phont verwendet die zeichen des internationalen lautalphabets als tasten einer virtuellen tastatur. die töne, die von diesem phonetischen alphabet bezeichnet werden, können mit phont zu sprechkonstrukten zusammengefügt werden. das sprechen, das von der systematik des phonetischen alphabets in seine kleinsten akustischen bestandteile zerlegt wird, kann von phont wieder zu sprache zusammengefügt werden – allerdings erzeugt dieser vorgang brüche, an denen deutlich wird, wie vielschichtig und fragil die bedeutungen sind, die das sprechen entstehen lässt. diese bruchlinien finden wir interessant (und unterhaltend).
phont ist besonders henri chopins poésie sonore verpflichtet. so wie chopin ab den 50er jahren die tonbandmaschine als einen lyrischen apparat eingesetzt hat, verwenden wir den computer als poesiemaschine.
orhan kipcak, schule für dichtung
Ein Gedicht auf der Kulturseite der „Freien Presse“ löst mitunter mehr Emotionen aus als eine Nachricht auf der Titelseite. Warum reizen zeitgenössische Gedichte bis zum Zorn? Gespräch mit einem Dichter.
Es ist eine kleine Rubrik mit großer Wirkung. Seit Jahren druckt die „Freie Presse“ auf der Kulturseite das „Gedicht der Woche“, darunter altehrwürdige wie von Goethe, aber auch solche von Dichtern, die noch keine 40 Jahre alt sind. Es sind vor allem letztere, die für Diskussionen sorgen. Das Gedicht versteht doch kein Mensch, schreiben manche Leser dann erbost. Muss man auch nicht immer und sofort oder überhaupt, meint Norbert Hummelt.
Kleiner Auszug aus dem Gespräch:
Freie Presse: Aber warum fällt es Lesern zeitgenössischer Gedichte mitunter so schwer, sich auf einen längeren Weg einzulassen, auch freie Gedanken und Bilder, die beim Lesen aus einem selbst heraus kommen, als Interpretation zuzulassen?
Norbert Hummelt: Ich glaube, das hängt mit unserer Schulbildung zusammen. Generationen von Schülern wurden mit der Frage gequält: Was will uns der Dichter sagen? Ich kann Ihnen versichern: Kein Dichter schreibt, um Gegenstand dieser Frage zu sein. Er schreibt, um etwas aus seinem Inneren eine Form zu geben. Ein Leser ist nie zu dumm, ein Gedicht zu verstehen. Er ist aber vielleicht zu scheu, eine Grenze zu überwinden, um sich mit sperrigeren Gedichten zu befassen. Die Bedeutung von Gedichten liegt aber gerade darin, dass Expertentum keine Voraussetzung ist, um sich mit ihnen beschäftigen zu können. Allerdings gibt es in der jüngeren Gegenwartslyrik auch einen Trend zur Sprachmontage, die tatsächlich nur Experten erreicht. Das ist ein Trend, den ich bedaure.
Freie Presse: Mitunter reicht es aber schon, dass Wörter in Gedichten gänzlich klein geschrieben sind und Satzzeichen verschwinden, um den Unmut der Leser zu erleben.
Gedicht des Tages in der ehemaligen „Nationalbibliothek des deutschsprachigen Gedichts“ zu Halloween:
Doch nur
Er wollte nicht verschweigen,
dass Israel verroht.
Er wollte doch nur zeigen,
dass Israel bedroht.
Er wollte doch nur mahnen,
dass alles gut ausgeht.
Er konnte doch nicht ahnen,
dass man ihn missversteht.
aus »AUSGEWÄHLTE WERKE XV«
Montreal-based choreographer Marie Chouinard’s „Henri Michaux: Mouvements“ is a new work inspired by the French artist Michaux’s book of poetry and drawings, which Chouinard used as the basis for her choreography. Michaux’s drawings are projected against the backdrop of the stage and the dancers recite excerpts of poetry.
Günter Kunert
Beichte
Jedesmal schlägt das Herz
viel zu schnell. Nur Pflichten
machen nicht glücklich. Der Abend ist leer
und die Gespräche wie er. Schon wieder
sind wir um ein Jahrhundert gealtert
und wissen es nicht.
Selbst von unserer Hinrichtung
hat niemand uns Mitteilung gemacht: Merkmal
daß die wahren Freunde uns fehlen.
Adieu du mein Haar
Adieu du mein Glaube.
Nur Goethe ist zu beneiden: nicht um
die Unsterblichkeit seiner Potenz
sondern wegen der kristallinen Struktur
seiner Seele: sie zerlegt
alles Erfahrene in ein harmonisches Spektrum
und filtert gewisse Farben heraus:
die gebrochenen.
Beim Übertritt
an allen Grenzen zwischen hier und dort
zwischen Oberlippe und Unterlippe
zwischen Wahrheit und Sicherheit
schlägt uns jedesmal das Herz viel zu schnell.
Aus: Günter Kunert: das kleine aber. gedichte. Berlin u. Weimar: Aufbau, 1975, S. 7. 120 Seiten, EVP 6,- Mark.
In der „Presse“ polemisiert ein Gymnasialdirektor gegen Erich Hackls Artikel über Richard Zach (hier) – geht aber auch nicht auf die Gedichte ein:
Erich Hackl hat den Nationalfeiertag zum Anlass genommen, um an den kommunistischen Widerstandskämpfer und Schriftsteller Richard Zach (1919–1943) zu erinnern. In einem durchaus wichtigen Punkt teile ich Erich Hackls Meinung: Zachs Kampf gegen den Nationalsozialismus, der ihn das Leben gekostet hat, sollte nicht in Vergessenheit geraten und respektiert werden.
Aber sind Richard Zachs Verdienste um den Widerstand ein hinlänglicher Grund, seine Gedichte in den Kanon der österreichischen Literatur aufzunehmen, was Hackl so vehement fordert? Viele Menschen haben aus respektablen ethischen Absichten mittelmäßige Gedichte geschrieben. Würden wir sie alle kanonisieren, müssten wir das Gebäude der österreichischen Literaturgeschichte mehrmals aufstocken. (…)
Und wenn er etwas für die stärkere Beachtung von Richard Zachs Literatur tun möchte, hätte er seiner Sache besser gedient, wenn er uns statt einer sozialistischen Heldensage einige Gedichte präsentiert hätte, die (auch) aus literaturästhetischer Sicht die Forderung nach stärkerer Beachtung plausibel machen. Aber dieses politikferne Kriterium lehnt ja Hackl grundsätzlich als „bürgerlich“ ab.
Dr. Christian Schacherreiter: geb. 1954, Germanist, Literaturkritiker und Direktor eines Linzer Gymnasiums
Die Lyrik hat es schwer, gilt sie doch weithin als sperrig, elitär und antiquiert. Um diese oft verschmähte Literaturgattung zu beleben und sie populärer zu machen, luden Autoren aus Frankfurt und Offenbach ins Blaue Haus am Mainufer zur ungewöhnlichen Lyriklesung namens „Undercover“.
Es sollte keine „Wasserglaslesung im Elfenbeinturm“ werden, erklärte Marcus Roloff, Frankfurter Autor, Übersetzer und Lektor. Außerdem sollte es „um die Gedichte selbst gehen“, wie es eine weitere Autorin, Sandra Klose, Abiturientin aus Offenbach, formulierte. Zur Lyriklesung „Undercover. Frankfurter Autoren und ihre Lieblingsgedichte“ lud man das Publikum am Donnerstagabend daher ins Blaue Hause am Niederräder Mainufer – einen Ort, der für eher ungewöhnliche, aber moderne Kulturveranstaltungen bekannt ist. Und die Namen der Autoren, deren Gedichte vorgetragen wurden, verschwieg man vor und während der Lesung, um einer vorschnellen Wertung seitens des Publikums vorzubeugen. Inhalt und Form der Gedichte sollten für sich selbst sprechen. Es waren nämlich keine Werke von Roloff, Klose oder den beiden anderen Frankfurter Autoren, Julia Mantel und Martin Piekar, sondern Lieblingsgedichte dieses Quartetts, die in den vergangenen zwei Jahren veröffentlicht wurden. / Thorben Pehlemann, Frankfurter Neue Presse
eBay prices for the album Gertrude Stein Reads Her Own Work range from $20 to $200. Vinyl purists, and Stein purists, may long for one of the still-sealed copies at the upper end of that range. The rest of us can enjoy hearing its recordings as mp3s, free on the internet courtesy of PennSound. These clips, recorded between 1934 and 1935 (which came out in album form in 1956) let you put yourself in the presence of the poet. Much of the work she reads aloud here comes inspired by observing other creative luminaries. The record’s producers included these homages along with a piece of an interview, variants of well-known poems such as “How She Bowed to Her Brother” (which often appears under the name “She Bowed to Her Brother”), and an excerpt from her novel The Making of Americans.
But to get straight into the textual substance, listen to “The Fifteenth of November… T.S. Eliot,” her portrait of her colleague in letters. / open culture
Hier ein Absagebrief
Mit bis zu 600.000 beteiligten Soldaten aus über einem Dutzend Ländern, von denen 92.000 verwundet oder getötet wurden, war dieser Kampf bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts die wohl größte Schlacht der Weltgeschichte.
Die aktuelle Ausgabe der Lyrikzeitschrift „Poesiealbum neu“, die seit 2007 von der Gesellschaft für zeitgenössische Lyrik in Leipzig herausgegeben wird, widmet sich jetzt diesem Thema. 62 Autoren haben sich mit neuen und neuesten Texten eingebracht.
Zwischen März und November 2013 bestreitet die Gesellschaft für zeitgenössische Lyrik eine Lesetour, die in sieben Städte Deutschlands führt. / Jörg Stengl, Lokalkompaß
Jeder, der sich im bundesdeutschen Literaturbetrieb auskennt, weiß: politische Lyrik ist out. Literatur dieser Art ist für die großen Verlage ein Rücksende-Umschlag*. Der Marktwert dieser Texte tendiert gegen Null.
Aber auch der Gebrauchswert? Auch die Qualität?
Der Autor Rudolph Bauer, vormals Politologe an der Bremer Universität, tritt den Gegenbeweis an – und mit ihm der Sujet-Verlag, der nunmehr den dritten Lyrikband von Bauer veröffentlicht hat: »Flugschriftgedichte«. Die Veröffentlichung zeigt: Lyrik ist brauchbar, für Alltag und Politik, fürs Wahrnehmen und fürs Verstehen, und sie kann dennoch Lyrik bleiben und gerade deswegen Lyrik. Ausgezeichnete Lyrik sogar! / Holdger Platta, Ossietzky
Rudolph Bauer: »Flugschriftgedichte«, Sujet Verlag, 78 Seiten, 12,80 €
*) Für die meisten freilich: jede Art Lyrik. M.G.
Im Berliner Verlagshaus J. Frank gibt es auch eine kleine Reihe „Poeticon“, die sich mit all den lästigen, schönen, verwirrenden und verblüffenden Fragen beschäftigt, über die Literaturmacher so stolpern. Es gibt ja bergeweise Gedrucktes. Aber wo fängt wirklich ein Gedicht an? Was ist Stil? Und was ist schlechter Stil? Oder gibt es überhaupt noch Maßstäbe für einen guten Stil, wenn gilt: Alles ist möglich?
Immerhin hielt das 20. Jahrhundert die Moderne parat und die Postmoderne, wurden Götter und Schulen gestürzt. Der Buchmarkt wurde geflutet. Bestsellerlisten bestimmen, was gekauft wird. Und trotzdem gibt es immer noch Leute, die gern schreiben möchten. Literarisch schreiben. Sie versuchen es im Selbstverlag, besuchen Hochschulen, Workshops und Seminare, beteiligen sich an Wettbewerben, beschicken Literaturzeitschriften, betreiben Blogs oder treffen sich gar in Lyrikwerkstätten, um mit anderen über ihre Gedichte zu reden, zu diskutieren, was zu lernen. Als wenn Schreiben ein Handwerk wäre, das man lernen könnte.
Kann man, sagen die Lehrer. Kann man vielleicht doch nicht, sagt Bertram Reinecke. Er ist nicht nur selbst Autor und Verleger, er leitet auch gern solche Werkstätten, weiß also, was da passiert – und was nicht. Er weiß auch, dass nicht nur Profis und solche, die es werden wollen, solche Werkstätten besuchen. Aber sie sind natürlich die Mehrzahl. Und sie haben nicht nur Ambitionen, sondern auch Erwartungen. Dabei geht es nicht unbedingt um Ruhm. Aber eben doch um ein paar andere menschliche Eigenschaften, die sich selbst in der illustresten Runde ihr Recht verschaffen. Das ist die „Gruppendynamik“, von der Bertram Reinecke schreibt. / Ralf Julke, Leipziger Internet-Zeitung
Bertram Reinecke: Gruppendynamik
Verlagshaus J. Frank, 7,90 Euro
Der Lyrikverächter liebt die Lyrik. Nur eben nicht diese. Es quält ihn, daß so viele Unberufene ihre Sachen unter dem Namen Lyrik veröffentlichen dürfen, wo es doch die wahre Lyrik gibt. Manchmal hat er sie selber geschrieben, manchmal fördert er sie, lobt sie, druckt sie. Nur eben nicht alle. Letztere, die Lyrikverleger unter ihren Verächtern, sind übrigens oft liebenswerte Menschen, die sich für die Lyrik aufopfern. Niemand käme auf die Idee, sie zu kritisieren, wenn sie nicht in ihrem Eifer für die richtige, die gute, die von ihnen gedruckte Lyrik ab und zu zum Gegenangriff gegen den von ihnen verachteten Teil der Lyrik übergingen, der rein quantitativ so viel größer ist als die wahre Lyrik.
Der Lyrikverächter sind viele. In ihrem Eifer gegen die von ihnen verachtete Lyrik zitieren sie gern andere Lyrikverächter. Dabei, der Eifer machts, ist es ihnen egal, ob die von ihnen Zitierten das gleiche lieben und das gleiche wie sie wollen. Es reicht daß sie das gleiche verachten. Da es aber so viele, und so viele verschiedene, Lyrikverächter gibt, ergibt das ein dichtes, dickes, wirres Netz von Kreuz- und Querzitaten, das den Anschein erweckt, ein Kartell sei am Werk.
Diese Netzwerke aus dicken und dünnen Linien bilden mir (der auch manches verachtet und manches weniger schätzt), da ich sie lange beobachte, innere Landkarten, die ich als Teil eines wachsenden Lyrikatlas sehe. Sehe! Also, rufe ich mir hiermit zu, ans Werk, gib uns deinen Atlas der Lyrikverächter! Naja, wehre ich ab, nicht gleich ein Atlas. Fangen wir mit einer Typenkunde an. Ich denke drüber nach.
(Es gibt übrigens auch Ignoranten, die Lyrik so sehr verachten, daß sie „Lyrik!“ ausrufen, wenn jemand im Bundestag herumeiert. Mit denen wollen wir uns nicht befassen.)
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