27. Manfred Schlösser 80

Allein als Mit-Herausgeber eines einzigen Buches hat sich der Verleger Manfred Schlösser, der heute in Berlin seinen 80. Geburtstag begeht, unermesslich große Verdienste erworben: Seine Anthologie „An den Wind geschrieben. Lyrik der Freiheit 1933-45“ ist seit der ersten Auflage 1960 in der Schriftenreihe Agora der Klassiker der lyrischen KZ- und Exilliteratur. Spätere Auflagen erschienen im nunmehr selbstständigen Agora Verlag Schlössers und schließlich in einer Auflage von 40 000 Exemplaren im Deutschen Taschenbuchverlag.

Für junge Leser der Nachkriegsliteratur war das Buch ein poetisches Pendant zu Gerhard Schoenberners Dokumentation „Der gelbe Stern“, beides Schlüsselwerke zum Gedenken an die Verfolgung und Vernichtung jüdischen Lebens in Deutschland und Europa. (…)

Über die Mauer hinweg wurde er zum Verleger der Kritischen Werkausgabe des in Ostberlin lebenden Dichters Erich Arendt, dem er – von der Stasi misstrauisch beobachtet, aber nicht belästigt – eine Festschrift zum 75. Geburtstag mit Autoren aus Ost und West widmete. / Hannes Schwenger, Tagesspiegel

26. Ermordet

Am 6. Dezember wurde der griechische Schriftsteller Menis Koumandareas (83) in seiner Athener Wohnung tot aufgefunden. Die Polizei geht von einem Mord aus.

Siehe Ekathimerini

Wikipedia: Murdered authors

25. Rainer M.

In der Frankfurter Anthologie kommentiert Ron Winkler das Gedicht „Hinweise zur Erderwärmung“ von Marion Poschmann („Sie schafft eine Klarheit wolkiger Ordnung, die man erlebt haben muss.“). Als Bonus: Thomas Huber liest „Hinweise zur Erderwärmung“ von Rainer Marion Rilke. Anklicken, lesen und wenn Sie mögen: (vergleichend) hören.

24. Die schönste Fremdsprache der Welt

Richard Kämmerlings lobt ein Kinderbuch, analysiert nebenbei die LAGEDERLYRIK, definiert den Vers und gibt den Dichtern Empfehlungen:

Das Schöne ist, dass man sich an Gedichten kaum überfressen kann, weil man einfach mit der Zeit selbst anfängt zu dichten und zu reimen und zu keimen. „Kakaraka! Ich bin der Hahn, / der eine fremde Sprache kann.“ Und Lyrisch ist eben die erste und schönste Fremdsprache auf der Welt, und die einzige, die man sofort verstehen kann. „Krawau! Krawau! Krawau! So bellt / der kleinste Krähenhund der Welt.“

Aber diese Fremdsprache ist auch vom Aussterben bedroht, und jetzt also doch etwas auf Literaturkritisch. Georg Bydlinski wurde 1956 in Graz geboren, seine ersten Gedichtbände, für Erwachsene und für Kinder, erschienen Anfang der Achtziger. Das war die Zeit, als Lyrik (für Erwachsene) zum letzten Mal für richtige Verkaufserfolge sorgte, mit den Bänden Erich Frieds, später dann auch mit Ulla Hahn oder, ja, so waren die Achtziger, Kristiane Allert-Wybranietz. Robert Gernhardt wurde gerade erst so richtig entdeckt.

Seither aber hat sich die Gegenwartslyrik immer weiter von den Lesern entfernt. Die bedeutendsten jüngeren Dichter wie Jan Wagner, Marcel Beyer oder Marion Poschmann kennen nur wenige Eingeweihte, von den mikroskopischen Verkaufszahlen zu schweigen. Das schlägt natürlich auch bis in die Kinderzimmer durch, wo dann zum Vorlesen wieder die Horrorpädagogik des „Struwwelpeter“ oder der ewige Wilhelm Busch herausgekramt wird. Man kann es den Autoren nicht verdenken, dass sich kaum einer an die harte und brotlose Arbeit des Verseschreibens macht. Dabei täte eine Renaissance der Dichtung für Jung und Alt dringend Not. Der Niedergang verstärkt sich wechselseitig: Kinder lernen keine Gedichte mehr, weil die Eltern keine mehr kennen. / Die Welt

Georg Bydlinski: Das Gnu im linken Fußballschuh. Gedichte für neugierige Kinder. Illustriert von Susanne Straßer. Boje, Köln. 64 S., 9,99 €. Ab 6 J.

23. Poetopie

ich auf der Waage – zu schwer für ein leicht genommenes Leben

Hansjürgen Bulkowski

22. Kunststück

Dem in Dresden lebenden Romancier und Dichter ist mit dem Band „Graphit“ ein großes Kunststück gelungen. In seinen Gedichten wird das Wissen um die Kniffe der poetischen Moderne mit wacher Zeitgenossenschaft verquickt

(…)

Die Lyrik darf sich von allen Literaturgattungen den geringsten Zuspruch erwarten. Magier wie Beyer fallen keineswegs hinter den Stand der Dinge zurück. Sie überschreiben zum Beispiel Georg Trakl lautlich (An die Vermummten) und finden plötzlich Platz für Osama Bin Laden und dessen Tötung: „RASEND PEITSCHT GOTTES ZORN den Heli übers Anwesen, / Stroboleuchten ertasten zwei braune Augen, mehr nicht.“ Es ist die Poesie, die die Spuren sichert. / Ronald Pohl, DER STANDARD, 5.12.

Marcel Beyer, „Graphit“. Gedichte. 210 Seiten / € 21,95. Suhrkamp, Frankfurt 2014

21. Best Poetry Books 2014

By Jonathon Sturgeon, Flavorwire on Dec 5, 2014 12:45pm

If you fell asleep on poetry in 2014, you might not actually be asleep: you might be dead. Poetry this year not only proved itself the liveliest and healthiest genre of writing, it also showed itself to be the most intellectually voracious. (I would even argue that one of the best American novels of 2014 was written by a poet.) Here are the ten best books of poetry from 2014. Frankly, they may just be the ten best books.

  • Motherland Fatherland Homelandsexuals, Patricia Lockwood (Penguin)
  • Mature Themes, Andrew Durbin (Nightboat Books)
  • Rome, Dorothea Lasky (Liveright / WW Norton)
  • If the Tabloids Are True What Are You?, Matthea Harvey (Graywolf)
  • Prelude to Bruise, Saeed Jones (Coffee House Press)
  • Citizen, Claudia Rankine (Graywolf)
  • Repast: Tea, Lunch, and Cocktails, D. A. Powell (Graywolf)
  • Mala, Monica McClure (Poor Claudia)
  • The Second Sex, Michael Robbins, (Penguin)
  • Titanic, Cecilia Corrigan (Lake Forest College Press)

(Jeweils mit Leseprobe)

20. List of poets

A List of Things to Ask Yourself When You’re Making a List of Poets

1. Am I including poets who do not live in Brooklyn?
5. Have I looked at poets who write about poetry?
7. Have I looked at recent big prize winners (and read their books)?
8. Have I asked a poet which poets he or she is reading right now?
10. Have I discussed poetry with an indie bookseller yet?
13. Have I looked into cool ways to read poetry digitally?
15. Did I remember to include the poet laureates — aka bosses?

19. Christian Steinbacher

Hätten diese Gedichte Knochen – sie wären vom Rasen über die Zeilen- und Gedankensprünge gebrochen. Dass dies Zweck der lyrischen Übung ist, macht der Vers „sprengst die Gelenke in barockes Maßwerk“ klar: Steinbacher beschwört gegebene Formen, die er dann aufgreift, um sie zu reaktivieren, indem er ihnen „Gelenke“ implantiert, die er sogleich in alle möglichen Richtungen auskegelt. Referenzen wie der Barockdichter und Jesuit Jacob Balde in der Übersetzung von Max Wehrli (der Umdichtungszyklus Auf Schnitt und Tritt) oder Paul Wühr, dem er als Geburtstagsgruß fünf Anagramme (Was, was, was, was, was) gefertigt hat, erhalten so in der Umdichtung eine ungeahnte, neue Beweglichkeit. Das „Instabile, / das Heimstatt sei doch auch, nämlich für Möglichkeiten“ wird damit zum Konstruktionsprinzip dieser Gedichte. / Michael Wurmitzer, DER STANDARD, 5.12.

Christian Steinbacher, „Tief sind wir gestapelt“. Gedichte. 175 Seiten / € 19,90. Czernin, Wien 2014

18. Traklpreis

In jenen Jahren, in denen sich Geburts- oder Todestag von Georg Trakl jähren, vergeben Stadt und Land Salzburg den mit 8.000 Euro dotierten Trakl-Preis für Lyrik. Heuer, zur hundertsten Wiederkehr des Todestages, ging der Preis an die 75-jährige Waltraud Seidlhofer.

Bücher habe sie schon als Kind geliebt, sagt die Preisträgerin. Bald habe sie auch begonnen, selbst Gedichte zu schreiben. Georg Trakl sei dabei eines der Vorbilder gewesen: „Am Anfang hat mich natürlich die Farbigkeit seiner Poesie und auch die Dunkelheit und die ganze Mystik fasziniert. Dann war’s relativ bald schon so, dass mich interessiert hat, wie er seine Gedichte konstruiert hat – mit immer wieder ähnlichen Bildern und ähnlichen Vorstellungen und Begriffen, die er immer wieder verschieden zusammensetzt, und dieses verschieden Zusammensetzen wieder neue Gedichte und neue Inhalte bringt.“ / ORF

17. Lage der Lyrik

Heute im  Dreierpack:

 

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16. Weihnachtsengeler

Frisch ab Presse:

roughbook 031: Christian Prigent, herausgegeben und übersetzt von Christian Filips und Aurélie Maurin

http://roughbooks.ch/roughbook031/christian_prigent/die_seele.html

Obsessiv entwirft Prigent die Autorschaft eines ôteur, also eines Autors, der sich selbst ebenso wie die Stereotype der ihn umgebenden sprachlichen Gegenwart durchlöchert. In der Auseinandersetzung mit dem traditionsreichen, historisch stark vorgeprägten Konzept der Seele kettet und verkettet er Diskurse und eröffnet einen poetischen Echoraum, in dem die großen Stimmen vor allem Artauds, Baudelaires und Verlaines rekonstruiert und dekonstruiert werden. Zugleich ist das Buch eine Art seelischer Biographie, wobei die Seele stets eine Artikulation der Sprache selbst zu sein scheint: der Sprache dort, wo sie schweigt, aussteigt, sich nichtet, in die Krise gerät. Der narrative Verlauf des Buchs orientiert sich an dem Tagesablaufs eines Seelendoktors. In kühnen Enjambements, Lautverknotungen, Metaplasmen, Wortverschmelzungen und Metaphern setzt Prigent einen Sinnenschwarm frei, kreisend um eine löchrige Mitte, die vielleicht Seele heißen kann.

Mütze # 8

http://muetze.me/

Im Zentrum von Mütze # 8 stehen Hans-Jost Frey und Birgit Kempker und mit ihnen Sisyphus und Troubadour, Mimikry und Travestie. Ihnen zur Seite stehen Dagmara Kraus, Bertram Reinecke, Hannes Bahjohr, Tobias Roth und Hannes Becker und mit ihnen Rosmarie Waldrop, Sappho, Giovanni Pontano, Fatrasien und Korpusfabeln.

Weihnachtsengeler 2014

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Mit bestem Dank herzlichem Gruss
Urs Engeler

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15. Jan Skácel

Der Dichter Jan Skácel und sein Echo in Deutschland
Lyrik Kabinett München

Dienstag, 9. Dezember um 20:00

Ein Abend mit Reiner Kunze und Roman Kopřiva

„Wenn ich überhaupt begriffen haben sollte, was Poesie ist, verdanke ich es tatsächlich vor allem den Autoren des tschechischen Poetismus und Jan Skácel“, so Reiner Kunze (geboren 1933). Maßgeblich dank Kunze, seinen Übersetzungen aus dem Tschechischen und seines Vermittlungsengagements hat sich in Deutschland eine breite und bewundernde Leserschaft für Skácel entwickelt, der zu den wichtigsten poetischen Stimmen Osteuropas des letzten Jahrhunderts zählt. Roman Kopřiva gibt Einblicke in die literarischen Wechselbeziehungen von Skácel und Kunze: Er erhellt die Verwurzelung von Skácels Lyrik in einem mythischen Poesieverständnis, in Lied und Volksdichtung, umreißt die Position jenes mährischen Dichters in der mitteleuropäischen Moderne und zeichnet in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts den schöpferischen Dialog zwischen tschechischen und deutschen Lyrikern nach. Reiner Kunze, der seinem Freund auch einen eigenen Vortrag widmete (Edition Pongratz 1996), liest Gedichte, Briefe und Feuilletons Skácels in seinen Übersetzungen.

In Zusammenarbeit mit dem Tschechischen Zentrum München und der Ackermann-Gemeinde

Eintritt: €7,00 / €5,00
Mitglieder Lyrik Kabinett: frei

Lyrik Kabinett München
Amalienstr. 83a, 80799 München

14. Zionismus und Stalinismus

Merbaums kurzes Leben in Czernowitz war angefüllt mit nicht nur literarisch-intellektuellen, sondern auch politischen Aktivitäten. So war sie etwa – ein bisher wenig bekannter Umstand – Mitglied der zionistischen Jugendgruppe Hashomer Hazair und verfolgte in teilnehmender Beobachtung die historischen Ereignisse vom Zerfall der Reste des Habsburgerreiches über die sowjetische Besatzung bis hin zum erneuten Einzug der mit den Deutschen verbündeten Rumänen.

Einige von Merbaums Freunden gerieten schon in der Zeit der sowjetischen Besatzung unter die Räder, weil sie nicht schnell genug erkannten, wie unnachgiebig und wahnhaft die stalinistische Säuberungspraxis sich vollziehen sollte. Erschütternd liest sich etwa der naive Versuch eines Teils von Merbaums Jugendgruppe, mit Stalin (!) direkt in brieflichen Kontakt zu treten, um die Gemeinsamkeiten zwischen Sozialismus und Zionismus zu betonen. Die Verfasser des Briefes wurden natürlich umgehend nach Sibirien deportiert, von wo sie nie zurückkehrten. / Malte Völk, literaturkritik.de

Marion Tauschwitz: Selma Merbaum – Ich habe keine Zeit gehabt zuende zu schreiben. Biographie und Gedichte.
Mit einem Vorwort von Iris Berben.
zu Klampen Verlag, Springe 2014.
350 Seiten, 28,00 EUR.
ISBN-13: 9783866744042

13. Kurt-Wolff-Preis 2015

Das Kuratorium der Kurt Wolff Stiftung hat entschieden:

Der Kurt-Wolff-Preis 2015 geht an den Berenberg Verlag in Berlin, der seit
nunmehr einem Jahrzehnt die Tradition des historischen, biographischen und
literarischen Essays mit Büchern erneuert, bei deren Lektüre sich dem
intellektuellen Reiz und der Lust am Text die Freude an der eleganten
Buchgestaltung beigesellt.

Der Kurt-Wolff-Förderpreis 2015 geht an die Connewitzer Verlagsbuchhandlung
in Leipzig, die erfolgreich an Kurt Wolffs Leipziger Vorbild der großen
Literatur in kleiner Buchform anknüpft, mit Nachdruck für die
Gegenwartslyrik eintritt und auf hohem buchkünstlerischen Niveau Brücken
zwischen Schrift und Bild schlägt.

Die Preisverleihung findet wie gewohnt auf der Leipziger Buchmesse statt, am
Freitag, den 13. März um 13 Uhr in Halle 5, allerdings in einem neuen
Rahmen, nämlich im Forum DIE UNABHÄNGIGEN, das von der Kurt Wolff Stiftung in Zusammenarbeit mit der Leipziger Buchmesse organisiert wird.

Die Laudatio hält die Autorin und Literaturkritikerin Ina Hartwig.

Wir danken der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien.

Die Preisgelder betragen 26.000 Euro (Hauptpreis) und 5.000 Euro
(Förderpreis).

Das Kuratorium der KWS: Renate Georgi, Joachim Kersten (Vorsitzender), Antje Landshoff-Ellermann, Dr. Jochen Meyer, Dr. Lothar Müller, Alexander
Oechsner, Annegret Schult, Dr. Erdmut Wizisla.

Stefan Weidle Monika Bilstein Dietrich zu Klampen (Vorstand der KWS)