biographie

Mariusz Lata

biographie

jene sogenannte
biographie
die zettel
die kontoauszüge

leben
vergeht

themen
kommen & gehn

die verluste & die niederlagen
paaren sich

jene sogenannte
zufällige beobachtung
wenn in der pfütze

nichtträume
sich spiegeln

Aus: Sprache im technischen Zeitalter 250, Juni 2024, S. 140

Mariusz Lata, geb. 1981 in Polen, lebt im Ruhrgebiet. Er veröffentlicht Lyrik und Prosa in Literaturzeitschriften.

Kunstgeschichte

Uli Becker 

(* 14. September 1953 in Hagen)

Die Wahrheit über Picassos Periode

Jahrhunderte hindurch wurden in alle Dinge Tiefen hineinge-
heimnist, die sie niemals hatten. Das hat sehr viel Unheil ange-
richtet. Banalisiere die Dinge und du wirst Erfolg ernten und
Chancen säen.
(Walter Serner)


Es war nämlich
an einem dieser sprich
wörtlichen Montage

mit Absinth
kater im Paris
des Jahres 1901,

als Pablo seinen
einsamen Entschluß
faßte, die Palette

sinken ließ und
fluchte: «Merde alors,
heute mach ich mal

blau, was soll's!»
Der Rest ist Kunst
geschichte, d. h.

eine kleine Wissen
schaft für sich wie
die 10 Fehler bei

Original und Fälschung.

Aus: Literaturmagazin 11. Schreiben oder Literatur. Reinbek: Rowohlt, 1979, S. 248f

Torso Marien

Folgendes mich sofort fesselndes Gedicht heute gelesen:

Nase, etwas Delikates von diesen keusch über die Stirne hochgekämmten Haarpartien, etwas Anmutiges von diesen schwierigen, heiklen und von ihm so elegant gelösten Übergängen von der Unterlippe zum völlig vorzüglichen Kinn und dem langsam sich verlierenden Hals, an dem der Daumen des Meisters im nervösen Streich, von der weiblichen Schönheit entrückt, es sich doch nicht versagen konnte, die erhobene Welle von Mariens Brust anzudeuten.

(Lesen Sie es vielleicht ein zweites Mal). Torso eines Kopfes, nur die Nase, Stirn, „keusch hochgekämmte Haarpartien“, Unterlippe, Kinn und Hals bis zum Brustansatz sichtbar, das nach und nach als Werk eines Meisters sichtbar wird, und zwar als Marienbild. Erst beim zweiten Hinsehen fiel mir aber auf, dass mir eine Unaufmerksamkeit beim Lesen das Prosagedicht nur vorgegaukelt hat. In Wahrheit ist es die zweite Seite eines längeren Prosagedichts, das mitten im Satz vor dem Wort „Nase“ umbrochen wird. Das ganze Gedicht geht über zwei Seiten und hat eine Überschrift, es beschreibt ein Kunstwerk, oder sind es drei Kunstwerke, am Schluss erkennbar als ein Madonnenrelief „des berühmten Baccio“, Baccio Bandinelli (1488-1560), im Privatmuseum der Medici. Ein interessantes, raffiniert gemachtes Gedicht des tschechischen Symbolisten Karel Hlaváček (1874-1898) – aber ich verweile für heute bei dem Fragment, das mir meine Unachtsamkeit für vielleicht zwei Minuten vorgaukelte. Ich finde, ein rätselhaftes, wunderbares Gedicht, ein ganz anderes, „moderneres“ als das tatsächliche Gedicht (welches auch schon „protosurrealistische“ Züge aufweist). Im Fragment wird Kontext weggeschnitten, aber das Stehengebliebene schafft sich seinen eigenen Kontext. Der Torso, in seiner für meine Anmutung konvulsivischen Zartheit, fokussiert auf die Körperlichkeit der Madonna.

Aus dem Tschechischen von Ondřej Cikán, aus: Karel Hlaváček, Spät gegen Morgen. Wien und Prag: Kētos, 2021 (Reihe Symbolismus vom Feinsten), S. 45.

(Foto: KI)

Zittern

Tomaž Šalamun 

(* 4. Juli 1941 in Zagreb, Kroatien; † 27. Dezember 2014 in Ljubljana, Slowenien)

Dichten

Dichten
ist die ernsthafteste
Beschäftigung

auf
der Welt.
Wie

in der
Liebe kommt
alles zum

Vorschein.
Die Wörter zittern,
wenn sie

richtig sind.
Wie der Körper
vor

Liebe zittert,
so zittern die Wörter
auf dem Papier.

Pisanje || Pisanje | poezije je |
najbolj || resno | dejanje / na
svetu. || Tako kot | v ljubezni | se
vse || izkaže. | Besede drhtijo, |
če so || prave. | Tako kot telo |
drhti v|| ljubezni, | drhtijo
besede / na papirju.

Übersetzt von Fabjan Hafner, aus: Mein Nachbar auf der Wolke. Slowenische Lyrik des 20. und 21. Jahrhunderts. Im Auftrag der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung herausgegeben von Matthias Göritz, Amalija Maček und Aleš Šteger. München: Hanser, 2023, S. 71

Da war denn nichts mehr festzustellen

Paul Klee

(* 18. Dezember 1879 in Münchenbuchsee, Kanton Bern; † 29. Juni 1940 in Muralto, Kanton Tessin)

MEIN STERN GING AUF

Mein Stern ging auf
Tief unter meinen Füßen

Wo haust im Winter mein Fuchs?
Wo schläft meine Schlange?

Aus: Transit. Lyrikbuch der Jahrhundertmitte. Frankfurt/Main: Suhrkamp, 1956, S. 127

ESEL

Seine Stimme macht mir Grausen
Während lange Ohren schmausen.

Als verstummte die Nachtigall
War einst ein beträchtlich Nichts der Fall.

Was artet einsam und allein?
Es ist die Pflanze Elfenbein.

Meinung und Meinung tauschten Wellen
Da war denn nichts mehr festzustellen.

Aus: Ebd. S. 271f

Rebecca Horn (1944-2024)

Rebecca Horn 

(* 24. März 1944 in Michelstadt; † 6. September 2024 in Bad König)

Am 6. September starb die vielseitige Künstlerin und Autorin Rebecca Horn im Alter von 80 Jahren.

Sie schrieb Gedichte, war aber auch eine visuelle Poetin, die das Erzählerische und das Märchenhafte liebte. Sie machte Filme von einer großen surrealen Künstlichkeit. Und auch wenn man ihrer Arbeit voller Symbole nicht immer folgen mochte, so blieb für die Fantasie des Betrachters doch noch immer viel zu tun. Wie Ulrike Ottinger oder Louise Bourgeois wurde sie in den 1980/90er Jahren auch zu einer Figur der Ermutigung für nachfolgende Generationen von Künstlerinnen, sich mit dem Körper zu beschäftigen und alle medialen Formen zu nutzen.“

Katrin Bettina Müller, taz 9.9.2024, S. 15

3 Gedichte von Rebecca Horn

Die Schuhe mit Steinen beschweren,
sie am Schweben hindern.
Die Haut der Vergangenheit
zwischen Fels und Stein pressen.
Zwei weiche Steine reiben sich gegenseitig auf.
Zwei Geigen durch zwei Pflastersteine aneinander pressen.
Die Töne ersticken sich im Druck.

Aus: Rebecca Horn: Tailleur du Cœur. Textos y dibujos – Cuaderno de notas 1996. Xunta de Galicia, 2000, unpag. (Deutsche Originalausgabe Scalo Verlag, 1999)

Ariost 550

Wenn wir schon bei den hohen Zahlen sind.

Ariost, der Shakespear der Italiäner. Er ging sehr früh von dem Studium der Jurisprudenz, welcher ihn sein Vater widmete, zur Dichtkunst über. Er ging zu dem Herzog Alphons von Ferrara, der ihn zweimahl zu Gesandtschaften an dem Papst Julius II. brauchte In Rom erwarb er sich die Gunst des Cardinals Hippolitus dʼEste, schlug aber sein Anerbieten ihn mit nach Ungarn zu nehmen aus, weil er nun in Ruhe leben wollte, nachdem es ihm bei seiner zweiten Gesandtschaft nicht ganz nach Wunsch gegangen war. Sein berühmtestes Gedicht ist der Orlando furioso; ein Heldengedicht, an dem er 20 Jahre gearbeitet hat. Die Akademie della Crusca erkannte ihm den Vorzug vor dem Tasso: ein unakademisches Urtheil, weil Tasso ohne Zweifel regelmäßiger, wenn auch weniger genievoll als Ariost ist; allein sie wurde von dem Großherzog Franz I. dazu aufgereitzt, dessen Haus, wie überhaupt den Florentinischen Adel, Tasso in seinen prosaischen Schriften beleidigt hatte. Er starb im J. 1533, 69 Jahr alt, in seiner Vaterstadt Ferrara.

Quelle: Brockhaus Conversations-Lexikon Bd. 1. Amsterdam 1809, S. 80-81.

Ludovico Ariosto 

(Ariost; * 8. September 1474 in Reggio nell’Emilia; † 6. Juli 1533 in Ferrara)

NIEMAND vermag zu sagen, wer ihn liebt, 
Solange seines Glückes Rad im Steigen;
Denn alles nennt sich Freund, was ihn umgiebt,
Und jeder wird dieselbe Treue zeigen.
Wenn aber Trauer kömmt und Glück zerstiebt,
Dann kehrt sich ab der schmeichlerische Reigen,
Und wer von Herzen liebt, der theilt die Not
Und liebt den theuren Herrn bis in den Tod.

Ja, sähe man das Herz wie die Geberden,
Gar mancher große Mann im Fürstenschloß
Vertauschte dann vielleicht sein Loos auf Erden
Mit einem, der nur wenig Gunst genoß.
Der niedre würde bald der größte werden,
Der große bliebe beim gemeinen Troß.

Deutsch von Otto Gildemeister, aus: Italienische Gedichte. Mit Übertragungen deutscher Dichter. Zusammengestellt von Horst Rüdiger.  Leipzig: Karl Rauch, 1938, S. 139

Zumindest die ersten 8 Verse sind vertont worden, als Madrigal, ich finde als Angaben Cipriano de Rore (ca. 1515–1565) sowie den venezianischen Komponisten und Musikverleger Antonio Gardano (ich kann es nicht genau herausfinden, vielleicht hat Gardano es verlegt). Aufnahme des argentinischen Musikers Eduardo Egüez. Offenbar war es gar kein Sonett, und Otto Gildemeister (oder eher der Herausgeber der Anthologie?) hat aus Ariosts „Rasendem Roland“ eins gebaut. Rüdigers Quellenangaben für den italienischen Text: Ariosto XIX 1-2 (v. 1-5); Orl. fur. II (1928) p. 84, und für den deutschen: Gildemeister Ar. II (1882) S. 178.

Hier der Text von 2 Strophen Ariosts. Die Anthologie von 1938 gibt 14 von den 16 Zeilen typographisch als Sonett.

CANTO DECIMONONO

1
Alcun non può saper da chi sia amato,
quando felice in su la ruota siede;
però c’ha i veri e i finti amici a lato,
che mostran tutti una medesma fede.
Se poi si cangia in tristo il lieto stato,
volta la turba adulatrice il piede;
e quel che di cor ama riman forte,
et ama il suo signor dopo la morte.

2
Se, come il viso, si mostrasse il core,
tal ne la corte è grande e gli altri preme,
e tal è in poca grazia al suo signore,
che la lor sorte muteriano insieme.
Questo umil diverria tosto il maggiore:
staria quel grande infra le turbe estreme.
Ma torniamo a Medor fedele e grato,
che ’n vita e in morte ha il suo signore amato.

Erinnere dich

Agnieszka Lessmann

ÜBERSETZUNGEN

Wasser am Morgen
am Abend Licht
erinnere dich

In der Wüste
Brot und Regen
die verbotene Zone am Berg

Wir fuhren ostwärts
am Tag und standen
still in der Nacht

der Zaun erhebt sich
plötzlich und teilt
Wasser und Wüste

die Zone im Morgen
der Wüste aus Licht
erinnere dich

Berge von Sachen
das Licht sucht am Zaun
nach ihren Besitzern

Die Zone im Schatten
die Botschaft im Licht
wir standen ostwärts

und Fetzen von Stoffen
bunt wie das Licht
Wasser verrinnt

Erinnere dich
an die Wüste
in der Zone

erinnere dich an
das Schild im Waschraum
des Hostels in Jaffa:
»Remember you are in a desert zone!«

Aus: Sinn und Form 5/2024, S. 636f

Agnieszka Lessmann, geb. 1964 in Łódź (Polen), lebt in Köln und schreibt auf Deutsch.

Ronsard 500

Pierre de Ronsard 

(* 6. September 1524, heute vor 500 Jahren, im Château de la Possonnière bei Couture-sur-Loir; † 27. Dezember 1585 im Priorat Saint-Cosme bei La Riche, Touraine)

XVI

Mein Leiden will ich quer durch Frankreich jagen,
Noch schneller als ein Pfeil fliegt, den wir schießen,
Ich will mit Honig mir mein Ohr verschließen:
Meine Sirene soll mich nicht mehr plagen.

Ich will aus meinen Augen Quellen schlagen,
Fels wird der Kopf, das Herz soll Feuer gießen,
Aus meinen Füßen sollen Wurzeln sprießen:
Ich kann der Schönheit Nähe nicht ertragen.

Dass mein Gedanke doch zum Vogel werde!
Mein Seufzer feg gleich Zephyrn um die Erde
Und trage meine Klage himmelwärts!

Dass ich aus fahlen Farben im Gesicht
An meinem Loir mir eine Blume zücht,
Die meinen Namen malt, und meinen Schmerz.

Aus dem Französischen von Georg Holzer, aus: Pierre de Ronsard, Amoren für Cassandre. Le Premier Livre des Amours. Französisch-Deutsch. Übersetzt von Georg Holzer. Hrsg. u. kommentiert von Carolin Fischer. Berlin: Elfenbein, 2006, S. 23

XVI

Je veux pousser par la France ma peine,
Plus tôt qu'un trait ne vole au décocher;
Je veux de miel mes oreilles boucher,
Pour n'ouir plus la voix de ma Sirène.

Je veux muer mes deux yeux en fontaine,
Mon cœur en feu, ma tête en un rocher,
Mes pieds en tronc, pour jamais n'approcher
De sa beauté si fièrement humaine.

Je veux changer mes pensers en oiseaux,
Mes doux soupirs en Zéphyres nouveaux,
Qui par le monde éventeront ma plainte.

Je veux du teint de ma pâle couleur,
Aux bords du Loir enfanter une fleur,
Qui de mon nom et de mon mal soit peinte.

Ebd. S. 22

Aus dem Kommentar der Herausgeberin:

Ronsard verknüpft hier relativ geläufige Metaphern für Tränen oder Liebesschmerz mit einer Fülle mythologischer Anspielungen, die er teilweise verkehrt. So wachsen die Blumen bei ihm nicht aus dem Blut des Geliebten, sondern aus der Blässe des Liebenden. Außerdem finden wir am Anfang und Ende „nationalistische“ Klänge. Hieß es ursprünglich, das Leiden solle durchs »Universum« gejagt werden, beschränkt sich dieser Wunsch in einer späteren Ausgabe auf »Frankreich«. Der Loir, ein nördlicher Nebenfluss der Loire, fließt in Ronsards Heimat nahe Vendôme und taucht wiederholt als Sehnsuchtsort in den Amoren auf.

A.a.O. S. 291

Wer mehr will, kann die experimentellen Übersetzungen aus dem Übersetzungsheft der Zeitschrift „Zwischen den Zeilen“ (Nummer 23, Oktober 2004) lesen.

Frommer Sünder

Heute vor 250 Jahren wurde Caspar David Friedrich in Greifswald geboren. Der berühmte Künstler hat auch geschrieben, Briefe, Aufsätze, ein paar Gedichte und Gebete, ohne Kunstanspruch. Eine kritische Ausgabe sämtlicher Texte ist gerade einmal angekündigt. Bezeichnend finde ich auch, dass die vielleicht noch lieferbare kommentierte Ausgabe der Briefe (sie erschien 2005) nicht von einem Kunst- oder Literaturwissenschaftler gemacht wurde, sondern von dem bekannten DEFA-Filmregisseur Hermann Zschoche (Sieben Sommersprossen, Und nächstes Jahr am Balaton, Insel der Schwäne, Glück im Hinterhaus etc.).

Aus dieser Briefausgabe ist folgendes Gedicht, das er offenbar im Auftrag einer Briefpartnerin schrieb.

An / die Frau Gehei[m]-Rath [Amalie von] Beulwitz / hoch wohlgebohren / in / Rudolstadt / durch Güte

Ein Wesen wohnt in meinem Innern 
Was immer himmel an mich hebt
Hoch über Erd und Weltgetümmel
Nur immer nach dem Lichte strebt.
Mit ganzem Herzen, Seele, Sinn und Leben
Jesum Christum ist ergeben.

_____________

Ein Wollen wohnt in meinem Busen
Was fest mich an der Erde bannt,
Mich fest in Sünden hält gefangen
Nur immer an den Irdschen hangt.
Dann ist mein Thun mein ganzes Leben
Eitel Thorheit eitles Streben.

_____________

So schwank ich zwischen Gut und Bösen
Gleich einem Rohr vom Wind bewegt.
Bald heb ich mich zum Licht empor,
Bald sink ich in des Abgrunds Tiefen;
So wies im Herzen from sich regt
Wie sichs im Busen wild bewegt.
_____________
u s w.
_____________

Sie haben gütige Frau Geheim-Räthin diese Reimerei von mir verlangt. Den drei virtelsten Theil Ihres Wunsches erhalten Sie, das vierte Virtel als das Schlegste vom Schlegsten behalte ich zu rück. Sie werden sich gefälligst mit dem u s w begnügen.
Empfehlen Sie mich dem Herrn Geheim Rath und Ihren Kindern.
Friderich

(1810/11)

Aus: CASPAR DAVID FRIEDRICH. Die Briefe. Herausgegeben und kommentiert von Herrmann Zschoche. Hamburg: Conference Point, 2005, S. 74.

Männlicher Rückenakt (Kreide), aus der Sammlung des Pommerschen Landesmuseums Greifswald.

Immerhin gibt es schon eine Auswahl:

Johannes Grave, Petra Kuhlmann-Hodick und Johannes Rößler (Hrsg.): „Caspar David Friedrich – Die Kunst als Mittelpunkt der Welt – Ausgewählte Schriften und Briefe“, C. H. Beck, 192 Seiten, 20 Euro. E-Book: 9,99 Euro. 

Nachtrag

In der genannten Auswahlausgabe von C.H. Beck findet sich eine geringfügig bearbeitete Fassung dieses Briefgedichts – mit der vierten Strophe, die er im Brief ausgespart, aber doch aufgehoben hat. Hier ist sie.

Wo ist die Wahl, wo der Wille,
Was Menschen überm Tier erhebt?
Such nicht: Dir sei nicht Kraft geworden.
Vergrab nur nicht das dir vertraute Pfund!
Der führt gewiss ein gottgefällig Leben,
Wer da gebraucht, was ihm gegeben.

Der Liebende

Vicent Andrés Estellés 

(* 4. September 1924, heute vor 100 Jahren, in Burjassot; † 27. März 1993 in Valencia)



Der Liebende
II


An meines Daseins Neige, gerade
im bittersten, grausamsten Augenblick,
erscheinst du in einem luftigen Kleid,
und ich liebe nur einen Schluck Leben in dir.
Du plauderst, du sagst alltägliche, unbekümmerte Dinge;
und wiederum werde ich heiter wie einst,
jedoch in anderer Weise.
Deine Augen liebe ich, und ich liebe dein Haar,
und ich streichle mit ungelenker Hand deine Brust.
Du, über mir, lächelst und verstehst viel zuviel.
Und jeden meiner Finger hast du einzeln geküßt.
Und du hast jäh
meinen Schmerz erkannt und auch meine Einsamkeit.

Deutsch von Uwe Grüning, aus: Ein Spiel von Spiegeln. Katalanische Lyrik des 20. Jahrhunderts. Mit 7 Farbzeichnungen und 3 Collagen von Antoni Tàpies. Katalanisch und deutsch. Leipzig: Reclam, 1987, S. 159

L'amant
II


Al capdavall de la meua existència,
just al moment més amarg i cruel,
arribes tu, amb un vestit lleuger,
i estime, en tu, només, un glop de vida.
Parles, i dius coses banals i alegres,
i torne a ser l'home alegre que vaig
ésser un temps, però d'altra manera.
T'estime els ulls i t'estime els cabells,
i amb balba mà t'acaricie el pit.
Tu, dalt, somrius i comprens massa coses.
I m'has besat, un per un, tots els dits.
Tu has comprés, només en un instant,
el meu dolor, la meua soledat.

(1977)

Vicent Andrés Estellés war ein valencianischer Journalist, Schriftsteller und Dichter, der hauptsächlich auf Katalanisch schrieb. Er gilt als großer Erneuerer der zeitgenössischen valencianischen Literatur und als der bedeutendste Dichter der valencianischen Poesie seit Ausiàs March und Joan Roís de Corella. https://de.wikipedia.org/wiki/Vicent_Andrés_Estellés

may i be gay

Dem heutigen Autor hat es die Grammatik zerdeppert, und er hat sie sich andersrum wieder zusammengesetzt.

Edward Estlin Cummings (oder e.e. cummings)

(* 14. Oktober 1894 in Cambridge; Massachusetts; † 3. September 1962, heute vor 62 Jahren, in North Conway, New Hampshire) 

Aus: E. E. Cummings: 39 Alphabetisch, ausgewählt und übersetzt von Mirko Bonné. Urs Engeler Editor, 2001 (Sammlung Urs Engeler Editor Band 14), wiederholt als Band 5 in der Reihe der Backlist, Urs Engeler 2020, S. 48 und 75 (Viel Glück beim Suchen – der Anordnung und Seitennummerierung in diesem Buch ist dasselbe passiert wie der Grammatik des Autors.)

Gewölk

Heute zwei zeitgenössischen Wolkengedichte.

Elke Heinemann

Aus: Gewölk

XII
gerade noch eine kleine öffnung ein einstieg ins all noch
nicht aber ein freiraum umrahmt von lockerem grauweiß
das alles andere bedeckt sich dann verschiebt zerfasert
andere freiräume aufdeckt die rasch mehr und mehr raum
nehmen bis lichtes grau aus ihnen selbst hervordringt sich
ausweitet sich aufteilt in riesenflocken rasch so als würde
die zeit vorgespult davonzieht und freiräume hinterläßt

XV
und wenn da nichts ist außer dem tiefblauen blau aber ist
da nichts außer dem tiefblauen blau oder ist da doch et
was außer dem tiefblauen blau diesem allgegenwärtigen
tiefblauen blau das sich vielleicht ein wenig ausdünnt in
der ferne das sich vielleicht ein wenig aufhellt in der ferne
das nicht mehr tiefblau ist in der ferne das ein mittelblaues
blau ist ein hellblaues blau bis es sich dem weiß ergibt

Aus: Sinn und Form 5/2023, S. 617f.

Morgenrot – leuchtest mir zum frühen Tod

1940 erschien in einem Hamburger Verlag ein seltsam unpolitisches Gedicht, das an den Beginn des Krieges wenige Monate zuvor, am 1. September 1939, heute vor 85 Jahren, erinnert. Das Wort Krieg kommt darin gar nicht vor, dafür aber, nur dürftig im Reimwort versteckt, der frühe Tod: Heldentod (siehe Bildpostkarte nach dem Lied von Wilhelm Hauff).

Wolfgang Frank

(* 12. Juni 1909 in Lübeck; † 19. Juli 1980 ebenda)

Abschied 
(1. September 1939)

Noch einmal jetzt gekostet
den süßen, heißen Trunk der Welt!
Noch einmal jetzt getoastet
auf das, was steht und das, was fällt.

Reicht mir die letzte Schale!
Gib deinen Mund! Die Nacht ist lang –
Gib mir zum letzten Male
den innigsten Zusammenklang.

Für wen willst du dich sparen?!
Dein künftiger Mann ist morgen tot.
Schon schmettern jubelnde Fanfaren
das alte Lied vom Morgenrot...

Die Welt ist ganz von Sinnen;
ihr hilft kein Mensch, kein Gott!
So laßt uns denn beginnen:
Wir legen sie in Schutt und Schrott.

Und wolltest du mich fragen:
Warum? Mein Gott, warum?!
Ich kann dir's auch nicht sagen!
Das Schwert ist immer blind und stumm

Der alte Gott da droben
brach uns den Stab.
Ich will das Leben loben,
solange ich’s hab.

Will Sonn' und Wolken schauen,
soviel ich kann.
Auch über Trümmern blauen
die Himmel dann und wann.

Drum einmal noch gekostet
den süßen, heißen Trunk der Welt!
Zum letzten Mal getoastet
auf das, was steht und das, was fällt!

Aus: Wolfgang Frank, Gedichte aus zehn Jahren. Hamburg: Hans Köhler, 1940, S. 62f

Screenshot

https://bildpostkarten.uni-osnabrueck.de/frontend/index.php/Detail/occurrences/morgenrot_morgenrot_leuchtes

Noch einmal Goethes Wolken

Heute nur zwei Strophen aus Goethes Gedicht „Zu Howards Ehrengedächtnis“. Eingeleitet aber von einer kleinen Auswahl von Goethes Wolkenbeschreibungen in Prosa – drei vor und zwei nach seiner Lektüre des Engländers Howard.

Einmal versammeln die Berge ungeheure Wolkenmassen um sich her, halten sie fest und starr wie zweite Gipfel über sich, bis sie, durch innern Kampf elektrischer Kräfte bestimmt, als Gewitter, Nebel und Regen niedergehen, sodann wirkt auf den Überrest die elastische Luft, welche nun wieder mehr Wasser zu fassen, aufzulösen und zu verarbeiten fähig ist.  Ich sah das Aufzehren einer solchen Wolke ganz deutlich: sie hing um den steilsten Gipfel, das Abendrot beschien sie.  Langsam, langsam sonderten ihre Enden sich ab, einige Flocken wurden weggezogen und in die Höhe gehoben; diese verschwanden, und so verschwand die ganze Masse nach und nach und ward vor meinen Augen wie ein Rocken von einer unsichtbaren Hand ganz eigentlich abgesponnen. 

Der ganze Himmel war mit einem weißlichen Wolkendunst umzogen, durch welchen die Sonne, ohne daß man ihr Bild hätte unterscheiden können, das Meer überleuchtete, welches die schönste Himmelsbläue zeigte, die man nur sehen kann. 

… mein Führer machte mich aufmerksam auf einen langen Wolkenstreif, der südwärts, einem Bergrücken gleich, auf der Horizontallinie aufzuliegen schien: dies sei die Andeutung der Küste von Afrika, sagte er.  Mir fiel indes ein anderes Phänomen als seltsam auf; es war aus leichtem Gewölk ein schmaler Bogen, welcher, mit dem einen Fuß auf Sizilien aufstehend, sich hoch am blauen, übrigens ganz reinen Himmel hinwölbte und mit dem andern Ende in Süden auf dem Meer zu ruhen schien. 

Am ganz reinen Himmel, vor Sonnenaufgang, einige Streifen im Osten, die sich, wie sie herankam, in Zirrus auflösten, eben so die übrigen, im Norden und Zenit schwebenden, Streifen. Die Nebel aus der Saale verflossen sogleich in die Luft, legten sich an die Berge, schlugen als Tau nieder; das Wenige was empor kam zeigte sich auch gleich als leichtere Streifen. Gegen Süden zu fahrend sah man am Horizont, in der Gegend der Böhmischen- und Fichtelgebirge, gleiche Streifen, aber gedrängter über einander. 
Eben so verhielt es sich Morgens bei Sonnenaufgang. Der ganze Himmel war mit einzelnem, einander berührendem Gewölk bedeckt, davon sich ein Teil in die obere Luft auflöste, ein anderer aber so zonig und grau herunterhing, daß man jeden Augenblick erwartete ihn als Regen niederfallen zu sehn. 

Auf dem Wege nach Sandau, wo wir gegen Südost fuhren, sahen wir die sämtlichen Wolken-Phänomene in ihrer charakteristischen Mannigfaltigkeit, Abgesondertheit, Verbindung und Übergängen, als ich sie nie gesehen, und zwar in solcher Fülle daß der ganze Himmel davon überdeckt war. Das leichteste Gespinst der Besenstriche des Zirrus stand ruhig am obersten Himmel, ganze Reihen von Kumulus zogen, doppelt und dreifach übereinander, parallel mit dem Horizonte dahin, einige drängten sich in ungeheure Körper zusammen und indem sie an ihrem oberen Umriß immer abgezupft und der allgemeinen Atmosphäre zugeeignet wurden, so ward ihr unterer Teil immer schwerer, stratusartiger, grau und undurchscheinend, sich niedersenkend und Regen drohend. Eine solche Masse zog sich uns über das Haupt hin, und es fielen wirklich einige Tropfen. Da nun alles dieses in der mittlern Luft vorging war uns die Aussicht auf den Horizont nicht versagt. Wir sahen auf dem ganzen Halbkreis der entferntesten böhmischen Gebirge ein übereinander getürmtes Amphitheater von Kumulus liegen, davon die einzelnen wolligen Massen durch kräftigen Sonnenschein in Licht und Schatten gesetzt wurden. Der Wind hatte sich geändert, es war ein Südwest, der aber nun die untere Region zu affizieren schien. Und so dauerte der Konflikt zwischen der Atmosphäre und den Wolken den ganzen Tag über. Nach Sonnenuntergang jedoch und Aufgang des Mondes hatte sich der Himmel ganz aufgeklärt, so daß nur ganz leichte Zirrusstreifen zu sehen waren.

Mond in Wolken. Zeichnung von Goethe
Mond in Wolken, aus: Hans Wahl, Goethe als Zeichner der deutschen Landschaft. 1776-1786. Erfurt: Arbeitsgemeinschaft Thüringer Verleger. Gebr. Richter, 1949, S. 14

Die erste Strophe handelt von poetischen Versuchen, dem „ungebildeten Zufälligen“ der Wolkenbildung eine bestimmte Form zu geben (in einem Kommentar nennt er Shakespeare und den indischen Dichter Kalidasa). Die zweite Strophe beschreibt Howards Wolkenlehre. Ich mache auf die vorletzte Zeile aufmerksam und reiche darunter Goethes Kommentar zu dieser Zeile nach.

Nun regt sich kühn des eignen Bildens Kraft, 
Die Unbestimmtes zu Bestimmtem schafft;
Da droht ein Leu, dort wogt ein Elefant,
Kameles Hals, zum Drachen umgewandt,
Ein Heer zieht an, doch triumphiert es nicht,
Da es die Macht am steilen Felsen bricht;
Der treuste Wolkenbote selbst zerstiebt
Eh er die Fern' erreicht, wohin man liebt.

Er aber, Howard, gibt mit reinem Sinn
Uns neuer Lehre herrlichsten Gewinn.
Was sich nicht halten, nicht erreichen läßt,
Er faßt es an, er hält zuerst es fest;
Bestimmt das Unbestimmte, schränkt es ein,
Benennt es treffend! – Sei die Ehre dein! –
Wie Streife steigt, sich ballt, zerflattert, fällt,
Erinn're dankbar deiner sich die Welt.

Aus: Johann Wolfgang Goethe: Gedichte 1800-1832. Hrsg. Karl Eibl. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 1998, S. 503.

Diese [Howards] Benennungsweise nun ist angekündigt und ausgesprochen in der vorletzten Zeile, wie folgt: