6. Dringlichkeit

Der 1980 im nordrhein-westfälischen Meerbusch geborene und heute in der Schweiz lebende Westermann ist eine Ausnahmegestalt unter den jüngeren Lyrikern, die meist eine sprachexperimentelle Neuausrichtung ihrer Gattung anstreben. Westermann dagegen bekennt sich zu einer Poesie der „Dringlichkeit“, die primär die unsichere Kontur und Selbstwahrnehmung des Ich in den Blick nimmt, seinen Standort in der Verborgenheit „abseits der Dinge“. Damit hat er 2010 den „open mike“-Wettbewerb der Berliner Literaturwerkstatt in der Sparte Lyrik gewönnen.

Seine Gedichte geben sich narrativ, dabei wird das Erzählerische stets eingebunden in trancehafte Monologe, die vom Weltgefühl der Verlorenheit sprechen. Immer wieder sucht das an sich selbst zweifelnde und verzweifelnde Ich nach einer Verankerung – doch im „Kammerflimmern“ ist kein Halt zu finden. / Michael Braun, Tagesspiegel

Levin Westermann: unbekannt verzogen. Gedichte. Luxbooks Verlag, Wiesbaden 2013. 114 Seiten, 22 €.

5. Bilderrede (káṛi-m magána)

Ausdrucksmittel der Hausa-Poesie. Die Hausa (Haussa)-Sprache wird zwischen Nigeria und Sudan gesprochen. Rudolf Prietze sammelte seit 1904 in Tunis und Kairo Lieder aus dem Sudan. Entsprechend dem damals üblichen kolonialen und europazentrischen Blickwinkel nennt er die Hausasprecher ein „Mischvolk“, das er als „heiter-sinnlich, weltgewandt, oberflächlich“ charakterisiert. Als Basis zur Bewertung der Oberflächlichkeit muß man sich „deutsche Tiefe“ vorstellen. Dieser globalen Einschätzung entspricht die Charakterisierung ihrer Poesie. Europäisch, also deutsch, tief und echt ist nach dem deutschen Standpunkt des 19. Jahrhunderts eine Lyrik, die aus der „Tiefe des Herzens“ spricht. Den Hausa fehle „ein tieferes Gefühl für Poesie“. Er meint damit nicht, daß sie keine bemerkenswerte Poesie produzierten, sondern eben „nur“ nicht nach dem deutschen Tiefsinnsgebot.

Die Stärke und Schönheit dieser Lyrik liegt woanders:

Quelle seiner Empfänglichkeit ist nicht sowohl das Herz, als seine behende Auffassung oder, um an eine naheliegende Parallele zu erinnern, sein Esprit, der in treffenden Einfällen, wohlgeprägten Schlagworten, vor allem im káṛi-m magána d.h. in Bilderrede, versteckten, nur dem Eingeweihten verständlichen Anspielungen Befriedigung sucht. Ein glückliches Bonmot ist bei ihm (…) der Unsterblichkeit sicher.“ (Prietze S. 163f)

Der von mir zunächst ironisch als deutsch apostrophierte Standpunkt läßt sich nach zwei Seiten belegen. Da sind zunächst die französischen Wörter Esprit und Bonmot, die nicht unbedingt deutsche Tugenden bezeichnen. Man bedenke, es ist die Zeit des Ersten Weltkriegs, der sich im Westen gegen den Erzfeind richtet. [1] Opposition ist die im 19. Jahrhundert als „Herzstück“ der Lyrik angesehene „deutsche“ Innerlichkeit und (Gefühls-)tiefe vs. oberflächliche, „welsche“ Geistreichelei.

Aber es gibt noch eine Seite. Man bedenke, daß, während die Geisteswissenschaften noch weitgehend im 19. Jahrhundert verharren[2], Nietzsche und Darwin, Marx und Freud dessen Grundlagen längst unterhöhlt hatten und in Genf (de Saussure) und Rußland (die sogenannten Formalisten um Jakobson, Schklowski und Tynjanow) der Strukturalismus vorbereitet wurde und daß ferner in Kunst und Literatur Berliner und Wiener Moderne ausgangs des 19. und Innovationsschübe wie Kubismus und Futurismus eingangs des 20. Jahrhunderts schon wirkten und daß zwischen Arno Holz‘ Wortkunst und August Stramms radikalem Experimentieren die Gemütskunst in die Zange genommen wurde. Ezra Pound entwickelt das Konzept von drei Arten (oder Verfahren) der Poesie, ein Fortschritt gegen die bisher meist ein- oder zweiseitige Betrachtung, wie in der o.g. Opposition skizziert. An die Stelle binärer Oppositionen wie: rhetorisch vs. (genieästhetisch-) poetisch, objektiv vs. subjektiv (Goethe/ Hegel), pontifikal vs. profan (Brecht), unverständlich-akademisch vs. realpoetisch (Politycki) können mehrseitige treten. Die binäre Opposition zieht alles ins Kampfgetümmel und verlangt Bekenntnisse, die mehrgliedrige ermöglicht Beschreibung und Analyse. Pounds drei Arten sind: Melopoia, Phänopoia und Logopoia. In der Melopoia entsteht die Poesie aus dem Zusammentreffen von Sinn und musikalischer Seite, „welche Tragweite und Richtung dieses Sinnes steuert“ (Pound S. 83). In der Phänopoia werden „Bilder auf die visuelle Einbildungskraft projiziert“. Während Melopoia durch Übersetzen fast vollständig zerstört wird, kann Phänopoia fast unversehrt übersetzt werden. Logopoia („das jüngste und vielleicht auch das heikelste und unzuverlässigste Verfahren“) ist „der Tanz des Intellekts unter den Worten“.

Hätte Prietze statt des binären Hegelschen den beweglichen Poundschen Code gehabt, er hätte nicht zwischen germanisch und welsch herumpoltern müssen, sondern vielmehr einzelne Verfahren herausarbeiten können.

Die Orientalisten des 19. und frühen 20. Jahrhunderts sind abhängig von den Standpunkten des geisteswissenschaftlichen Diskurses, aber sie stellen Material zur Verfügung, mit dem man spätestens im 21. Jahrhundert den euro- und logozentristischen Standpunkt überwinden kann. Oralität und Performativität dieser Literatur, die von Prietze genannte Schnelligkeit (von hier kann man an Klopstock und Herder anschließen)[3], der Wechsel zwischen gemeinschaftlicher und individueller Funktion, auf den die Orientalisten hinweisen, geben dieser Poesie ihren Platz in der Weltkunst des 21. Jahrhunderts.

Anmerkungen:

[1] Reste dieser Wertung haben sich bis heute erhalten, u.a. in den in der Wissenschaft üblichen Vorbehalten gegen „Essayistisches“.

[2] Der Begriff „lyrisches Ich“ etwa wurde 1910 von Margarete Susman (in Das Wesen der modernen deutschen Lyrik) eingeführt und hält sich bis heute in der Schule und einem Teil der Literaturwissenschaft, obwohl er auf dem um 1800 neuen subjektiv-innerlichen Lyrikbegriff beruht, der in der modernen und postmodernen Lyrik nur bedingt anwendbar ist. Die Literaturwissenschaft führt eine Zentralinstanz des Sehens und Wertens im Gedicht ein in dem Moment, als Werte (Nietzsche), Bedeutung (de Saussure), ja selbst das Ich (Freud) problematisch geworden war.

[3] Prietzes Formulierung von der „behenden Auffassung“ der Hausasänger ist die inhaltlich relevante Kehrseite seiner Oberflächlichkeitsschelte. Im Bild (der Poundschen Phänopoia) erfolgt eine blitzhafte Überlagerung und Verbindung verschiedener Bereiche, im Moment erfassen wir Zusammenhänge. Klopstock sagt: Wir lesen langsamer und denken schneller.

Literatur:

  • Prietze, Rudolf: Haussa-Sänger. I. [Teildruck]. (Aus den Nachrichten von der K. Gesellschaft der Wissenschaften zu Göttingen. Philologisch-historische Klasse) 1916
  • Ezra Pound: Lesebuch. Dichtung und Prosa. Hg. Eva Hesse. München: dtv 1987
  • Erika Greber: Oppositionen. In: Heinrich Bosse / Ursula Renner (Hg.): Literaturwissenschaft. Einführung in ein Sprachspiel. Freiburg im Breisgau: Rombach, 1999 (S. 193-210).
  • Friedrich Gottlieb Klopstock: Gedanken über die Natur der Poesie. Dichtungstheoretische Schriften. Hg. Winfried Menninghaus. Frankf./M.: Insel 1989.

4. Wir sind Raja Ben Slama

Abdelwahab Meddeb bei Facebook:

Damit sich jeder von uns in die Situation Raja Ben Slamas versetzen kann, schlage ich euch vor, daß ihn jeder in seinem eigenen Namen und in der ersten Person ausspricht

Habs getan:

Ich verlange von dem islamistischen Berichterstatter der Verfassungskommission M. Habib Kheder, mich zu verklagen, wie er es mit Raja Ben Slama getan hat, denn auch ich werfe ihm vor, illegal Artikel 26 des Entwurfs der Verfassung betreffend Freiheit der Meinungsäußerung und Informationsfreiheit geändert zu haben.

Wie Raja Ben Slama werfe ich ihm vor, in die von der Kommission für Rechte und Freiheiten vorgeschlagene Version Formulierungen eingefügt zu haben, die die Ausübung der Meinungs- und Informationsfreiheit aushöhlen, indem sie an die öffentliche Ordnung und die guten Sitten gebunden werden. Wie Raja Ben Slama halte ich diese Veränderung für eine Verfälschung, die aus Artikel 26 einen gegen die Freiheit gerichteten Artikel macht. Ich verurteile diese Handlung und halte sie für einen „Vertrauensbruch.“ Wir alle sind Raja Ben Slama.

Michael Gratz

Kopie an alle Bundestagsabgeordneten, die vergangene Nacht für ein von Medienkonzernen eingebrachtes Gesetz zur Einschränkung der Informationsfreiheit stimmten sowie für alle, die evtl. der Abstimmung fernblieben, weil sie grad andres vorhatten (oder es sich nicht mit ihren Sponsoren verderben wollten?). Ich verurteile diese Handlung und halte sie für einen Vertrauensbruch. Wir sind das Volk. Wir sind Raja Ben Slama.

3. Erasures

Die neu entstandenen Gedichte selbst hingegen öffnen vielmehr Räume, bergen Schichten, in denen einerseits der nicht negierbare Bezug zu den Ausgangsgedichten mitschwingt, andererseits gerade durch die optische Darstellung des angewandten poetischen Verfahrens die Texte in Bewegung gesetzt und andere Lesarten ermöglicht werden. Dennoch ist man dabei teilweise versucht, dieses Verfahren thematisch allzu sehr in die Gedichte hineinzulesen. Dies birgt die Gefahr, manchen Texten eine mitunter unverhältnismäßig erklärende, illustrative Geste zu unterstellen und schließlich einzig darauf zu reduzieren, doch durch die Bedeutungsverschiebung der extrahierten Wörter schaffen es Hawkey und Wolf nach und nach eigenständige Gedichte herauszudestillieren, die weit über den Ausgangstext hinausweisen. Sie wecken sozusagen jene Gedichte, die noch unter der Vorlage schlummerten. Dadurch gelingt es den Beiden gleichzeitig aufzuzeigen, dass sowohl die AutorInnen als auch LeserInnen jeden Text stets aktualisieren, erweitern, verändern können bzw. müssen und dass die Arbeit daran kontinuierlich ist und nicht beendet werden kann, oder um Uljana Wolfs eigene Worte noch einmal zu verwenden: »das Herz des Textes bleibt nicht stehen, es springt.« / David Frühauf, Fixpoetry

Uljana Wolf, Christian Hawkey: Sonne from Ort. Ausstreichungen/ Erasures, engl./dt. nach den »Sonnets from the Portugese« von Elizabeth Barrett Browning und den Übertragungen von Rainer Maria Rilke. ISBN 978-3937445533. Euro 19,90 — Berlin kookbooks 2012.

Erasure als Reduktion und Bewusstseinswerweiterung. Nicht wenige Male über den Dämpfen der Korrekturflüssigkeit geschwindelt. Aber das Herz des Textes bleibt nicht stehen, es springt. Gehen die Dämpfe auch ins Hirn, wie Kleber                as der löst, Kontrollverlust, Sprach- und Gangstörungen           I compose the hole      . Jedes Erinnern ist Überschreiben. Shudder Islands. Aufblitzende schwarze Textfragmente, Inseln, in weißes Licht getaucht. Was ist darin gefangen. Gestern las ich, heute vergaß ich, morgen überschreib ich mir der Königin ihr Kind. Rumpelstilzchen tanzt so lange, bis man seinen Namen nennt. Dann zerreißt er sich und fährt in die Erde, ein anderes Land, wo er ein Literaturarchiv gründet und wartet, bis man ihn wieder zusammenfügt. Was geschieht dann mit seinem Namen?          I sang my name but it sounded strange /                            I sang the trace then // without a sound, /                                    then erased it.                                                                           (Michael Palmer)

Lesen ist die intensivste Form des Übersetzens, Übersetzen ist die intensivste Form des Schreibens, Schreiben ist die intensivste Form der Auslöschung. Ich sehe in mir die Möglichkeiten für die jeweilige Neuschreibung des Textes. Auflesen. Hänsel und Gretel. Der neuschreibende Leser macht aus dem Text kein Ganzes, er fügt ihm weiteres Material, Fragmente, Möglichkeiten hinzu. In diesem Sinn ist Lesen nie Vervollständigung eines Textes. Eher seine aufgefächerte Behinderung. Lesen und Übersetzen als Verhinderung, disability. Die Verleger des amerikanischen Verlags Action Books, Joyelle McSweeney und Johannes Göransson, veröffentlichten gegen die Übersetzungsmüdigkeit ihres Landes, gegen den Hunger des Marktes nach „glatten“ Texten ihr Manifesto for the Disabled Text. Der zweite Absatz liest sich wie ein Argument für erasures

Uljana Wolf: Ausweißen, Einschreiben. In: karawa.net 04

2. Barça und Espriu

Der Fußballklub FC Barcelona beteiligt sich offiziell am »Any Espriu« (siehe Meldung Nr. 78 vom 22. Februar). Am 20. oder 21. April 2013 wird es vor dem Liga-Spiel gegen Llevant U.E. im eigenen Stadion einen feierlichen Gedenkakt zu Ehren Salvador Esprius geben, dazu eine mehrmonatige Ausstellung in den Räumen des Club-Museums; Zitate des 1985 verstorbenen Lyrikers werden mehrere Wochen auf den Anzeigetafeln und anderen vereinseigenen Medien zu lesen sein. Darüber hinaus werden Bücher von Espriu in den Veranstaltungen zur Leseförderung, die auch vom FC Barcelona am 23. April durchgeführt werden, besondere Berücksichtigung finden. Über weitere Aktivitäten in diesem Rahmen berichtet die monatliche Vereinszeitschrift.

(Wer sich der Meldung Nr. 66 vom 19. Januar entsinnt, die über die Begeisterung des Trainers Pep Guardiola für die Gedichte von Miquel Martí i Pol berichtet, könnte fast den Eindruck gewinnen, dass es im katalanischsprachigen Raum eine besondere Verbindung zwischen Fußball und Lyrik gibt. Das wohl nicht – aber es handelt sich sicherlich um mehr als um einen bloßen Zufall. Oder ist damit zu rechnen, dass irgendein deutscher Fußballverein z.B. 2020 an den Veranstaltungen zum Celan-Jahr beteiligt ist?)

/àxel sanjosé

 

 

1. In afrikanischer Poesie

Trotz verbesserter Verkehrsverhältnisse ist auch heute noch – oft wenig abseits der Wege – ein Leben in afrikanischer Poesie möglich…

Hermann Friedrich Schatteburg: Sprachschatz des „Ubundu“. Freising-München: Dr. F.P. Datterer & Cie., [undat., Einleitung dat.: 1931], S. 4.

103. Andre Rudolph Stadtschreiber

Der Lyriker Andre Rudolph erhält das Stadtschreiberstipendium 2013 der Universitätsstadt Tübingen. Wie seine Vorgängerinnen und Vorgänger wird Andre Rudolph für drei Monate im ehemaligen Aufseherhäuschen am Stadtfriedhof leben. Von April bis Juni 2013 bekommt er ein Stipendium, um in Ruhe an aktuellen Projekten zu arbeiten. Andre Rudolph möchte die Zeit in Tübingen nutzen, um an einem Gedichtzyklus weiterzuschreiben: „Ich bringe ein Langgedicht nach Tübingen mit, zu dem in den letzten Monaten der Kontakt abzureißen drohte, das Ruhe braucht, abseits von notwendig gewordenen Jobs und für eine gewisse Zeit auch jenseits meiner Kinder.“

Bei drei Lesungen hat die interessierte Tübinger Öffentlichkeit Gelegenheit, den Autor und sein literarisches Werk kennen zu lernen. Den Auftakt bildet eine Lesung im Zimmertheater am Dienstag, 9. April 2013. / Hamburg-Nord aktuell (! stimmt, in Tübingen konnt ich noch nichts finden)

Siehe auch hier (Werkstatt Lyrik, Gedichte machen – oder zunichte machen?)

  • fluglärm über den palästen unsrer restinnerlichkeit, Gedichte, Wiesbaden: luxbooks 2009. ISBN 978-3-939557-90-6
  • confessional poetry, Gedichte, Wiesbaden: luxbooks 2012. ISBN 978-3-939557-99-9

102. Fürs / Gesinde

Das gefällt mir: Lyrik im Gesindehaus!

(Aber nein; leider trifft sich auch da nur der Kunstverein. Eintritt 8 Euro, 1 Getränk im Preis enthalten.)

101. Bilder hören

Er pokert hoch im Einsatz von Wahrnehmungen und handwerklichen Mitteln, und meist gewinnt er – und manchmal wunderbar. (…)

«Wer sehen kann, kann sehen», kommentiert die Zeile und sagt, dass das Gedicht im guten Fall Dinge zeigt, die eben noch nicht gesehen worden sind. Auch das Gedicht «Anemone» spielt mit der Hyperrealität des beobachtenden Empfindens: «die Blumen sind Frauen / kleidsam an Nachmittagen / sehe ich sie aufgehen, bevor ich / mich ihnen nähern kann // ihren Knospungen». Dann stehen sie «über den Dingen / auf dem Küchentisch z. B. / wie hin und her gerissen / sie mich haben, die Blumen // von denen ich nicht kosten kann».

Das erstaunlichste Kapitel ist vielleicht «Figurationen»; eine Galerie von hingetupften, schönen, schrägen Porträts: die Tagesmutter («im Sommer / muss man alle Mütter gut giessen»), die Alleinstehende, die Schattenschwestern, der Tanzbär, ein Mann aus Kuwait-City, der auf eine Frau wartet. Eröffnet wird die Galerie von der Geliebten: «manche nannten sie eine perfekte / Fälschung aus der Werkstatt von Delft / dabei kam sie aus Andalusien: / sie war reine Poesie ohne Sprache / wahre Musik ohne einen Ton // [. . .] wenn sie sich singen liesse, dann / in einem Chorwerk von Pergolesi». In den schönsten Passagen dieses Buchs wird, wer hören kann, Bilder hören. / Angelika Overath, NZZ

Tom Schulz: Innere Musik. Gedichte. Berlin-Verlag, Berlin 2012. 92 S., Fr. 29.90.

100. Mit meiner Angst allein

Ich bin mit meiner Angst allein
Der Brecht-Schüler Martin Pohl in den Zeiten des Kalten Krieges
Von Stephan Suschke

Am 22. Februar 1953 wurde ein 22-jähriger Mann in seiner Wohnung, Breite Straße 4 B in Berlin-Pankow, von der Staatssicherheit verhaftet. Er hieß Martin Pohl, war Meisterschüler bei Bertolt Brecht.
Der Vorwurf: Er hätte 100 Briefbögen mit dem Kopf der Jugendzeitung Junge Welt an einen US-amerikanischen CIC-Agenten für 100 Westmark weitergegeben. Pohl leugnete hartnäckig, unterschrieb unter Druck schließlich ein Geständnis, widerrief.

Im November 1953 wurde er gemeinsam mit dem Mitangeklagten Peter Lefold zu vier Jahren Zuchthaus verurteilt. Brecht setzte sich für Pohl ein – nach knapp zwei Jahren wurde Pohl freigelassen, aber sein Leben hatte einen Riss bekommen.

60 Jahre nach Pohls Verhaftung, 20 Jahre nach Öffnung der Archive rekonstruiert das Feature den simpel scheinenden Fall und macht überraschende Entdeckungen: ein ganz besonderes Dokument aus dem „Jahrhundert der Wölfe“.

DLF 2013

99. Gedichte und Denkzettel

Viele Denkzettel haben allerdings – im Gegensatz zu den Gedichten – eine relativ kurze Halbwertszeit. Das mag vor allem an der unverblümten Freizügigkeit liegen, mit der Hensel immer wieder zum Kalauer greift. Eine Marotte, die so manchen Denkzettel zäh werden lässt: „Das Ur-Laub: von welchem Busch oder Bau mag es wohl stammen?“ Da hilft es auch kaum, wenn an anderer Stelle versucht wird, dieser unliebsamen Veranlagung ironisch zuvorzukommen: „Mein Zwang zum Kalauern ist umso schlimmer, je schlimmer es ist. Auf der Gefäßchirurgie des Klinikums Wilmersdorf sah ich drei fette Frauen um das Bett der sterbenden Mutter: drei Venen von Wilmersdorf.“

Glücklicherweise bleiben die Gedichte von derartigen Wortspielereien verschont. Jan Kuhlbrodt schreibt in seinem Nachwort, der Vers, das Künstlichste, das die Sprache kennt, sei Kerstin Hensel eingeboren. Eine natürliche Weise des Artikulierens. Dem bleibt nur hinzuzufügen, dass sich ihre Sprache deswegen noch nicht im Vers erschöpft. Sie versucht ihm vielmehr immer schon voraus zu sein. Schwarz und romantisch, um einen Atemzug.

Kurzer Besuch

Jetzt kommt noch
Herr Nachtmar und fährt mir
Mit seiner grauen Hand über den Kopf
Ich rüttle mich schüttle mich und ich
Empfehle mich.

/ Peter Neumann, Fixpoetry

Kerstin Hensel: Das gefallene Fest. Gedichte und Denkzettel. Herausgegeben von Jayne-Ann Igel, Jan Kuhlbrodt und Ralph Lindner. Gebundene Ausgabe. 96 Seiten. 16,80 Euro. ISBN: 978-3-940691-41-5. poetenladen, Leipzig 2013.

98. Nadelstiche

Aus der Rede von Lydia Mischkulnig zur Premiere der Lyrikreihe „Nadelstiche“

Die Theodor Kramer Gesellschaft hat es sich zur Aufgabe gemacht, eine Lyrik-Reihe zu eröffnen, die jährlich 2 bis 4 Bände ins Licht der Öffentlichkeit rücken soll. Damit werden Zugänge zu Lebenswerken ermöglicht und dem Vergessen entrissen Konstantin Kaiser schreibt: „Die Lyrik ist vermutlich die wichtigste Gattung für Verfolgte, Flüchtende, Exilierte, Widerstehende.“ Die Reihe widersetzt sich der „Marginalisierung der Poesie im Literaturbetrieb“. Gedichte aus dem Exil und um das Exil werden geborgen. Die Reihe „Nadelstiche“ kann heute auf Grund von Spenden ihre ersten beiden Bände präsentieren. Das Gedächtnis an die Exilforscherin und Lyrikerin Siglinde Bolbecher, die ich persönlich nicht kannte, ist gesichert und kommt einer Grundsteinlegung gleich, die mit einer ihrer Entdeckungen einhergeht, nämlich der Gedichte von Trude Krakauer (…)

Gedichte sind Textkörper, die in aufbrecherischer Momentaufnahme, wie Konstantin Kaiser und Herbert Staud im Nachwort schreiben, angehen. „Nadelstich“, so heißt ein Gedicht und der Band Bolbechers. Die Erfahrung des Exils, von der ich keine Ahnung habe, nur diese, dass ich keine Ahnung habe, kann ich nur machen im Lesen und Hören, Kraft meiner Neugier. Und es baut sich ein Bild zusammen, das kein Bild ist, sondern ein Schwarm von Impulsen, Stiche versetzend meiner Vorstellungskraft und ein Bild vom Leben im Exil in den Kopf setzend. Es ist ein dynamischer Pointilismus, der sich aus den vielen und intensiven Lektüren der Gedichte Krakauers und Bolbechers zusammensetzt. Stiche, die ein Gewebe erzeugen, das wieder in sich zu einer lebendigen Gestalt anhebt und nie kristallin wird und kein konkretes Soundso und So ist die Nähe und die Fremderfahrung und der Identitätsverlust und die Heimat. Ich wollte ja immer weg aus der Heimat und hätte es mit Sechzehn nie verstanden, wieso eine Existenz in Bogotà Schwere erzeugen kann, noch dazu, wenn man Verfolgung und Vernichtung überlebt hat. Siglinde Bolbecher war weiter, tiefer im Verstehen und an die Grenze des Verstehens gegangen, wohin ich mich beame, wenn ich Gedichte lese und die Essays des Jean Amèry und von Traumorten der Sicherheit und Menschlichkeit. Im Nachwort der Herausgeber, Staud und Kaiser, die aus den flirrenden Facetten von naher Ferne, ferner Nähe – und was ist denn überhaupt Nähe? – betonen, dass der physische Kampf für die Aufarbeitung der Geschichte des Exils den Geschichten Leben einhaucht, mit Mensch und Werk in Dialog tretend. „Nadelstich“ stehe für Rebellion, für die immer neue Auflehnung gegen Gleichförmigkeit und kulturelle Einschränkung. „Daß das Leben fragil ist, diese Binsenweisheit, hat er immer gekannt, und dass man es enden kann, wie es bei Shakespeare heißt“, wie Amery schreibt:.“mit einer Nadel bloß. Dass man aber den lebenden Menschen so sehr verfleischlichen und damit im leben schon halb und halb zum Raub des Todes machen kann, dies hat er erst durch die Tortur erfahren.“
Vor 17 Jahren wurde der nigerianische Dichter Ken Saro-Wiwa in einem Schauprozess hingerichtet, weil er sich gegen die Umwelt-Zerstörung durch Ölkonzerne wie Shell im Niger-Delta empörte.

Die Nadel als Folterinstrument, als Tod, als Werkzeug für den, der sie zur Genauigkeit einsetzt, sticht, um freizulegen und wach zuhalten den Schmerz, damit nicht geschieht, was Krakauer befürchtet, dass die Zeit alles heilt: „Die Nadel der Götter ist die Zeit. Lächelnd schaun (sie) aus dem zeitenlosen Blau auf ihre Mühe, wenn sie den tausendfach zerfetzten Erdball geduldig flickt und trennt und flickt und trennt…“ …wer sie führt ist entscheidend und das Ich der Gedichte Bolbechers besagt: Ich mag die Geschichten nicht, wo immer was reinfällt, nachhüpft und daraus neu entsteht. Die sind mir zu praktisch in der Verwandlung von gestocktem Blut in zügiges Leben.

Das Geflecht des Vertrauens ist zart und Welt ist nicht zu nähen. Die Exilforscherin Bolbecher geht in ihren Gedichten nicht zart mit der Welt um, sie riss Welten aus der Vergessenheit. 1993 lernte sie Trude Krakauer, die 1939 aus Wien geflohen war, in Bogotà kennen. Ihre Gedichte brachte sie mit und nun sind sie erschienen, gleichzeitig.
(…)

Das Exil- Gedicht – und ich lese Bolbechers Gedichte als solche, denn sie kreisen um eine Sehnsucht der Sicherheit, im Sinne von Heimat gegen die Ausgestoßenheit. „Das Herz und sein Ort der Freuden“, wenn sie getrennt werden, dann sind wir im „Niewiederland“ und es sind „Messer“, die die Bande kappen und auf Rückkehr lauern, um sich in den Rücken zu stoßen, so ist wieder Krakauer zu zitieren.

Das Einlassen auf die Gedichte in dieser Reihe fördert eine Zerrissenheit, Aufmerksamkeit, oder schlicht: dialektisches Denken, dass es einerseits notwendig ist, den Menschen im Gedicht zu erkennen und andererseits dürfen die Sinne nicht die Metaebene verlassen, damit die Tiefe in der Form aufgeht, bevor der Ästhetische Gewinn ein Wort, ein Bild, einen Gedanken absticht. Grundvoraussetzung ist: Phantasie und Lust auf Magie, bei der Inhaltlichkeit, die je weiter sie in die Vergangenheit abrückt gegenwärtig bleibt. Gleichzeitig. Stich für Stich, scharf und gravierend, bis die Kraft gesammelt ist, die Brücke zu beschreiten, die Trude Krakauer dank Siglinde Bolbechers Lebenswerk zu beschreiten uns schenkt.

Die Lyrikreihe „Nadelstiche“ wird herausgegeben von Alexander Emanuely, Konstantin Kaiser, Lydia Mischkulnig und Herbert Staud. Sie wurde ermöglicht durch Spenden von Freundinnen und Freunden Siglinde Bolbechers.

Siglinde Bolbecher: Nadelstich. Gedichte. Mit einem Nachwort von Konstantin Kaiser und Herbert Staud. Wien: Verlag der Theodor Kramer Gesellschaft 2013. 96 S. ISBN 978-3-901602-50-4. Euro 12,-

Siglinde Bolbecher hat ein großes Werk angehäuft. Ihr geistiger und physischer Kampf für die Aufarbeitung der Geschichte des Exils und Widerstands gegen den Nationalsozialismus war auch ein Kampf für das Lebendighalten dieser Geschichte und ein Streben nach Selbsterkenntnis. Leben bekam diese Geschichte, weil Siglinde den damit verbundenen Geschichten Leben einhauchte – indem sie Verschollenes wieder zur Geltung brachte, auf die Menschen verwies, den Dialog mit ihrem Leben und Werk suchte, und dort, wo es noch möglich war, auch die persönliche Begegnung.

Siglindes Lebenswerk ist mit dem vorliegenden Lyrikband um eine Facette reicher. […] – Konstantin Kaiser, Herbert Staud.

Trude Krakauer: Niewiederland. Gedichte. Mit einem Nachwort von Siglinde Bolbecher. Wien: Verlag der Theodor Kramer Gesellschaft 2013. 96 S. ISBN 978-3-901602-49-8. Euro 12,-

Das lyrische „Ich“ Trude Krakauers spricht selten zu einem konkreten „Du“. Das „Ich“ ist ihr gespalten in Heimat, Jugend und Zukunft: wovon sie spricht, wurde in eine ewige Fremdheit gerettet. „Ich bin ein Mensch, der vor sich selber flieht“, heißt es in dem Gedicht „Meine Widersprüche“, das die äußere Zerstörung durch den Faschismus an der inneren Gespaltenheit nachzeichnet. Es ist ein trotzig rebellisches Herz, das die Wege vom Ursprung her, der leuchten mag, bis auf das Verdorren hin überprüft. Die „Luftwurzeln“ ihres Gedichts „zittern und schwanken und tasten ins Leere“.

Siglinde Bolbecher.

97. American Life in Poetry: Column 409

BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE

It’s wonderful when a very young person discovers the pleasures of poetry and gives it a try. Here’s a poem by a first grader, Andrew Jones of Tacoma, Washington, who, if we’re lucky, will go on to write poems the rest of his life.

The Softest Word

The softest word is leaf
it zigzags
in the air and
falls on the yellow ground

American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln. Poem copyright ©2011 by Seattle Arts and Lectures, from their most recent book of poems, Our Beautiful Robotic Hearts, Seattle Arts and Lectures, 2011. Poem reprinted by permission of Seattle Arts and Lectures. Introduction copyright © 2013 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006. We do not accept unsolicited manuscripts.

96. Deutsches Zentrum für Poesie

Sehr geehrte Damen und Herren,

wir laden Sie herzlich ein, am Samstag, den 9.3.2013 um 17 Uhr in die Literaturwerkstatt Berlin zu kommen. Nehmen Sie teil, wenn wir die Kampagne „Für ein Deutsches Zentrum für Poesie“ starten.
Was steckt dahinter? Es ist an der Zeit, der Poesie ein Haus zu geben. Es ist an der Zeit, die Interessen und Möglichkeiten, die Dichtung ausmachen, zu bündeln und das „Kulturgut Dichtung“ in Deutschland zu stärken sowie dafür zu sorgen, dass Dichtung aus unserem Land in anderen Sprachen und Ländern stärker wahrgenommen wird. Umgekehrt ist ein Zentrum für Poesie in Deutschland natürlich ein Ort für den internationalen Austausch der Dichtung aus aller Welt. Poesie ist eine Kunst, die nicht nur auf eine große Tradition in Deutschland zurückblickt, sondern auch heute und in allen Generationen höchst lebendig ist. Das ist zunächst den Dichterinnen und Dichtern zu danken, die ihre Kunst unter teilweise arg prekären Bedingungen schaffen. Das ist aber auch dem Publikum geschuldet, das in Poesie immer häufiger eine geradezu lebensnotwendige Form der Selbstvergewisserung sieht. Poesieveranstaltungen können auf wachsende Besucherzahlen aus allen Generationen verweisen. Dichtung ist eine eigen-ständige Kunst, existiert aber auch in vielen medialen und künsteübergreifenden Formaten.
Diese Kunst braucht einen Ort, ein Haus für internationale Dichtung in unserem Land, in dem Dichterinnen und Dichter um eine Interessenvertretung wissen. Einen Ort, der die in Deutschland agierenden Institutionen und Initiativen zur Zusammenarbeit einlädt und genauso befördert, wie es den internationalen Austausch pflegt und ausbaut.
Das „Deutsche Zentrum für Poesie“ wird all diese Interessen national wie international vertreten.
Wir haben gemeinsam mit Dichtern – besonderer Dank gilt Monika Rinck – eine Veranstaltung vorbereitet, die Sie über ganz konkrete Aktionen mit den Inhalten des „Deutschen Zentrum für Poesie“ bekannt machen wird.
Seien Sie dabei, diskutieren Sie mit uns. Wir hoffen auf Ihr Interesse und Ihre Unterstützung.
Was erwartet Sie am 9. März um 17 Uhr?

Drei Dichtergruppen aus Berlin, München und Leipzig nehmen sich das weltweit am meisten benutzte Nachschlagewerk vor. Was sagt das umstrittene Wikipedia über deutsche Dichtung des 20, Jahrhunderts? Geradezu nichts. Hören Sie streitbare Versionen und diskutieren Sie mit darüber, wer oder was uns und Ihnen wichtig ist. Das Ergebnis geht online, wir halten Sie auch nach dem 9.3. auf dem Laufenden. Was lernen eigentlich unsere Kinder über Poesie? Junge Dichter aus der Gruppe G 13 durchforsten derzeit die Schulbücher der 10. Klassenstufe nach dem poetischen Gehalt. Der „Schulbuchreport“ geht dann auch an die Kultusminister der Länder. Vorher aber werden die Ergebnisse Ihnen in einer Performance vor- und zur Diskussion gestellt.
Wie schafft man es in anderen Ländern, dass die eigenen Dichter und deren Zeugnisse gut in der Welt und anderen Sprachen publiziert werden? Lassen Sie uns von den Nachbarn lernen: Thomas Möhlmann, “Poesieverantwortlicher“ des Nederlands Letterenfonds, erzählt, wie es funktionieren kann. Deutsche Autorinnen und Autoren haben sich solidarisch erklärt und sich fotografieren lassen mit dem Schild „Zentrum für Poesie“ – wir laden Sie zur Premiere einer hintergründigen Fotoschau ein.
Und am Ende: Die Verbindung von Alkohol und Poesie ist nicht von der Hand zu weisen. Dichter und Barmixer haben gemeinsam vier Rezepte entwickelt, die „Georg Maurer“ oder „Heroischer Alexandriner“ heißen – auch alkoholfrei! Mit Rezeptgedicht!

Bringen Sie Ihre Kinder mit. Sylvia Krupicka lädt zum Spielen, Dichten Basteln ein.

Es treten auf: Jan Kuhlbrodt, Alexander Makowka, Thomas Möhlmann, Maria Natt, Bertram Reinecke, Monika Rinck, Lea Schneider, Armin und Christel Steigenberger, Linus Westheuser, Ilja Winther, Nele Wolter

Wir hoffen auf Ihr Interesse und würden uns freuen, Sie am 9.3 begrüßen zu dürfen.

Am: Sa 9.3.2013, 17:00 Uhr
Ort: Literaturwerkstatt Berlin, Knaackstr. 97 (Kulturbrauerei), 10435 Berlin

Thomas Wohlfahrt
Leiter der Literaturwerkstatt Berlin

95. Werkstatt Lyrik, Gedichte machen – oder zunichte machen?

Dozent: André Rudolph

Kompaktseminar: 19.-21.04.2013, Fr 15-20 Uhr, Sa 10-13 Uhr und 15-18 Uhr, So 10-13 Uhr
Ort: Wilhelmstraße 19-23, Raum -1.19 (Untergeschoss)
Beginn: 19.04.2013, c.t.

Gedichte machen – oder zunichte machen? (im Ausgang von Reinhard Priessnitz)

Wenn man nicht völlig selbstvergessen ist, bedeutet das Schreiben von Gedichten immer einen heiklen Grenzgang. Es gibt Traditionen, es gibt verschiedene Vorstellungen davon, wie ein Gedicht aussehen kann, es gibt beinahe zahllose Gelegenheiten, ein Gedicht (so wie es ist) gelungen zu finden. Mit der doppelten Geschichte des Gedichts und der eigenen Schreibgeschichte in das Schreiben eines neuen Textes hineinzugehen, und dabei nicht nur das Gewicht zu empfinden, sondern auch die Freiheit, ein weiteres Mal die Anstrengung unternehmen zu dürfen, ‚das Gedicht zu bestehen‘ (Gerhard Falkner) – ist nicht leicht. Manchmal hilft es, sich selbst und das Gedicht durchzustreichen, um dann doch (gerade) wieder ‚bei sich‘ und ‚im Gedicht‘ anzukommen.

Um Prozesse dieser Art, das Beobachten von mehr oder weniger bewusst erzeugten Brüchen, die den Text womöglich vorantreiben und nähren, soll es im Kompakt-Seminar gehen. In den „vierundvierzig Gedichten“ des österreichischen ‚Avantgarde‘-Lyrikers Reinhard Priessnitz (dem einzigen ‚zu seinen Lebzeiten‘ erschienenen Band) wird der Bruch – mit dem Gedicht, im Gedicht, als Gedicht – auf immer wieder neuen Wegen horizontöffnend vollzogen. Was dabei im lesenden Vollzug gewonnen werden kann, ist immerhin eine (relative) Klarheit über das eigene Tun. – Was mache ich, wenn ich ein Gedicht schreibe?

Textgrundlage: Reinhard Priessnitz, vierundvierzig gedichte. Literaturverlag Droschl (Priessnitz-Werkausgabe, Bd. 1), 9,50 Euro. (Falls über die üblichen Quellen nicht erreichbar, bitte beim Verlag bestellen.)