Chymische Hochzeit

Lieber N.N.,

und herzliche Grüße aus Montevideo – in einer Woche bin ich in Stuttgart aus einem besonderen Grund: kieninger/scho ziehen eine „show“ ab.

Das heisst: eine performative Lesereihe „chymische hochzeit“ (ohne den christian rosenkreutz), aber ja: es geht auf den Stuttgarter Hofprediger Johann Valentin Andreae zurück – der nicht nur Theologe war (wie Kepler), sondern eben auch Alchemist.

Wir assoziieren allerdings eher frei – „kochn&schwätzn“ – Chemische Kabinettstückchen (ich): Da Sabine Scho mit Chemie nix am Hut hat, ich kein Oktopus bin, habe ich mir für 2 Termine die Unterstüzuung durch Chemielehrerin Tine gesichert – Martina im Quadrat, sozusagen.

Zunächst – was ist es alles nicht:

Es ist keine knoff hoff show, keine Kimmel Show mit Bob Pflugfelder, keine Harald Lesch Erklärbär Show und auch kein Science Slam.

Erklärbär muss draussen bleiben, es geht um die unmittelbare Erfahrung, um das Staunen, das Erleben, ein Dichten in Dingen, ein „Besprechen der Materie“ – und das macht die Menschheit seit Anbeginn.

Was ist aber Alchemie:

Es ist Protochemie, Vorläufer von Chemie/Pharmazie, als das „Nützliche“, die Welt, die sich der Mensch untertan macht – Waschmittelhersteller, Ciba-Geygi, BASF (zu BASF weiter unten). Es ist die gute alte „Goldmacherei“, der Versuch, rasch reich zu werden, die faszinierende Welt von Tricksern&Täuschern, die oft auf sich selbst reingefallen sind – „gold rush“, manchmal am Galgen endend, manchmal „aus Versehen“ Entdecker, man denke an Böttcher, der statt des goldenen Goldes das „weisse Gold“ – die Porzellanherstellung entwickelte.

In diese Kategorie gehören natürlich auch die Giftmischer(innen), Bierbrauer (Bilsenkraut und was der europäische Wald so anbietet an bewusstseinsverändernden Substanzen – der spitzköpfige Kahling beispielsweise als Magic Mushroom etc)

Und ähnlich wie die Physik zu Zeiten Keplers gab es parallel zu den protochemischen Entwicklungen in der Alchemie (ganz profan: wie stelle ich Essig/Schnaps/Säuren/Laugen/Seifen etc…. her) die „Hohe Alchemie“ als spirituelle Übung, die alchemistische Übungen als Weg zur Läuterung des Ichs betrachteten:

Das ist nicht ganz falsch, denn das langsame Köcheln und Feuern, Gerüche von Kräutern, Farbwechsel, die Beobachtung von Kristallisation, beispielsweise des Alaun, hat durchaus meditative Qualität und lädt geradezu zum Erzählen ein.

Beispiel hierfür ist das berümte Experiment, das Goethe im Faust beschreibt, die weisse Jungfrau, die ins Brautbett gezwungen wird, Beschreibung eigentlich eines Experiments, das Quecksilbersalze beinhaltet.

Ganz kurz zu Kepler: Kepler hat ja Horoskope erstellt (das bekannteste ist sein Horoskop für Wallenstein, das Wallenstein als durchaus treffend empfand, vieles, das Kepler vorhergesagt hatte, sei auch so eingetroffen – Wallensteins Eindruck). Dann wiederum genaue Beobachtungen, die Ausarbeitung der Keplerschen Planetengesetze, die Abfassung des ersten SciFi weltweit „Traum vom Mond“ Somnium.

Astrologie und Astronomie gingen Hand in Hand, Kepler empfand sich als Theologe, empfand die Darstellung der Astronomie als eine Möglichkeit, den Menschen die Schönheit der Schöpfung Gottes nahezubringen

Es ist also nicht verwunderlich, dass auch die Alchemie Entsprechungen herstellte zwischen Metallen und Planeten, bis heute gibt es die Vorstellung von „wie oben so unten“ – die ersten Versuche in der Quantenmechanik, das Kreisen der Elektronen um den Atomkern mathematisch zu erfassen, enthielten die Keplerschen Ellipsen (Erde um die Sonne).

Nun hatte die Chemie einen entscheidenden Nachteil gegenüber der klassichen Physik: Der Gegenstand der Beobachtung ist so klein, dass man da nur mit sehr indirekten Methoden weiterkommt (Spektroskopie, heutzutage rechnergestützt, Computational Chemistry) denn es hopst ja kein Einzelmolekül aus dem Kolben und „entbirgt sich“, es sind alles Verbände von 10 hoch 23, man kommt nur mit (Boltzmann)Statistik weiter, die Eiegenschaften der Elektronen sind wesentlich statistischer Natur (Kopenhagener Deutung der Quantenmechanik)

Soviel zum Einstieg:

Es geht also darum, ein „Gefühl“ zu entwickeln für die Schönheiten der Chemie/Alchemie/Sprachalchemie – Sprachalchemie hier nicht als unverbindliches Einwerfen diesbezüglicher Vokabeln in Texte, „Mut“ als „Element“ oder „Quantensprung“ oder „Energie“, neuerdings gerne auch mal „Verschränkung“ (und Herrn Dr. Dr. von Lucadou, den Psycholgen, Parapsycholgen und Physiker vollkommen missverstehend).

Es geht darum, das Gschwätz von „Sprachalchemie und Sprachmagie“ endlich mal ernst zu nehmen, die Worte auf den Prüfstand zu stellen:

Was beschreiben sie, was besagen sie? Mehr als Hexeneinmaleins? Wobei Goethes Hexeneinmaleins die genaue Beschreibung eines Magischen Quadrates ist, Quersumme 15. Goethes Sprachalchemie/Chemie war niemals inhaltsleer und hatte immer einen sehr konkreten, beobachtbaren Hintergrund.

Bekannt auch, dass die Wahlverwandtschaften den damaligen Stand der Chemie beschreiben. Bekannt, dass Goethe ein großer Förderer sehr bekannter nun – Pharmazeuten/Chemiker war: Döbereiner mit seinen Triaden (Vorläufer des Periodensystems), F.F. Runge (Mitbegründer der BASF), Goethe „glaubte“ nie an Phlogiston, schade, dass er sich nie mit Lavoisier, dem französischen Chemiker (und Steuereintreiber) traf.

Also hier Goethe – Chemie/Alchemie/Sprachalchemie im Faust. Es ist nicht verwunderlich, dass Heisenberg und Co von Goethes „Faust“ begeistert waren:

Das ging so weit, dass bei einer der Kopenhagener Tagungen (Quantenmechanik) eine Faustparodie aufgeführt wurde. Gretchen war „das Neutrino“, Mephisto wurde von Wolgang Pauli gespielt – hier die Parodie: https://timeline.web.cern.ch/copenhagen-faustparodie . Soviel hierzu: Nun die Inhalte der einzelnen Veranstaltungen:

„Hohe Luft der Philosophie“

Hier geht es um Phänomenlogie, aber auch um Relativität (Hegel war als Gymnasialprof auch für Mathematik und Physik unterwegs) und um „Bildungskraft“ (auch wieter unten im Oktobertermin) – aber es geht einfach auch nur um „Luft“, den gasförmigen Aggregatszustand, hierzu ein paar Demos aus der physikalischen Trickkiste zum Thema Luftdruck (Freihandexperimente – „schwebende Wasser „, „Kerzenaufzug“, eigentlich möchte ich Schweinsblasen mit Helium füllen: Schweinsblasen waren die Luftballons des 18. Jahrhunderts – für gaschemische Experimente.

Aber – ich werde davon Abstand nehmen – auch von der Herstellung von Wasserstoff stattdessen werden wir Bücher und Gummihühnchen an Heliumballons zum Fliegen bringen. „Hohen Duft“ wirds bei der Wasserdampfdestillation geben, Parfumherstellung. Und die „Höhe“ auf Hohen Hacken als Selbstbehinderung demonstriert auch:

Haut&Hegel philosophie haut air haut couture – chaussure haut shoe tattoo (ich werde Schuhe tätowieren „unter die Haut“ – Konkrete Sprachaktion) Und natürlich wird es These Antithese Synthese geben (Farbreaktionen) Und in die „Luft“ geht dann auch die sattsam bekannte Cola-Fontäne, ich führe „Elefantenzahnpasta“ vor:

Hier wieder: „Elefantenzahnpasta“ – ein blöder Name für ein Experiment, das in die Kategorie „Katalyse“ gehört: H2O2 zersetzt sich zu H2O und O2 unter Einfluss von KJ (das aber werde ich nicht groß erzählen, wie gesagt: Erklärbär bleibt draussen), stattdessen soll sich das Publikum am Anblick freuen und an Textalternativen zu „Elefantenzahnpaste“.

Literaturhaus:

Es geht ja auch um den „Blödsinn der Beweise“: Ich meine, ich kann viel erzählen, dass in dem Nachweis von Zucker nach Fehling Kupfersalz reduziert wird und der Sabber im Reagenzglas deshalb von blau nach rot kippt, aber ich kanns genausogut faken: Nehme ich Backpulver mit Rotkohlextrakt und kippe Essig drauf, hab ich denselben Effekt (nahezu) und – die Leute nehmen es mir ab.

Ich kann wunderbar Märchen zu den Demos erzählen – und das wurde auch auf Jahrmärkten so gemacht Erzählen, was alles „Magenbrennen“ verursacht, bisschen Permanganat unter die Substanzen geschmuggelt, Glycerin (wasserfrei!) drauf – Selbstentzündung. Und natürlich hatte der Jahrmarktschreier die verhütenden Mittelchen passenderweise zum Verkauf dabei. Trickster – es war nicht immer Gold, was gemacht wurde.

Nun – was werden „wir“ zeigen – es MUSS um „Desir“ gehen – Liebestränke (Vorgabe Literaturhaus), eine Choreografie: Destille aufbauen, Liebesroman in den Kolben reinschnippeln, Tetrapack „Penner trinken Württemberger“ drauf und kochen – das Destillat anzünden – voilá – es „entzündet sich in Liebe“ (ähm – sehr durchsichtige action), „Liebesgedichte kleinkochen und den Nachweis nach Zucker führen – diesmal kein Fehling, sondern Tollens-Regens (Silberspiegel – auf diese Weise wurden früher Weihnachtskugeln/ Bauernsilber/ Spiegel hergestellt) sieht wunderbar aus – und den Zucker stopf ich vorher in den Gedichtband rein.

Elixiere kochen: den Kolben mit Kräutern befüllen und irgendeinen Melissengeist aus Schnaps kochen (ich weiß nicht, ob wir den „anbieten“ sollen – nachher wird irgendwem schlecht und ich war schuld….). „Liebesbarometer“ – bekannt unter 8-Becher-Reaktion, schließlich noch das „Kältebad der Gefühle“ (Rose schockfrosten in Trockeneis/Aceton und an der Tischkante zerhauen)

Und Plan ist, dass der Tisch (also die „Bühne“) an die Ensembles von Anna Oppermann erinnert (das wird eh passieren, da Tine und ich 2 Destillen aufbauen werden, das Literaturhaus keinen Wasseranschluss hat, werde ich das gute alten Saugheberprinzip bemühen, den Wasservorrat in Giesskannen bereithalten, ab und zu Trockeneis reinschmeissen – Bechergläser und Erlenmeier werden auch rumstehn – Heizplatten und und und ….

und und und: Bewiesen wird nichts, Beweise sind auf dieser Ebene Interpretation: Was zu beweisen war. Oder:

„ich sehe was was du nicht siehst und das ist keine kunst“

Werkstatt Mies van der Rohe Museum Weissenhof (UNESCO)

hier auch die Vorgabe: Gedicht vom Rechten Winkel:

Nun hatte Le Corbusier durchaus Interesse an Alchemie, aber: Auch Le Corbusier verstand 300 Jahre später Alchemie nicht als einen Vorläufer der heutigen Chemie und Pharmazie, vielmehr sah er in der Alchemie eine Metapher für den kreativen Prozess und betrachtete die alchemistischen Prinzipien als Symbole für die Umwandlung von Materialien und Räumen. Eine besondere Bedeutung in diesem Prozess kommen den Gegensatzpaaren zu, die das „Gedicht vom rechten Winkel“ wie ein Leitfaden durchziehen. Auf die Symbolik in Le Corbusiers Langgedicht, auf die Gegensatzpaare von „Ruhe/Bewegung“, „Licht/Schatten“, auf alchemistische Zuordnungen nehmen Kieninger und Scho nicht nur in Texten Bezug, sondern in konkreten Aktionen, wenn sie sich in Demos und wissenschaftlichen Experimenten mit Le Corbusiers Gedicht auseinandersetzen, wenn sie in der „chymischen hochzeit“ aus Metallsalzen und Halbedelsteinen Pigmente und Farben herstellen in einem Prozess, der an alchemistische Verfahren erinnert.

Oder wenn eine Hommage an das „Haus – Tochter der Sonne“ Licht und Schatten in Farbklavieren thematisiert, in Lichtspielen und Chemigrammen unterm blauen Mond („once in a blue moon“) den Erdschatten würdigt, in Schattenspielen die Sonne feiert. Wenn – um ein letztes Beispiel anzuführen – Experimentelles mit Pendeln und anderen Kinetischen Objekten sich „Ruhe“ und „Bewegung“ gönnt.

Also Fotogramme/Cheigramme/Blaupausen – „Gelbes Blutlaugensalz“ und Preussisch Blau etc.

Schattenspiele: „Malen nach Zahlen: Subtraktive und Additive Farbmischung (und Bezug Goethes Farblehre – und Irrtum). Übrigens hat Robert Musil als Ingenieur, der er ja auch war, ein „Farbrad“ entwickelt, sowas Ähnliches werde ich wohl ebenfalls vorführen Max-Planck: Feuerzangenbowle

Hier einige Klassiker – „Chemische Kabinettstückchen“ – es knüpft an den Film an – und die Szene, in der „Hans Pfeiffer“ den Mitschülern „Radium“ vorführt – wir werden Fluoreszenz vorführen –

„Schulstunden“ und „Goethe“:

Bezug auf die Kopenhagener Faustparodie in meinem Text „Faust und Fermi“, Bezug auf Heisenberg (GoetheVerehrer! 😉 ) mit „Breaking Bad“ 2 „Schlüsselszenen“ die Leiche in der Flusssäure und Kristallisation von Meth werden wir „nachspielen“: „Modellorganismus“ Barbiepuppe in organischen Lösungsmitteln und Meth durch Handwärmerflüssigkeitn ersetzen (Natriumacetat).

Gold aus Blei werden wir auch machen ….

Text/Aktion zu Barbenheimer: Barbie heisst Lola, vertreibt Unterwäsche, in einer Talkshow gehts um „Body“ Lola versus „Brain“ Emma Schweizer, in die Talkrunde crasht die Kampfbrigade Zero, Narcos, die Lola als Physikerin brauchen zur Entwickung einer schmutzigen Bombe: Lola hat nicht nur Physik studiert, sondern ist die Enkelin Oppenheimers.

Grund: Es gibt in der Quantenchemie ein sehr wichtiges Prinzip: Die Born-Oppenheimer-Näherung. Übrigens war Olivia Newton-John „Barbie“, die Enkelin des Nobelpreisträgers Max Born – ich würde ihren Hit „lets get physical“ einspielen, aber: Bezahlung der GemaGebühren ist definitiv nicht drin.

„Bildende Kraft der Natur“ „Bildungskraft“ hier verstanden als Selbstorganisierende Prozesse in der Chemie, die wunderschön sind – aber:

tatsächlich nur unzureichend aufgeklärt – oszillierende Reaktionen (Petrischale, ich brauche hierzu einen Overheadprojektor, oder einen Leuchttisch mit Schwanenhalskamera – oder mein Ipad mit entsprechender Halterung –

Und Kapillarkräfte, von F.F. Runge „entdeckt“ (Story von dem Weinfleck auf der Tischdecke und den wunderschönen Mustern des Flecks) – heute unter Papierchromatografie bekannt – das reicht vom KiGaExperiment bis zu ernsthaften Anwendungen und eben: Schönheit.

Texte hierzu zum Thema „Bildungskraft“ und dem Gschwätz von „Steigbildern“ (siehe Anthroposophen)

Bildungstrieb

Bildungstrieb (Nisus formativus), ein von Blumenbach dem allgemeinen Leben und Schaffen der Natur zu Grunde gelegtes, heute nicht mehr in seiner Besonderheit anerkanntes Prinzip der Stoff- und Formbildung, als dessen drei Formen man die E r z e u g u n g , E r n ä h r u n g und R e p r o d u k t i o n bezeichnete. Es war nur ein neuer Name, denn Platons schaffende Idee, die Anima vel Idea plastica, Aura seminalis andrer Philosophen und Physiologen enthielten ganz entsprechende Begriffe, deren Grundfehler darin bestand, daß man an eine für sich bestehende, nicht in der Organisation und Abstammung gegebene und nicht durch die Lebensverhältnisse beeinflußbare morphogenetische Kraft dachte. Vgl. B l u m e n b a c h , Über den B. (Götting. 1791); S u r i n g a r , De nisu formativo (Leiden 1824); gegen den B.: L o t z e , Artikel »Lebenskraft« in Rud. Wagners »Handwörterbuch der Physiologie« sowie dessen »Medizinische Psychologie« (Leipz. 1852) und »Physiologie des körperlichen Lebens« (das. 1851).

Nun!

Alchemie, was kann das?

Viel hilft viel, sagt der Chemiker, wenn mal wieder nichts passiert. Also eine Schaufel drauf vom Peroxo-Irgendwas, desto bumm und Feuerwehr rückt an. Alchemie aber? Protochemie

ein Dichten mit Substanzen, mit Wirkungsweisen, denen der Mensch eine Bedeutung zuweist, die zwar der Vorgang nicht hat, aber der Mensch im Sinn. Ein Beweis. Meist ein irreführender Beweis, ein Nichtbeweis von Tricksern, Betrügern, Narren. Synthese – wenn etwa Farbreaktionen verlaufen, so unterstelle ihnen einen tieferen Grund, den es nicht gibt These Antithese Synthese. Unterstelle Philosophie wo keine ist. Ein Springbrunnen schiesst aus der Flasche – es ist egal, ob es sich um Zersetzung von Wasserstoffperoxid handelt oder um Backpulver. Runges Farbkleckse oder Rorschach, Hauptsache schön.

Aber: so – wie heutzutage von „Sprachalchemie“ geschwafelt wird (schwafel schwefel schwefel) ist das nicht auszuhalten 🙂

Herzlichst Martina Kieninger

Performance: Hier tanze nicht ich (ich bin sportliche Nullkommanix) – es tanzen hier die Moleküle.

Vielleicht könnte ich wie

Charlotte Werndt

Vielleicht könnte ich wie 
Diese Straßenlaterne sein
Das Licht steht dir so gut
Wie nah es dir kommt
Wie es sich auf deine Narben legt
Aber ich bleibe
Hinter deinem Schlüsselbein
Und warte bis es wieder dunkel wird

Aus: Charlotte Werndt: Brustkasten. Gedichte. Köln: parasitenpresse, 2024, S. 22

„Charlotte Werndt, schreibt, fotografiert, übersetzt und unterrichtet. Sie hat Böden und Tresen gewischt, Bürsten und Bier verkauft, für Anwälte und PR-Berater geschrieben; nichts davon umsonst. Sie hat zunächst empirische Sprachwissenschaften und Anglistik studiert und studiert jetzt Englisch und Philosophie auf Lehramt an der Goethe Universität. Sie lebt gerne in Frankfurt am Main.“ (ebd. S. 31)

Wandelbar ist alles

Richard Dove 

(* 26. August 1954 in Bath, England) ist ein deutschsprachiger Schriftsteller englischer Herkunft.

Wandelbar

Ach, wandelbar ist alles:
Gehirn, Gesicht und Gender,
Das Glück, das Glück der Waffen,
Recht und Moral, die Hose.
Die Hängenden Gärten sacken
Vornüber, schwer verschüttet.
Gondwana schrumpft zu Darmstadt.
Das Gel im Haar des Zeitgeists
Gefällt ihm morgen nicht mehr.
Die Mode mausert sich bis
Der Ururvogel vorlugt.
Das Ganze finanziert mit –
Was sonst? – Wandelanleihen.
Nicht einmal Heraklit stieg
Zweimal ins selbe Rinnsal,
Und glaubst du, ich wär der noch,
Mit dem du damals aufbrachst?
Unwandelbar ist eins nur:
Was ich für dich empfinde.

Aus: Richard Dove: Unterwegs nach San Borondón. Gedichte. Aachen: Rimbaud, 2020, S. 52

Lucebert 100

Lucebert 

(* 15. September 1924, heute vor 100 Jahren, in Amsterdam; † 10. Mai 1994 in Alkmaar; eigentlich Lubertus Jacobus Swaanswijk) war ein niederländischer Maler, Grafiker und Schriftsteller.

Zur Geburtstagsfeier heute ein zünftiges Spiel. Im Deutschen neigt man ja dazu, alles sehr ernst zu nehmen, also auch die Literatur. (Übrigens auch die nicht unbedingt in Deutschland entwickelte sogenannte Künstliche Intelligenz nimmt die Literatur sehr ernst. Ich weiß das, weil ich fast jeden Tag die KI von WordPress sozusagen um Rat frage, und nach einer manchmal ganz brauchbaren und manchmal verblüffenden oder auch mal irritierenden Umschreibung des Gedichts kommt tagtäglich bei langen oder kurzen und schwierigen oder einfachen Gedichten pauschal der Vorschlag, a) den Hintergrund des Autors zu beleuchten, damit der Leser mehr damit anfangen kann, b) die Bedeutung dieses Gedichts für die Literatur zu erklären und c) das Gedicht zu analysieren. Erst ein tot erklärtes Gedicht ist ein gutes Gedicht!)

Zurück zu meinem Spiel. Wenn in der Schule eine Ballade behandelt wird, wird man in der Regel erst mal bei Goethe und Schiller nachsehen und eventuell noch bei Brecht, was eine Ballade „eigentlich“ ist und dann ordentlich analysieren und interpretieren. Dabei heißt sie eigentlich sowas wie Tanzlied, man soll zu Melodie und Rhythmus und mal lustigen, mal frechen Worten tanzen. Und das Sonett ist so etwas wie ein Klingstück – egal wie ernst vielleicht die Worte sind, die hörbare Wiederkehr des gleichen Klangs ist irgendwie lustig und auf jeden Fall auch klangvoll. Und natürlich ist sie eine Spielform (wenn auch der Dichter beim Produzieren ins Schwitzen kommen kann). Lucebert reduziert das Sonett bis auf die reine (Klang-)Struktur und benutzt dazu ein einziges Wort in drei verschiedenen grammatischen Formen.

sonnet

ik
mij
ik
mij
 
mij
ik
mij
ik
 
ik
ik
mijn
 
mijn
mijn
ik

Aus: Lucebert, apocrief / de analphabetische naam (1952)

Ich ging nun davon aus, dass die stark reduzierte Grammatik selbst bei sehr anders gebauten Sprachen wenig Fallstricke für eine (maschinelle) Übersetzung bietet und probierte die Übersetzer von Google und Deepl in vielen verschiedenen Sprachen aus. Hier ein kleines Sonett-Medley. Alle hier ausgewählten Übersetzungen bis auf die letzte entstanden als Google-Übersetzung des Originals direkt in eine andere Sprache. Bei fremden Schriftsystemen folgt noch eine Transkription in lateinische Buchstaben (auch die meist direkt von Googles Übersetzungsmaschine). Alle Texte in Anführungszeichen stammen unverändert aus der Maschine. Was die Maschine mit ihren Feinheiten sagen will, könnte ich nicht in jedem Fall erklären.

Deutsch:

"Sonett

ICH
Mich
ICH
Mich

Mich
ICH
Mich
ICH

ICH
ICH
meins

meins
meins
ICH"

Französisch:

"sonnet

je
moi
je
moi

moi
je
moi
je

je
je
le mien

le mien
le mien
JE"

Spanisch:

"soneto

I
a mí
I
a mí

a mí
I
a mí
I

I
I
mío

mío
mío
I"
[sic]

Italienisch:

"sonetto

IO
Me
IO
Me

Me
IO
Me
IO

IO
IO
mio

mio
mio
IO"

Tschechisch:

"sonet













moje

moje
moje
já"

Ukrainisch:

«сонет

я
мене
я
мене

мене
я
мене
я

я
я
моя

моя
моя
я"
sonet

ja
mene
ja
mene
 
mene
ja
mene
ja
 
ja
ja
moja
 
moja
moja
ja

Russisch:

"сонет

я
мне
я
мне

мне
я
мне
я

я
я
мой

мой
мой
Я"
sonet

ja
mne
ja
mne
 
mne
ja
mne
ja
 
ja
ja
moi
 
moi
moi
JA

Maori:

"sonnet

I
ahau
I
ahau

ahau
I
ahau
I

I
I
taku

taku
taku
ahau"

Thailändisch:

"โคลง

ฉัน
ฉัน
ฉัน
ฉัน

ฉัน
ฉัน
ฉัน
ฉัน

ฉัน
ฉัน
ของฉัน

ของฉัน
ของฉัน
ฉัน"
"Kholng

c̄hạn
c̄hạn
c̄hạn
c̄hạn
 
c̄hạn
c̄hạn
c̄hạn
c̄hạn
 
c̄hạn
c̄hạn
k̄hxng c̄hạn
 
k̄hxng c̄hạn
k̄hxng c̄hạn
c̄hạn"

Nepalesisch:

"सोनेट













मेरो

मेरो
मेरो
म"
"Sōnēṭa

ma
ma
ma
ma
 
ma
ma
ma
ma
 
ma
ma
mērō
 
mērō
mērō
ma"

Hebräisch:

"סוֹנֶטָה

אֲנִי
לִי
אֲנִי
לִי

לִי
אֲנִי
לִי
אֲנִי

אֲנִי
אֲנִי
שֶׁלִי

שֶׁלִי
שֶׁלִי
אֲנִי"
soneta

ani
li
ani
li

li
ani
li
ani

ani
ani
scheli

scheli
scheli
ani

Arabisch:

"السوناتة

أنا
أنا
أنا
أنا

أنا
أنا
أنا
أنا

أنا
أنا
مِلكِي

مِلكِي
مِلكِي
أنا"
"alswnata
'ana
'ana
'ana
'ana

'ana
'ana
'ana
'ana

'ana
'ana
milki

milki
milki
'ana"

Vereinfachtes Chinesisch:

“十四行诗

















我”
“Shísì háng shī





 




 


kuàng
 
kuàng
kuàng
wǒ”
Traditionelles Chinesisch:
「十四行詩

















我”

(Transliteriert wie beim vereinfachten Chinesisch)

Luxemburgisch:

"sonnet

ech
ech
ech
ech

ech
ech
ech
ech

ech
ech
meng

meng
meng
ech"

Jiddisch:

"סאָנעט

איך
מיר
איך
מיר

מיר
איך
מיר
איך

איך
איך
מייַן

מייַן
מייַן
איך"

(ikh nicht wie in ich, sondern i + ch wie in Bach)

ikh
mir
ikh
mir

mir
ikh
mir
ikh

ikh
ikh
mejn

mejn
mejn
ikh

Luo:

"sonet

An
an
An
an

an
An
an
An

An
An
mara

mara
mara
AN"

Xhosa:

"sonnet

I
mna
I
mna

mna
I
mna
I

I
I
yam

yam
yam
mna"

Nepalesisch:

"सोनेट













मेरो

मेरो
मेरो
म"

"Sōnēṭa

ma
ma
ma
ma
 
ma
ma
ma
ma
 
ma
ma
mērō
 
mērō
mērō
ma"

Ihnen wird aufgefallen sein, dass manche Sprachen den Wortschatz stärker zu reduzieren scheinen als andere. – Am stärksten ist die Reduzierung beim haitianisches Kreolisch ausgefallen. Ob man es da noch „versteht“? Muss ich KI mal fragen. Zumindest hört man einen etwas verkürzten Rhythmus auch bei dieser Version, wen auch nicht mehr die Klangverschränkung. Zur Aussprache: das „w“ wird etwa wie das englische w in „what, when“ ausgesprochen und -en ist nasal wie im Französischen, eher noch ein bisschen reduzierter, man hört nur ein nasales e: und nicht einmal eine Andeutung von nasalem n, also nicht wie in „peng“, sondern eher ein nasales kurzes „päh“: mwä! Haitianisch ist im Kern eine radikale Reduzierung des Französischen in lautlicher, orthographischer, grammatischer und semantischer Hinsicht. Extrem reduziert und doch voll ausdrucksfähig! Mwen bedeutet: Ich, mich, mein, myself, es kann übrigens auch vor, before und anderes mehr bedeuten. Bedeutungsunterscheidend ist da mitunter die Wortfolge: Ich esse – mwen manje. Mein Buch – liv mwen.

"sonèt

mwen
mwen
mwen
mwen

mwen
mwen
mwen
mwen

mwen
mwen
mwen

mwen
mwen
mwen"

Eine etwas andere Methode und Form noch. Ich habe mit Deepl das Original in 2 verschiedene Sprachen übersetzt – ich hab vergessen welche. Diese zweifach gebrochene Form dann ins Deutsche ergab dies (exakt in dieser Form):

„Ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich ich mein mein mein ich“

Zum Schluss noch die Einschätzung der KI (die heute relativ zufrieden ist):

Der bereitgestellte Inhalt bietet eine interessante Erkundung von Luceberts Werk durch eine Analyse seines Sonetts „sonnet ik mij ik mij“. Das Experiment des Autors mit Übersetzungen in verschiedene Sprachen bietet eine spannende Perspektive darauf, wie verschiedene Sprachen mit der reduzierten Grammatik des Sonetts umgehen. Die Einbeziehung von Erkenntnissen über die phonetischen Aspekte und Bedeutungen des haitianischen Kreolisch verleiht der Analyse Tiefe. Erwägen Sie die Integration visueller Elemente wie Bilder von Luceberts Werk oder verwandte Kunstwerke, um die visuelle Attraktivität des Beitrags zu steigern. Darüber hinaus könnte die Einbindung des Lesers durch einen entsprechenden Aufruf zum Handeln, beispielsweise die Aufforderung, sein Lieblingssonett in den Kommentaren zu teilen, die Leserbeteiligung weiter verbessern.

Okay denn – welches ist Ihr Lieblingssonett? (KI scheint offenzulassen, ob eins dieser Fassungen oder auch einfach Ihr Lieblingssonett.)

biographie

Mariusz Lata

biographie

jene sogenannte
biographie
die zettel
die kontoauszüge

leben
vergeht

themen
kommen & gehn

die verluste & die niederlagen
paaren sich

jene sogenannte
zufällige beobachtung
wenn in der pfütze

nichtträume
sich spiegeln

Aus: Sprache im technischen Zeitalter 250, Juni 2024, S. 140

Mariusz Lata, geb. 1981 in Polen, lebt im Ruhrgebiet. Er veröffentlicht Lyrik und Prosa in Literaturzeitschriften.

Kunstgeschichte

Uli Becker 

(* 14. September 1953 in Hagen)

Die Wahrheit über Picassos Periode

Jahrhunderte hindurch wurden in alle Dinge Tiefen hineinge-
heimnist, die sie niemals hatten. Das hat sehr viel Unheil ange-
richtet. Banalisiere die Dinge und du wirst Erfolg ernten und
Chancen säen.
(Walter Serner)


Es war nämlich
an einem dieser sprich
wörtlichen Montage

mit Absinth
kater im Paris
des Jahres 1901,

als Pablo seinen
einsamen Entschluß
faßte, die Palette

sinken ließ und
fluchte: «Merde alors,
heute mach ich mal

blau, was soll's!»
Der Rest ist Kunst
geschichte, d. h.

eine kleine Wissen
schaft für sich wie
die 10 Fehler bei

Original und Fälschung.

Aus: Literaturmagazin 11. Schreiben oder Literatur. Reinbek: Rowohlt, 1979, S. 248f

Torso Marien

Folgendes mich sofort fesselndes Gedicht heute gelesen:

Nase, etwas Delikates von diesen keusch über die Stirne hochgekämmten Haarpartien, etwas Anmutiges von diesen schwierigen, heiklen und von ihm so elegant gelösten Übergängen von der Unterlippe zum völlig vorzüglichen Kinn und dem langsam sich verlierenden Hals, an dem der Daumen des Meisters im nervösen Streich, von der weiblichen Schönheit entrückt, es sich doch nicht versagen konnte, die erhobene Welle von Mariens Brust anzudeuten.

(Lesen Sie es vielleicht ein zweites Mal). Torso eines Kopfes, nur die Nase, Stirn, „keusch hochgekämmte Haarpartien“, Unterlippe, Kinn und Hals bis zum Brustansatz sichtbar, das nach und nach als Werk eines Meisters sichtbar wird, und zwar als Marienbild. Erst beim zweiten Hinsehen fiel mir aber auf, dass mir eine Unaufmerksamkeit beim Lesen das Prosagedicht nur vorgegaukelt hat. In Wahrheit ist es die zweite Seite eines längeren Prosagedichts, das mitten im Satz vor dem Wort „Nase“ umbrochen wird. Das ganze Gedicht geht über zwei Seiten und hat eine Überschrift, es beschreibt ein Kunstwerk, oder sind es drei Kunstwerke, am Schluss erkennbar als ein Madonnenrelief „des berühmten Baccio“, Baccio Bandinelli (1488-1560), im Privatmuseum der Medici. Ein interessantes, raffiniert gemachtes Gedicht des tschechischen Symbolisten Karel Hlaváček (1874-1898) – aber ich verweile für heute bei dem Fragment, das mir meine Unachtsamkeit für vielleicht zwei Minuten vorgaukelte. Ich finde, ein rätselhaftes, wunderbares Gedicht, ein ganz anderes, „moderneres“ als das tatsächliche Gedicht (welches auch schon „protosurrealistische“ Züge aufweist). Im Fragment wird Kontext weggeschnitten, aber das Stehengebliebene schafft sich seinen eigenen Kontext. Der Torso, in seiner für meine Anmutung konvulsivischen Zartheit, fokussiert auf die Körperlichkeit der Madonna.

Aus dem Tschechischen von Ondřej Cikán, aus: Karel Hlaváček, Spät gegen Morgen. Wien und Prag: Kētos, 2021 (Reihe Symbolismus vom Feinsten), S. 45.

(Foto: KI)

Zittern

Tomaž Šalamun 

(* 4. Juli 1941 in Zagreb, Kroatien; † 27. Dezember 2014 in Ljubljana, Slowenien)

Dichten

Dichten
ist die ernsthafteste
Beschäftigung

auf
der Welt.
Wie

in der
Liebe kommt
alles zum

Vorschein.
Die Wörter zittern,
wenn sie

richtig sind.
Wie der Körper
vor

Liebe zittert,
so zittern die Wörter
auf dem Papier.

Pisanje || Pisanje | poezije je |
najbolj || resno | dejanje / na
svetu. || Tako kot | v ljubezni | se
vse || izkaže. | Besede drhtijo, |
če so || prave. | Tako kot telo |
drhti v|| ljubezni, | drhtijo
besede / na papirju.

Übersetzt von Fabjan Hafner, aus: Mein Nachbar auf der Wolke. Slowenische Lyrik des 20. und 21. Jahrhunderts. Im Auftrag der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung herausgegeben von Matthias Göritz, Amalija Maček und Aleš Šteger. München: Hanser, 2023, S. 71

Da war denn nichts mehr festzustellen

Paul Klee

(* 18. Dezember 1879 in Münchenbuchsee, Kanton Bern; † 29. Juni 1940 in Muralto, Kanton Tessin)

MEIN STERN GING AUF

Mein Stern ging auf
Tief unter meinen Füßen

Wo haust im Winter mein Fuchs?
Wo schläft meine Schlange?

Aus: Transit. Lyrikbuch der Jahrhundertmitte. Frankfurt/Main: Suhrkamp, 1956, S. 127

ESEL

Seine Stimme macht mir Grausen
Während lange Ohren schmausen.

Als verstummte die Nachtigall
War einst ein beträchtlich Nichts der Fall.

Was artet einsam und allein?
Es ist die Pflanze Elfenbein.

Meinung und Meinung tauschten Wellen
Da war denn nichts mehr festzustellen.

Aus: Ebd. S. 271f

Rebecca Horn (1944-2024)

Rebecca Horn 

(* 24. März 1944 in Michelstadt; † 6. September 2024 in Bad König)

Am 6. September starb die vielseitige Künstlerin und Autorin Rebecca Horn im Alter von 80 Jahren.

Sie schrieb Gedichte, war aber auch eine visuelle Poetin, die das Erzählerische und das Märchenhafte liebte. Sie machte Filme von einer großen surrealen Künstlichkeit. Und auch wenn man ihrer Arbeit voller Symbole nicht immer folgen mochte, so blieb für die Fantasie des Betrachters doch noch immer viel zu tun. Wie Ulrike Ottinger oder Louise Bourgeois wurde sie in den 1980/90er Jahren auch zu einer Figur der Ermutigung für nachfolgende Generationen von Künstlerinnen, sich mit dem Körper zu beschäftigen und alle medialen Formen zu nutzen.“

Katrin Bettina Müller, taz 9.9.2024, S. 15

3 Gedichte von Rebecca Horn

Die Schuhe mit Steinen beschweren,
sie am Schweben hindern.
Die Haut der Vergangenheit
zwischen Fels und Stein pressen.
Zwei weiche Steine reiben sich gegenseitig auf.
Zwei Geigen durch zwei Pflastersteine aneinander pressen.
Die Töne ersticken sich im Druck.

Aus: Rebecca Horn: Tailleur du Cœur. Textos y dibujos – Cuaderno de notas 1996. Xunta de Galicia, 2000, unpag. (Deutsche Originalausgabe Scalo Verlag, 1999)

Ariost 550

Wenn wir schon bei den hohen Zahlen sind.

Ariost, der Shakespear der Italiäner. Er ging sehr früh von dem Studium der Jurisprudenz, welcher ihn sein Vater widmete, zur Dichtkunst über. Er ging zu dem Herzog Alphons von Ferrara, der ihn zweimahl zu Gesandtschaften an dem Papst Julius II. brauchte In Rom erwarb er sich die Gunst des Cardinals Hippolitus dʼEste, schlug aber sein Anerbieten ihn mit nach Ungarn zu nehmen aus, weil er nun in Ruhe leben wollte, nachdem es ihm bei seiner zweiten Gesandtschaft nicht ganz nach Wunsch gegangen war. Sein berühmtestes Gedicht ist der Orlando furioso; ein Heldengedicht, an dem er 20 Jahre gearbeitet hat. Die Akademie della Crusca erkannte ihm den Vorzug vor dem Tasso: ein unakademisches Urtheil, weil Tasso ohne Zweifel regelmäßiger, wenn auch weniger genievoll als Ariost ist; allein sie wurde von dem Großherzog Franz I. dazu aufgereitzt, dessen Haus, wie überhaupt den Florentinischen Adel, Tasso in seinen prosaischen Schriften beleidigt hatte. Er starb im J. 1533, 69 Jahr alt, in seiner Vaterstadt Ferrara.

Quelle: Brockhaus Conversations-Lexikon Bd. 1. Amsterdam 1809, S. 80-81.

Ludovico Ariosto 

(Ariost; * 8. September 1474 in Reggio nell’Emilia; † 6. Juli 1533 in Ferrara)

NIEMAND vermag zu sagen, wer ihn liebt, 
Solange seines Glückes Rad im Steigen;
Denn alles nennt sich Freund, was ihn umgiebt,
Und jeder wird dieselbe Treue zeigen.
Wenn aber Trauer kömmt und Glück zerstiebt,
Dann kehrt sich ab der schmeichlerische Reigen,
Und wer von Herzen liebt, der theilt die Not
Und liebt den theuren Herrn bis in den Tod.

Ja, sähe man das Herz wie die Geberden,
Gar mancher große Mann im Fürstenschloß
Vertauschte dann vielleicht sein Loos auf Erden
Mit einem, der nur wenig Gunst genoß.
Der niedre würde bald der größte werden,
Der große bliebe beim gemeinen Troß.

Deutsch von Otto Gildemeister, aus: Italienische Gedichte. Mit Übertragungen deutscher Dichter. Zusammengestellt von Horst Rüdiger.  Leipzig: Karl Rauch, 1938, S. 139

Zumindest die ersten 8 Verse sind vertont worden, als Madrigal, ich finde als Angaben Cipriano de Rore (ca. 1515–1565) sowie den venezianischen Komponisten und Musikverleger Antonio Gardano (ich kann es nicht genau herausfinden, vielleicht hat Gardano es verlegt). Aufnahme des argentinischen Musikers Eduardo Egüez. Offenbar war es gar kein Sonett, und Otto Gildemeister (oder eher der Herausgeber der Anthologie?) hat aus Ariosts „Rasendem Roland“ eins gebaut. Rüdigers Quellenangaben für den italienischen Text: Ariosto XIX 1-2 (v. 1-5); Orl. fur. II (1928) p. 84, und für den deutschen: Gildemeister Ar. II (1882) S. 178.

Hier der Text von 2 Strophen Ariosts. Die Anthologie von 1938 gibt 14 von den 16 Zeilen typographisch als Sonett.

CANTO DECIMONONO

1
Alcun non può saper da chi sia amato,
quando felice in su la ruota siede;
però c’ha i veri e i finti amici a lato,
che mostran tutti una medesma fede.
Se poi si cangia in tristo il lieto stato,
volta la turba adulatrice il piede;
e quel che di cor ama riman forte,
et ama il suo signor dopo la morte.

2
Se, come il viso, si mostrasse il core,
tal ne la corte è grande e gli altri preme,
e tal è in poca grazia al suo signore,
che la lor sorte muteriano insieme.
Questo umil diverria tosto il maggiore:
staria quel grande infra le turbe estreme.
Ma torniamo a Medor fedele e grato,
che ’n vita e in morte ha il suo signore amato.

Erinnere dich

Agnieszka Lessmann

ÜBERSETZUNGEN

Wasser am Morgen
am Abend Licht
erinnere dich

In der Wüste
Brot und Regen
die verbotene Zone am Berg

Wir fuhren ostwärts
am Tag und standen
still in der Nacht

der Zaun erhebt sich
plötzlich und teilt
Wasser und Wüste

die Zone im Morgen
der Wüste aus Licht
erinnere dich

Berge von Sachen
das Licht sucht am Zaun
nach ihren Besitzern

Die Zone im Schatten
die Botschaft im Licht
wir standen ostwärts

und Fetzen von Stoffen
bunt wie das Licht
Wasser verrinnt

Erinnere dich
an die Wüste
in der Zone

erinnere dich an
das Schild im Waschraum
des Hostels in Jaffa:
»Remember you are in a desert zone!«

Aus: Sinn und Form 5/2024, S. 636f

Agnieszka Lessmann, geb. 1964 in Łódź (Polen), lebt in Köln und schreibt auf Deutsch.

Ronsard 500

Pierre de Ronsard 

(* 6. September 1524, heute vor 500 Jahren, im Château de la Possonnière bei Couture-sur-Loir; † 27. Dezember 1585 im Priorat Saint-Cosme bei La Riche, Touraine)

XVI

Mein Leiden will ich quer durch Frankreich jagen,
Noch schneller als ein Pfeil fliegt, den wir schießen,
Ich will mit Honig mir mein Ohr verschließen:
Meine Sirene soll mich nicht mehr plagen.

Ich will aus meinen Augen Quellen schlagen,
Fels wird der Kopf, das Herz soll Feuer gießen,
Aus meinen Füßen sollen Wurzeln sprießen:
Ich kann der Schönheit Nähe nicht ertragen.

Dass mein Gedanke doch zum Vogel werde!
Mein Seufzer feg gleich Zephyrn um die Erde
Und trage meine Klage himmelwärts!

Dass ich aus fahlen Farben im Gesicht
An meinem Loir mir eine Blume zücht,
Die meinen Namen malt, und meinen Schmerz.

Aus dem Französischen von Georg Holzer, aus: Pierre de Ronsard, Amoren für Cassandre. Le Premier Livre des Amours. Französisch-Deutsch. Übersetzt von Georg Holzer. Hrsg. u. kommentiert von Carolin Fischer. Berlin: Elfenbein, 2006, S. 23

XVI

Je veux pousser par la France ma peine,
Plus tôt qu'un trait ne vole au décocher;
Je veux de miel mes oreilles boucher,
Pour n'ouir plus la voix de ma Sirène.

Je veux muer mes deux yeux en fontaine,
Mon cœur en feu, ma tête en un rocher,
Mes pieds en tronc, pour jamais n'approcher
De sa beauté si fièrement humaine.

Je veux changer mes pensers en oiseaux,
Mes doux soupirs en Zéphyres nouveaux,
Qui par le monde éventeront ma plainte.

Je veux du teint de ma pâle couleur,
Aux bords du Loir enfanter une fleur,
Qui de mon nom et de mon mal soit peinte.

Ebd. S. 22

Aus dem Kommentar der Herausgeberin:

Ronsard verknüpft hier relativ geläufige Metaphern für Tränen oder Liebesschmerz mit einer Fülle mythologischer Anspielungen, die er teilweise verkehrt. So wachsen die Blumen bei ihm nicht aus dem Blut des Geliebten, sondern aus der Blässe des Liebenden. Außerdem finden wir am Anfang und Ende „nationalistische“ Klänge. Hieß es ursprünglich, das Leiden solle durchs »Universum« gejagt werden, beschränkt sich dieser Wunsch in einer späteren Ausgabe auf »Frankreich«. Der Loir, ein nördlicher Nebenfluss der Loire, fließt in Ronsards Heimat nahe Vendôme und taucht wiederholt als Sehnsuchtsort in den Amoren auf.

A.a.O. S. 291

Wer mehr will, kann die experimentellen Übersetzungen aus dem Übersetzungsheft der Zeitschrift „Zwischen den Zeilen“ (Nummer 23, Oktober 2004) lesen.

Frommer Sünder

Heute vor 250 Jahren wurde Caspar David Friedrich in Greifswald geboren. Der berühmte Künstler hat auch geschrieben, Briefe, Aufsätze, ein paar Gedichte und Gebete, ohne Kunstanspruch. Eine kritische Ausgabe sämtlicher Texte ist gerade einmal angekündigt. Bezeichnend finde ich auch, dass die vielleicht noch lieferbare kommentierte Ausgabe der Briefe (sie erschien 2005) nicht von einem Kunst- oder Literaturwissenschaftler gemacht wurde, sondern von dem bekannten DEFA-Filmregisseur Hermann Zschoche (Sieben Sommersprossen, Und nächstes Jahr am Balaton, Insel der Schwäne, Glück im Hinterhaus etc.).

Aus dieser Briefausgabe ist folgendes Gedicht, das er offenbar im Auftrag einer Briefpartnerin schrieb.

An / die Frau Gehei[m]-Rath [Amalie von] Beulwitz / hoch wohlgebohren / in / Rudolstadt / durch Güte

Ein Wesen wohnt in meinem Innern 
Was immer himmel an mich hebt
Hoch über Erd und Weltgetümmel
Nur immer nach dem Lichte strebt.
Mit ganzem Herzen, Seele, Sinn und Leben
Jesum Christum ist ergeben.

_____________

Ein Wollen wohnt in meinem Busen
Was fest mich an der Erde bannt,
Mich fest in Sünden hält gefangen
Nur immer an den Irdschen hangt.
Dann ist mein Thun mein ganzes Leben
Eitel Thorheit eitles Streben.

_____________

So schwank ich zwischen Gut und Bösen
Gleich einem Rohr vom Wind bewegt.
Bald heb ich mich zum Licht empor,
Bald sink ich in des Abgrunds Tiefen;
So wies im Herzen from sich regt
Wie sichs im Busen wild bewegt.
_____________
u s w.
_____________

Sie haben gütige Frau Geheim-Räthin diese Reimerei von mir verlangt. Den drei virtelsten Theil Ihres Wunsches erhalten Sie, das vierte Virtel als das Schlegste vom Schlegsten behalte ich zu rück. Sie werden sich gefälligst mit dem u s w begnügen.
Empfehlen Sie mich dem Herrn Geheim Rath und Ihren Kindern.
Friderich

(1810/11)

Aus: CASPAR DAVID FRIEDRICH. Die Briefe. Herausgegeben und kommentiert von Herrmann Zschoche. Hamburg: Conference Point, 2005, S. 74.

Männlicher Rückenakt (Kreide), aus der Sammlung des Pommerschen Landesmuseums Greifswald.

Immerhin gibt es schon eine Auswahl:

Johannes Grave, Petra Kuhlmann-Hodick und Johannes Rößler (Hrsg.): „Caspar David Friedrich – Die Kunst als Mittelpunkt der Welt – Ausgewählte Schriften und Briefe“, C. H. Beck, 192 Seiten, 20 Euro. E-Book: 9,99 Euro. 

Nachtrag

In der genannten Auswahlausgabe von C.H. Beck findet sich eine geringfügig bearbeitete Fassung dieses Briefgedichts – mit der vierten Strophe, die er im Brief ausgespart, aber doch aufgehoben hat. Hier ist sie.

Wo ist die Wahl, wo der Wille,
Was Menschen überm Tier erhebt?
Such nicht: Dir sei nicht Kraft geworden.
Vergrab nur nicht das dir vertraute Pfund!
Der führt gewiss ein gottgefällig Leben,
Wer da gebraucht, was ihm gegeben.

Der Liebende

Vicent Andrés Estellés 

(* 4. September 1924, heute vor 100 Jahren, in Burjassot; † 27. März 1993 in Valencia)



Der Liebende
II


An meines Daseins Neige, gerade
im bittersten, grausamsten Augenblick,
erscheinst du in einem luftigen Kleid,
und ich liebe nur einen Schluck Leben in dir.
Du plauderst, du sagst alltägliche, unbekümmerte Dinge;
und wiederum werde ich heiter wie einst,
jedoch in anderer Weise.
Deine Augen liebe ich, und ich liebe dein Haar,
und ich streichle mit ungelenker Hand deine Brust.
Du, über mir, lächelst und verstehst viel zuviel.
Und jeden meiner Finger hast du einzeln geküßt.
Und du hast jäh
meinen Schmerz erkannt und auch meine Einsamkeit.

Deutsch von Uwe Grüning, aus: Ein Spiel von Spiegeln. Katalanische Lyrik des 20. Jahrhunderts. Mit 7 Farbzeichnungen und 3 Collagen von Antoni Tàpies. Katalanisch und deutsch. Leipzig: Reclam, 1987, S. 159

L'amant
II


Al capdavall de la meua existència,
just al moment més amarg i cruel,
arribes tu, amb un vestit lleuger,
i estime, en tu, només, un glop de vida.
Parles, i dius coses banals i alegres,
i torne a ser l'home alegre que vaig
ésser un temps, però d'altra manera.
T'estime els ulls i t'estime els cabells,
i amb balba mà t'acaricie el pit.
Tu, dalt, somrius i comprens massa coses.
I m'has besat, un per un, tots els dits.
Tu has comprés, només en un instant,
el meu dolor, la meua soledat.

(1977)

Vicent Andrés Estellés war ein valencianischer Journalist, Schriftsteller und Dichter, der hauptsächlich auf Katalanisch schrieb. Er gilt als großer Erneuerer der zeitgenössischen valencianischen Literatur und als der bedeutendste Dichter der valencianischen Poesie seit Ausiàs March und Joan Roís de Corella. https://de.wikipedia.org/wiki/Vicent_Andrés_Estellés