Michael Palmer
(geboren am 11. Mai 1943 in Manhattan)
Aus der Anthologie (Traum des S)
Ein Buch voll dunkler Bilder
oder war es ein Gedicht
in einem Buch entdeckt
dessen erste Zeile lautete
„Ein Buch voll dunkler Bilder"
dunkel wie der Fluss Eros
oder die Nebel der Schöpfung
Wer wird inmitten solcher
Bilder bemerken
ob wir Atem gegen Atem
tauschen, ineinander
eintreten
mit Schmerz und Freude zugleich
wie in einem Buch voll dunkler Bilder
dunkel wie ein Traum von Übersetzung
oder die Nebel der Schöpfung
From the Anthology (W's Dream)
A book full of dark pictures
or was it a poem
discovered in a book
whose first line read
"A book full of dark pictures"
dark as the river of Eros
or Creation's mists
Who will ever notice
among such images
if we should exchange breath
for breath, enter
each other
with pain and pleasure mixed
as in a book full of dark pictures
dark as a dream of translation
or Creation's mists
Ursprünglich aus dem Band At Passages, 1995. Zweisprachige deutsche Ausgabe: Michael Palmer, Gegenschein. Gedichte / poems, übersetzt von Rainer G. Schmidt. Berlin: kookbooks, 2012, S. 122f
Nach längerer Pause weiter mit der Papenfußserie. Aus jedem Buch (soweit in meiner Bibliothek vorhanden) ein Gedicht. Nicht in chronologischer Form nach der Entstehungszeit, sondern nach dem Erscheinen der Bücher. Das geht oft auseinander, so auch und ganz besonders bei Bert Papenfuß, der seit frühester Jugend ohne Aussicht auf Veröffentlichung ganze Serien Bücher produziert hatte.
1993 begann Gerhard Wolf in seinem Verlag Janus press eine Ausgabe Gesammelte Texte mit gleich drei Bänden. Band 2 war: till. Gedichte 1973 bis 1976. Papenfuß war 37, als die Werkausgabe zu erscheinen begann und zwischen 17 und 20, als er diese Gedichte schrieb. In dieser Zeit benutzte er eine private Rechtschreibung und selbst erfundene Gattungsbegriffe. Statt „Literatur“ oder „Lyrik“ schrieb er „ark“ (später aber schon arkdichtung). Der Band oder Zyklus, der mit diesem Gedicht begann, hieß im Untertitel „abwieansagen 1973/76“.
WARUM SETZT MAN GOTT FUER KRIEG ODER
DIE DIKTATUR EINES HIPPIES ODER UNDEUTLICH
HAB ICH MICH AUSGEDRUEKKT DEUTLICH
WARUM UNTERDRUEKKT MAN ALL DIE GUTEN
UM SPAETER SIE DANN GELTEN ZU LASSEN
WARUM WIRD FUER FRIEDEN G E K A E M P F T
WARUM WERDEN DIE EINST GUTEN
IMMER DIE SPAETERHIN SCHLECHTEN
WARUM WIRD FUER DEN KRIEG G E K A E M P F T
WARUM LAESST MAN ALL DAS TUN
UMS DANN FERGOLTEN LASSEN ZU SEIN
WARUM WIRD ZUM GUTEN G E B O E S T
WARUM SCHAFFT MAN SCHEINGEGENSAETZE
UND SPIELT DIESE GEGENEINANDER AUS
WARUM MAN SEINESGLEICHEN U E B E R L A C H T
WARUM SIEHT MAN NICHT EIN
DASS GUT UND BOESE EINS IN UNS IST
WARUM FASST MAN ES NICHT Z U S A M M E N
Aus: Bert Papenfuß: till. Gedichte 1973 bis 1976. Berlin: Janus Press 1993, S. 18
Bisher in dieser Serie:
1. NACHTRAUERN. BERT PAPENFUSS †
2. FUER NEUE IRRE LAENDER
3. WENN IHR GEDICHT WOLLT
4. IHR SEID EIN VOLK VON SACHSEN
5. ICH WEISS
6. DIE VERSCHEISSERUNG VON GESAMTEUROPA
7. DER WILLE ZUM GEDICHT
8: »es ist nicht so einfach frei zu sein«
Als russische Truppen in das Nachbarland Ukraine einmarschierten, machten sich einige von uns Sorgen um die – russische Kultur, ob der Westen sie jetzt ungerecht behandeln würde. Das wäre ehrenwerter gewesen, wenn sie auch gefragt hätten, ob es ukrainische Kultur und ukrainische Literatur gibt und ob – schweigen wir von den Kriegsschäden, die auch die ukrainische Kultur schon in den ersten Tagen erlitt – ob wir, ob sie sie gerecht behandeln.
Hier ein Gedicht des ukrainischen Dichters Iwan Dratsch aus einem Band der „Weißen Lyrikreihe“ des DDR-Verlags Volk und Welt. Es ist ein Ausschnitt aus einer Sinfonie auf den Tod des ukrainischen Nationaldichters Taras Schewtschenko. Die Klage mag heute auch außerliterarisch aktuell sein.
Iwan Dratsch
(ukrainisch Іван Федорович Драч; * 17. Oktober 1936 in Telischynzi, Oblast Kiew, Ukrainische SSR; † 19. Juni 2018 in Kyjiw)
Aus der Sinfonie "Schewtschenkos Tod"
Klagegesang der Mutter Ukraine
Und zu wem werd ich gehen,
in die Augen wem sehen,
wem kristallenes Blühen
in den Tälern erziehen?
Und wo soll ich dich finden?
Zwischen Gras und Ackerwinden?
Oder begraben im Sand,
wo Efeu das Kreuz umwand?
Und welch Tisch soll ich decken?
Und wem wird es schmecken?
Wem reiche den Becher ich dann
und stoß mit dem Kreuz mit ihm an?
Und wie soll ich dich ehren?
Soll ich Kirschfrüchte mehren
oder des Ahornblatts Glanz
heften an deinen Dornenkranz?!
Nachdichtung von Andreas Reimann, aus: Iwan Dratsch, Ukrainische Pferde über Paris. Gedichte. Berlin: Volk und Welt, 1976, S. 78.
Голосіння матері України
Та до кого ж я літатиму,
Кому в очі заглядатиму,
Кому квіти-самоцвіти
По долинах розстилатиму?
Відкіль тебе ж викликати?
Чи то з рути? Чи то з м'яти?
Чи з глибокої могили,
Де барвінки хрест обвили?
Які столи застилати,
Повні чари наливати?
Та й налити, пригубити,
З хрестом цокнутись і пити?..
Як же тебе шанувати -
Цвіт вишневий обсипати,
А чи жовтий лист кленовий
На віночок твій терновий?!
Schreibheft Nummer 103 ist soeben erschienen, darin u.a. ein umfangreiches Dossier über den US-amerikanischen Lyriker Gustaf Sobin, zusammengestellt von Jürgen Brôcan.
EIN SELBSTPORTRÄT IM SPÄTHERBST
... durch diesen immer
breiter werdenden zwischenraum war nie mehr
als diese
späten bienen, die du
hingekritzelt hast: was hing, wie säuglinge, von den
dick
baumelnden büscheln; als diese leeren verb-
übersäten landschaften, die du
gemurmelt hast, sogar
gezischt in
jemand anderes, immer wo-
anderes
ohr.
Aus: Schreibheft 103, August 2024, S. 103 – Das Einzige, was ich am Schreibheft immer wieder bekrittele, ist der fast völlige Verzicht auf Originaltexte übersetzter Werke. Diesen Text habe ich im www gefunden.
A Self-Portrait in Late Autumn
... through that ever-
expanding interval, were never more
than these
late bees you’d
scribble: what hung, like sucklings, from the
fat,
dangling clusters; than these desolate, verb-
studded landscapes you’d
murmur, even
hiss into
some other, some ever else-
where’s
ear.
Hier noch ein paar Auszüge aus den „Kommentaren über die Kultivierung des Lyrischen (als Antwort an einen jungen Dichter, der darum bat)“:
: ein gedicht sollte – von der allerersten silbe, vokabel, atemeinheit an – den leser, die leserin (und der allererste leser ist man selbst) hineinziehen in seine bewegung, die bereits eine solche ist – im gange –, noch ehe das gedicht begonnen hat.
: ziehe die nächste zeile immer aus den verborgenen auswirkungen der vorigen, der kommenden zeile.
das gedicht ist eher verbisch als nomenisch. es ist weniger der ausdruck seiner reise als die reise selbst. als das eigene intermezzo in ununterbrochener bewegung.
: „in der natur gibt es keine nomen“, Fenellosa. doch leider gibt es nomen in der sprache. mache sie leicht und evokativ; wo das einzig möglich nomen ein verbrauchtes ist, nagele ein belebendes adjektiv daran. mach es verbisch.
Jane Wels
3 Gedichte
Wahrheiten stürzen aus der Deckung,
knirschen im hellen Haus
wächst blinder Schnee.
Nur die zaudernden Träumer
mähen ihre Worte,
hüten Gräser,
denen ich trauen mag.
Jadegrün häutet sich
der poetische Körper
in den kybernetischen Raum.
Auf deiner Netzhaut
legt er sich offen
in die Fallhöhe.
Worte legen sich auf fremde Zungen, knirschen Sand zwischen die Zähne der Löwenmäulchen. Ich ist ein Quadrat aus Farbe und Form.
Aus: Jane Wels: Schwankende Lupinen. Dortmund: edition offenes feld, 2024
Hardcover mit SU, 80 S., 19,00 € ISBN 9783759721150
Gennadi Ajgi
(tschuwaschisch Геннадий Николаевич Айхи, russisch Геннадий Николаевич Айги; * 21. August 1934, heute vor 90 Jahren, in Schaimursino, Tschuwaschische ASSR, Sowjetunion; † 21. Februar 2006 in Moskau)
Auftauchen einer Kirche
o
himmels blau
und
feld – ein silberfädchen – feld
/und viel
des goldes
viel/
entlang – die spannung!
und
durch die festigkeit der helle
empor
1981
Возникновение Храма
о
голубое
и
поле – серебряной ниточкой – поле
(и много
золота
много)
вдоль – напряжение!
и
твёрдостью светлости
ввысь
Aus dem Russischen von Felix Philipp Ingold, aus: Im Grunde wäre ich lieber Gedicht. Drei Jahrzehnte Poesie. Eine Anthologie. Herausgegeben von Michael Krüger und Holger Pils. München: Hanser, 2019 – In Zusammenarbeit mit dem Lyrik Kabinett, S. 97
Ein wahnsinnig trauriges und genaues Gedicht aus Iran.
Saber Sadipur
mutter
bereite dich auf besuch vor
morgen werde ich frei sein
und überall wird sich die nachricht verbreiten
dass ein gefangener mit hilfe der soldaten
des hinrichtungskommandos
aus den löchern in seinem körper entkommen ist
Aus dem Persischen von Anna Hoffmann, aus: Abwärts! Nr. 52, August 2024, S. 16
Das neue Heft des Berliner Abwärts! ist erschienen, was soll ich sagen? Ich bin froh, dass Texte fremdsprachiger Lyriker drin sind – ich werde darauf zurückkommen. Und der immergrüne Clemens Schittko.
was sich aber sagen lässt… für Franz Jung es geht abwärts/ es geht bergab/ so viel ist sicher/ so viel steht definitiv fest/ oder möchte noch irgendjemand bestreiten/ dass es tatsächlich abwärts geht?/ denn es geht ja nun mal abwärts/ es geht bergab/ nehmt es so hin/ oder lasst es bleiben/ doch was auch immer ihr macht:/ ihr werdet das Unvermeidliche nicht abwenden/ denn es geht nun mal abwärts/ es geht bergab/ das sollte inzwischen allen klar sein/ also machen wir uns doch nicht länger etwas vor/ sondern sehen den Tatsachen endlich ins Auge/ zumal sich das ganze ja ohnehin nicht ändern lässt/ denn es geht nun mal abwärts/ es geht bergab/ aber ich sag’s ja nur/ ich wollte das Thema einfach mal angesprochen haben/ denn letztlich sollte es doch um die Sache gehen/ alles andere ist pure Ideologie/ zumal es ja tatsächlich abwärts geht/ um nicht zu sagen: bergab/ ja, so ist es/ so sieht es nun mal aus/ man muss es eigentlich nur zur Kenntnis nehmen/ auch wenn es an der Tatsache selber nichts ändert/ nämlich dass es nun mal abwärts geht/ um nicht zu sagen: bergab/ es geht letztlich hinab/ und das nicht nur metaphorisch gesprochen/ der Weg führt ein für alle Mal nach unten/ oder anders gesagt:/ es geht abwärts/ es geht bergab/ so muss man es leider feststellen/ aber irgendetwas ist ja bekanntlich immer
Aus: Abwärts! Nr. 52, August 2024, S. 36
Nachbemerkung: Ich frage ja fast täglich die Künstliche Intelligenz von WordPress, und ich wusste, dass sie mit diesem Text ein Problem haben wird. Sie machen Vorschläge zur Verbesserung des Posts (also in diesem Fall des Gedichts).
Der Inhalt scheint eine literarische Rezension oder ein Kommentar zu sein. Er ist etwas dicht und es kann hilfreich sein, den Text zur besseren Lesbarkeit in kleinere Absätze aufzuteilen. Darüber hinaus könnten einige einleitende und abschließende Sätze helfen, Kontext zu schaffen und das Thema des Textes zusammenzufassen. Erwägen Sie das Hinzufügen einiger Überschriften oder Unterüberschriften, um den Leser durch die verschiedenen Teile der Rezension zu führen. Schließlich würde eine kurze Zusammenfassung oder Analyse des rezensierten Werks das Engagement des Lesers erhöhen.
Sch…tt, ich pfeif drauf, den Teufel werd ich.
Heute ein Crashkurs durch die deutsche Geistesgeschichte des 19. Jahrhunderts in französischer Optik.
Jean Cocteau
(* 5. Juli 1889 in Maisons-Laffitte bei Paris; † 11. Oktober 1963 in Milly-la-Forêt bei Paris)
Ein zwei drei
Voyez le vieux Goethe il sautille
comme une chèvre, sur le Vésuve ;
il porte un livre grec, un herbier,
un filet à papillons.
Il casse des gros morceaux de Vésuve
et en remplit ses poches.
Car la fin des vacances d'Eckermann
approche.
Henri Heine aimait bien Paris,
le beau juif mort d'amourettes.
Nietzsche achetait ce qu'on trouve
à la gare de Sils Maria,
des livres de Gyp, de Paul Bourget.
Zarathoustra est un vieux guide suisse,
mais son diamant raye tout.
Brûlé aux lampes, le fauteuil
de Weimar, sa sœur ouvre.
On ne peut plus le voir, c'est fini.
Qui trop devine et qui trop parle
sera cruellement puni.
Eins, zwei, drei
Seht den alten Goethe: er hüpft
wie eine Ziege über den Vesuv;
er trägt ein griechisches Buch, ein Herbarium,
ein Schmetterlingsnetz.
Er zerschlägt große Stücke vom Vesuv
und füllt damit seine Taschen.
Denn das Ende von Eckermanns Ferien
naht.
Heinrich Heine liebte gar sehr Paris,
der schöne Jude, der an Liebeleien starb.
Nietzsche kaufte, was man so findet
am Bahnhof von Sils Maria:
Bücher von Gyp und von Paul Bourget.
Zarathustra ist ein alter Schweizer Bergführer,
aber sein Diamant schneidet alles.
Von den Lampen versengt, der Sessel
zu Weimar. Seine Schwester macht auf.
Er ist nicht mehr zu sprechen. Vorbei.
Wer zuviel ahnt und zuviel spricht
wird grausam bestraft.
Aus: Poèmes Français. Französische Gedichte. Nach dem Ergebnis einer Umfrage bei den Mitgliedern der Académie française herausgegeben und übersetzt von Ulrich Friedrich Müller unter Mitarbeit von Henri Perrin. Ebenhausen bei München: LANGEWIESCHE-BRANDT, 1963 (2. Auf., 1. 1960), S. 150f
Zur Übersetzungsmethode heißt es in dem Buch:
Die deutschen Übersetzungen in diesem Buch sollen allein dazu dienen, dem Leser das Verstehen der französischen Gedichte zu ermöglichen. Sie folgen deshalb Zeile für Zeile dem Originaltext und sind – unter Verzicht auf den Reim und die gleiche Zahl der Hebungen im Vers – so präzise gehalten, wie es der deutsche Satzbau und die deutsche Idiomatik irgend erlaubten. Eine ungezwungene rhythmische Annäherung an die Vorlage ist dazu bestimmt, diese Interlinearversion zu beleben und als Lyrik-Übersetzung auszuweisen.
Volha Hapeyeva
(belarussisch Вольга Гапеева, deutsch ‚Wolha Hapejewa‘, englisch Volha Hapeyeva; * 1982 in Minsk)
monolog eines buchs
du steckst mich hinten in den schrank
zwischen andere gut genutzte bücher
damit ich meinen wahren platz erkenn
mich nicht aufführe wie
eine prinzessin
ich öffne die augen und seh
es wird eng für mich
im schrank hinterste ecke
zwischen anderen dickleibigen büchern
ich warte auf die berührung deiner finger
weil der leser eine art gott ist
er entscheidet mit wem er die nacht verbringt
wenn du von geburt her das glück hast schön zu sein
könntest du ein liebling werden
oder sogar das hausbuch
wenn nicht – stehst du nur da und staubst ein
wenig beneidenswert das schicksal eines buchs
du wirst gewählt gekauft dann ausgetauscht
teil einer sammlung
schon in ordnung du bist nur ein ding
wie jedes gute ding hast du zu dienen
zur unterhaltung bildung erziehung
oder dazu köstliche mahlzeiten zuzubereiten
andernfalls
kommst du ins altpapier
oder gott bewahre wird der ofen mit dir geheizt
oder man wird dich in bibliotheken geben
und du wirst ein öffentliches buch
ohne zuhaus
das man für einige zeit für geld entleiht
dann zurückgibt oder verliert
auf öffentlichen plätzen
so gefährlich ist das schicksal eines buchs
schon in ordnung weil du nur ein ding bist
weil du bloß wort bist
mit dem falschen grammatischen geschlecht
Aus: Volha Hapeyeva: Mutantengarten. Gedichte. Übersetzt aus dem Belarussischen von Matthias Göritz, Martina Jakobson und Uljana Wolf Mit einem Nachwort von Matthias Göritz. Mit Federzeichnungen von Christian Thanhäuser. Edition Thanhäuser & Internationales Haus der Autorinnen und Autoren Graz, 2020, S. 31f
Beim Suchen nach einem Gedicht für heute stieß ich auf ein altes Heft der legendären Zeitschrift „Zwischen den Zeilen“, Untertitel „Eine Zeitschrift für Gedichte und ihre Poetik, herausgegeben von Urs Engeler“. 2004 erschien Nummer 23, gewidmet diversen Spielarten experimentellen Übersetzens, im Inhaltsverzeichnis liest man Begriffe wie Unübersetzbarkeit der Metapher (Frey), Gedicht für Übersetzer-Studentn (Kling), schlampige Schätzungen (Hammerschmid), Nachbild (Ledebur), Gegen-Gestirne (Rinck), Ikten (Schestag), Paume (Jackson), Inner- und Zwischensprachliches Übersetzen (Ingold), Umdichten (Prammer). Deutschsprachige Autoren widmen sich auf diversen Wegen italienischen und französischen Dichtern. Monika Rinck befasst sich mit dem französischen Dichter Jules Laforgue (1860 in Montevideo als Sohn französischer Eltern geboren, genau heute vor 164 Jahren). Genauer mit einem Gedicht Laforgues, dem sie in sehr jungen Jahren bei Julio Cortázar begegnet war, ein Sternbild des Nichtwissens entstand daraus, und eine zwischen die Zeilen geschriebene Übersetzung „in sehr junger Schrift“. Rinck teilt nicht ihren damaligen Versuch mit, sondern sie reagiert / paraphrasiert / reflektiert / hält dagegen aus der Differenz von 20 Jahren. Ich gebe den Originaltext von Laforgue und eins von Rincks Echos. Wer mehr will, frage in der Bibliothek seines Vertrauens: Was, ihr habt diese wichtige Zeitschrift nicht?!
Jules Laforgue
Encore à cet astre
Espèce de soleil ! tu songes : – Voyez-les,
Ces pantins morphinés, buveurs de lait d'anêsse
Et de café ; sans trêve, en vain, je leur caresse
L'échine de mes feux, ils vont étiolés ! –
– Eh! c'est toi, qui n'as plus que des rayons gelés !
Nous, nous mais nous crevons de santé, de jeunesse !
C'est vrai, la Terre n'est qu'une vaste kermesse,
Nos hourrahs de gaîté courbent au loin les blés.
Toi seul, claques des dents, car tes taches accrues
Te mangent, ô Soleil, ainsi que des verrues
Un vaste citron d'or, et bientôt, blond moqueur,
Après tant de couchants dans la pourpre et la gloire,
Tu seras en risée aux étoiles sans cœur,
Astre jaune et grêlé, flamboyante écumoire !
Monika Rinck
denk dir, espèce de soleil
etwas nicht können, ganz vorsichtig gleiten die kuppen
darüber, listen, linien, wie wispernd: es nicht können,
wispert ihr echo noch: wieder nicht, denk dir, lentement,
denk dir, das erste als erstes, denke, du ließest mich denn,
stille driftend, ungesegnet, dahin, wo die sichel sich senkt,
la lune grêle, unmerklich bewegt, in der geste zur erde
wispert struktur: es wieder nicht können. linde, sedierte,
linierte köpfchen, die gerundeten spitzen, diese, deine.
netze denke, leichthin gewebtes, lockere versehrliche fäden.
und löst sich die zum triftigen knäuel gewickelte gegend,
entrollen sich schnüre, der lauf des verbliebenen garns,
weist hinab, entlang dieses weges, im märchen, ins tälchen.
Aus: Zwischen den Zeilen #23. Mouvante Limite / Gehende Grenzen. Hrsg. Theresia Prammer. Oktober 2004, S. 237 / 239
Kay Hoff
(* 15. August 1924, heute vor 100 Jahren, in Neustadt in Holstein als Adolf Max Hoff; † 26. März 2018 in Berlin)
Eisenbahnausfahrt
Lavafarbene Fenster,
gelassen, erstarrte
Höfe, aufgeschnitten,
vorbei: du wußtest
es nicht. Gelassen:
die Drähte foltern
den Himmel, Gitter
wie gestern, vorüber,
Baumpinsel, Abschied,
vorbei. Du wußtest
es nicht. Die Zeitung
schweigt. Du wußtest
es nicht. Abschied,
das Tuch weht zurück,
die Taube Erinnerung,
Ruß in den Augen,
die kleine Taube,
zurück. Du wußtest
es nicht.
Aus: Panorama moderner Lyrik deutschsprechender Länder. Von der Jahrhundertwende bis zur jüngsten Gegenwart. Herausgegeben von Wolfgang Hädecke und Ulf Miehe. Gütersloh: Mohn, o.J. (1965), S. 420f
Marianna Kijanowska ist die erste Gegenwartsautorin in der Ukraine, die sich des Themas Babyn Jar umfassend angenommen hat. Fast siebzig Jahre danach hat sie den Opfern ein Denkmal in Stimmen errichtet, das ihnen ihren Namen, ihre Identität und ihre Würde zurückgibt.
Nachwort der Übersetzerin Claudia Dathe, aus: Marianna Kijanowska: Babyn Jar. Stimmen. Gedichte ukrainisch / deutsch. Berlin: Suhrkamp, 2024, S. 153
Das Massaker von Babyn Jar geschah im gleichnamigen tief eingeschnittenen Tal Babyn Jar (ukrainisch Бабин Яр) oder Babi Jar (russisch Бабий Яр) auf dem Gebiet der ukrainischen Hauptstadt Kiew, als Einsatzgruppen der deutschen Sicherheitspolizei und des SD am 29. und 30. September 1941 innerhalb von 48 Stunden mehr als 33.000 jüdische Männer, Frauen und Kinder ermordeten. Dies war das größte einzelne Massaker an Juden im Zweiten Weltkrieg, an dem das Heer der Wehrmacht nicht nur mitverantwortlich war, sondern die Aktion direkt forcierte. (…)
Mitte der 1960er Jahre wurde der jüdische Friedhof, der während des Massakers als Sammelpunkt gedient hatte, eingeebnet, um dort einen Fernsehturm zu errichten. Ab 1966 begannen aber auch geduldete Gedenkmärsche mit tausenden Teilnehmern. Schließlich wurde 1976 ein Denkmal eingeweiht, das aber nicht darauf einging, dass die Getöteten vor allem Juden waren. https://de.wikipedia.org/wiki/Massaker_von_Babyn_Jar
Marianna Kijanowska
Aus: Babyn Jar. Stimmen
***
keiner sei ewig lehrte der rabbi und schweigt jetzt
die kugel hat ihn getroffen und alles ist vorbei
doch der talmud klingt mir noch nach im ohr
mischna bibel gemara mitten im gelärm der
motoren am rand ein paar kleinlaster
die menschen befördern und leichen wie vieh
keiner sei ewig lehrte der rabbi und ist jetzt verstummt
damit wir beten in der stille nehme ich an
Deutsch von Claudia Dathe, aus: Marianna Kijanowska: Babyn Jar. Stimmen. Gedichte ukrainisch / deutsch. Berlin: Suhrkamp, 2024, S. 79
***
ребе вчив що ніхто не вічний тепер мовчить
кулеметна куля його впіймала і все минуло
а у вухах мені усе ще талмуд звучить
мішна біблія гмара помежи гулом
двигунів на узбіччі кілька фургонів з тих
що людей перевозять й трупи на кшталт худоби
ребе вчив що ніхто не вічний тепер затих
щоби ми помолились в тиші напевно щоби
Ebd. S. 78
Wassily Kandinsky
(Василий Васильевич Кандинский, * 4. Dezemberjul. / 16. Dezember 1866greg. in Moskau; † 13. Dezember 1944 in Neuilly-sur-Seine, Frankreich)
Lied
Es sitzt ein Mann
Im engen Kreis,
Im engen Kreis
Der Schmäle.
Er ist vergnügt.
Er hat kein Ohr.
Und fehlen ihm die Augen.
Des roten Schalls
Des Sonnenballs
Er findet keine Spuren.
Was ist gestürzt,
Das steht doch auf.
Und was nicht sprach,
Das singt ein Lied.
Es wird der Mann,
Der hat kein Ohr,
Dem fehlen auch die Augen
Des roten Schalls
Des Sonnenballs
Empfinden feine Spuren.
Aus: Versensporn 57. Wassily Kandinsky. Jena: Edition Poesie schmeckt gut, 2024, S. 23
Neueste Kommentare