Himmel und Wasser; 
der Himmel glänzend blau; der Wind, wild rasend, 
zerfasert oben alle Wolken, jagt sie, 
lässt Fahnen hier und reines Weiß dort flattern, 
verbiegt, zerzaust die Bäume ohne Gnade; 
von überall her ruft's und lärmt's und leuchtet's:
Getöse und Gewühl, dass einem Angst wird.

Aus dem Katalanischen von Àxel Sanjosé, aus: Joan Maragall, Der Pinien Grün, des Meeres Blau. Gedichte. Katalanisch/deutsch. Ausgewählt, übertragen und mit einer Einführung von Àxel Sanjosé. München: Stiftung Lyrik Kabinett, 2022, S. 127

AVUI EL MAR té vint-i-vuit colors 
i tot està revolt, el cel i l'aigua;
el cel brillant i blau; el vent furiós
hi escotona els núvols i els empaita, 
fa voleiar banderes i blancors, 
retorç i esbulla els arbres amb gran sanya;
tot són crits i sorolls i lluentors 
amb un fresseig i un bellugueig que espanta.

New York

Léopold Sédar Senghor 

(* 9. Oktober 1906 in Joal, Senegal; † 20. Dezember 2001 in Verson, Frankreich) 

New York
(für Jazzorchester: Trompetensolo)

I
New York! Zuerst war ich verwirrt von deiner Schönheit, von den großen
   goldenen Mädchen mit langen Beinen.
So schüchtern zuerst vor deinen Augen aus blauem Metall, deinem 
   Lächeln aus Reif
So schüchtern. Und die Angst tief in den Wolkenkratzerschluchten
Schlug die Käuzchenaugen auf zur verfinsterten Sonne.
Schweflig dein Licht, bleifarben die Schäfte deren Köpfe den Himmel bestürmen,
Die Wolkenkratzer die den Zyklonen trotzen mit stählernen Muskeln und
   ihrer glattgeschliffenen Steinhaut.
Doch vierzehn Tage auf dem kahlen Pflaster Manhattans
– Am Ende der dritten Woche springt wie ein Jaguar dich das Fieber an – 
Vierzehn Tage ohne Brunnen und Weide und alle Vögel der Lüfte
Fallen tot herab zu der Asche auf den Terrassen.
Kein Lachen blühenden Kindes, dessen Hand meine frische Hand faßt.
Keine Mutterbrust – aber Nylonbeine, Beine und Brüste ohne Gerüche und
   Schweiß.
Kein zartes Wort denn es fehlt an Lippen, nur künstliche Herzen mit harter
   Münze bezahlt
Und nirgends ein Buch der Weisheit. Der Malerpalette entblühen Korallen-
   kristalle.
Nächte der Schlaflosigkeit o Nächte Manhattans! Von Irrlichtern durchzuckt und
   Hupen heulen die Leere der Stunden aus.
Und dunkle Wasser spülen all die hygienische Liebe davon wie angeschwollene
   Flüsse Kinderleichen.
III
New York! Ich sage dir: New York laß schwarzes Blut zufließen deinem Blut
Daß es die Stahlgelenke dir mit Lebensöl entroste
Daß deinen Brücken es den Schwung von Kruppen schenke und die Biegsamkeit
   der Lianen.
Da kommen die uralten Zeiten zurück, die wiedergefundene Einheit, Ver-
   söhnung von Löwe, Stier und Baum,
Der Gedanke der Tat verknüpft, das Ohr dem Herzen, das Zeichen dem Sinn.
Da rauschen deine Flüsse von moschusduftenden Krokodilen und wunder-
   äugigen Lamantinen*. Und die Sirenen braucht man nicht zu erfinden.
Doch es genügt schon die Augen dem April-Regenbogen zu öffnen
Und die Ohren, vor allem die Ohren Gott der aus einem Saxophonlachen
   Himmel und Erde erschuf an sechs Tagen
Und am siebenten Tage schlief er den großen Schlaf des Negers.

Aus: Léopold Sédar Senghor: Botschaft und Anruf. Sämtliche Gedichte. Frz. u. dt. Hrsg. u. übersetzt von Janheinz Jahn. München: Hanser, 1963, S. 105

*) Lamantin: robbenartig gebaute Tiergattung aus der Ordnung der Wale und der Unterordnung der Sirenen. Mit fast nacktem Fischleib, bläulich-grauer Haut, wenigen borstigen Haaren, stärker beborsteter Oberlippe und vier kleinen Blattnägeln an den Zehen der Brustflossen. Im afrikanischen Mythos trinken die Lamantine (oder Seekühe) noch immer an der Quelle, wie einst, als sie noch Vierfüßler oder Menschen waren. (Ebd.)

A New-York
(pour un orchestre de jazz: solo de trompette)

I
New-York! D'abord l'ai été confondu par ta beauté, ces grandes filles d'or 
   aux jambes longues.
Si timide d'abord devant tes yeux de métal bleu, ton sourire de givre
Si timide. Et l'angoisse au fond des rues à gratteciel
Levant des yeux de chouette parmi l'éclipse du soleil.
Sulfureuse ta lumière et les fûts livides, dont les têtes foudroient le ciel
Les gratte-ciel qui défient les cyclones sur leurs muscles d'acier et leur 
   peau patinée de pierres.
Mais quinze jours sur les trottoirs chauves de Manhattan
– C'est au bout de la troisième semaine que vous saisit la fièvre en un 
   bond de jaguar
Quinze jours sans un puits ni pâturage, tous les oiseaux de l'air 
Tombant soudain et morts sous les hautes cendres des terrasses.
Pas un rite d'enfant en fleur, sa main dans ma main fraîche
Pas un sein maternel, des jambes de nylon. Des jambes et des seins sans 
   sueur ni odeur.
Pas un mot tendre en l'absence de lèvres, rien que des cœurs artificiels 
   payés en monnaie forte 
Et pas un livre où lire la sagesse. La palette du peintre fleurit des cristaux 
   de corail.
Nuits d'insomnie ô nuits de Manhattan! si agitées de feux follets, tandis 
   que les klaxons hurlent des heures vides
Et que les eaux obscures charrient des amours hygiéniques, tels des 
   fleuves en crue des cadavres d'enfants.
IlI
New-York! je dis New-York, laisse affluer le sang noir dans ton sang
Qu'il dérouille tes articulations d'acier, comme une huile de vie
Qu'il donne à tes ponts la courbe des croupes et la souplesse des lianes.
Voici revenir les temps très anciens, l'unité retrouvée la réconciliation du 
   Lion du Taureau et de l'Arbre
L'idée liée à l'acte l'oreille au cour le signe au sens.
Voilà tes fleuves bruissants de caimans musqués et de lamantins aux yeux de 
   mirages. Et nul besoin d'inventer les Sirènes.
Mais il suffit d'ouvrir les yeux à l'arc-en-ciel d'Avril
Et les oreilles, surtout les oreilles à Dieu qui d'un rire de saxophone créa le ciel 
   et la terre en six jours.
Et le septième jour, il dormit du grand sommeil nègre.

Als Dichter begründete Léopold Sédar Senghor zusammen mit Aimé Césaire und anderen das Konzept der „Négritude“, laut Verlagswerbung „der politischen und geistigen Einigkeitsbewegung aller Afrikaner, die Sartre als »eine liebevolle Einstellung zur Welt« definiert. »Négritude«, wie Senghor und Césaire sie begreifen, ist der Versuch, die Werte afrikanischer Kultur zusammenzufassen und dem Schwarzen Afrika Selbstvertrauen und Selbstbewußtsein zurückzugeben.“

Reiche Katze und arme Katze

Orhan Veli Kanık

(* 13. April 1914 in Istanbul; † 14. November 1950 ebenda) 

Geschwänztes Gedicht.

WIR PASSEN nicht zusammen, verschieden sind unsere Wege.
Du Fleischerskatze und ich Straßenkatze.
Dein Futter im verzinnten Napf, 
Meins in des Löwen Rachen.
Du träumst von Liebe, und von Knochen ich.

Aber dein Los ist auch nicht grad leicht, lieber Bruder!
Leicht ist's ja doch nicht,
Den lieben langen Tag nur mit dem Schwanz zu wedeln!
Antwort der Fleischerskatze an die Straßenkatze.

DU SPRICHST von Hungrigsein.
Das heißt, du bist Kommunist.
Das heißt, du bist's, der alle Häuser ansteckt –
Du, die in Istanbul 
Du, die in Ankara ...

Was bist du doch für'n Schwein, du!

Deutsch von Annemarie Schimmel, aus: Aus dem goldenen Becher. Türkische Gedichte aus sieben Jahrhunderten. Köln: Önel-Verlag, 1993, S. 204f

die verscheißerung von gesamteuropa

Papenfußserie #6. 1992 erschien erstmals ein Band von Papenfuß in Gerhard Wolfs neuem Verlag janus press (in Zusammenarbeit mit BasisDruck Berlin). Sein Titel war LED SAUDAUS, er enthielt die zwei Zyklen notdichtung (1988) und karrendichtung (1990). Ein Klappentext des Verlegers spricht von „german graffitis in einer unerwarteten Zeit-Dichtung, wie man sie bisher nicht kannte“.

Notdichtung wird in einem Untertitel „eine weitere säule des gesangs“ genannt – der junge Dichter zeichnet sich selbstbewusst-selbstironisch eine historische Dimension. Weiter enthält die Titelseite des Zyklus ein Mottogedicht und eine Unterzeile, die quasi poetischen Standort und Zeit benennt: „ation-aganda-aranyakas, samain 1988“. Die Wörter kannte man aus früheren Veröffentlichungen oder würde sie später wiederfinden. Hier ein Gedicht aus „notdichtung“.

Bert Papenfuß

(* 11. Januar 1956 in Stavenhagen; † 26. August 2023] in Berlin) 

die verscheißerung 
von gesamteuropa

unter der last einer kinderschar 
der machenschaften der scharfmache 
einer sexualität in expertenhänden 
sich aufplusternder superstrukturen 
allzu hinlänglicher hangschultern 
kleiner diebe von körpersäften 
von toteis, von totmannknopf 
& eines so weiter, das rädert

mit hilfe jedoch unserer freunde 
lockstoffe, fängigster lebendköder 
blinkendsten zuckens, das sprießt 
des uns über gebühren gebührenden 
des selbsterlesenen selbsterlegten 
des schnees, des schauers & des grauens 
all der senge, die wir beziehen mögen 
& des letzten, was uns übrigbleibt

denn es muß uns doch gelingen 
kernbrennstäben, glut & brut 
blühendem kriege, feuer & blut 
sturen strukturen mit vollem spaß 
einen garaus zu garantieren 
der jedem dachdecker droht 
eine ruhe einzurühren, die umhaut 
& eine sinngebung herbeizusinnen

aus dem vollen – in die vollen

Aus: Bert Papenfuß, LED SAUDAUS notdichtung. karrendichtung. Berlin: janus press, 1991, S. 26