56. Anne Carson

Die studierte Gräzistin, die Werke von Euripides, Sophokles, Äschylus und Sappho ins Englische übertragen hat, wird für den weitgespannten kulturellen Horizont ihres Schaffens ebenso gerühmt (und im Stillen wohl auch gefürchtet) wie für ihre formale Experimentierfreude: Ihre Dichtungen können sich an Filmdrehbuch und Dramolett ausrichten, sich zu mehrseitigen oder ein ganzes Buch umfassenden Erzählungen auswachsen, als achsensymmetrische Textfigur auf der Seite prangen und dann wieder in wildem Zickzack übers Papier laufen; in einem Zyklus über Edward Hopper finden sich sogar Gedichte, deren Gestalt sich an den Bildaufbau des verhandelten Gemäldes anzulehnen scheint. Fingierte Interviews und Kontrafakturen antiker Dichtungen begegnen dem Leser ebenso wie persönliche Journale und kryptische Kurzprosa; ihre assoziative Technik, die Ideen und Persönlichkeiten über eine Distanz von Jahrhunderten oder Jahrtausenden kurzschliesst, verwendet Carson auch in ihren Essays – dort freilich manchmal auf Kosten der Stringenz und inneren Logik. (…)

Rückgrat des Buchs ist das berühmte Carmen 101 , das Catull seinem ebenfalls in der Fremde verstorbenen Bruder gewidmet hat: Das eingangs auf Lateinisch abgedruckte Gedicht wird in der Folge auf den links liegenden Seiten Wort für Wort anhand scheinbar direkt aus dem Wörterbuch übernommener Einträge aufgeschlüsselt, in die Carson jedoch immer wieder eigene Elemente – die meist das Titelwort «nox» (Nacht) mitführen – einschiesst. Rechter Hand wechseln sich die öfters auf die Antike rekurrierenden Reflexionen der Dichterin ab mit Familienfotografien und den spärlichen Reminiszenzen an den Bruder, der den Kontakt mit der Familie bis auf rare Anrufe, Kartengrüsse und einen einzigen Brief unterbunden hatte; dazu kommen Zeichnungen, eingeklebte Fragmente jenes Briefes, eine Collage aus Briefmarken. Aus wenigem schafft Carson so nicht nur die Kontur des Verstorbenen, sondern eine subtile Meditation über Verlust und Abwesenheit; die als persönliches Notizbuch entstandene Arbeit ist in einer wunderschön faksimilierten Ausgabe beim Verlag New Directions erschienen. / Angela Schader, NZZ

Anne Carson: Decreation. Gedichte, Oper, Essays. Deutsch von Anja Utler. S.-Fischer-Verlag, Frankfurt am Main 2014. 251 S., Fr. 35.50.

55. Maja Haderlap

Heimatliebe wird hier ohne Heimattümelei zu Papier gebracht. Haderlap kann kitschfrei einen Sommertag über dem Jaunfeld besingen, beschäftigt sich in einem kleinen Zyklus mit der Geschichte von „karantanien“, ist aber ebenso in Piran, Triest und Venedig zu Hause. Grenzen werden von den Mächtigen gezogen: „ihre grenzlinien knüpften einen strang / aus fallstricken und übertretungen“. Mit Sprache lassen sich diese Grenzen jedoch überwinden: „meine kleine sprache träumt sich / ein land, in dem sie wortnester baut / zum ausschwärmen über die grenzen, / die nicht ihre eigenen sind“. / Tiroler Tageszeitung

Maja Haderlap: „langer transit. Gedichte“, Wallstein Verlag, 88 S., 20,50 Euro

54. Julius Rodenberg (1831-1914)

Julius Rodenberg war etablierter Dichter und Schriftsteller, Miterfinder des Stadtfeuilletons, Mitbegründer der Goethe-Gesellschaft sowie Gründer und 40 Jahre lang Herausgeber der bedeutendsten deutschen Kulturzeitschrift, der »Deutschen Rundschau«. Viele heute bekanntere Autoren, wie eben Fontane oder Storm, verdanken der »Rundschau« wichtige Erstveröffentlichungen. Dass Rodenberg, eine Instanz im deutschen Literaturbetrieb im 19. Jahrhundert, heute unbekannt ist, liegt paradoxerweise an seinem Erfolg – beziehungsweise daran, wie nachlebende Generationen und Regime »deutsche Kultur« definierten. Die NS-Kulturpolitik sorgte so gründlich für die Auslöschung seines Namens, dass er erst über zwei Generationen später, im Zuge der Neuentdeckung einer »deutsch-jüdischen« Literatur wieder genannt wird. Ob ihm dieses Etikett gerecht wird und inwiefern es dem Verständnis seiner Zeit entspricht, wäre dabei noch sehr zu fragen. / Hannah Lotte Lund, ND 11.7.

53. Grabgedicht

Rainer Kirsch spricht höchst lebendig im Gespräch mit der Zeitung, die früher der Partei gehörte, die ihn einst rauswarf, über seine Grabstelle samt Grabspruch:

Haben Sie denn eine Grabstelle dafür?
Inzwischen ja. Wenn man den Haupteingang reingeht, ist rechts die Bürobaracke, dann geht man auf den Luther zu, und wenn man rechts am Luther vorbei ist, steht 20 Meter weiter eine Linde. Da ist das Grab mit einer Graniteinfassung, die ich habe restaurieren lassen. Dann habe ich mir einen Grabspruch gesucht. Der muss kurz sein.

Hier ist er, vier Zeilen:

»Lila ein Schwein saß still auf einem Baum
Und wiegte sich auf zweifelbaren Ästen.
Wir sahens beide, und auf wenigem Raum.
So, manchmal, heilt die Nacht des Tags Gebresten.«

Das ging so durch?

Der Kirchenvorstand muss zustimmen. Und ich habe Volker Braun gebeten, ein kleines Gutachten zu schreiben. Hat er gemacht.

52. Ashbery lesen

Ashbery lesen heißt, den Faden verlieren zu wollen. Denn die Suche nach dem Sinn dieses Gedichts wäre unvorteilhaft, da es lediglich „Marginalien“ hervorhebt. Der Leser ist in der Folge völlig auf sich gestellt; stilistische Fallhöhen sind wichtiger als Stabilität. „Obwohl der Sonne knusprig verkohlte / Eingeweide hinter jenen Gipfel gesackt sind, hat bisher niemand einen Anspruch auf / die erstaunliche Summe angemeldet, welche der Sachverwalter verspricht. Weißte, kein / Minnesänger brach je einen Eid“.

Mit diesem ästhetischen „Plan“ macht sich der Autor unangreifbar. Einerseits kann man ihm vorwerfen, beliebig zu sein, andererseits ist er nicht beliebig genug, weil das „Flussbild“ nicht in alle Winkel auswuchern kann. Im begrenzten Rahmen des Buches stellt Ashbery aber klar, dass er nicht Herr im Hause seiner Dichtung ist, was den Text in Bewegung setzt. Er wendet sich gegen jede Literatur, die einen ganz bestimmten Inhalt vermitteln will, und dürfte damit viele Leser abschrecken. Wer sich jedoch darauf einlässt, empfindet mitunter Freude daran, sich dem Bilderstrom zu überlassen, den Sinn dabei jedoch zu vergessen.

Matthias Göritz und Uda Strätling versuchen, diese Problematik in ihrer Übersetzung zu bedenken. Sie schaffen es, den ständigen Wechsel stilistischer Register auch im Deutschen wiederzugeben; die weitschweifige Gedichtstruktur bewältigen sie ohne weiteres. Allerdings geben sie vor allem Fachausdrücke wörtlich wieder („dislocation“ wird zu „Dislozierung“) oder verwenden Genitive oft in altmodischer Form (z. B. „heaven’s summit“ als „des Himmels Zenit“). Gelegentlich passieren den Übersetzern auch stilistische Patzer, wenn etwa Ashberys „replacement-sun“ auf einer „Sonnenersatzbahn“ davonfährt oder wenn sich ein schlichter „someone“ in einen „dünne[n] Mann“ verwandelt.

Solche Fehler sind zwar ärgerlich, im Großen und Ganzen ist es aber auch deutschen Lesern möglich, das surrealistische Sammelsurium an Bildern, Strichen und Fragmenten zu betrachten (obwohl Textverständnis hier nicht gefragt ist). / Matthias Friedrich, literaturkritik.de

John Ashbery: Flussbild / Flow Chart. Ein Gedicht. Zweisprachig.
Übersetzt aus dem Amerikanischen von Matthias Göritz und Uda Strätling.
luxbooks, Wiesbaden 2012.
388 Seiten, 29,80 EUR.
ISBN-13: 9783939557296

51. Auch wahr

Es ist kein Gedicht Johann Wolfgang von Goethes über den Fußball überliefert; auch der „Faust“ hat nichts mit Manuel Neuer zu tun. / Zollern-Alb-Kurier

50. Stadtschreiberin

Monika Rinck, Tübinger Stadtschreiberin

Vorgestellt von Reinold Hermanns

SWR2 Lesezeichen vom Samstag, 28.6. | 17.50 Uhr | SWR2

49. Rainer Kirsch 80

Die Gedichte Rainer Kirschs sind in der DDR erschienen, was bisweilen einem Wunder gleichkam, und sie erschienen den Machtlüsternen wohl als Stachel, den auf Dummheit Gepolten (sie nannten ihre Art Widerspruchsrodung Dialektik) als Dämon, den Tapferen als Trutzimpuls. Und den Anstößigen als ein Stoßseufzer, den auch das mutigste Gemüt benötigt. Der Dichter Rainer Kirsch, 1934 in Döbeln geboren, ist in seiner Lyrik ein Epiker und Epigrammatiker, ein Lehrdichter und Bänkelsänger, ein lustvoller Genießer und listenreicher Gebieter. Seine Gebote sind Witz und Weisheit, Willenskraft und Würde und Wut. Wut gegen die Wendischen, Würde inmitten der Weltnöte, Willenskraft gegen die Gewöhnungen, Weisheit wider die Weismacher, Witz in Bruderschaft zur bitteren Wahrheit. (…)

Heute wird Rainer Kirsch, dessen auf acht Bände angelegte Werkausgabe der Eulenspiegel Verlag betreut, 80 Jahre alt. (…)

Mehr von und über Rainer Kirsch wird es in der Wochenendausgabe des »nd« am 19./20. Juli in einem Interview mit dem Dichter zu lesen geben. / Hans-Dieter Schütt, ND 17.7.

48. Daumer vertont

Das Vertonte hat in jedem Falle verbesserte Überlebensbedingungen gegenüber dem bloß gedruckten oder gar bloß geschriebenen Mittleren. Wie der Lethe rücklings mehr und mehr über die Ufer tritt, zeigt uns die Musik eine Inselwelt, von ganz anderer Zahl und Form als das Gedruckte, das noch herausragt. Die Dichter, die auf oder unter den Titeln der massenhaft und so zierlich gedruckten Klavierlieder des 19. Jahrhunderts erscheinen, präsentieren einen ganz anderen Kanon als die Literaturgeschichten; von üblich verdächtigen Ausnahmen wie Uhland, Goethe, Heine, Eichendorff. Auflagenstärke gegen den Fluss des Vergessens, wie prosaisch!, denn natürlich ist alles, was je gedruckt wurde, noch irgendwo zu finden; aber so sehr zu suchen, um nichts Herausragendes aufzuspüren, ist ohne Forschungsauftrag ein selten müßiger Luxus. Sich von der Musik die Hand entlang der Regale des 19. Jahrhunderts führen zu lassen, ist da eine freudige Lösung und enttäuscht überraschend selten. Es gab in meinem Horizont keinen Grund, Gedichtbände von Georg Friedrich Daumer aus den Tiefen der Berliner Staatsbibliothek heraufzubeschwören, außer die Liebesliederwalzer op.52 von Johannes Brahms, wie ich einst keinen Grund für Wilhelm Müller außer Franz Schubert sah. (Beschwören statt bestellen, da die Staatsbibliothek im Moment des Bestellens noch gar nicht im Katalog verzeichnet hatte, ob einer der Bände den letzten Krieg überstanden hatte.) Wenn sich jener Grund aber einmal vollzogen hat und man das Buch in der Hand hält, muss man, schon aus Höflichkeit, versuchen, die Vertonung erstmal aus dem Spiel zu lassen (ein Stück Lethe abgraben). Ich kann mir nicht vorstellen, dass Daumer je Walzer im Sinn hatte.

Daumer steht unter Müller, soweit ich sehen kann, eine ganze Anzahl von Stufen. Was mich aber beim Hören von Brahms bereits begeistert hat, ist der Umstand, dass Daumer enorm ungelenk, fast könnte man sagen schlecht reimt, und ihn sein trotziger Wille zum Reim zu teils tollkühnen Lösungen treibt. Bezaubert von einem dieser Reime schaute ich also nach dem zweibändigen Gedichtband Polydora, ein weltpoetisches Liederbuch, in der Literarischen Anstalt Frankfurt a.M. 1855 gedruckt. Umwerfender Titel. Und wie die Zweibändigkeit schon anzeigt, schreibt Daumer ausgiebig, das noch umwerfendere Inhaltsverzeichnis versammelt Lieder aus 35 Nationen, zudem Sprüche aus einem guten Dutzend; nummernstarke Internationalität, wie man sie sonst nur an die Glocke etwa des Berliner Poesiefestivals hängt. Manche geographischen Angaben erscheinen mir merkwürdig bis erheiternd, aber ich weiß nicht, welche ich hier als Beispiel dafür angeben könnte, ohne zumindest verdachtsweise unkorrekt zu werden. Der Kreis ist jedenfalls bedeutend weiter als in bekannteren Sammlungen fernländisch kostümierter Liebeslyrik etwa der gerade abgelaufenen Goethezeit. Denn Liebeslyrik ist es, soweit ich sehen kann, bei Daumer sämtlich, und nach meinem ersten Eindruck klingt die Liebeslyrik in allen Ecken und Enden der Welt gleich. Kennt man alles schon, denkt man sich, unausweichlich, liedhafte Lyrik, nach Heine, aber ohne Heine, aber auch in diesem bekannten System findet sich Überraschendes; und ist es nicht überraschend, so ist es zuweilen schön gelöst. Und hin und wieder das völlige, lyrische, abgründige Rätsel, für das man, in gewisser Weise, starr vor Staunen (stupor deus, omnium ineptissimus), nichts anderes verantwortlich machen kann, als den Reim und seinen Sog. Das Bildfeld des Blitzes drängt sich mir auf, aber das stimmt natürlich nicht. Jedenfalls, der Reim, der mich schon beim Hören von Brahms so bezauberte ist die Nr.5 aus dem Kapitel Russisch-Polnische Kleinigkeiten, einer Sammlung von unzusammenhängenden Miniaturen zu je vier Versen:

O die Frauen, o die Frauen,
Wie sie Wonne thauen!
Wäre lang ein Mönch geworden,
Wären nicht die Frauen!

Der zweite Vers ist schlichtweg faszinierend. Es ist ja schon jede Körperflüssigkeit irgendwann irgendwo als Tau metaphorisiert worden, aber das in den Tau, als Metapher für besonders im Flux befindlichen Körper, wiederum eine Metapher hineingeschoben wird, obendrein mit dem sozialen Arkadianismus der Wonne, das ist schon eine kapitale Vorstellung. Was soll das heißen? Was auch immer, aber die Vorstellung passt zu jeder Variante, die etwa der Grimm angibt: thau ansetzen, erzeugen, thauig sein, wie thau niederflieszen (augen bei jean paul, wangen bei rückert, wimpern bei pyrker), mit thau netzen, in thauform bilden, wie thau niederflieszen lassen: eine Vorstellung schöner wie die andere, und die Freude, mit der der Vers es uns zuruft: Der ganzen Welt wollte man den Rücken kehren, wenn das nicht wäre! Tir’d with all these, from these would I be gone, / Save that, to die, I leave my love alone.

Rätselhaft in seiner Bildwahl und -folge erscheint auch die Nr. 11 aus dem Abschnitt Polnisch, die Brahms nicht vertont hat.

Umgehauen ist die Eiche;
Nimmer in die Luftbereiche
Ragt sie hoch und breit.
Habe dir mein Wort gegeben,
Und das gilt für’s ganze Leben,
Für die Ewigkeit.

/ Tobias Roth, Signaturen

47. Referenzfläche

4# ist da. Auflage: 50

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46. Thomas Brasch

war das Enfant Terrible der DDR – manche meinen, das einzige. Der älteste Sohn des SED-Funktionärs und stellvertretenden Kulturministers Horst Brasch, der als jüdischer Flüchtling und Mitgründer der FDJ nach dem Krieg bewusst in die russische Besatzungszone gegangen war, eckte früh an: beim Vater wie beim Arbeiter- und Bauernstaat, das war ja nicht zu trennen. Unmittelbar nach der Ausbürgerung Wolf Biermanns ging er 1976 in den Westen und wurde dort auch nicht heimisch. 2001 endete sein verzweifeltes, von Alkohol und Drogenkonsum imprägniertes Leben. Er hinterließ Dramen, wenig Prosa („Vor den Vätern sterben die Söhne“ macht ihn im Westen 1977 gleich berühmt und öffnete ihm zunächst viele Türen in den Literaturbetrieb), vor allem aber großartige Gedichte. Dass man diesen radikalen, wütenden, existenziell ausgelieferten Poeten nicht vergessen – oder unbedingt aus dem Vergessen zurückholen – sollte: Diese Erkenntnis konnte man mitnehmen nach einer bemerkenswerten Hommage an den langjährigen Lebensgefährten von Katharina Thalbach im Weingut Dilger in der Freiburger Urachstraße. / Bettina Schulte, Badische Zeitung

45. Das Sorbische im Deutschen

„wenn sprachen sich angleichen meine / in der deinen ein und aufgeht ah! wie / sich da umlaut und vorsilbe mischen keine / einsilbigkeit aufkommt“ schreibt Roza Domascyna in dem Gedicht „Vokalintermezzo“, und einer solchen Doppelsprachigkeit, einem geradezu verliebten Miteinander der Sprachen, folgen in ihrem neuen Gedichtband so gut wie alle Beiträge. Roza Domascyna schreibt – dichtet vor allem – sowohl sorbisch als auch deutsch, sie ist in beiden Sprachen zu Hause. / Zsuzsanna Gahse, Südkurier

Roza Domascyna: „Feldlinien“. Edition Ornament im quartus-Verlag, Bucha. 95 S. Vorzugsausgabe Nr. 1-50: 59,90 EURO. Normalausgabe Nr. 51-500: 14,90 EURO

44. American Life in Poetry: Column 482

BY TED KOOSER, U.S. POET LAUREATE

Diane Gilliam Fisher, who lives in Ohio, has published a book called Kettle Bottom that portrays the hard life of the West Virginia coal camps. Here is just one of her evocative poems.

Violet’s Wash

You can’t have nothing clean.
I scrubbed like a crazy woman
at Isom’s clothes that first week
and here they come off the line, little black
stripes wherever I’d pinned them up
or hung them over—coal dust settles
on the clothesline, piles up
like a line of snow on a tree branch.
After that, I wiped down the clothesline
every time, but no matter, you can’t
get it all off. His coveralls is stripy
with black and gray lines,
ankles of his pants is ringed around,
like marks left by shackles.
I thought I’d die that first week
when I seen him walk off to the mine,
black, burnt-looking marks
on his shirt over his shoulders, right
where wings would of folded.

American Life in Poetry is made possible by The Poetry Foundation (www.poetryfoundation.org), publisher of Poetry magazine. It is also supported by the Department of English at the University of Nebraska-Lincoln. Poem copyright © 2004 by Diane Gilliam Fisher from her most recent book of poems, Kettle Bottom, Perugia Press, 2004. Poem reprinted by permission of Diane Gilliam Fisher and the publisher. Introduction copyright © 2014 by The Poetry Foundation. The introduction’s author, Ted Kooser, served as United States Poet Laureate Consultant in Poetry to the Library of Congress from 2004-2006. We do not accept unsolicited manuscripts.

43. Andrej Kurkow

Der Erfolgsautor Andrej Kurkow lebt im Stadtzentrum von Kiew; der Euromaidan hat sich praktisch vor seiner Haustür abgespielt. Kurkow verfügt über eine komplexe kulturelle Identität, die sich einfachen Zuordnungen verweigert: Er versteht sich als ukrainischer Schriftsteller, der auf Russisch schreibt und zum russischsprachigen Kulturraum gehört. Kurkow führt seit dreissig Jahren ein Tagebuch – nun veröffentlicht er zum ersten Mal seine Aufzeichnungen für den Zeitraum zwischen dem 21. November 2013 und dem 24. April 2014. Er ist ein hellwacher Beobachter der politischen Ereignisse. Wie eng Ausnahmezustand und Alltag ineinandergreifen, zeigt etwa der Eintrag vom 27. Januar: «Montag. Minus 16 Grad. Sonne, Stille. Ich habe die Kinder zur Schule gebracht und bin zur Revolution gegangen.»

Kurkow macht aus seinem Herzen keine Mördergrube. Janukowitsch ist für ihn kurzerhand ein «Arschloch», aber auch für Julia Timoschenko und Viktor Juschtschenko findet er keine freundlichen Worte. Die ehemalige Ministerpräsidentin ist für Kurkow eine machtgierige Selbstdarstellerin, der ehemalige Präsident eine Witzfigur – Juschtschenko habe durch seinen starrsinnigen Flügelkampf mit Timoschenko den Aufstieg Janukowitschs erst ermöglicht. Der Anschluss der Krim an Russland trifft Kurkow persönlich: Mit seiner Familie verbrachte er jeweils die Winterferien auf der Halbinsel. Durch die russische «Entweihung» und «Schändung» der Krim haben die verschlafenen Städte an der Schwarzmeerküste für ihn ihren nostalgischen Reiz für immer verloren. / Ulrich M. Schmid: Ukrainische Autoren über den «Euromaidan». Am Ende der Unmündigkeit. NZZ 9.7.

Juri Andruchowytsch (Hg.): Was in der Ukraine auf dem Spiel steht. Suhrkamp, Berlin 2014. 208 S., Fr. 22.90. Andrej Kurkow: Ukrainisches Tagebuch. Aufzeichnungen aus dem Herzen des Protests. Aus dem Russischen von Steffen Beilich. Haymon-Verlag, Innsbruck 2014. 280 S., Fr. 26.90. Claudia Dathe, Andreas Rostek (Hg.): Majdan! Ukraine, Europa. Edition Fototapeta, Berlin, 2014. 158 S., Fr. 14.90. Manfred Sapper, Volker Weichsel (Hg.): Zerreissprobe. Ukraine: Konflikt, Krise, Krieg. (Osteuropa 5-6/2014). Berlin 2014. 352 S., € 24.–. Simon Geissbühler (Hg.): Kiew – Revolution 3.0. Der Euromaidan 2013/14 und die Zukunftsperspektiven der Ukraine. Ibidem, Stuttgart 2014. 160 S., € 24.90.

42. Fenouil

Finule ist auch Bestandteil des Nine Herbs Charm, eines im 10. Jahrhundert in den altenglischen Lacnunga-Manuskripten festgehaltenen Kräuterzaubers gegen Vergiftungen und Infektionen. In Antike und Mittelalter wird der Fenchel oft mit Klarsicht (und also wieder mit Konzentration) in Verbindung gebracht und gegen Augenleiden eingesetzt. Plinius etwa beobachtet, dass sich die Schlange nach ihrer Häutung im Frühling die Augen am Fenchel schärft: «Hat sich während ihres winterlichen Verborgenseins ihr Gesicht verdunkelt, so reibt sie sich am Marathrum die Augen ein und stärkt sie dadurch.» Auch 15 Jahrhunderte später noch schreibt zum Beispiel Michel de Montaigne in einem Passus über die Klugheit der Tiere: «Der Drache machet seine Augen mit Fenchel rein und hell.» Bis heute fungiert der Fenchel aber auch wegen seiner beruhigenden, schleimlösenden, den Magen besänftigenden Wirkung als Ingredienz in so manchem Hausmittelchen. Literarisch erreicht der Fenchel seine höchste Konzentration wohl in einem Gedicht, das François Le Lionnais, Begründer und Präsident der Oulipo (Ouvroir de littérature potentielle) 1957 verfasste und das nur aus einem einzigen Wort besteht: «Fenouil». / Samuel Herzog, NZZ