Lukas Palamar
Gattungen Fremd in der Lyrik, kenne ich kein anderes Leben als dieses, dessen Eindrücke auf mich einprasseln wie ein Graupelschauer im Winter. Fremd im Drama, muss ich Gegensätze einen, Widersprüche binden, um ein Teil dessen zu sein, womit ich nichts zu tun haben will. Fremd in der Epik, bin ich ein Junge, der wie ein Wasserfall plappert, dessen Mutter ihn darauf anspricht, der für immer verstummt. Fremd in jeder Gattung, habe ich das Leben auswendig gelernt, fehlt nur noch der Tod, und meine Sammlung ist komplett.
Aus: Abwärts! Nr. 49, Oktober 2023, S. 19
Kristin Schulz
jede menge. für bert
„stehaufmännchen, stehaufmännchen,
wo hast du deine beine"
jede menge
schnippchen geschlagen
& ausgetrieben
der schippe den tod der kippe die hast
den sätzen den schluss dem fehler die last
& eingebläut
dem tresen das fest
letzte stunde nächste runde
einberufen ausgestoßen
im gestrüpp
den worten den rest gegeben
silben & silber verjubelt
sämtlichen wiedergängern
ins fäustchen gespuckt
aus voller kehle
die segel gebläht die kegel
vertäut im wind –
gegen die fallen (der fälle)
alle samen im fluss & die ufer
abwegig genug
zu betreten &
wieder & weiter
aufgestanden immer
ausgestanden nimmer
ruinos porös komatös
ab- & auf-
gelöstes flöz
in der parkklinik weißensee
eine amsel gegen morgen zu
wusste es besser als wir –
wohin wenden
die wunden
sich schicht
um schicht
tiefer (nach dem
verlust) –
dissonanz
in reinform
der reimform
Aus: Abwärts! Nr. 49, Oktober 2023, S. 2
Ataol Behramoğlu
(* 13. April 1942 in Istanbul)
Wenn ich sterbe sterb ich gegen Abend Wenn ich sterbe sterb ich gegen Abend Pechschwarzer Schnee fällt auf die Stadt Mein Herz verdeckt alle Wege Zwischen meinen Fingern Sehe ich: die Nacht ist gekommen Wenn ich sterbe sterb ich gegen Abend Die Kinder gehen ins Kino Mein Gesicht in einer Blume vergraben Mir ist fast zum Weinen zumute Dahinten fährt ein Zug vorbei Wenn ich sterbe sterb ich gegen Abend Ich möchte meinen Kopf nehmen und losgehen An einem Abend betret ich eine Stadt Zwischen Aprikosenbäumen hindurch Geh ich schau aufs Meer Und seh mir ein Theaterstück an Wenn ich sterbe sterb ich gegen Abend In der Ferne zieht eine Wolke vorüber Eine düstere Kindheitswolke Ein surrealistischer Maler Beginnt die Welt zu verändern Vogelstimmen, Schreie Des Meeres und der Felder Farben fließen ineinander Ich bringe dir ein Gedicht Die Wörter sprudeln aus meinem Traum Die Welt wird in Kapitel aufgeteilt In einem ist der Sonntagmorgen In einem das Himmelsgewölbe In einem das welke Laub In einem ein Mensch Für jedes Ding beginnt alles von Neuem
Aus dem Türkischen von Erika Glassen, aus: Kultgedichte Kült Şiirleri. Herausgegeben von Erika Glassen und Turgay Fişekçi. Vorwort von Erika Glassen. Zürich: Unionsverlag, 2008, S. 84ff
Ben ölürsem akşamüstü ölürüm Ben ölürsem akşamüstü ölürüm Şehre simsiyah bir kar yağar Yollar kalbimle örtülür Parmaklarımın arasından Gecenin geldiğini görürüm Ben ölürsem akşamüstü ölürüm Çocuklar sinemaya gider Yüzümü bir çiçeğe gömüp Ağlamak gibi isterim Derinden bir tren geçer Ben ölürsem akşamüstü ölürüm Alıp başımı gitmek isterim Bir akşam bir kente girerim Kayısı ağaçları arasından Gidip denize bakarım Bir tiyatro seyrederim Ben ölürsen akşamüstü ölürüm Uzaktan bir bulut geçer Karanlık bir çocukluk bulutu Gerçeküstücü bir ressam Dünyayı değiştirmeye başlar Kuş sesleri, haykırışlar Denizin ve kırların Rengi birbirine karışır Sana bir şiir getiririm Sözler rüyamdan fışkırır Dünya bölümlere ayrılır Birinde bir pazar sabahı Birinde bir gökyüzü Birinde sararmış yapraklar Birinde bir adam Her şeye yeniden başlar
Gertrudis Gómez de Avellaneda
(* 23. März 1814 in Camagüey [vormals Santa María del Puerto del Príncipe], Kuba; † 1. Februar 1873 in Madrid)
Die Rache Anrufung der Nachtgeister Ihr stummen Söhne der düsteren Nacht! Ihr Geister, die ihr das Entsetzen liebt, die ihr verborgenen Racheplan nährt, und frevelhafte Liebe unterstützt! Ihr Wesen, schweigend in tückischer Lauer, die ihr den Hass beschützt und den Verrat, die ihr vertreibt das bekümmerte Zögern der lauen Angst und dummen Mitgefühls; die ihr in finsteren, einsamen Wäldern, dem Räuber überreicht den flinken Dolch und rasch erstickt das vergebliche Wimmern, des Opfers, das dem Todesstoß erlag! Ihr Untertanen des Frevels, ihr Diener des Fehltritts, Herbei! Herbei! Fliegt los! Fliegt los! Ersehnten Jubels schlug endlich die Stunde, es öffnete die Ewigkeit ihr Tor. Verlasst die Höhlen des billigen Rausches wo ihr nur schäbige Gedanken weckt, und sanft lasst schlafen die unschuldge Jungfrau, verstört sie nicht mit eurem düstren Bild, bedrängt die Nachtwache nicht des Asketen, gebt finster nicht der frevelhaften Gattin den Traum ein, dass in ein brodelndes Blutmeer das eheliche Lager sich verwandelt; führt nicht vor Augen unredlichen Richtern der ungesühnten Opfer düstre Schar; noch feistem Wuch’rer das todbleiche Elend, das schrecklich fluchend ihn verdammt. Würdig’res Ziel und besondre Genüsse bereit ich euch, ihr Geister ohne Licht! Momente sind’s ganz nach eurem Verlangen, die diese Nacht in ihrem Mantel birgt. Ihr Thron erhebt sich von Ebenholz glänzend, die Winde schlafen ihr zu Füßen ein, ihr Frieden, tief wie der Frieden des Sarges, ist Abgrund: kalt und gänzlich ohne Laut. Die Sterne seht, wie ihr Reich sie verlassen, den Mond, wie er sein Himmelbett verdeckt, der blaue Schleier des höchsten Gewölbes, um treu euch Schutz zu geben, schwarz sich färbt. Das Echo schläft in den halbhohlen Heimen; im Schatten schläft der leichte Zephir sanft ... Mein Hass nur wacht und betrachtet verwundert die Friedlichkeit, ihm völlig unbekannt. Kein Murmeln wird in der grabgleichen Stille enthüllen können das Geheimnis, schwarz ... Nur euch, ihr Geister des großen Mysteriums beglückwünscht jetzt die stumme Stimme schon. Kommt her! Kommt her, denn mit Groll überladen spür’ diese Stirn ich, die ihr glühen seht, die Lorbeer sucht, der mit Tränen benetzt ist, damit ihr herbes Leiden sanfter wird! Kommt her! Kommt her, ihr unzähmbaren Geister! Erfüllt mit Grauen, Trauer diesen Ort! ... Kommt her, bewegt mit Bedacht eure Schwingen, entflammt damit noch mehr mein Herz, kommt her! Kommt her! Kommt her! Vom barbarischen Feinde erhoff ich bald zu trinken reichlich Galle ... Nie wachen mehr meine schlaflosen Lider, wenn seine ihm mein grimmes Toben zudrückt. Gebt meinen Lippen, die gierig sich regen, sein dampfend Blut ohn Unterlass – los, eilt! Mag es verschlingen, in Sturzbächen trinken mein nie gestillter, inniglicher Durst! Lasst meine Zähne mit knirschendem Knacken sein untreu Herz in tausend Stücke spalten, ich schlafe dann wie auf prächtigem Brautbett auf seiner Haut, die warm noch ist und blutig. Wenn ich so liebliche Bilder beschreibe, spür ich mein Herz vor Wonne lauter schlagen ... Geister des Grauens, nicht zaghaft erweist euch und bringt vergeblich nicht mein Blut in Wallung! Wenn aus den dürren, den einsamen Feldern ein überreiches Fest ihr wollt gewinnen, gebt mir, so gebt, seine wehrlosen Glieder, daran soll sich mein Hunger endlich stillen. Ihr Untertanen des Frevels, ihr Diener des Fehltritts, Herbei! Herbei! Fliegt los! Fliegt los! Ersehnten Jubels schlug endlich die Stunde, es öffnete die Ewigkeit ihr Tor.
Aus dem Spanischen von Àxel Sanjosé
La venganza Invocación a los espíritus de la noche ¡Callados hijos de la noche lóbrega! ¡Espíritus amantes del pavor, que la venganza alimentáis recóndita, y esfuerzo dais al criminal amor! ¡Númenes mudos de asechanzas pérfidas, protectores del odio y la traición, que disipáis vacilaciones tétricas de flojo miedo y necia compasión; los que en las selvas solitarias, lúgubres, dais al bandido el rápido puñal y los gemidos sofocáis inútiles del que a su golpe sucumbió mortal! ¡Ministros del error, del crimen súbditos! ¡Atender! ¡Atender! ¡Volad! ¡Volad! Que ya la hora sonó de ansiado júbilo, y sus puertas abrió la eternidad. Dejad los antros de la inmunda crápula, do prodigáis mezquina inspiración; y el blando sueño de la virgen cándida no perturbéis con lóbrega visión, ni atormentéis vigilias del ascético; ni adustos con la esposa criminal, la hagáis soñar que se convierte en piélago de hirviente sangre el tálamo nupcial; ni a inicuos jueces la inultas víctimas reproduzcáis en lúgubre escuadrón; ni al vil logrero la indigencia lívida, lanzando en él terrible maldición. ¡Más digno fin, placeres más insólitos hoy os preparo, espíritus sin luz! Momentos son a vuestras ansias prósperos los que esta noche envuelve en su capuz. Su torno se alza esplendoroso de ébano y los vientos se duermen a sus pies y su honda paz, como la paz del féretro, profunda, fría y sin sonido es. Ved las estrellas de su imperio prófugas; ved cual cubre la luna su dosel, y el manto azul de la celeste bóveda negro se vuelve, en protegeros fiel. El eco duerme en sus asilos cóncavos; duerme en la sombra el céfiro fugaz... Mi odio tan solo vela, y mira atónito la para él desconocida paz. Ningún rumor en el silencio fúnebre el negro arcano revelar podrá... ¡Solo a vosotros, del misterio númenes, la muda voz os felicita ya! ¡Venid! ¡Venid, que de rencores grávida siento esta frente que miráis arder, y un lauro pide que refresquen lágrimas para templar su acerbo padecer! ¡Venid! ¡Venid, espíritus indómitos! ¡De horror y duelo este recinto henchid!... Venid, las alas sacudiendo próvidos, a enardecer mi corazón, ¡venid! ¡Venid! ¡Venid! Del enemigo bárbaro beber anhelo la abundante hiel... ¡No más insomnes velarán mis párpados si a él se los cierra mi furor cruel! ¡Dadle a mis labios, que se agitan ávidos, sangre humeante sin cesar, corred! ¡Trague, devore sus raudales rápidos, jamás saciada mi ferviente sed! ¡Hagan mis dientes con crujidos ásperos pedazos mil su corazón infiel, y dormiré, cual en suntuoso tálamo, en su caliente, ensangrentada piel! Al retratar tan plácidas imágenes, siento de gozo el corazón latir... ¡Espíritus de horror, no pusilánimes dejéis mi sangre inútilmente hervir! Si de estos campos solitarios, áridos, queréis tener magnífico festín, dadme sus miembros, dádmelos escuálidos, y en ellos mi hambre se apaciente al fin. ¡Ministros del error, del crimen súbditos! ¡Atended! ¡Atended! ¡Volad! ¡Volad! ¡Que ya la hora sonó de ansiado júbilo, y sus puertas abrió la eternidad!
Aus: Spanische und hispanoamerikanische Lyrik. Bd. 2: Von Luis de Góngora bis Rosalía de Castro. Hrsg. v. Martin von Koppenfels und Johanna Schumm. München: C.H. Beck, 2022, S. 420ff.
Christine Busta
(* 23. April 1915 in Wien; † 3. Dezember 1987 ebenda)
Die Botschaft Manche Vögel sind Späher: Sie hocken auf Wipfeln und Graten oder im Dickicht, gesanglos. Unvertraut sind die Nester ihrer Herkunft, die Flüge unerreichbar, und jäh trifft mitten ins Herz ihr Schrei. Manche Worte sind lautlos, aber immer äugt etwas her nach dir aus der Stille. Eingesehn sind die Wege, alle. Geh nur! Schon witterst du den bergenden Herdrauch. Doch am Rande der Dörfer holt es für immer dich ein.
Aus:
Deutsche Gedichte von 1900 bis zur Gegenwart. Herausgegeben von Fritz Pratz. Zweite erweiterte Neuausgabe. Frankfurt/Main: Fischer, 1987, S. 55.
Màrius Torres
(* 30. August 1910 in Lleida; † 29. Dezember 1942 in Sant Quirze Safaja)
Schüsse von Jägern schrecken den hellen Nachmittag auf! Sieh da, der Sommer – ein weiterer Sommer – ist tot. Leinen und Lavendel blühten; noch rosa ist das Heidekraut, die Ulmen färbten sich schon gelb nach Nord. Und gestern Nacht, da stieg gleich einem jungen Traum des Jahres erster Frost, ganz blau, herab, und wieder frisch, wie knetbar weicher Ton, lebt auf mein Wesen, zusammengekauert im Bett. Wie wiederholt doch jedes Jahr dieselben Wunder! Heut wird der Himmel höher sein und flüchtiger, ein Luftzug, des vielen grünen Schauspiels müde, streut dann ein leichtes Gold aus, glücklich, tätig, und die so oft geles’nen Bücher, die altvertrauten, sie sind dann prall und voll wie gute Muskatellertrauben, die wir am Abend essen, die in uns Hoffnung wecken, als wären weder Welt noch Menschen ein Jahr älter. (1940)
Aus dem Katalanischen von Àxel Sanjosé, aus: Màrius Torres, Poesies / Gedichte, katalanisch/deutsch. Aachen: Rimbaud, 2019, S. 83
Dispars de caçadors sobtant la tarda clara! Heus ací que l’estiu —un altre estiu— és mort. Floriren lli i espígol; el bruc és rosa encara, han groguejat els oms de cara al nord. I aquesta nit, igual que un somni jove, el primer fred de l’any, tot blau, ha descendit i fresc, altra vegada com una gresa tova, el meu ésser s’aviva, ben arraulit al llit. Com cada any repeteix iguals miracles! Avui el cel serà més alt, més voladís, un aire, fatigat de tan verds espectacles, escamparà un or tènue, activament feliç, i els llibres tan llegits, la vella confiança, seran tersos i plens com els bons moscatells que mengem cap el tard i ens omplen d’esperança com si ni el món ni els homes fossin un any més vells.
Ebd. S. 82
Alfred Kerr
(* 25. Dezember 1867 in Breslau; † 12. Oktober 1948 in Hamburg)
DAS SCHLIMMSTE Die Juden haben unbestritten Von allen Verfolgten das Schlimmste gelitten: Nicht weil sie politisch verschworen sind — Nur weil sie halt geboren sind. (1936)
Aus: AN DEN WIND GESCHRIEBEN. Lyrik der Freiheit. Gedichte der Jahre 1933-1945. Berlin: Agora, 1982 (4. Aufl.), S. 65.
Anne Martin
poetologie eines bevorstehenden unglücks das geräusch wenn man glascontainer leert alle farben zusammen kippt als wäre am ende egal wie die dinge geordnet lagen sich distinktes scherben von gewürzgurken, hustensaft und wein als dröhnendes geröll entlädt schädeltektonik zum wanken bringt hinter der stirn zwischen den ohren alles über mir zusammenbricht die altersflecken der buschwindröschen dass man die gorgo nie wird streicheln können nicht zu sehen was dein schlaf dir träumt nicht wissen wie seelen überwintern laubhaufen, fotoalben oder dendriden wie ich satt werden soll seit du nicht mehr isst so laut der wind das wasser und das nichts
Erscheint in Kürze beim Verlag parasitenpresse
Anne Martin: sollbruchstellen. Gedichte, 86 S., 12,- € (in Vorbereitung für Herbst 2023)
Gerrit Engelke
(* 21. Oktober 1890 in Hannover; † 13. Oktober 1918 in Etaples bei Cambrai, Frankreich, gefallen heute vor 105 Jahren, wenige Wochen vor Ende der Kampfhandlungen)
DIE STADT LEBT Um die Großstadt sinkt die Welt in Schlaf. Felder gilben, Wälder ächzen überall. Wie Blätter fallen draußen alle Tage, Vom Zeitwind weggeweht. Die Stadt weiß nichts vom bunten Aufschrei der Natur, Vom letzten aufgepeitschten Blätterwirbel, Die Stadt hört nicht von Berg und Stoppelflur Den trauergroßen, herben Schlafgesang. Ob Ebene und Wald in welkes Sterben fallen, Ob draußen tost Vergänglichkeit, Im Stadtberg brüllen Straßen, Hämmer hallen: Die Lärmstadt dampft in Unrast ohne Zeit.
Zuerst erschienen 1923. Aus: Gerrit Engelke, Rhythmus des neuen Europa. Das Gesamtwerk. Mit einer Einführung herausgegeben von Hermann Blome. Hannover: Postskriptum, 1979, S. 53
Gisbert Amm
Jungkommunist ich 1983 Ich wusste alles besser als die Alten. Die Welt war wissenschaftlich klar und aufgeteilt. Hätten wir erst die storren Äste abgebeilt, würd uns am blanken Stamm der Zukunft nichts mehr halten. So dachte ich in glatten Fahnenstangen. Das weitverzweigte Leben war mir eng. Das Dasein hatte hart zu sein und streng. So würden wir ins Reich der Freiheit langen. Ich wollte nur druckreife Sätze sprechen, trank keinen Alkohol und hatte keine Frau, und wusste nichts von Stalins Großverbrechen. Naiv war ich, mit einem Drahtverhau im Kopf und einem Großhirn wie ein Rechen. Gefahr den Freunden und erbärmlich schlau.
Aus: Gisbert Amm, Semper. Gedichte. Wien: edition fabrik.transit, 2023, S. 14
Heute vor 65 Jahren starb der süddeutsche Heimatdichter (ja, ja!) Johannes R. Becher. Zum Anlass die erste Strophe seines Gedichts „Traumtod“ in der ersten Fassung.
Johannes R. Becher
(* 22. Mai 1891 in München; † 11. Oktober 1958 in Ost-Berlin)
Die letzten Nächte sollte man verbringen Wo voll der Mond scheint und an einem See, Am schönsten wäre es in Überlingen Am Bodensee Und wenn die Vögel singen Schon drei Uhr früh Dann schöne Welt Ade.
Aus: Johannes R. Becher, Gedichte 1949-1958. Berlin und Weimar: Aufbau, 1973 (Gesammelte Werke Bd. 6), S. 623
Joan Maragall
(* 10. Oktober 1860 in Barcelona; † 20. Dezember 1911 ebenda)
DAS MEER HAT heute achtundzwanzig Farben und alles ist bewegt, Himmel und Wasser; der Himmel glänzend blau; der Wind, wild rasend, zerfasert oben alle Wolken, jagt sie, lässt Fahnen hier und reines Weiß dort flattern, verbiegt, zerzaust die Bäume ohne Gnade; von überall her ruft's und lärmt's und leuchtet's: Getöse und Gewühl, dass einem Angst wird.
Aus dem Katalanischen von Àxel Sanjosé, aus: Joan Maragall, Der Pinien Grün, des Meeres Blau. Gedichte. Katalanisch/deutsch. Ausgewählt, übertragen und mit einer Einführung von Àxel Sanjosé. München: Stiftung Lyrik Kabinett, 2022, S. 127
AVUI EL MAR té vint-i-vuit colors i tot està revolt, el cel i l'aigua; el cel brillant i blau; el vent furiós hi escotona els núvols i els empaita, fa voleiar banderes i blancors, retorç i esbulla els arbres amb gran sanya; tot són crits i sorolls i lluentors amb un fresseig i un bellugueig que espanta.
Léopold Sédar Senghor
(* 9. Oktober 1906 in Joal, Senegal; † 20. Dezember 2001 in Verson, Frankreich)
New York (für Jazzorchester: Trompetensolo) I New York! Zuerst war ich verwirrt von deiner Schönheit, von den großen goldenen Mädchen mit langen Beinen. So schüchtern zuerst vor deinen Augen aus blauem Metall, deinem Lächeln aus Reif So schüchtern. Und die Angst tief in den Wolkenkratzerschluchten Schlug die Käuzchenaugen auf zur verfinsterten Sonne. Schweflig dein Licht, bleifarben die Schäfte deren Köpfe den Himmel bestürmen, Die Wolkenkratzer die den Zyklonen trotzen mit stählernen Muskeln und ihrer glattgeschliffenen Steinhaut. Doch vierzehn Tage auf dem kahlen Pflaster Manhattans – Am Ende der dritten Woche springt wie ein Jaguar dich das Fieber an – Vierzehn Tage ohne Brunnen und Weide und alle Vögel der Lüfte Fallen tot herab zu der Asche auf den Terrassen. Kein Lachen blühenden Kindes, dessen Hand meine frische Hand faßt. Keine Mutterbrust – aber Nylonbeine, Beine und Brüste ohne Gerüche und Schweiß. Kein zartes Wort denn es fehlt an Lippen, nur künstliche Herzen mit harter Münze bezahlt Und nirgends ein Buch der Weisheit. Der Malerpalette entblühen Korallen- kristalle. Nächte der Schlaflosigkeit o Nächte Manhattans! Von Irrlichtern durchzuckt und Hupen heulen die Leere der Stunden aus. Und dunkle Wasser spülen all die hygienische Liebe davon wie angeschwollene Flüsse Kinderleichen.
III New York! Ich sage dir: New York laß schwarzes Blut zufließen deinem Blut Daß es die Stahlgelenke dir mit Lebensöl entroste Daß deinen Brücken es den Schwung von Kruppen schenke und die Biegsamkeit der Lianen. Da kommen die uralten Zeiten zurück, die wiedergefundene Einheit, Ver- söhnung von Löwe, Stier und Baum, Der Gedanke der Tat verknüpft, das Ohr dem Herzen, das Zeichen dem Sinn. Da rauschen deine Flüsse von moschusduftenden Krokodilen und wunder- äugigen Lamantinen*. Und die Sirenen braucht man nicht zu erfinden. Doch es genügt schon die Augen dem April-Regenbogen zu öffnen Und die Ohren, vor allem die Ohren Gott der aus einem Saxophonlachen Himmel und Erde erschuf an sechs Tagen Und am siebenten Tage schlief er den großen Schlaf des Negers.
Aus: Léopold Sédar Senghor: Botschaft und Anruf. Sämtliche Gedichte. Frz. u. dt. Hrsg. u. übersetzt von Janheinz Jahn. München: Hanser, 1963, S. 105
*) Lamantin: robbenartig gebaute Tiergattung aus der Ordnung der Wale und der Unterordnung der Sirenen. Mit fast nacktem Fischleib, bläulich-grauer Haut, wenigen borstigen Haaren, stärker beborsteter Oberlippe und vier kleinen Blattnägeln an den Zehen der Brustflossen. Im afrikanischen Mythos trinken die Lamantine (oder Seekühe) noch immer an der Quelle, wie einst, als sie noch Vierfüßler oder Menschen waren. (Ebd.)
A New-York (pour un orchestre de jazz: solo de trompette) I New-York! D'abord l'ai été confondu par ta beauté, ces grandes filles d'or aux jambes longues. Si timide d'abord devant tes yeux de métal bleu, ton sourire de givre Si timide. Et l'angoisse au fond des rues à gratteciel Levant des yeux de chouette parmi l'éclipse du soleil. Sulfureuse ta lumière et les fûts livides, dont les têtes foudroient le ciel Les gratte-ciel qui défient les cyclones sur leurs muscles d'acier et leur peau patinée de pierres. Mais quinze jours sur les trottoirs chauves de Manhattan – C'est au bout de la troisième semaine que vous saisit la fièvre en un bond de jaguar Quinze jours sans un puits ni pâturage, tous les oiseaux de l'air Tombant soudain et morts sous les hautes cendres des terrasses. Pas un rite d'enfant en fleur, sa main dans ma main fraîche Pas un sein maternel, des jambes de nylon. Des jambes et des seins sans sueur ni odeur. Pas un mot tendre en l'absence de lèvres, rien que des cœurs artificiels payés en monnaie forte Et pas un livre où lire la sagesse. La palette du peintre fleurit des cristaux de corail. Nuits d'insomnie ô nuits de Manhattan! si agitées de feux follets, tandis que les klaxons hurlent des heures vides Et que les eaux obscures charrient des amours hygiéniques, tels des fleuves en crue des cadavres d'enfants.
IlI New-York! je dis New-York, laisse affluer le sang noir dans ton sang Qu'il dérouille tes articulations d'acier, comme une huile de vie Qu'il donne à tes ponts la courbe des croupes et la souplesse des lianes. Voici revenir les temps très anciens, l'unité retrouvée la réconciliation du Lion du Taureau et de l'Arbre L'idée liée à l'acte l'oreille au cour le signe au sens. Voilà tes fleuves bruissants de caimans musqués et de lamantins aux yeux de mirages. Et nul besoin d'inventer les Sirènes. Mais il suffit d'ouvrir les yeux à l'arc-en-ciel d'Avril Et les oreilles, surtout les oreilles à Dieu qui d'un rire de saxophone créa le ciel et la terre en six jours. Et le septième jour, il dormit du grand sommeil nègre.
Als Dichter begründete Léopold Sédar Senghor zusammen mit Aimé Césaire und anderen das Konzept der „Négritude“, laut Verlagswerbung „der politischen und geistigen Einigkeitsbewegung aller Afrikaner, die Sartre als »eine liebevolle Einstellung zur Welt« definiert. »Négritude«, wie Senghor und Césaire sie begreifen, ist der Versuch, die Werte afrikanischer Kultur zusammenzufassen und dem Schwarzen Afrika Selbstvertrauen und Selbstbewußtsein zurückzugeben.“
Orhan Veli Kanık
(* 13. April 1914 in Istanbul; † 14. November 1950 ebenda)
Geschwänztes Gedicht. WIR PASSEN nicht zusammen, verschieden sind unsere Wege. Du Fleischerskatze und ich Straßenkatze. Dein Futter im verzinnten Napf, Meins in des Löwen Rachen. Du träumst von Liebe, und von Knochen ich. Aber dein Los ist auch nicht grad leicht, lieber Bruder! Leicht ist's ja doch nicht, Den lieben langen Tag nur mit dem Schwanz zu wedeln!
Antwort der Fleischerskatze an die Straßenkatze. DU SPRICHST von Hungrigsein. Das heißt, du bist Kommunist. Das heißt, du bist's, der alle Häuser ansteckt – Du, die in Istanbul Du, die in Ankara ... Was bist du doch für'n Schwein, du!
Deutsch von Annemarie Schimmel, aus: Aus dem goldenen Becher. Türkische Gedichte aus sieben Jahrhunderten. Köln: Önel-Verlag, 1993, S. 204f
Papenfußserie #6. 1992 erschien erstmals ein Band von Papenfuß in Gerhard Wolfs neuem Verlag janus press (in Zusammenarbeit mit BasisDruck Berlin). Sein Titel war LED SAUDAUS, er enthielt die zwei Zyklen notdichtung (1988) und karrendichtung (1990). Ein Klappentext des Verlegers spricht von „german graffitis in einer unerwarteten Zeit-Dichtung, wie man sie bisher nicht kannte“.
Notdichtung wird in einem Untertitel „eine weitere säule des gesangs“ genannt – der junge Dichter zeichnet sich selbstbewusst-selbstironisch eine historische Dimension. Weiter enthält die Titelseite des Zyklus ein Mottogedicht und eine Unterzeile, die quasi poetischen Standort und Zeit benennt: „ation-aganda-aranyakas, samain 1988“. Die Wörter kannte man aus früheren Veröffentlichungen oder würde sie später wiederfinden. Hier ein Gedicht aus „notdichtung“.
Bert Papenfuß
(* 11. Januar 1956 in Stavenhagen; † 26. August 2023] in Berlin)
die verscheißerung von gesamteuropa unter der last einer kinderschar der machenschaften der scharfmache einer sexualität in expertenhänden sich aufplusternder superstrukturen allzu hinlänglicher hangschultern kleiner diebe von körpersäften von toteis, von totmannknopf & eines so weiter, das rädert mit hilfe jedoch unserer freunde lockstoffe, fängigster lebendköder blinkendsten zuckens, das sprießt des uns über gebühren gebührenden des selbsterlesenen selbsterlegten des schnees, des schauers & des grauens all der senge, die wir beziehen mögen & des letzten, was uns übrigbleibt denn es muß uns doch gelingen kernbrennstäben, glut & brut blühendem kriege, feuer & blut sturen strukturen mit vollem spaß einen garaus zu garantieren der jedem dachdecker droht eine ruhe einzurühren, die umhaut & eine sinngebung herbeizusinnen aus dem vollen – in die vollen
Aus: Bert Papenfuß, LED SAUDAUS notdichtung. karrendichtung. Berlin: janus press, 1991, S. 26
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