65. Fantasma poetico

Als literarischer Cicerone führt Hans Raimund durch das lyrische Werk von Virgilio Giotti (1885-1957): Der zeitlebens arme Poet zählt zur „Letteratura triestina“ (als deren prominentestes Mitglied Italo Svevo gilt) und schrieb seine Gedichte in „triestino“, genau sagt: in seinem triestino. Er entwickelte den lokalen Dialekt zu einer „höchst persönlichen, raffinierten und rational gefilterten Sprache“ (Raimund), zum „außergewöhnlich poetischen Ausdrucksmittel: archaisch und zugleich höchst modern“ (Magris).

Giottis Haupt- und Herzthema ist seine Heimatstadt: Triest als „fantasma poetico“ (Pasolini), die Menschen, die Straßen, die Luft, das Leben hier. / David Axmann, Wiener Zeitung

64. Auch Hitler mochte die Winterreise

So gewinnen gerade die Passagen an Farbe, wo Privates und Intimes in den Fokus geraten: Wenn der Leser Stötzer beim Nachspionieren der rätselhaften Barbara aus Halle-Neustadt zuschauen darf oder der Dichter beim Dichten von diversen Störungen heimgesucht wird. „Und meine jüngere Tochter wirft der älteren einen Legostein an den Kopf“ (S.79) – das sind für mich die stärksten Momente in Kuhlbrodts Langgedicht, mag er auch Hölderlin  („mein lieber Bellarmin“), Hegel oder Sartre bemühen. So halten sich Bodenhaftung und geistiger Höhenflug bei Kuhlbrodt die Waage, wie auch bei Stötzer, der sich nicht nur für Abstraktes, wie das „Nicht-Existierende“ und das „Seiende“, interessiert, sondern ebenso für die Füchse in Plagwitz und Nutrias am Karl-Heine-Kanal.

Damit ist Kuhlbrodts Epos noch längst nicht erschöpft. Erwähnt werden sollten zumindest die sechs mit „Embolium“ überschriebenen Zwischentexte, die man als geistige Exerzitien oder Meditationen lesen kann. Nr. 6: „Auch Hitler mochte die Winterreise“, ist so ein gelungenes Kabinettstück zum Thema ‚Adler als Wappentier’.

Herausgegeben wurde das, mit expressiven Graphiken von Ivonne Dippmann illustrierte Buch im noch jungen Verlagshaus J. Frank, Berlin, das sich die Publikation von anspruchsvoller Lyrik und Kurzprosa auf die Fahnen geschrieben hat. Kann man nur wünschen: Durchhalten und weiter so! / Thomas Böhme, Fixpoetry


Jan Kuhlbrodt: Stötzers Lied
. Illustrationen: Ivonne Dippmann 180 Seiten, Softcover Preis: 13,90 € ISBN: 978-3-940249-67-8 Verlagshaus J. Frank Berlin 2013

63. Kneipenverse

Mit dem gleichen Mut zur Provokation, mit dem er am Beginn seiner Dichterlaufbahn die Krebsbaracken und Sektionssäle inspiziert hatte, wandte er sich nun den »kleinen Leuten« zu: »Sein Leben fließt dahin – ein Gast wird jäher –/er schleift den kranken Fuß, er ballt den Schuh, –/ein anderer scherzt mit ihm und tritt ihm näher/und flüchtigt ihm ein Wohlwort zu, –«, heißt es in dem Gedicht »Alter Kellner« aus dem Jahr 1938, das die wunderbaren Kneipenverse seiner letzten Schaffensperiode vorwegnimmt.

Ist das »große Lyrik«? Wird Benn mit Reimen dieser Art dem eigenen Anspruch gerecht? Jedenfalls fällt er nicht auf seine literarische Masche herein. Während die Gedichte, mit denen er für gewöhnlich in den Anthologien vertreten ist, den hohen Ton oft bis zur Selbstparodie treiben, ist das kunstlose Parlando seines Spätwerks frisch geblieben und findet bis heute seine Nachahmer. Gottfried Benn hat in seinen letzten Lebensjahren genau registriert, was in seiner Umwelt vorging. Die großen Worte dagegen fielen ihm immer schwerer. Von den Begriffen wollte er nichts mehr wissen; lieber saß er vor dem Radio und ärgerte sich – genau wie wir heute – über das Billigangebot der elektronischen Medien. Den Schlager »Im Hafen von Adano« ließ er sich zur Not noch gefallen, aber mit dem Nachtprogramm hatte er seine Probleme: » – die Wissenschaft als solche –/wenn ich Derartiges im Radio höre, /bin ich immer ganz erschlagen./Gibt es auch eine Wissenschaft nicht als solche?« / Kurt Darsow, junge Welt 18.5.

62. »Kulturbolschewist«

Dabei verband den Dichterarzt Benn mehr mit seinen Lieblingsfeinden Johannes R. Becher, Egon Erwin Kisch und Werner Hegemann, als ihnen lieb sein konnte. Als Mann vom Fach hatte er sich u. a. für die elenden Opfer des Abtreibungsparagraphen 218 eingesetzt: »Arme Kreise sind es, die die Toten stellen, Proletarier, Dienstmädchen, die zu Abtreiberinnen laufen, die für zehn Mark mit schmutzigen Spritzen arbeiten und Seifenlauge in die Bauchhöhle drücken, Verzweifelte, die alles an sich ausprobieren vom Petroleum bis zur Tafelkreide«, konstatierte er unter der auch in linken Kreisen anschlußfähigen Überschrift »Dein Körper gehört Dir«. Und ein Gedicht wie »Fürst Kraft«, den ätzenden Nachruf auf einen kapitalistischen Nimmersatt der Goldenen Zwanziger, wünschte man sich auch im neoliberalen Selbstbedienungsladen.

Klaus Mann jedenfalls hatte ihn immer für einen verkappten Linken gehalten. Für diesen »leidenschaftlichen und treuen Bewunderer« seiner Schriften blieb Benn auch im Exil der radikale Sprachkünstler, dessen mit Fremdwörtern gespickte und mit Bildungsgut beladene Gedichte in den Augen der neuen Machthaber nie etwas anderes sein würden als »Kulturbolschewismus«. In einem Brief vom 9. Mai 1933 aus Sanary-sur-Mer an der Côte d’Azur zog er alle rhetorischen Register, um den »lieben und verehrten Dr. Benn« für das republikanische Lager zu retten. Der junge Klaus Mann habe die Situation damals richtiger beurteilt, die Entwicklung genauer vorausgesehen, sei »klarerdenkend« gewesen als er selber, hat Benn später eingeräumt. / Kurt Darsow, junge Welt 18.5.

61. Gedicht zeigen

Jahre später, im Frühjahr 2013, sah ich Plakate von »Gesicht zeigen«, die mich seltsam berührten. Unter einer Fotografie des Gesichts von Ulrich Wickert war zu lesen: »Ich bin Jude, wenn du was gegen Juden hast.« Und der Regierende Berliner Bürgermeister Klaus Wowereit, einer der übelsten Böcke, die auf dieser Welt geschossen wurden, behauptete: »Ich bin Migrant, wenn du was gegen Migranten hast.« Andere »Gesicht zeigen!«-Models gaben sich als Schwule aus, als Muslime oder Schwarze, es war die Ausstellung reiner Gratisgesinnung und Schmiere.

Statt Gesicht, Gewicht oder Gemächt kann man aber auch Gedicht zeigen. Und damit jene Mitmenschen, die immerzu »ein Zeichen setzen wollen«, sowohl an die Buchstaben des Alphabets und an die Zeichensetzung erinnen, an das Sprechen und Schreiben mit Punkt und Komma, das sich von Punk und Koma so wohltuend unterscheidet.

.., –
fertig ist das Mondgedicht,

reimte Robert Gernhardt. Und da ist das herrliche Semikolon noch gar nicht mit dabei!

Ab heute heißt es jeden Samstag »Gedicht zeigen« – F.W. Bernstein (worldwide Berlin-Steglitz), Rayk Wieland (Tüschow, Leipzig, Shanghai) und ich (Berlin, Leipzig, Zürich) werden uns mit dem Dichter Fritz Eckenga (Dortmund, Wembley) abwechseln, der als Anfangsläufer dieser Staffel antritt. Alsdann! / Wiglaf Droste, junge Welt

60. Bücherbord

Ab und zu muß man abräumen. Logischerweise von oben nach unten.

  • Paul Bogaert: Der Soft-Slalom, übersetzt von Christian Filips, roughbook 027.
  • Elke Erb, Das Hündle kam weiter auf drein. roughbook 028.
  • Horst Samson: Kein  Schweigen bleibt ungehört. Ludwigsburg: Pop, 2013.
  • Volker Herre: Fragmente. Naturschau mit der Camera Obscura. Walter G. Goes: Gedichte. Stralsund: Edition herre, 2013.
  • Rabindranat Tagore: Stray Birds, Fireflies & other poems. Kolkata: Visva-Bharati, 2011.
  • Sibylla Schwarz: Deutsche Poëtische Gedichte. Illustriert von Ronald Lippok. Berlin: Rothahndruck, 2012.

59. Auch Piekar

begeistert sich für Lyrik. Nicht für alle aber für viele:

10 Lyrikbände zeitgenössischer Lyriker auszuwählen und vorzustellen fällt einem als Lyrikliebhaber schwer. Weil es NUR 10 sind. Aber trotzdem habe ich, Martin Piekar, mich gewagt. Ich nenne 10 Lyrikbände, möglichst aktuell, die mein Lesen, meine Leseerfahrung, mich im Lauf der Lektüre verändert haben.

Bei drei ist er angekommen. Bisher: Kathrin Schmidt, Mara Genschel, Jan Kuhlbrodt.

58. Neue Lyrik-Begeisterung

Nie seit der Antike wohl hat Lyrik weniger Leser gehabt als heute. Was kann es bedeuten, dass zugleich ihre Faszination und ihr Ansehen gestiegen sind?

Von HANS ULRICH GUMBRECHT, FAZ 17.5.:

Wer als halbwegs gebildeter Zeitgenosse an Lyrik denkt, an Gedichte oder an Poesie, der erwartet wohl vor allem den Ausdruck “individueller Gefühle,” so ekstatisch “individuell” im typischen Fall, dass sie sich nicht im sozialen Medium der Sprache artikulieren lassen. Ohne es wirklich erklären oder auch nur plausibel machen zu können, glaubt man dann weiter, dass die besonderen, “prosodisch” genannten Formen solcher Texte (Vers, Rhythmus, Reim, Strophe) diese Unmöglichkeit, diesen Schwund des transparenten Ausdrucks ausgleichen können, indem sie Modalitäten von Kommunikation erschließen, welche nicht auf die Dimension des Sinns beschränkt sind.

Für viele Gedichte, die in der westlichen Kultur zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts, in der kulturgeschichtlichen Epoche der Romantik also, geschrieben worden sind, trifft eine solche Erwartung im großen Ganzen auch zu. Denn das war jene Zeit, in der sich das seit der Renaissance dominierende Selbstbild der Menschen als einem gegenüber der Welt der Dinge exzentrischen “Subjekt” zur “Individualität” steigerte, das heißt: zur einer erlitteten und zugleich zelebrierten Exzentrizität innerhalb der Gesellschaft. Aus Sicht der Individualität schien plausibel, dass die besondere Form-Dimension von Gedichten jener spezifischen – individuellen — Exzentizität zum Ausdruck verhelfen sollte. Historisch langfristig jedoch ist die so zu beschreibende romantische Prämisse des Verstehens von Gedichten viel spezifischer und begrenzter, als man heute allgemein annimmt. Sie hatte eigentlich bis hin zur Zeit um 1800 nie gegolten, und sie steht auch bei den besten Gedichten unserer Gegenwart keinesfalls im Vordergrund.

(…)

Doch ich behaupte nicht, dass diese Rückkehr zum Form-Repertoire der Lyrik und seinen Funktionen ein quantitativ bemerkenswerter Trend unserer Zeit sei. Im Gegenteil: bis heute beeindruckt mich eine 1995, bei der Verleihung des Nobelpreises an den irischen Lyriker Seamus Heaney, beiläufig gelesene Bemerkung (nicht nur ich halte Heaney för den vielleicht bedeutendsten lebenden Gedichtautor), nach der kein Lyriker der Gegenwart allein von den Einnahmen für seine Bücher und für Lesungen leben könnte. Die “Rückkehr zur Lyrik,” wenn man sich auf so eine so gängige Formulierung überhauot einlassen will, ist bemerkenswert wegen der Kompetenz und des Prestiges derer, die sie vollziehen – keinesfalls wegen ihrer Zahl. Richard Rorty, einer der großen philosophischen Autoren des vergangenen Jahrhunderts, sagte in einem Gespräch wenige Wochen vor dem Tod auf die Frage, was er an seinem Leben ändern wollte, wenn er eine zweite Chance bekäme, dass er in einem zweiten Leben mehr Gedichte auswendig lernen würde. Was er denn ausgerechnet Gedichten abgewinnen könne, fragte sein nicht wenig überraschter Gesprächspartner weiter, um die Antwort zu provozieren: “nichts kann man von ihnen lernen, aber sie klingen schön, und deswegen hätte ich sie gerne für mich gehabt.” Doch woher kommt diese neue Lyrik-Begeisterung?

57. Superman ist Araber

Die libanesische Dichterin und Journalistin Joumana Haddad kritisiert das patriarchalische System und den Einfluß der Religion in der arabischen Welt in ihrem Essay „Superman ist Araber: Über Gott, die Ehe, Machos und andere unheilvolle Erfindungen“.

Mit der gleichen Verve wie in „Ich habe Scheherazade getötet“ prangert sie in diesem Buch das patriarchalische System an, das in der arabischen Welt existiert und das in den drei monotheistischen Religionen verwurzelt ist. Durch Diskriminierung der Frauen innerhalb der Familie und in der Gesellschaft haben diese Religionen den Machismus nicht nur gefördert, sondern auch institutionalisiert und geheiligt. Machismus, der unter der Maske von Stärke, Selbstbewußtsein, individuellem oder Clanstolz eher ein tiefes Gefühl der Unsicherheit und irrationaler Ängste verbirgt. In dieser Zeit der großen politischen Umwälzungen in der Region beharrt die Autorin in einer Mischung von Bekenntnissen, Gedanken, Humor und Poesie auf der Idee, daß der in den letzten zwei Jahren geführte Kampf für die Freiheit und Würde scheitern wird ohne die progressive Bejahung einer „neuen arabischen Männlichkeit“, das heißt ohne die Errichtung einer radikal anderen Beziehung zwischen Mann und Frau – und Jedes und Jeder zum eigenen Körper. / Charles Monti, Corse Net Infos 15.5.

56. Lyrikertreffen ohne Walcott

Derek Walcott, Literaturnobelpreisgewinner des Jahres 1992, wäre einer der prominentesten Gäste in der Geschichte des Lyrikertreffens Münster gewesen. Laut Wallmann leidet der 83-Jährige so schwer unter den Folgen eines Schlaganfalls und seiner Zuckerkrankheit, dass er seine karibische Heimat St. Lucia nicht verlassen kann. (…)

Der Organisator hofft, dass das Publikum am Samstagabend auch neugierig auf die weiteren bedeutenden Gast-Dichter ist (Nora Gomringer, Durs Grünbein, Ursula Krechel) – und dass das gleichzeitige Champions-League-Finale Bayern-Dortmund der Lesung nicht sämtliche Zuschauer raubt. / Münstersche Zeitung

Das Treffen findet vom 23.-26.5. statt. Programm

55. besuch bei gesunden begriffen

Katharina Schultens interessiert sich für Begriffe. Begriffe aus Bereichen, die ihr nicht unbedingt vertraut sind und in denen sie sich auch nicht unbedingt gut auskennt, wie sie in der Eröffnung ihrer Lesung zum diesjährigen Leonce und Lena-Preis bekannte. Was sie daran fasziniert ist das klangliche oder metaphorische Potenzial eines Begriffes, das noch nicht genutzt wird. „Rückgewinnung von Terrain“ nennt die Autorin diesen Vorgang. simpel eigentlich man sucht etwas durch/ ein uhrenglas hindurch vergrößert wahllos/ baut eine mechanik zusammen mit körper-/ fremdem material legt einen kreis an/ füllt ihn sorgfältig aus & sagt das sei/ Zellerkenntnis. (besuch bei gesunden begriffen). (…)

ich weiß es gibt ein system ich muß nur/ nochmal rein.

alles kalkulation? Eine sehr anspruchsvolle Lektüre auf jeden Fall, deren Anspielungsreichtum auf die Literatur- und Kulturgeschichte manchmal erfreut und manchmal auch ermüdet. Trotz des Stotterns ab und an; der Frage- und Suchbewegungen; trotz des Versuchs den Liebesdiskurs und die Transzendenz neu zu ergründen, bleibt die Autorin dabei immerzu beherrscht. Manchmal wünschte man sich, die Gedichte würden schlingern und sich auch in ihren Ausrutschern offenbaren.

Aber ist das eine Kritik?

/ Mónika Koncz, Fixpoetry

Katharina Schultens: gierstabil, 72 Seiten, 19,80 Euro, ISBN 978-3-939557-95-1. luxbooks 2011.

54. Heimrad-Bäcker-Preis für Christian Steinbacher, Förderpreis für Lange

Der mit € 8.000.- dotierte Heimrad-Bäcker-Preis 2013 geht an den Dichter , Kurator ( nebenbei LARK- Gestalter und SALON- Autor ) Christian Steinbacher ; der mit € 3.500.- angesetzte Förderpreis wurde dem Poeten, Übersetzer und Essayisten Norbert Lange zugesprochen .

Die Begründung dieser Kür seitens der Jury – Franz Josef Czernin, Thomas Eder und der letztjährige Preisträger Urs Allemann – lautet wie folgt :

Christian Steinbacher ist ein Meister der Stimmen und Gespräche, der Rhythmen, Metren und der Prosodie, ein Dialogbegründer in der Literatur. In seiner Prosa und Dichtung werden präsentative Redeformen in repräsentative Schriftformen übergeführt.

Nach einer frühen Phase seiner Dichtung, die im Nachhang zur Konkreten Dichtung die Eigengesetzlichkeit des Sprachmaterials ergründet hat, ist es den jüngeren und jüngsten Arbeiten Steinbachers um die Integration von musikalischen/bildnerischen Aspekten und Semantik zu tun. Es scheint, als ob es kein gerades, ausschließlich denotativ gebrauchtes Wort in Steinbachers Prosa und Gedichten gäbe, die Bestandteile jedes Verses, jeder prosaischen Wendung, sind in ein Gefüge von dialogischen Beziehungen eingebunden – allerdings nicht nur auf Ebene der internen Strukturierung der Gedichte als Dialog zwischen manifesten Redepartnern, sondern auch als eine dialogische Bezugnahme zu anderen Dichtern und Zeiten.

Steinbachers Texte geben Auskunft von der Möglichkeit der umfassenden poetischen Existenz auch neben einer inner-sprachlichen, die von der Überhöhung des Dichterischen bis hin zum Patzen und Klecksen reicht, zwischen poèsie pure und den alltäglichsten In-die-Schrift-Rettungen eines poète maudit vermittelt.

Die feierliche Übergabe der Preise ist für Montag , den 3. Juni ab 19:30 H im Adalbert-Stifter-Haus Linz vorgesehen. Es lesen die Preisträger. Die Laudationes hält Friedrich W. Block. / Mehr bei Zintzen.org

53. Kookbooks und Daniela Seel

Ulrich Rüdenauer und Wiebke Porombka im DLF über Kookbooks und Daniela Seel:

Ihr erster Lyrikband erschien vor zwei Jahren. Im Moment sammelt sie Texte für ein zweites Werk; hier liest sie ein noch unveröffentlichtes Gedicht:

„verbindungen, fang. hängt überall garn dran, bandagen
aus absperrband. fusseln, patrone, leim. jedes kleid könnte
brautkleid sein, übertüncht. verdammte legende vom honig
dieb, verfolgmich, verfolgmichnicht. die grünen strümpfe
scheuern am knie, beim knöpfen fängts an. gewahrsam.
herden von fenstern ringsum, quillt glut raus. wo sich was
sammelt, flimmert der boden, verteilt wirklichkeit, mischt
sich rein. schick noch eins von den zeitwörtern, später, bald,
morgen, dann, gleich. draus lern ich entfernung. nicht jeder
raum ist als wohnraum gedacht. surrogat, ohne richtig und
falsch. koffer voll strecken, gelöscht im schlaf. je mehr ich
mich schere, desto mehr wächst nach. lunte, mundgroße
drops. nothing to be scared of.“

In ihrem eigenen Schreiben erkundet sie Regionen und Regungen des Körpers genauso wie das Bewusstsein, in seinem beständigen Irrlichtern zwischen Wahrnehmung und Täuschung. Seels Sprache hat dabei stets etwas ungemein Konzentriertes, beinahe etwas Gebändigtes, öffnet aber zugleich immerzu Türen zu neuen, fremden, mitunter etwas sinister anmutenden Vorstellungsräumen. Das ist es auch, was Seel an den Büchern schätzt, die in ihrem Verlag erscheinen.

„Mich interessieren Texte, die mir was zeigen, was ich noch nicht kenne, die mich an Orte führen, wo ich alleine nicht hingekommen wäre. Und die das eben mit Sprache machen, sodass ich auch was über Sprache verstehe und darüber, wie Verstehen selber funktioniert oder jedenfalls bei mir. Und mich interessieren Ambivalenzen, also dass es nicht Eindeutigkeiten gibt, sondern dass es eine Balance von mehreren gleichzeitig gibt. Und dass es weggeht von Linearität, und eigentlich ermöglicht, vieles gleichzeitig zu denken, ohne dass es sich gegenseitig ausschließt.“

52. Majakowskis Metro

Manche plazieren Gedichte in den Wald oder Park, andere auf die Straßen, Busse, Bodies oder Müllautos.  Splitter oder ganze Texte, Vertrautes oder Bestürzendes. In Moskau fährt seit einigen Wochen noch bis Ende Juli ein Metrozug, dessen Wände mit Gedichten und Plakaten Majakowskis aus den 1910er Jahren ausgestattet sind. Seit 1938 (dem Todesjahr der Stalinopfer Ossip Mandelstam und Bruno Jasieński, neben tausend anderen) gibt es in Moskau eine U-Bahn-Station mit Majakowskis Namen.

Mehr

51. Verfeinertes Flimmern

In seinem berühmten Vortrag über «Probleme der Lyrik» hat Gottfried Benn einst den Zustand poetischer Wahrnehmungsempfindlichkeit mit den Sinnesorganen von winzigen Urtierchen verglichen. Er verwies dabei auf das Tastorgan von Kleinstlebewesen im Wasser, die «von Flimmerhaaren bedeckt» seien. Auch den Dichter muss man sich in diesem Sinne als einen von Flimmerhaaren bedeckten Menschen vorstellen, der die Bewusstseinsreize wie auch die lyrischen Substantive und Chiffren ertastet und in eine zarte Textur einwebt. Dieses Konzept einer Dichtung der subtilen Wahrnehmungsnuance, die sich mit den einzelnen Aggregatzuständen von Naturstoffen beschäftigt, mit Wind- und Wellenbewegungen, mit den kleinsten Veränderungen einer Landschaft hat der Lyriker Nico Bleutge in mittlerweile drei Gedichtbänden immer weiter verfeinert.

Sein jüngster Band «verdecktes gelände» ist nun ein Meisterstück einer in Dichtung transformierten Naturgeschichte. (…)

Kritiker von Bleutges Lyrik haben gelegentlich eingewandt, dass sich der Dichter nur als Kollektor sinnlicher Eindrücke versteht, seine Subjektivität aber in auffälliger Weise hinter den beschriebenen Dingen versteckt. Richtig daran ist die Beobachtung, dass Bleutge mit dieser artifiziellen Form von Natur- und Wahrnehmungs-Lyrik einen Endpunkt erreicht hat, an dem keine grössere Detailgenauigkeit mehr erreicht werden kann. Bei einem Dichter von diesem Niveau darf man aber sicher sein, dass er sich demnächst neu erfinden wird. / Michael Braun, NZZ 15.5.

Nico Bleutge: verdecktes gelände. Gedichte. Verlag C. H. Beck, München 2013. 76 S., Fr. 21.90.