36. Dichterin der großen Emotionen

Marina Zwetajewa, die große Moskauer Dichterin des „silbernen Zeitalters der russischen Literatur“, hat immer aus dem Vollen gelebt und geliebt. Heute wäre sie 120 Jahre alt geworden. Hier ein Porträt.

35. Straßensperrung wegen Lyrik-Lesung

… in Lorsch:

dieses Mal fanden sich neben den bewährten Dichtern auch viele Liedtexter, Erich Kästner, Marie Ebner-Eschenbach, Rainer Maria Rilke, Kurt Tucholsky, Elisabeth Lukas und sogar Reinhard Mey. mehr

34. Luxbooks

Na, wo wohl? In Wiesbaden. Nämlich:

Dabei war und ist Wiesbaden auch die Heimat unabhängiger, experimentierfreudiger Verlage mit Mut zum Besonderen, deren Wirken weit über die Grenzen der Stadt hinaus wahrgenommen wird. Hatte früher einmal der Limes Verlag, in dem Werke von Gottfried Benn, William S. Burroughs oder Raymond Queneau erschienen, seine Räume in der Taunusstraße, so logieren heute Annette Kühn und Christian Lux mit ihrem Verlag luxbooks – na wo wohl? – am Luxemburgplatz. Und haben sich als unabhängiger Kleinverlag mit besonderem Schwerpunkt auf US-Lyrik in zweisprachigen Ausgaben sowie junger deutscher Literatur einen sehr guten Namen in den Feuilletons von Zürich bis Berlin gemacht. (…)

Im aktuellen Herbstprogramm der Lyrikspezialisten sollte man vor allem ein Auge auf den Band „raumanzug“ der Dichterin Simone Kornappel, die erst kürzlich mit dem „Orphil“-Debütpreis der Stadt Wiesbaden ausgezeichnet wurde, sowie die Anthologie „40% Paradies“ der äußerst umtriebigen Berliner Lyrikgruppe G13, haben. Und wer tatsächlich immer noch meint, mit Lyrik nichts anfangen zu können, dem liefert Christian Lux ein schlagendes Gegenargument: „Gerade die kurze Form, die sich in Häppchen genießen lässt, passt doch viel besser zu unserer hektischen Zeit als Prosa. Gedichte sind die optimale S-Bahn- oder Klolektüre.“   / Sensor Wiesbaden

33. Spätes Lesen

Die zwei Bildstrecken laufen aufeinander zu: Leser und Gelesenes sind ein und dasselbe, die Briefe sind Teil der Vergangenheit dessen, der sie liest. In ihnen ist konserviert, was einmal muntere Gegenwart war. Im Gedicht schwingen die Bedenken mit, es könnte davon nicht mehr viel zu finden sein, «spätes lesen» könnte ein zu spätes Lesen werden. Die zweite Strophe ist als Frage gefasst, der das Fragezeichen fehlt und die eher einem Wunsch gleichkommt: Möge noch etwas Licht in mir brennen! / Rudolph Bussmann über Andre Rudolph: spätes lesen. Tageswoche: Wochengedicht

32. Innere Musik

TOM SCHULZ feiert mit und bei uns das Erscheinen seines neuen Gedichtbands „Innere Musik“.

mit dabei sind außerdem:

  • HANNA LEMKE.prosa
  • MARIE T. MARTIN.lyrik
  • RON WINKLER.lyrik

Mehr Informationen und Texte der Autoren unter:

http://kreuzwortberlin.wordpress.com/2012/09/28/kreuzwort-am-08-10-hanna-lemke-marie-t-martin-tom-schulz-und-ron-winkler/

8. 10.
Im Damensalon
Reuterstraße 39
Berlin

31. Dürrson, Szymborska, Hauge

1959 erschien sein erster Gedichtband, „Blätter im Wind“, viele weitere sollten folgen. Zudem übersetzte er aus dem Französischen: Rimbaud, Michaux und Yvan Goll.  Dürrson, der 2008 auf Schloß Neufra bei Riedlingen starb, blieb zeitlebens der große Ruhm versagt. Sein aus dem Nachlass von Volker Demuth publizierter Band „Denkmal fürs Wasser“ (Verlag Klöpfer & Meyer, Tübingen 2012) bietet nun eine gute Gelegenheit, den Dichter Dürrson neu- und wiederzuentdecken.

Dürrson hat mit diesem Buch dem alles umspannenden Raum des Wassers ein Denkmal gesetzt, das sich, darf man so sagen, „gewaschen hat“. Dabei wäre ihm das Material zu diesem weitausgreifenden Projekt beinahe außer Kontrolle geraten: einmal wurde das Manuskript von einem Windstoß über die Reling eines Schiffes gefegt, ein anderes Mal samt dem Fahrzeug, in dem es sich befand, gestohlen. Dürrson versuchte, das Möglichste aus seinem Gedächtnis zurückzugewinnen, aber freilich, die ursprüngliche Fassung blieb, wie er in einer Nachbemerkung zum Buch schreibt, „uneinholbar“.

Wir können nicht darüber richten, wie viel von der „Gurgelsprache der Quellen“ Dürrson tatsächlich noch zu retten gelang. Bei diesem Dichter jedenfalls begegnet uns das Wasser in vielerlei Gestalt, wird es nahezu zu einem eigenen Charakter: mal unbezwinglich, mal vom Menschen domestiziert. Und Dürrson warnt: „wer ihm Rhythmen / austreiben will und // also den Fluss begradigt / verkrümmt stattdessen / die Erde.“ Dürrsons großer Zyklus „Denkmal fürs Wasser“ ist zugleich Lehrgedicht und Formenlehre des Meeres, seiner „Ur-Hohlformen“, „Wellungen Faltungen Ein- und Aus- / stülpungen“.

(…)

Mehr Ruhm zu Lebzeiten abbekommen hat eine Dichterin, von der es jetzt ebenfalls Gedichte aus dem Nachlass gibt: Wislawa Szymborska. Die 1996 mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnete Polin hat das Buch „Glückliche Liebe und andere Gedichte“ (Suhrkamp Verlag, 2012) noch zusammen mit dem Verlag geplant; nun ist es allerdings zu ihrem Vermächtnis geworden, denn Szymborska starb im Februar diesen Jahres. Sie sei, schreibt ihr Kollege Adam Zagajewski, stets um das „Originelle, Spannende“ bemüht gewesen: „Sie liebte Konversation, gab sich ausgefallenen Lektüren hin und war an den unterschiedlichsten Wissenschaften interessiert.“

Die sie freilich auch hinterfragte, wie etwa ihr Gedicht „Träume“ verrät: „Wider das Wissen und die Lehren der Geologen, / ihrer Magneten, Kurven und Karten spottend – / der Traum türmt im Bruchteil einer Sekunde / Berge vor uns auf, so steinern, / als stünden sie in der Wirklichkeit.“ Über Teenager, alte Professoren, Verkehrsunfälle, Blinde und über Scheidung schreibt Szymborska in ihrem letzten Buch, und sie tut es so heiter und sarkastisch, wie man es seit je von ihr gewohnt ist.

Für den deutschsprachigen Leser zu entdecken ist endlich auch der Lyriker Olav H. Hauge. Hauge kannte jeden Grashalm seiner norwegischen Heimat, er bedichtete das Borstgras ebenso wie den Goldhahn, einen Fichtenwald oder einen einfachen Hauklotz. Nichts Geringes unter der Sonne, alles konnte dem 1908 in Ulvik Geborenen, der so sehr in der bäuerlichen Kultur seiner Heimat verwurzelt war, im Dichten bedeutsam sein. Aber Hauge übersetzte auch: Hölderlin, Trakl, Brecht und Celan ins Norwegische. Und er wusste: „Ein gutes Gedicht / soll riechen – nach Tee / oder nach roher Erde und frischgespaltenem Holz.“ Es mutet ein wenig seltsam an, dass viele norwegische Kritiker das 4000 Seiten umfassende Tagebuch des Dichters als sein Hauptwerk betrachten. Denn immerhin ist auch Hauges Poesie in über 100 Sprachen übersetzt und wird gelesen. Die 340 Seiten starke, von Klaus Anders in der Edition Rugerup (Gesammelte Gedichte, 2012) herausgegebene, übersetzte und kommentierte Auswahl schliesst da nur eine Lücke, von der man bislang nur nicht wusste, dass es sie gab. Weit ist Hauges poetischer Kosmos: „Frage den Wind, / voran den sachten. / Er schweift weit / und kommt oft zurück / mit guter Antwort.“

/ Volker Sielaff, Dresdner Neueste Nachrichten 8.10.

  • Werner Dürrson: „Denkmal fürs Wasser“ (Verlag Klöpfer & Meyer, Tübingen 2012)
  • Wisława Szymborska: „Glückliche Liebe und andere Gedichte“, aus dem Polnischen von Renate Schmidgall (Suhrkamp Verlag, 2012)
  • Olav H. Hauge: „Gesammelte Gedichte“, Hrsg. Klaus Anders (Edition Rugerup 2012)

30. Spielerisch

Nicht nur Hartung und von Petersdorff schreiben Sonette! Hier ein Buch, das zeigt, daß das Sonett auch jenseits des Hartungkanons geht (oder überhaupt nur da? Schließlich ist es eine Spielform). Vielleicht ist es eine gute Übung für Kritiker oder Leute, die Geschmack und Urteil schärfen wollen, diese beiden Bücher vergleichend zu studieren? Oder einfach nur Spaß haben (Leute wie Lothar Klünner und HEL stehen dafür). Überhaupt hat es keiner der beteiligten Autoren (ich nenne noch Klaus M. Rarisch und Gisela Kraft) in den Feuilleton- und Akademiekanon geschafft, zu recht? „In hundert Jahren wird man weitersehn“ – Thomas Kunst, auch in einem Sonett, nicht aus dem Band, sondern aus seinen streitbaren Gedichtgedichten. Man kann die Lebenden auch bei Lebzeiten lesen. Lothar Klünner ist 80, nur Gisela Kraft ist früh verstorben. Hier eine Rezension von Ralf Julke aus der Leipziger Internet-Zeitung:

Er trifft sie auch in diesem Büchlein, das sich einer kleinen Anzettelei aus dem Jahr 1995 widmet. So etwas zettelt freilich nur an, wer so eine seltene Spezies wie das Sonett mag. Etwa einer wie Herbert Laschet Toussaint (HEL, heute 55), der 1995 eine Vortragsreihe zum Sonett startete. Und Kollege Lothar Klünner (80) schrieb ein Sonett darüber, das sowas gar nicht mehr ginge. Und Klaus M. Rarisch (76) antwortete mit einem Sonett, das wieder ein Sonett herausforderte – und am Ende beschlossen Klünner und Rarisch einander ein Frühjahr lang mit Sonetten, in denen es auch heftig zur Sache ging, weil echte Sonettisten natürlich sofort sehen, wenn andere zwar so tun, als könnten sie Sonette schreiben – aber die strengen Regeln nicht einhalten.

Zwischenbemerkung: Nach den strengen Regeln der Sonett-Kunst sind einige der schönsten Sonette der Weltliteratur auch keine Sonette.

Was gar nichts macht, auch wenn die beiden in diesem Sonett-Dialog, den sie Tenzone nennen, einander fast die Köpfe abzureißen scheinen. Wobei augenscheinlich auch die „Tenzone“ nicht ganz hinhaut, denn anfangs geben sie sich gar nicht die Mühe, die Endverse ihres Kontrahenten aufzugreifen, um damit ihr eigenes Sonett zu beginnen.

Lothar Klünner und Klaus M. Rarisch & al., Hieb- und stichfest. Streitsonette, Reinecke & Voß, Leipzig 2012

Hier eine Rezension von Dirk Uwe Hansen

29. Kanonisch

Walter Fabian Schmid zu Harald Hartungs Poesierede

„Ewiger Ruhm dem Erfinder des Sonetts“ schrieb Valéry emphatisch – und Harald Hartung will mit seiner Rede vom 06. Oktober 2010 genau diesem Ideal des durch­konstru­ier­ten Gedichts auf die Spur. Oder eben nicht. Denn anstatt die streng kalku­lierte, geschlos­sene Form zu unter­suchen, sucht er das Offene, das Elas­tische, viel­leicht auch das Chaos. Dazu inte­rpretiert er ein Sonett des US-Ameri­kaners Robert Lowell und Sonette von deut­schen Autoren wie Chris­tian Lehnert, Jan Wagner und Dirk von Peter­sdorff sowie eigene Texte.

Harald Hartung 
Der vierzehngliedrige Salamander
Münchner Reden zur Poesie 10
Herausgegeben von Ursula Haeusgen und Frieder von Ammon
Lyrik Kabinett, 2010
28 Seiten, 12,00 Euro
Zu beziehen ist die Rede über das Lyrik Kabinett  externer Link

Beim Poetenladen komplett  anhörbar

28. Region der Unähnlichkeit

Das erste Lesen war mir ein Rausch. Niemals zuvor war ich in einer so kurzen Zeit durch einen solchen Berg von Gedichten geritten. Atemlos, erschüttert, befreit. Ja, dachte ich immer wieder, so muss man das machen.

Region der Unähnlichkeit. Region of Unlikeness. Allein das Wort Unähn­lich­keit, das Abweichende in der Identität, die selbst nicht identisch, flirrende Ränder, die ganze Dialektik in einem Wort. So wie Geschichte in einem Text von Graham zusammenschnurrt. Das ganze zwanzigste Jahr­hundert. Rhyth­misch, politisch, intellektuell. Als wäre Ordnung möglich. Als gäbe es einen Sinn jenseits des Gedichts. Aber:

„Schon zu Anfang, schon bevor sie schlüpften
war alles das gewußt werden konnte
vorbei.
Die Mutter war da, ein gelbes Auge auf mich gerichtet“
(Detail aus der Erschaffung des Menschen)
Als gäbe es Geschichte. Als sollte sie endlich beginnen.

/ Jan Kuhlbrodt, Poetenladen

Jorie Graham wurde 1950 in New York geboren, wuchs in Rom auf und studierte an der Sorbonne in Paris Philosophie und an der New York University Film. Für ihre Gedichte hat sie 1996 den Pulitzer Prize for Poetry erhalten. Sie lehrt als Boylston Professor of Rhetoric and Oratory an der Harvard University.

27. Buch für Entdecker

Mein aktueller Lieblingstext im Buch, und ich sage aktuell, weil dieses Buch mich fortan begleiten  und dabei auch der Lieblingstext wechseln wird, ist eine Art fiktives Gespräch, das der Autor mit Erik Satie führt. Cage reagiert darin auf Äußerungen Saties und solchen, die ihm zugeschrieben werden. Da Erik Satie mehr als dreißig Jahre zuvor verstarb, hört keiner von uns, was der andere sagt. Schreibt Cage im Vorsatz zu diesem Text. Man könnte meinen, dass das eine denkbar schlechte Voraussetzung für ein Gespräch ist. Was sich aber daraus entspinnt, ist pures Vergnügen. Allein die von Cage zitierte Abkehr Saties vom romantischen Künstlerbild ist ohne Gleichen amüsant und enthält auch eine frühe Abkehr vom Anthropozentrismus: Wir können nicht bezweifeln, dass Tiere Musik sowohl lieben, als auch ausüben. Das ist offenkundig. Doch scheint ihre Musikalität von der unsrigen verschieden zu sein.

Dieses Buch ist ein Buch für Entdecker und all jene, für die Freiheit nicht nur Steuerfreiheit bedeutet. / Jan Kuhlbrodt, Fixpoetry

John Cage: Empty Mind. Eine Auswahl poetischer Schlüsseltexte.Hg. von Marie Luise Knott und Walter Zimmermann.
ISBN 978-3-518-22472-4  € 19,95  Suhrkamp Verlag Berlin 2012.

26. Karl-Heinz Barck gestorben

Das „zerbombte Berlin“, schrieb er einmal, erinnerte vor allem anderen an eine „surrealistische Landschaft“.

Er zitierte aus den Erinnerungen von Heinz Trökes. Bei einem Künstlertreffen, das ein Konsul Flemming in dem veranstaltete, was von seiner Wohnung übrig war, wurde ein Gast gebeten, in der „Speisekammer“ nachzuschauen: „Und dann machte man die Tür auf, da konnte man einen Stock tiefer gucken und da war ein Toilettenbecken, in dem ein so großer Kürbis wuchs. War schon gelb.“ Barck schloss daraus, dass die Ästhetik des Unerwarteten sich historisch weiter zuspitzen ließ auf reale Erschütterungen und Traumata. Es blieb nicht die einzige Umakzentuierung, die Barck an der Tradition des Surrealismus vornahm: Großes Gewicht legte er auf die ethnologischen Interessen des Kreises um Breton, in denen er eine frühe Kritik des Eurozentrismus sah.

Einfach kann es in der DDR nicht gewesen sein, die avantgardistischen Ideen der „Überschreitung“ wieder ins Gespräch zu bringen. Erst in der Endphase, 1986, gelang es Barck, ein umfangreiches und ungemein schön gestaltetes Quellenwerk im Leipziger Reclam Verlag herauszubringen, das bis heute den Standard markiert: „Surrealismus in Paris 1919 bis 1939. Ein Lesebuch“. / Lorenz Jäger, FAZ

Mehr: Tagesspiegel (Fritz Rudolf Fries)

Veröffentlichungen (Auswahl):

  • Surrealismus in Paris 1919 – 1939 (Hrsg.), Leipzig: Reclam 1986, 2.1990
  • (Hg. mit D.Schlenstedt, W. Thierse),Künstlerische Avantgarde. Annäherungen an ein unabgeschlossenes Kapitel, Berlin: Akademie-Verlag 1979
  • (Mithg.), Gesellschaft – Literatur – Lesen. Literaturrezeption in theoretischer Sicht, Berlin-Weimar: Aufbau-Verlag 1973 (3. Aufl. 1976)
  • Continents de l’Imagination, Paris 1988
  • Poesie und Imagination (Studien zur Reflexionsgeschichte poetischer Imagination zwischen Aufklärung und Moderne, Habilitation Berlin 1989), Stuttgart/Weimar 1993
  • Aisthesis : Wahrnehmung heute oder Perspektiven einer anderen Ästhetik (Hrsg.), 5. Aufl., Leipzig: Reclam 1993
  • Arthur Rimbaud: Mein traurig Herz voll Tabaksaft (Gedichte französisch und deutsch, Hrsg. und mit einem Essay von Karlheinz Barck), Leipzig: Reclam 2003
  • Ästhetische Grundbegriffe – historisches Wörterbuch in sieben Bänden (Mithrsg.), Stuttgart/Weimar: Metzler 2000 – 2005

25. Tokotoko

«The good poem is something we may in time come to recognize New Zealand by.» Mit der programmatischen Forderung, dass gute Lyrik zu einem bestimmenden Merkmal seines Landes werden solle, beschwor der Dichter Allen Curnow in der Einleitung seiner Anthologie «A Book of New Zealand Verse» im Jahr 1945 die Einheit von Lyrik und Nation. Mittlerweile gilt Curnows Buch als wegweisende Publikation, die die Bildung eines neuseeländischen Dichtungskanons massgeblich beeinflusste.

Zumindest aus eurozentrischer Perspektive hat sich des Poeten Hoffnung auf eine synonymische Verschmelzung der Begriffe «Neuseeland» und «Lyrik» allerdings bisher nicht erfüllt. (…)

In Internet-Portalen wie nzepc (New Zealand Electronic Poetry Centre) und Best New Zealand Poems werden aktuelle Gedichte präsentiert. Journale wie «Poetry New Zealand» und «Landfall» publizieren Gegenwartslyrik, Autorinnen und Autoren werden porträtiert und literaturkritische Diskussionen geführt. Die Institution der New Zealand Poetry Society, der alljährlich stattfindende National Poetry Day sowie die Position des New Zealand Poet Laureate, des Nationaldichters, zeugen vom Stellenwert, den man Dichtung in Aotearoa, dem «Land der langen, weissen Wolke», wie Neuseeland auf Maori heisst, zuschreibt.

Bereits die Position des Nationaldichters, die Einheit schaffen will mit der Idee eines das ganze Land repräsentierenden Poeten, macht diese Differenzen deutlich. Einerseits stammt der Tokotoko, ein mit reichen Schnitzereien verzierter zeremonieller Stab, der dem Poet Laureate als Zeichen seiner Würde verliehen wird, aus der Maori-Kultur und symbolisiert somit die Dichtungstradition der polynesischstämmigen Ureinwohner des Landes. Anderseits knüpft das vor weniger als zwei Dekaden ins Leben gerufene Amt an ein europäisches Verständnis von Lyrik an, verweist es doch auf den poetischen Kanon der ehemaligen Kolonialmacht Grossbritannien, wo die angelsächsische Institution des Nationaldichters ihren Ursprung hat. / Lena Steveker, NZZ

24. Vietnamesischer Lyriker gestorben

Der vietnamesische Dichter-Dissident Nguyen Chi Thien starb am Dienstag in Kalifornien im Alter von 73 Jahren. Sein Übersetzer Nguyen Ngoc Bich erklärte, Thien sei der berühmteste vietnamesische Dichter seiner Generation. „Es ist wie das Hinsterben eines großen Symbols des sogenannten freien Vietnam, Leute, die immer noch an Freiheit und Demokratie für Vietnam glauben.“

Thien kam zum erstenmal 1960 ins Gefängnis, als er seinen Studenten sagte, anders als in ihren Lehrbüchern stehe habe nicht ein sowjetischer Angriff, sondern die amerikanischen Atombombenabwürfe in Japan den 2. Weltkrieg beendet.

Später war er noch mehrfach in Haft. 1977 schrieb er nach Entlassung aus der Haft Gedichte aus dem Gedächtnis nieder, die später unter dem Titel „Blumen der Hölle“ bekannt wurden. Er wurde erneut verhaftet, als er die britische Botschaft verließ, wo er sein Manuskript abgegeben hatte. Während seiner Haftzeit erhielt er 1985 den Internationalen Lyrikpreis in Rotterdam. 1991 wurde er entlassen, 1995 konnte er in den Westen ausreisen, wo er in Frankreich und schließlich in den USA lebte. / Boston.com

23. Experimentierfreudige Lyrik

Die Zeitung (NZZ mit NZ-Beilage) ist noch nicht in Greifswald, aber die Ankündigung:

Neuseeland ist der Ehrengast der diesjährigen Frankfurter Buchmesse, die am kommenden Dienstag eröffnet wird. Damit tritt eine Literatur ins Rampenlicht, die vom Klassisch-Vertrauten – den Erzählungen der gebürtigen Neuseeländerin Katherine Mansfield – bis in die skurrilen Welten von Keri Hulmes Kurzgeschichten reicht, die mit der mündlichen Dichtungstradition der Maori einsetzt und in eine lebendige, experimentierfreudige Gegenwartslyrik mündet.

22. Ein deutscher Dichter

«Wir waren sowohl Lyriker als auch Zyniker. Korrekt und anarchisch.» Der dies schrieb, besass eine der meistgehörten Stimmen des literarischen Expressionismus der Zwischenkriegszeit, ja verkörperte gleichsam den Aufschrei derer, welche die drastische Erfahrung der individuellen und gesellschaftlichen Versehrungen, die der Erste Weltkrieg hinterlassen hatte, in Wort und Bild darlegten. (…)

Als Klangcollage mit Lautzitaten und evokativen Stimmungen illustriert, verfehlt das Hörbild nicht seine Wirkung. / NZZ 5.10.

Max Herrmann-Neisse: Ein deutscher Dichter bin ich einst gewesen. 1 CD (rund 80 Min.), Kaleidophon-Verlag 2012.