Fritz J. Raddatz in der Welt über Durs Grünbein (und Gernhardt und manche andere): „Meister der Plauderpoeme“ – „Gedichte, begreifbar wie Fernsehnachrichten, aber aufgeputzt wie für den Souvenirladen: Was ist nur bei Durs Grünbein schief gegangen?“
Er wird ausgerufen zu einer „der markantesten Stimmen deutscher Dichtung unserer Zeit“. Vollmundiger PR-Unsinn. Wie schon seit langem und an diversen Publikationen zu beobachten: Grünbein gelingen gelegentlich recht beachtliche Gedichte – ein stringentes poetisches Werk gelingt ihm nicht. (…)
Durs Grünbein aber ist eilfertig. Ein schönes Gedicht wie „Paroxysmen an der Abendkasse“ zerstört er durch edle Gebärde; da „flüstert Blattgefieder was von Kambrium“. Derlei ist ein regelrechter Defekt seiner poetischen Architektur – halbgebildete Verblüffungseffekte stören jegliche Stille.
(…)
Die zweite Ursache muss man wohl in der Eilfertigkeit dieser Gedichtproduktion sehen, eine Art Haftminenexplosion; wo und was immer auf der Welt passiert – man kann bei diesem Autor offenbar telefonisch einen gedichteten Kommentar bestellen. Daran scheiterte schon die Begabung von Erich Fried. Eklatantes Beispiel wäre Grünbeins „Ekloge“ vom Juni dieses Jahres. Da werden den Herren Theseus, Apollo, Hermes und den Damen Galene, Arethusa, Galatea – „alle in bester Partystimmung“ – Kommentare zum griechischen Finanzchaos und Insinuationen der deutschen Ungerechtigkeit in den Mund gelegt. Ein rasch zusammengetrommelter Stammtisch.
Mit der Wirklichkeit hat dies seufzende Abrakadabra nichts zu tun. Die hat Christine Lagarde, Chefin des Internationalen Währungsfonds, in dem kurzen Statement kenntlich gemacht, die Griechen müssten eigentlich nur ihre Steuern zahlen, dann wäre die Krise schon erledigt. Beleidigung der Griechen? Nun hat aber Nikos Lekkas, seit 2010 Leiter der griechischen Steuerfahndungsbehörde SDOE diese Erklärung seinerseits mit kargen zwei Sätzen untermauert: „Die Steuerflucht in Griechenland erreicht zwölf bis 15 Prozent des Bruttosozialprodukts. Das sind 40 bis 45 Milliarden Euro im Jahr. Wenn wir davon auch nur die Hälfte eintreiben könnten, wäre Griechenlands Problem gelöst.“
So viel Wirklichkeit stört offenbar nur. Lieber schunkelt man sich, dazu ist man schließlich Dichter, eine hübsche kleine Illusion zurecht. Die zu verkünden nimmt Durs Grünbein selbstsicher Platz neben Ovid. Wohin er nicht gehört. Der scharfzüngige Karl Kraus wusste: Steht die Sonne tief, werfen auch Zwerge lange Schatten.
Durs Grünbein: Koloss im Nebel. Suhrkamp, Berlin. 200 S., 22,95 Euro.
Daß das Wort „lyrisch“ in der Musikkritik eine andere Bedeutung hat, fasziniert mich immer wieder. Welche es genau ist? Wer Genaueres darüber weiß, könnte mir aufhelfen.
In dem hier zitierten Text kommt das Wort zunächst dieser Erwartung völlig konform:
Elīna Garanča meldet sich mit ihrem neuen Album “Romantique” aus der Babypause zurück. Mit gereifter Stimme und makelloser lyrischer Schönheit erweckt sie vergessene Heldinnen der romantischen Operngeschichte zu neuem Leben.
Im Fortgang des Textes wird es differenzierter:
Ihre Stimme sei runder und voller geworden, doch dabei habe sie ihre Höhe nicht verloren, wie es nach einer Schwangerschaft etwa typisch für ihre Kolleginnen im Sopranfach ist. Elīna Garanča sieht sich noch immer in erster Linie als Lyrikerin. Sie möchte sich die elegante Schlankheit und feine Flexibilität ihrer so sonor timbrierten Stimme unbedingt erhalten.
Seinen Geburtstag, den 22. Mai 1813, kommentierte Richard Wagner selbst mit Augenzwinkern – und einem Gedicht: „Im wunderschönen Monat Mai / kroch Richard Wagner aus dem Ei; / ihm wünschen alle, die ihn lieben, / er wäre lieber drin geblieben.“ / Donaukurier
Die besondere Schönheit des nächtlichen Lyrik-Lesens besteht wohl in der Entlastung von der Bedeutsamkeit. Der Umgang mit Gedichten ist uns leider von den strengen Literaturlehrern in ganz besonderem Maß erschwert worden. Die „Interpretation“ oder die „Textanalyse“, die uns schon in der Schule als einzig seriöse Umgangsform mit Lyrik beigebracht wurden, sind in Wahrheit sehr geeignete Mittel, die Schönheiten der lyrischen Sprache zu verfehlen. Wer Gedichte singt, auswendig hersagt oder sie in tiefer Mitternacht als Vorwegnahme des Traums empfindet, erfasst von ihrer Eigenart mehr als all jene, die der Lyrik mit großem intellektuellen Aufwand eine Rationalität unterschieben, die sie weder hat noch zu haben braucht.
Vor kurzem begegnete ich im Halbschlaf dem deutschen Dichter Oskar Loerke (1884-1941), mit dem ich im hellen Licht des Tages nicht allzu viel anzufangen weiß. Aber plötzlich, im Schutz des nächtlichen Kontrollverlusts, rührte mich eine seiner Strophen an: „Zu reisen, ist der Vögel Winterschlaf, / der schwere Frösche, Schlangen oder Bären / im Schwebetraume nur mitschwebend traf. / O dass wir alle Vogelseelen wären!“
Ich kann und will über diese Verse eigentlich nicht weiter nachdenken. Sie gefallen mir – und das nur, weil meine schlafsuchende Vogelseele einmal mit Hilfe dieser schönen Strophe mühelos von der Alltagsrationalität in die Nachtgefilde hinüber gleiten konnte. / Hermann Schlösser, Wiener Zeitung
Die Lyrikerin Lydia Daher aus Augsburg sowie die Romanautoren Elias Wagner aus München und der gebürtige Rosenheimer Christian Lorenz Müller erhalten die diesjährigen Bayerischen Kunstförderpreise in der Sparte Literatur. Die drei Preise sind mit jeweils 5.000 Euro dotiert, wie das Kunstministerium am Freitag in München mitteilte. / welt.de
Die literarische Produktivität des 87-jährigen Hans Bergel ist erstaunlich. Nach den erfolgreichen Bänden mit Erzählungen „Die Wildgans“ und „Am Vorabend des Taifuns“ – beide 2011 – und dem mit höchstem Lob bedachten Winkler/Bergel-Korrespondenzband „Wir setzen das Gespräch fort“ plant Bergels Berliner Verlag noch für dieses Jahr einen Band mit Übersetzungen aus rumänischer Lyrik und einen Band mit Essays; für 2013 ist die Herausgabe der Tagebücher Bergels der Jahre 1995-2000 in mehreren Bänden vorgesehen. Als bisher letztes Buch erschien vor Kurzem der Lyrik-Band „Der schwarze Tänzer“.
Zwar bestreitet Bergel im Briefwechsel mit Manfred Winkler (B. 18, S. 55-56) vehement, ein Lyriker zu sein. Doch die rund 150 „Ausgewählten Gedichte“ lassen das als „Falschaussage“ erscheinen. Vom hermetischen Gedicht („Vor einem überwachsenen Grabstein“, S. 20) über episch ausladende freie Rhythmen („Massada“, S. 61-63) bis zur traditionellen Reimstrophe in Zyklen („Vier Variationen zum Thema Herbst“, S. 21-24) bewegt sich Bergel auf mehreren Ausdrucksebenen. /
Hans Bergel: „Der schwarze Tänzer“. Ausgewählte Gedichte. Edition Noack & Block, Berlin, 2012, Paperback mit Schutzumschlag, 153 Seiten, 16,80 Euro, ISBN 978-3-86813-008-9, erhältlich im Buchhandel.
Der dänische Philosoph Georg Brandes, der 1927 starb, führt Beschwerde darüber, wie schlecht schon zu seiner Zeit gelesen worden sei. Was lesen die Leute? Zeitungen! Und wenn sie doch mal Bücher läsen (als wäre nur Bücherlesen richtiges Lesen), dann versorgten sie sich in Leihbibliotheken, selbst vornehme Damen, die den Gedanken, sich etwa ihre Garderobe leihen zu sollen, weit von sich weisen würden. Kauften sie dennoch ein Buch, so wären sie geradezu stolz darauf, es wie zufällig im Gepäcknetz der Eisenbahn liegen gelassen zu haben. Was für eine Achtung für Bücher beweise das? (…)
Sowohl Brandes als auch Gelernter stellen die Diagnose, dass es mit dem Lesen bergab gehe. Bemerkenswerterweise sehen sie, obwohl sie rund ein Jahrhundert trennt, beide ihre Zeitgenossen am so ziemlich selben historischen Punkt angelangt, nämlich dort, wo sich die uralten Kulturtechniken noch so gerade mit zwei Fingern am Rand des Abgrunds festklammern, bevor der endgültige Sturz erfolgt: ein Cliffhanger in Ewigkeit. Was für Brandes die Leihbibliothek, das ist für Gelernter das E-Book: das bedrohliche Gespenst einer Entleiblichung des Lese-Erlebnisses. Wer das Buch nach der Lektüre nicht ordnungsgemäß ins eigene Regal schiebt (Brandes empfiehlt dazu, es selbst binden zu lassen), der werde ihm untreu. Damit aber beziehen die beiden Bildungs-Advokaten, ohne es zu wollen, einen letztlich banausischen Standpunkt. Denn wo wirklich existiert das Buch, wenn nicht im Kopf des Lesers? Das Regal als solches ist ein Sarg. Mit dem Lesen steht es wie mit dem Leben im Allgemeinen: Es tendiert dazu, keine sichtbaren Spuren zu hinterlassen – und es kommt vor in tausend unkontrollierbaren Varietäten. Das Lesen mag sich ändern, bedroht ist es nicht. / Burkhard Müller, Süddeutsche Zeitung 27.7.
Nicht nur Geburts- und Todestage von Schriftstellern werden von Verlagen und Feuilletons als Jubiläen begangen. In seltenen Fällen feiern sie auch Büchergeburtstage – so in diesem Jahr den 60. des Gedichtbands, mit dem Paul Celan im deutschsprachigen Raum bekannt wurde: „Mohn und Gedächtnis“.
Die Deutsche Verlagsanstalt in Stuttgart, Paul Celans erster Verlag in Deutschland, begeht das Jubiläum mit einem schönen bibliophilen Buch, dessen Gestaltung an die Erstausgabe von 1952 erinnert – mit dem schwarzen Leineneinband und dem Titel in stilisierter Schreibschrift. Fotos und ein materialreiches, kluges Nachwort zeichnen die Editions- und Wirkungsgeschichte von „Mohn und Gedächtnis“ nach. / Brigitte van Kann, DLF
Ja, Lyriker, denn obwohl ihn seine Romane berühmt gemacht haben bis zum Nobelpreis, haben Hesse selbst seine Gedichte immer näher gestanden. Etwa 1400 hat er geschrieben und damit auch so etwas wie ein poetisches Tagebuch hinterlassen. / Deutschland today
Ein großer Maler wollte Wilhelm Busch (1832 – 1908) werden, doch weltberühmt haben ihn die Bildergeschichten von „Max und Moritz“ oder „Die fromme Helene“ gemacht. Später schrieb er auch Prosa und Gedichte, die ihn als Meister der Sprache ausweisen: Wie viele Künstler schaffen es schon, auch mehr als 100 Jahre nach ihrem Tod nicht nur respektvoll genannt, sondern auch von einem breiten Publikum gelesen und geliebt zu werden? / Hannover Zeitung
Der kongolesische Schriftsteller (Kongo-Brazzaville) Hugues Eta Tsani ist Träger des diesjährigen Paul-Éluard-Preises. Geehrt wird er für sein Buch „L’Âme des larmes“. Der Preis wird am 23.9. in Paris verliehen. / Star du Congo
Über das gleiche Konzert das Hamburger Abendblatt:
Und wer vorher die Nachdichtung chinesischer Lyrik eines Wang-Seng-Yu aus dem Jahre 600 vor Christus oder eines Schi-King, der zwischen dem zwölften und dem siebten Jahrhundert seine Gedichte mit der Feder zu Papier brachte.
Was immer das heißen mag. Besonders der 500jährige Schi-King hat es mir angetan! Text hier
(Daß manche Zeitungen ihre Beiträge von Computern schreiben lassen, vermute ich schon länger. Frage mich nur, ob der Computer beim Konzert war oder die Besprechung so geschrieben hat. Das machte ihn menschlich. Am Grammatikprogramm muß noch gearbeitet werden.)
In den Nachdichtungen der jahrtausendealten Lyrik aus dem Reich der Mitte taucht auffällig oft jener romantische Topos auf, den wir als urdeutsch empfinden. Von der Wehmut des Einsamen ist da die Rede. Vom Mond, der als ein verliebter Träumer aufwärts steigt. Auch vom geheimnisvoll süßen Klang der Flöte und ihrem Spieler, der den Vögeln ein Gebet in ihrer Sprache in den Himmel schickt. / Die Welt
Offenbar inspiriert von den vier „o“ des Wortes Honigprotokolle schmückt Ulrich Rüdenauer seine Rezension mit einer beeindruckenden Vier-V-Treppe, die fast perfekt wär, wäre da nicht ihre Superlativitis. Gern schlüge ich vor, Superlative mal zur Probe für zwei Jahre aus Rezensionen zu verbannen oder sie der „Zeit“ zu überlassen:
Die „Honigprotokolle“ von Monika Rinck, der vielleicht vielseitigsten, vielschichtigsten, vollkommensten Dichterin ihrer Generation, haben aber weitaus mehr zu bieten als nur den überlieferten Metaphern- und Symbolfundus. An ihnen bleibt alles haften, was der Lyrikerin im Alltäglichen über den Weg läuft, ob es Dialogfetzen sind oder Theoriefundstücke, Gedanken oder Bilder, ob sie Menschen begegnet oder Verluste erleidet. Profan und durch die Form überhöht findet es in diese zunächst wie Prosatexte erscheinenden Gedichte, die suggestiv sind auch durch ihren Rhythmus, durch Binnenreime und Assonanzen einen vibrierenden Sound entwickeln. Fast jeder dieser 65 Texte – die noch um Liedkompositionen von Bo Wiget ergänzt werden – beginnt mit dem leitmotivischen Satz: „Hört ihr das, so höhnen Honigprotokolle“. Es ist der aufmerksamkeitsheischende Aufruf, das was folgt, in seiner Disparatheit zu genießen, sich aber gleichwohl keinen Honig ums Maul schmieren zu lassen, sondern durch das Gebrumme und Pfeifen die Zwischentöne dieser Gedichte zu vernehmen. Die lautliche Ähnlichkeit zwischen Hohn und Honig wird hier genutzt, um auch die Bandbreite der Gedanken und Töne gleich vorwegzunehmen: Rinck kann mit Sprache ja alles, höhnisch sein und bitter, romantisch und lockend, aufbrausend und still. / Ulrich Rüdenauer, swr2 (Manuskript hier zum Nachlesen)
Monika Rinck: Honigprotokolle. Gedichte. Kookbooks
19,90 Euro
BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE
A while back, we published a poem about a mockingbird, but just because one poet has written a poem about something, he or she doesn’t hold rights to the subject in perpetuity. Here’s another fine mockingbird poem from Carol V. Davis, who lives in Los Angeles.
Mockingbird II
How perfectly he has mastered the car alarm, jangling us from sleep. Later his staccato scatters smaller bird that landed on the wire beside him. Perhaps the key to success is imitation, not originality. Once, when the cat slinked up the orange tree and snatched a hatchling, the mockingbird turned on us, marked us for revenge. For two whole weeks he dive bombed whenever I ventured out the screen door lured by his call: first tricked into thinking the soft coo was a mourning dove courting, next drawn by the war cry of a far larger animal. He swooped from one splintered eave, his mate from the other, aiming to peck out my eyes, to wrestle the baby from my arms, to do God knows what with that newborn.
American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln. Poem copyright ©2008 by Carol V. Davis, from her most recent book of poems, Between Storms, Truman State University Press, 2012. Reprinted by permission of Carol V. Davis and the publisher. Poem first appeared in Permafrost, Vol. 30, Summer 2008. Introduction copyright © 2012 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006. We do not accept unsolicited manuscripts.
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