83. Tadeusz Różewicz gestorben

„Nach dem Krieg zog ein Komet der Poesie über Polen. Sein Kopf war Rózewicz, alle anderen waren der Schweif.“ Mit diesen Worten beschrieb der Dichterkollege Stanislaw Grochowiak (1934-1976) die Bedeutung von Tadeusz Rózewicz für die polnische Lyrik. Das war eine unmissverständliche Respektbezeugung, doch ist nicht ausgeschlossen, dass Rózewicz diesem Bild mit Skepsis begegnete, war doch das Charakteristische seiner Gedichte die maximale Reduktion. Mit seinen Versen wollte er die Dinge beim Namen nennen, das Wesentliche sagen, auf jeglichen Zierrat verzichten. Diesem Grundsatz folgte er mit unermüdlicher Konsequenz – drei Verssysteme hatte die polnische Dichtung tradiert, heute verzeichnen die Erläuterungen zur Poetik ein viertes: den „Rózewicz-Vers“. (…)

Am 24. April starb Tadeusz Rózewicz im Alter von 92 Jahren in Wroclaw. Hinterlassen hat er ein Werk, das es in Deutschland nach wie vor zu entdecken gilt – ein Werk, das durchzogen ist von einem intensiven Dialog mit der deutschsprachigen Literatur. Zwei Bücher seien daher genannt, die eine Annäherung an dieses Schaffen erleichtern. Andreas Lawaty und Marek Zybura gaben 2003 den Band „Tadeusz Rózewicz und die Deutschen“ (Harrassowitz) heraus“; 2007 publizierten Bernhard Hartmann und Alois Woldan „Schwarze Gedanken? Zum Werk von Tadeusz Rózewicz“ (Stutz).

Dass die Lyrik weder zum „Kinderspielzeug“ werde noch zu einem „avantgardistischen Kalb mit zwei Köpfen“ – mit diesem Programm hat sich Tadeusz Rózewicz in die polnische Literatur eingeschrieben. Zu seiner Signatur wurde – mit einem Wort von Karl Dedecius – „das lapidare, schmucklose, wahrheitsbesessene Gedicht“. / Lothar Quinkenstein, Tagesspiegel

82. Unserer Lähmung gewahr

Die Kippspiele von Privatissime und Politika, die Schultens mit wenigen Zeilen konstruiert, verleihen den Gedichten von gorgos portfolio ungemeine Brutalität. Weil sie mit bedenklicher Leichtigkeit aufzeigen, wie weit die Verquickung von Leben und Kapitalismus fortgeschritten ist. Dass Schultens stellenweise einerseits plakativ wird und andererseits sehr intime Themen aufgreift, verstärkt das noch: Unkommentiert steht die lautstarke Wut auf das System neben der Hilflosigkeit und Verlorenheit der zum Normalzustand geronnenen Entfremdung. Das reibt sich zwar aneinander, schlägt aber deswegen umso mehr Funken.gorgos portfolio ist, wie eben ein gutes Portfolio zu sein hat, mehr als die Summe seiner Teile. Und damit selbst Symptom des Kapitalismus, Opfer der Marktlogik.

Die Frage, die sich unweigerlich stellt: Wird der Medusa, deren Antlitz sich in diesen zynischen Ambivalenzen figuriert, ein Perseus entgegentreten? Nein. Aber da sind diese kongenialen Twists. Wie etwa »hypo- // crisis« im Gedicht index. Hypo, unter. Crisis, Krise. Hypocrisis, Verstellung. Oder auch Scheinheiligkeit, Heuchelei. Der Kapitalismus hat kein Gesicht, dafür aber viele Masken, unter denen die Krisen schwelen. Schnell können sie heruntergerissen werden, schnell schlägt sich die Sprache wie eine Schlange vom Haupt der Medusa frei und beißt ihr ins gesichtslose Angesicht, ihre Scheinheiligkeit enttarnend. Das ist tröstlich.

Es ändert jedoch zuerst nichts, noch nicht. Denn der Kapitalismus steckt in uns, so wir auch in ihm stecken. Wir kalkulieren die Menschen um uns, ganz so wie und eben weil sie uns taxieren. Das wirklich Schlimme, das Grauen erregende ist daran, dass wir das nicht mehr realisieren, geschweige denn reflektieren. Es hilft ein Blick in gorgos portfolio, um uns unserer Lähmung angesichts des Gesichtslosen wieder gewahr zu werden. Das tut weh, sicherlich. Aber damit auch: Sehr, sehr gut. / Kristoffer Patrick Cornils, Fixpoetry

Katharina Schultens
gorgos portfolio
mit Umschlag-Poster, gestaltet von Andreas Töpfer
kookbooks
2014 · 64 Seiten · 19,90 Euro
ISBN: 9783937445618

81. Translating Sappho

Most translations of Sappho tend to be a little florid and sticky, rather unfairly In view of the leanness and power of the originals. By contrast Mills is perhaps a shade too pedestrian but this comes as something of a relief. One of the nastiest examples of the first case is Beram Saklatvala’s:

The sight of horsemen’s fair, or marching soldiers,
Or a fleet, the fairest thing on the dark earth.
But I myself find loveliest and fairest
My own true loved one.
(Sappho of Lesbos, 1968)

By way of contrast, here is Mills’ version of the same lines:

Some say the most beautiful thing
on the dark earth is a company
of horsemen. Others say infantry,
or ships. But I say
it’s the person you love.

This is not the definitive version of Sappho. But Mills manages to strike an honest and unpretentious tone which is more than adequate. / John Stathatos, Oasis 16/1976

80. American Life in Poetry: Column 473

BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE

I was born in April and have never agreed with T.S. Eliot that it is “the cruellest month.” Why would I want to have been born from that? Here’s Robert Hedin, who lives in Minnesota, showing us what April can be like once Eliot is swept aside.

This Morning I Could Do/A Thousand Things

I could fix the leaky pipe
Under the sink, or wander over
And bother Jerry who’s lost
In the bog of his crankcase.
I could drive the half-mile down
To the local mall and browse
Through the bright stables
Of mowers, or maybe catch
The power-walkers puffing away
On their last laps. I could clean
The garage, weed the garden,
Or get out the shears and
Prune the rose bushes back.
Yes, a thousand things
This beautiful April morning.
But I’ve decided to just lie
Here in this old hammock,
Rocking like a lazy metronome,
And wait for the day lilies
To open. The sun is barely
Over the trees, and already
The sprinklers are out,
Raining their immaculate
Bands of light over the lawns.

American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln. Poem copyright © 2013 by Robert Hedin from his most recent book of poems, Poems Prose Poems, Red Dragonfly Press, 2013. Poem reprinted by permission of Robert Hedin and the publisher. Introduction copyright © 2014 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006. We do not accept unsolicited manuscripts.

79. Neues von Textkette

Textkette oder Lyropolis hat wie jede richtige Stadt Bewohner und Gäste, Häuser, Straßen und Plätze. Nicht jegliches aber vieles hat seinen Platz. Die wichtigsten bereits nutzbaren Orte sind

A Die Textkette-Anthologie (Spielregeln siehe unten)

Freistil zum Posten und Kommentieren von Gedichten eigener Wahl

C Privaträume (hier können registrierte Benutzer eigene Texte veröffentlichen). Wenn Sie sich registrieren lassen wollen, schreiben Sie eine Mail an mich. Sie erhalten dann eine Einladung und können Ihren Benutzernamen und Ihr Paßwort selber festlegen.

D Galerie oder Album (hier können registrierte Benutzer Fotos ihrer Lyrikbibliothek posten)

Rathaus (Bekanntmachungen, Spielregeln, Ordnung und Sicherheit)

F Reisezentrum (Map)

Spielregeln der Textkette-Anthologie

1. Die Textkette-Anthologie  ist eine interaktive, labyrinthische Lyrikbibliothek von Babel. Jeder kann mitmachen, entweder als unregistrierter Besucher (Beiträge als Kommentar) oder als angemeldeter Autor/Redakteur.

2. In der Textkette-Anthologie können weder eigene Gedichte noch die eigenen Lieblingsgedichte gepostet werden (dafür gibts Freistil und Privaträume, letztere nur für registrierte Benutzer). Textkette ist eine stammbaumförmige Anthologie, die von einem Gedicht der Sappho ausgeht. Wenn Ihnen irgendeins der bisher vorhandenen Gedichte der Textkette gefällt und Sie mitspielen wollen, schreiben Sie einen Kommentar mit folgenden Angaben unter das betreffende Gedicht

like Nummer, Autor + Titel

(am besten herauskopieren, um Fehler zu vermeiden!)

und Ihren Namen oder wenn Sie wünschen Codenamen, Beispiel:

like 1.9.4.2.1 conrad ferdinand meyer: im spätboot, michael gratz

3. Der dieses Gedicht vorgeschlagen hat, wird Ihnen nun, sobald er die Zeit findet, einen Autor nennen, von dem Sie einen neuen Text auswählen und posten. Wenn Sie mitmachen, erklären Sie sich bereit, anderen Lesern, denen Ihre Auswahl gefällt, einen Autor vorzuschlagen.

4. Eigene Lieblingsgedichte (auch wenn es Ihre eigenen Gedichte sind) haben also keinen Platz in der Textkette – außer wenn jemand anderer den Namen Ihres Lieblingsdichters oder Ihren eigenen Namen benennt. Bitte nennen Sie auch nicht Ihren eigenen Namen und klicken Sie nicht bei Ihren eigenen Beiträgen „gefällt mir“. Geduld ist die Mutter der Textkette. Wenn wir lange genug verketten, kommt jeder Autor und jedes Gedicht dran. Lesen Sie dazu Jorge Luis Borges: Die Bibliothek von Babel!

5. Geschützte Texte (solche von lebenden Autoren oder solchen, die weniger als 70 Jahre tot sind) dürfen nur veröffentlicht werden wenn der Textkette die Zustimmung des Rechtsträgers vorliegt (Zustimmung der Verlegerin von Kookbooks zum Zitieren einzelner Gedichte liegt vor). Wenn Ihnen ein geschützter Autor zugewiesen wird, wählen Sie ein  Gedicht aus und zitieren Sie es mit der ersten Strophe oder den ersten vier Zeilen sowie exakter Quellenangabe, Titel, Buch, Seite oder ggf. Weblink.

6. Jeder Autor und jedes einzelne Gedicht kann beliebig oft nominiert werden. Sie müssen also nicht vorher prüfen, ob Autor oder Gedicht schon vertreten sind.

7. Sie können einen vorgeschlagenen Autor ablehnen und den Vorschlagenden um einen neuen Namen bitten.

8. Sie können jederzeit eine neue Linie eröffnen, indem Sie Text 0 = Sapphos Brüdergedicht auswählen (kommentieren wie oben gezeigt).

9. Erwünscht sind Gedichte in beliebigen Sprachen – mobilisieren Sie ruhig Ihre Freunde, an Ihrem Zweig der Textkette mitzuarbeiten.

Dies sind vorläufige Regeln, mit denen die öffentliche Textkette zumindest starten kann. Kommt Zeit kommt Rat. Bitte beteiligen Sie sich auch am Brainstorming – Diskussion ist über Kommentare möglich.

Wenn Sie sich für ein verrücktes Projekt mit Zukunftsoption interessieren, probieren Sie es aus, machen Sie mit oder, am besten, werden Sie Mitbürger! We can!

78. ROARS_BANGS_BOOMS

Alessandra Eramo

MUSICA FUTURISTA: THE ART OF NOISES

„ROARS_BANGS_BOOMS“ Variation for Voice, Gesture and Drawings

Opening and Live-Performance Saturday, 3 May 2014, 19:30

Exhibition: 4 – 11 May 2014

Gallery hours: by appointment (call to:+49 0176 49709201 / or write to: eb@errantbodies.org)

Errant Bodies – Kollwitzstrasse 97 10435 Berlin www.errantbodies.org

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„The variety of noises is infinite. If today, when we have perhaps a thousand different machines, we can distinguish a thousand different noises – tomorrow, as new machines multiply, we will be able to distinguish ten, twenty, or thirty thousand different noises, not merely in a simply imitative way, but to combine them according to our imagination.“

from „The Art of Noises“ Luigi Russolo, 1913

101 years later, Italian/German sound artist and vocalist Alessandra Eramo interprets the Futurist Music Manifesto “The Art of Noises” of Luigi Russolo, using the human voice. Starting in 2013, the performance is based on Russolo’s statement that the sonic palette of noises, generated by machines and the urban soundscape requires a new approach to musical instrumentation and composition. Therefore noise not only becomes a Leitmotiv in music but it also turns into musical material itself. The list of words that recall different sounds – such as thunder, whistles, roars, booms, grumbles, snorts – is part of the Futurist manifesto. These „onomatopoeic“ words are the origin of the performance project “ROARS_BANGS_BOOMS” for which Alessandra Eramo wrote 7 variations for voice.

At Errant Bodies she will present the Variation #4: She exhibits her large-format drawings as graphic transcriptions of the onomatopoeic words that in a performance she will interpret with her body and voice.

The Art of Noises
The Art of Noises

Project’s website: http://ezramo.com/works/musicafuturista/picture.html

Biography: Alessandra Eramo is a musician and artist working with extended vocal techniques, field recording, noise, sound and visual poetry. In the past ten years she presented her live-performances, compositions, videos and installations at numerous exhibitions, festivals and events in Europe, USA and Canada including: Galerie Haus am Lützowplatz Berlin, Padiglione Italia nel Mondo – 54th Venice Biennale, Liverpool Biennial 2012, Harvestworks New York, Lyd & Litteratur Festival Aarhus 2012, Sonic Circuits Festival 2011 Washington DC. Collaborations with performers, poets, improvisors and composers include: Gino Robair, Ingrid Schmoliner, Tomomi Adachi, Marta Zapparoli, Seiji Morimoto, Steven J. Fowler, Doug Van Nort. She was trained in classical singing, piano, music theory since an early age. She’s graduated with honors in visual art, experimental music and performance art in Milan, Stuttgart and Venice. In 2010 she co-founded „Corvo Records. Vinyl and Sound Art Production“. She lives in Berlin.

www.ezramo.com

Corvo Records
Wendelin Büchler
Gottschedstrasse 22
13357 Berlin
Atelier/Office:
Schulstrasse 35
Hofgebäude
13347 Berlin

77. Von war bis warn

Der Erste Weltkrieg hat auch in England eine besondere Art von Lyrik hervorgebracht: die „war poetry“. Das Besondere daran: Viele der Dichter haben diesen Krieg als Soldaten an der Westfront durchlitten. Ihre Verse spiegeln die verschiedenen Phasen des Krieges: den Hurra-Patriotismus von 1914; die grausame Logik, dass die ersten Opfer nicht umsonst gewesen sein dürfen; die extreme Brutalität moderner Kriegsführung (Materialschlachten, Gaskrieg); und die mit zunehmender Kriegsdauer vorherrschende ablehnende Haltung der Soldaten zum Krieg, die in eine neue Aufgabe der Dichtung mündet.

Wilfred Owen hat sie in dem Satz zusammengefasst: „All a poet can do today is warn.“ / Schwäbische Zeitung

76. Andreas-Gryphius-Preis für Therese Chromik

Die in Kiel lebende Schriftstellerin und Lyrikerin Therese Chromik erhält in diesem Jahr den Andreas-Gryphius-Preis der Künstlergilde. Mit ihrem Lyrik- und Prosaschaffen gehöre Chromik zu den bedeutenden deutschsprachigen Literaten der Gegenwart, teilte die Künstlergilde am Dienstag in Esslingen bei Stuttgart mit. Die Auszeichnung wird am 13. Juni in Düsseldorf verliehen. Chromik wurde am 16. Oktober 1943 in Liegnitz in Schlesien geboren.

Der Gryphius-Preis wird seit 1957 vergeben und ist derzeit undotiert. Er ist nach dem schlesischen Lyriker und Dramatiker Andreas Gryphius (1616-1664) benannt und ehrt Autoren, die sich mit der deutschen Kultur und Geschichte in Mittel-, Ost- und Südeuropa beschäftigen. Zu den bisherigen Preisträgern gehören Siegfried Lenz, Peter Härtling und Arno Surminski.

75. Exempla

Mit einer besonderen Ausgabe feierte die Ludwigsburger Literaturzeitschrift „exempla“ vor Kurzem ihren 40. Geburtstag. Die von der Möglingerin Ursula Jetter heute herausgegebene Zeitschrift ist damit die älteste Literaturzeitschrift Deutschlands*.

1974 wurde die Literaturzeitschrift „exempla“ in Tübingen von einer Studentengruppe um Peter Pörtner (ehemaliger Mitherausgeber des Konkursbuches und heute Professor für Japanologie in Hamburg) und Ralph Roger Glöckler (Literaturwissenschaftler, Ethnologe, Dichter und Schriftsteller) gegründet. Konzeptionell war die Förderung junger literarischer Talente in den Bereichen Lyrik, Kurzgeschichte und Essay angestrebt.

Nach dem Weggang der Initiatoren 1980 übernahm der Lyriker Wolfgang Rappsilber aus Tübingen, Mitglied im Deutschen Schriftstellerverband (VS), die Herausgeberschaft, die von da an im AS-Verlag erschien. / Südwestpresse

*) Älteste Literaturzeitschrift, nana. Die Horen wurden 1955 (neu) begründet, Sprache im technischen Zeitalter, 1961, Die Akzente 1954, Sinn und Form 1949 und die Neue Rundschau gar 1890 (sie wurde zwar 1944 verboten, aber schon 1945 zunächst in Stockholm wieder herausgegeben). Man kann ja nicht alles selber lesen, reicht schon wenn man drüber schreibt; aber in der nächsten Bibliothek nachsehen oder Wikipedia befragen sollte auch im Südwesten drinsein.

74. American Life in Poetry: Column 472

BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE


What might have been? I’d guess we’ve all asked that at one time or another. Here’s a fine what-might-have-been poem by Andrea Hollander, who lives in Portland, Oregon. 

Ex 

Long after I married you, I found myself
in his city and heard him call my name.
Each of us amazed, we headed to the café
we used to haunt in our days together.
We sat by a window across the paneled room
from the table that had witnessed hours
of our clipped voices and sharp silences.
Instead of coffee, my old habit in those days,
I ordered hot chocolate, your drink,
dark and dense the way you take it,
without the swirl of frothy cream I like.
He told me of his troubled marriage, his two
difficult daughters, their spiteful mother, how
she’d tricked him and turned into someone
he didn’t really know. I listened and listened,
glad all over again to be rid of him, and sipped
the thick, brown sweetness slowly as I could,
licking my lips, making it last.

 

American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln. Copyright © 2011 by Andrea Hollander from her most recent book of poems, Landscape with Female Figure: new and selected poems, 1982-2012 (Autumn House Press, 2013). Introduction copyright © 2014 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006. We do not accept unsolicited manuscripts.

73. Byzantium

Yeats wrote two poems about İstanbul that have become classics in the Western literary canon: “Sailing to Byzantium” and the later “Byzantium.” The first poem uses an imagined journey to Byzantium to meditate on mortality, spirituality and artistic legacy, among other themes. The poet escapes a country of youth neglecting the “monuments of unageing intellect” around them and travels to Byzantium, seeking some form of eternal paradise.

The second, lesser-known poem, “Byzantium,” is a nighttime portrait of the city populated by classical Greek symbols — the figure of Hades, the golden bough, dolphins carrying people to the underworld. While “Sailing to Byzantium” invokes a journey, the second poem paints a picture that is complex and dizzying. / Today’s Zaman

Sailing to Byzantium
I
That is no country for old men. The young
In one another’s arms, birds in the trees
–Those dying generations–at their song,
The salmon-falls, the mackerel-crowded seas,
Fish, flesh, or fowl commend all summer long
Whatever is begotten, born, and dies.
Caught in that sensual music all neglect
Monuments of unaging intellect.

72. Anna Tarshis (1942-2014)

Die russische Dichterin Anna Tarshis, Künstlerin, Verlegerin, Avantgarde-Aktivistin, die unter dem Namen Ry Nikonowa (Ры Никонова) schrieb, starb am 10.3. im Alter von 72 Jahren in Kiel. Das teilte der Slawist Ilja Kukuj in einem Blog mit.

Sie wurde 1942 in der südrussischen Stadt Jejsk geboren, absolvierte die Musikschule Swerdlowsk in der Klasse Klavier und studierte am Leningrader Staatlichen Institut für Theater, Musik und Filmkunst (in ihrer Autobiografie schrieb sie, sie wurde ausgeschlossen „wegen eigenen künstlerischen Stils“).

1965 organisierte sie eine Avantgarde-Gruppe von Dichtern und Künstlern, Uktusser Schule («Уктусская школа»), die bis 1974 bestand, und gründete eine handschriftliche Zeitschrift „Nomer“ (Номер, Nummer), von der 35 Ausgaben erschienen. Von 1976 bis 1986 erschien das Avantgarde-Magazin „Transponans“, in dem sie Dmitri Prigow, Ilja Kabakow, Andrej Monastyrskij, Genrich Sapgir, Jurij Lejderman, Konstantin Swestotschetow und Igor Bachterew (Дмитрий Александрович Пригов, Илья Кабаков, Андрей Монастырский, Генрих Сапгир, Юрий Лейдерман, Константин Звездочетов, Игорь Бахтерев) veröffentlichte.

Tarshis war mit dem Dichter Sergej Sigejew (richtiger Name Sigow) verheiratet; 1998 bekamen sie gemeinsam den Andrej-Bely-Preis. Im gleichen Jahr zogen die Dichter nach Kiel .

Ry Nikonowa begeistert sich für experimentelle Poesie: Saum (Sa-um, заум), Odnostischij (одностиший), visuelle Gedichte, Gedichte in der Tradition des Readymade, Tabellengedichte. In ihrer Autobiographie finden sich so exotische Arten wie Gedichte auf Schallplatten (Disk-Art), gestische Gedichte (жестикуляционные поэмы), essbare Poesie, Gedichte auf Körperteile von Zuhörern, Lautpoesie, Vakuum-Poesie. Nikonowa beschäftigte sich mit Mail Art und book-art (бук-арт). Ausgaben von Transponans wurden auf internationalen Ausstellungen gezeigt.
/ Lenta.ru

Die Bloggerin Elena Kusmina teilt 3 Texte mit, darunter dieses Gedicht von 1965, von dem sie sagt, es sei schwer, das heute abstrakt zu lesen:

Все идиоты в этом мире идиотов,
И каждый идиот идет отдельно.
Все патриоты в этом мире идиотов,
И каждый патриот идет отдельно.
И каждый идиот по-каждому живет.
В этом мире, в этом мире
Каждый идиот.

Rohübersetzung:

Alle Idioten in dieser Welt sind Idioten,
Und jeder Idiot kommt für sich.
Alle Patrioten in dieser Welt sind Idioten,
Und jeder Patriot kommt für sich.
Und jeder Idiot lebt in jedem.
In dieser Welt, in dieser Welt
Ist jeder ein Idiot.

  • Das russische Wort geht (idjot) ähnelt im Klang dem Wort Idiot: kashdyj idiot idjot, jeder Idiot geht.

71. Es ist Rimbaud

Eine biometrische Analyse beweist, daß auf dem berühmten 2008 aufgefundenen Foto tatsächlich Arthur Rimbaud zu sehen ist.  Kein Rimbaldist hat das Rätsel gelöst, sondern ein Forscher vom Labor für anatomische Anthropologie und Paläontologie an der Claude-Bernard-Universität Lyon, Brice Poreau. Für ihn, aller Wahrscheinlichkeit nach, ist die geheimnisvolle Person auf dem Foto in der Tat der Autor von „Aufenthalt in der Hölle“.

Um das zu beweisen, verwendet er die „biometrische Ähnlichkeit“, eine forensische Technik, bei der man verschiedene Porträts untersucht, indem der Abstand zwischen allen Teilen des Gesichts und die Länge der Augen, Pupillen, des Mundes etc. gemessen wird. Und zwar mit einer Genauigkeit von „einem Hundertstel Millimeter.“ Experten treffen auf Poesie.

Beim Vergleich von fünf Fotos von Rimbaud (darunter das berühmte Porträt von Etienne Carjat) mit dem Bild erreichte Brice Poreau einen Prozentsatz von 85-92% genereller Ähnlichkeit, ein extrem hoher Wert für diese Art von Untersuchung – und sogar 98% Ähnlichkeit mit dem Foto Carjats. / Vincent Leconte, Nouvel Observateur

Bildschirmfoto 2014-04-21 um 20.53.49Siehe L&Poe

70. Literaturdebatte 1966

1966 fand die Literaturdebatte nicht in den Zeitungen statt (jedenfalls nicht in Westgermanien). Die Literaturzeitschrift Akzente diskutierte unter der Überschrift: „Die Jungen – haben sie einfach nichts zu sagen?“ Das Niveau war hoch. Paul-Gerhard (später Hadayatullah) Hübsch steuerte ein Minidrama bei, Auszug:

die deutsche literaturwiese. auftritt der gute onkel aus amerika! er ächzt & stöhnt das ganze stück über, weil er schwer am deutschen schicksal trägt.

der gute onkel aus amerika (murmelnd): wolln doch dem handke mal zeigen, was ne harke is. (laut) die jungen sind beschissen / weil sie nix zu sagen wissen. (geht ab)

jungdichterstimme aus dem hintergrund (leise): ich will was sagen!

walter von der höllerer: sim-sala-bim!

aus den maulwurfshügeln ertönen hurtige, muschige, hübsche, knoffige, mairige, prießnitzige,  undsoweitrige stimmen, (durcheinanderredend): ICH BIN, dubist, ER ißt, (sie ist!) – es ist. WIR SIND, IHR seid, siesind. ich war du warster sieeswarwirwaren. ihr wart! siewaren. (undsoweiter&sofort. bis) ich wollte gewesen sein, duwolltestgewesenseinersieeswolltegewesensein …

(irgendwann zwischendurch senkt sich dichter nebel über die bühne).

(…)

privatdozent: der erste ist zu jung / doch hat er wengstens schwung / der zweite ist nicht diskutabel / der dritte gar ist miserabel / dem vierten halt ich die jugend zugut / dem fünften jedoch fehlt leider der mut.

die deutsche leserschaft: oh dichtung du selige / prosa du mehlige / lyrik du kehlige.

chor der traditionalisten: wir wollen unsern alten friedrich schiller wieder haben.

Akzente 5/1966, S. 356

Zwischenfazit von Michael Nerlich:

500 deutsche bierzeitungsdichter stürmen die bühne und übernehmen die redaktion der akzente

Ebd. S. 358

Die Protagonisten:

  • Die Alten: Goethe, Schiller, Kafka, Musil, Heinrich Mann
  • Die Mittleren: Günter Grass, Peter Handke, Peter Weiss, Yakov Lind
  • Die Jungen: Adolf Muschg, Paul-Gerhard Hübsch, Artur Knoff, Wolfgang Maier, Reinhard Prießnitz

 

69. Poetopie

früh aufstehen, frühstücken und dann hinaus in den Frühling

Hansjürgen Bulkowski