Radmila Lazić
(serbisch Радмила Лазић; * 26. Dezember 1949 in Kruševac, Serbien, lebt in Belgrad)
Weiblicher Brief
Ich will nicht gehorsam und bescheiden sein,
Schmeichlerisch wie eine Katze, ergeben wie ein Hund;
Mit einem Bauch bis an die Zähne,
Mit Händen im Teig,
Mit einem Gesicht weiß vom Mehl,
Mit einem Kohlenherz,
Mit seiner Hand auf meinem Hintern.
Ich will nicht der Willkommwimpel
Auf seiner Hausschwelle sein.
Nicht unter der Schwelle die Hausgeist-Schlange,
Weder Schlange noch Eva, aus der Genesis.
Ich will nicht zwischen Tür und Fenster gehen,
Um zu horchen und Schritte
Von nächtlichen Geräuschen zu unterscheiden.
Ich will nicht der bleiernen Bewegung des Zeigers folgen,
Nicht dem Fall der Sterne –
Damit er sich betrunken in mich einschlammt wie ein Elefant.
Ich will nicht mit einem Gobelin-Stich
Ins Familienbild eingefädelt sein:
Am Kamin mit Knäueln von Kindern
Im Garten mit Welpen der Kinder.
Ich aber, wie ein Schattenbaum,
Ich aber, wie eine Winterlandschaft.
Eine Statuette unter dem Schnee,
Ich werde im Traukleid mit Falten und Volanten
In den Himmel fliegen.
Halleluja! Halleluja!
Ich will keinen Bräutigam.
Graues Haar will ich,
Buckel und Korb will ich,
Um in den Wald zu gehen,
Erdbeeren zu pflücken
Und Reisig zu sammeln.
Damit alles bereits hinter mir ist,
Auch das Lächeln jenes Jünglings
Damals so lieb
Und durch nichts zu ersetzen.
1988/89
Deutsch von Robert Hodel, aus: Hundert Gramm Seele. Serbische Poesie aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Leipziger Literaturverlag, 2011, S. 97/99
Elke Engelhardt
Wie mein Großvater mir Deutschland erklärte
Mein Großvater war eine Birke. Er schnitt die Worte sorgfältig in gleichlautende Rechtecke. Dann verwahrte er sie in einem Karton aus Birkenrinde. Wenn seine Enkel sehr lange sehr stumm und leise zu seinen Füßen gesessen hatten, durften sie einen Blick in den Kasten werfen. Manchmal geschah es bei solchen Gelegenheiten, dass ein Blick in die Kiste fiel und dort gefangen blieb, während ein Wort entwich. Dann kreiste das Wort befangen zwischen den stummen Kindern umher. Letztendlich schlüpfte es immer dem Kind in den nur leicht geöffneten Mund, dessen Blick in der Schachtel gefangen war.
Es gab Ausnahmen.
Es gibt immer Ausnahmen, sagte meine Großmutter, außer wenn es ans Sterben geht. Der Tod stiehlt uns unsere Eigenarten. Er stiehlt uns restlos alles, womit wir uns auszeichnen könnten. Am Ende sind wir alle Leichen.
Das war die Art, in der die Großmutter schwieg. Und der Großvater war eine Birke.
Aus: Literaturbote 145, September 2024, S. 145
Nourida Ateschi (Nuridə Atəşi)
(* 22. August 1965 in Oğuz, Aserbaidschanische SSR, lebt in Berlin)
Nuridə Atəşi (Gadirova) wurde im Jahre 1965 in Nord-Aserbaidschan geboren, wo sie ihre Kindheit in den Bergen auf Pferderücken verlebte. Mit 9 Jahren begann sie, Gedichte zu schreiben. Ihr erstes Gedicht wurde 1982 veröffentlicht und beschreibt offene persönliche Bekenntnisse, die in Aserbaidschan ungewohnt waren und die nicht überall auf Zustimmung stießen. Die Türen des Literarischen Forums schlossen sich dann zehn Jahre für sie. Fortan schrieb sie unter dem Pseudonym »Ateshi« (die Feurige), weil sie selbst von der Familie und dem Ehemann im Schreiben unterdrückt wurde. 1993 wurden Gedichte von ihr durch den bekannten Komponisten Faiq Sucaddinov vertont. Das Lied »Was würdest Du mit mir tun?« wurde über Nacht bekannt und Hit des Jahres. 1995 siedelt Nuridə nach Berlin über, wo sie ihr kaukasisches Temperament, klassische orientalische Literatur und eine naiv-ursprüngliche Anschauung in die deutsche Dichtung einbrachte. Viele achten sie dafür, dass sie Feminismus, Erotik, weibliche Leidenschaft in die moderne aserbaidschanische Literatur eingebracht hat, manche fühlen sich dadurch provoziert und in ihren traditionellen Vorstellungen verletzt. Sie schreibt in türkischer, aserbaidschanischer und deutscher Sprache. Bis jetzt hat sie 13 Bücher veröffentlicht. Neben Lyrik schreibt sie auch Publizistik, Texte zur Forschung und übersetzt.
Falter & Flamme. Ein Jahrtausend aserbaidschanische Liebeslyrik. Berlin: Matthes & Seitz, 2008, S. 207
Was würdest du dann mit mir tun?
Wenn ich dir mein Herz aufschließe
und mein Weh dich sehen ließe,
was würdest du dann mit mir tun?
Wenn meine Wunde Salbe brauchte,
mein Herz nur deinen Beistand brauchte,
was würdest du dann mit mir tun?
Wenn ich dich aufhalte mit Tränen,
vor deiner Türe steh mit Stöhnen,
was würdest du dann mit mir tun?
Wenn ich dir sag, daß ich nur dein bin,
wenn ich dir sag, daß ich dich liebe,
und sag, daß ich nach dir verrückt bin,
und sag, daß ohne dich ich tot bin,
was würdest du dann mit mir tun?
was würdest du tun?
Aus: Falter & Flamme. Ein Jahrtausend aserbaidschanische Liebeslyrik. [Zweisprachig] Übertragen von Nourida Ateschi & Jan Weinert. Berlin: Matthes & Seitz, 2008, S. 169
2024 erschien das 145. Heft der Zeitschrift „Literaturbote“. Es ist dicker als sonst, stolze 160 Seiten Lyrik und Prosa, zusammengestellt von „Gastherausgeberin“ Beate Tröger. Eine schöne Anthologie – und leider auch der Schwanengesang der Zeitschrift, die damit ihr Erscheinen einstellt. Viele starke, spannende Texte darin, es fällt mir schwer, einen einzigen als repräsentativ auszuwählen. Vielleicht werde ich mehrere auswählen? Heute als Leseprobe (sichern Sie sich ihr Exemplar bei einer guten Buchhandlung oder beim Hessischen Literaturforum im Mousonturm e.V.) ein Gedicht von Irina Bondas, die ich bisher nur als Übersetzerin kannte.
Irina Bondas
(geboren 1985 in Kyjiw, lebt in Berlin)
Aus AHNEN
[in Arbeit]
Wenn die Seele in die namenlose Stadt kommt, da ruht sie aus.
Meister Eckhart
diese Anhäufung Erde
aufgebrochen aus seltener Unscheinbarkeit
könnte alles Mögliche sein
wenn Du so willst
geöffneter Feldrücken
Schädel, Knochen, Kadaver
wesende Wurzeln, taubes Gestein
und es bleibt mir, Dir zu vergeben
Dein irrlichterndes Fehlen
Deinen anmaßenden Appetit
die sture Beschwörung
Dein Allein, zeitlos
das Woanders Gewalt
Dein Recht ohne Recht
Deinen anhaltenden Tod
diese schlampige Liebe für nahezu Menschliches
wer, wenn nicht ich
Aus: Literaturbote 145, September 2024. Gastherausgeberin Beate Tröger. Frankfurt/Main: Hessischen Literaturforum im Mousonturm e.V., S. 106
Jakob Haringer
(* 16. März 1898 in Dresden als Johann Franz Albert; † 3. April 1948 in Zürich)
Gebet um Sünde
O Gott! Aus diesen lauen grauen Tagen
Glüh mich zur Sünde hin, weil mich so friert –
Eh daß mein Herz vereist in frommen Sagen,
Mach mich ein bißchen teuflisch und vertiert.
Ihr toten Tage, ausgehöhlt, entgöttert,
Wie ungewürzte Speise leer und schal,
Sauer wie Schweiß um blöd vertane Arbeit –
Ihr Toten – ach erstickt mich tausendmal;
Wie Wein, in den es jahrelang geregnet.
Auf euch ruht nimmer Gottes Mutterhand ...
Behängt mit meinen nie geweinten Tränen,
Mit meiner letzten Wünsche Kindertand.
Wo ist der Engel, der da gut und weise
Euch wachsen ließ wie Veilchen aus dem Schnee?
Dies stille Frommsein ist ja gut für Greise –
Die Sünder tun einander nimmer weh.
O in der Sünde festlichem Gewimmel –
Ach, bloß die Laster machen gut und rein.
Ich bin so ungeeignet für den Himmel!
Laß lieber mich ein frommer Heide sein.
O laß mich lieber dir mit Sünden danken ...
Die Sünden weinen sich die Augen aus.
Die Heiligen mit ihren Löwenpranken
Zerschlagen ganz mein armes Blumenhaus.
Aus: Gustav Noll: Arsenal. Poesie deutscher Minderdichter vom 16. bis zum 20. Jahrhundert. Ausgewählt, bearbeitet, eingeleitet, mit Dichterbiographien versehen und herausgegeben von Bernd Thum. Berlin: Propyläen Verlag, 1973, S. 829
Galsan Tschinag (mongolisch Чинагийн Галсан, Tschinagijn Galßan, eigentlich Irgit Schynykbai-oglu Dshurukuwaa, tuwinisch Иргит Шыныкай оглу Чурук-Уваа; * 26. Dezember 1943 im Bajan-Ölgii-Aimag, Mongolei) ist ein aus der Mongolei stammender deutschsprachiger Schriftsteller. Er ist Mitglied des PEN-Zentrums Deutschland.
Er ist Angehöriger einer ethnischen Gruppe der turksprachigen Tuwiner bzw. der Cengel-Tuwiner im mongolischen Altai. Tschinag sieht sich selbst als Stammesoberhaupt, Schamane, religiöser Lehrer, Schauspieler und Ernährer der Altai-Tuwiner. Einige der in der Mongolei verstreut lebenden Mitglieder dieser Ethnie hatte er 1995 zu einer Karawane zusammen- und in seine Heimat, den mongolischen Altai, zurückgeführt. Bekannt wurde Tschinag in Deutschland als Schriftsteller und Autor zahlreicher belletristischer Texte über seine Herkunftsethnie.
https://de.wikipedia.org/wiki/Galsan_Tschinag
Also ein deutschsprachiger Schriftsteller – aber ganz so einfach ist es nicht.
Doch ist mir mittlerweile etwas Merkwürdiges an meiner eigenen Poesie aufgefallen – zwar verrät alles, von mir an poetischen Gedanken in unterschiedlichen Sprachen zum Ausdruck gebracht, unverkennbar meine besondere Sicht- und Schreibweise, aber jede Sprache hat dabei auch ihr besonderes Gepräge hinterlassen: Die Gesänge in meiner Muttersprache, in Tuwinisch, sind allem voran Gebete; die poetischen Versuche in meiner ersten Fremdsprache, in Kasachisch, klingen nach Scherz- und Festliedern; die Gedichte in Mongolisch, meiner zweiten Fremd- und meiner Schulsprache, sind in ihrem Gesamtkörper Hymnen; die weiteren poetischen Versuche in Russisch, meiner dritten Fremdsprache, muten, unverkennbar die russischen Klassiker nachahmend, recht lyrisch an; und schließlich die Gedichte in Deutsch, meiner vierten Fremd- und meiner universitären und Hauptschreibsprache, ja, wie sind sie denn?
Aus: Galsan Tschinag: Liebesgedichte. Mit einem Nachwort des Autors. Frankfurt/Main und Leipzig: Insel, 2007, S. 110f.
Du hast mir sehr gefehlt
Morgens hast du mir samt der Tür gefehlt
In der du stehst und mit der Sonne zusammen
Die Jurte bestrahlest und beleuchtest
Tags hast du mir gefehlt samt der Herdwärme
Dem Rauchgeruch und duftenden Teedampf
Abends hast du mir mit den lärmenden Tieren
Unter Hundegebell und flackerndem Kerzenlicht gefehlt
Nachts hast du mir gefehlt mit der Wolke Milchsäure
Schwelendem Wacholder und der Hitze deines Schoßes
Die Stimme, der Duft, das lebende Bild –
Alles von dir hat mir gefehlt
Am meisten aber die Nähe mit deiner quellenden Seele
Deren klarer Spiegel und samtene Grannen
Ich mit der meinigen fühlte
Wie sanften Hauch zarten Lebens
Aus der Sternstunde, in der du und ich einander
Zum Manne, zur Frau machten
Aus: Ebd. S. 37
Zum 400. Geburtstag des schlesischen Angelus ein Gelegenheitsgedicht und ein Quodlibet aus dem Cherubinischen Wandersmann.
Angelus Silesius (lateinisch für Schlesischer Bote/Engel, eigentlich Johannes Scheffler; geboren und getauft 25. Dezember 1624 in Breslau, Fürstentum Breslau; † 9. Juli 1677 ebenda)
Unter Jacob Böhme’s Bildniss
Im Wasser lebt der Fisch, die Pflanzen in der Erden,
Der Vogel in der Luft, die Sonn‘ im Firmament;
Der Salamander muss im Feu’r erhalten werden,
Und Gottes Herz ist Jacob Böhme‘s Element.
1. Buch, 5. Man weiß nicht, was man ist Ich weiß nicht, was ich bin; ich bin nicht, was ich weiß; Ein Ding und nit ein Ding, ein Stüpfchen und ein Kreis. 285. Das Erkennende muß das Erkannte werden In Gott wird nichts erkannt: er ist ein einig Ein, Was man in ihm erkennt, das muß man selber sein. 297. Nicht nackt und doch unbekleidet Nackt darf ich nicht vor Gott und muß doch unbekleidt Ins Himmelreich eingehn, weil es nichts Fremdes leidt. 2. Buch 9. Das Weib auf dem Monde Was sinnest du so tief? Das Weib im Sonnenschein, Das auf dem Monden steht, muß deine Seele sein. 32. Mit Schweigen singt man schön Die Engel singen schön; ich weiß, daß dein Gesinge, So du nur gänzlich schwiegst, dem Höchsten besser klinge. 3. Buch 14. Küssungs-Begierde Ach laß mich doch, mein Kind, mein Gott, an deinen Füßen Nur einen Augenblick das mindste Brünklein* küssen. Ich weiß, werd ich von dir nur bloß berühret sein, Daß stracks verschwinden wird mein und auch deine Pein. 5. Buch 144. Die Ichheit schadet mehr als tausend Teufel Mensch, hüte dich vor dir. Wirst du mit dir beladen, Du wirst dir selber mehr als tausend Teufel schaden. 6. Buch 263. Beschluß Freund, es ist auch genug. Im Fall du mehr willst lesen, So geh und werde selbst die Schrift und selbst das Wesen. Ende
*) Brünklein schlesisch für kleiner Brocken
Das erste aus: Sämmtliche poetische Werke, Hrsg. David August Rosenthal, Regensburg 1862, Band 1, S. 19, die übrigen hier http://www.zeno.org/Literatur/M/Angelus+Silesius/Gedichte/Cherubinischer+Wandersmann
In der verzweigten Künstlerfamilie Cornelius gibt es 2 Peter. Der Maler Peter Cornelius (1783-1867) wurde vom bayrischen König geadelt, so dass man ihn am „von“ unterscheiden kann. Der andere ist Peter Cornelius (1824-1874), Komponist und Dichter, der am Heiligabend 1824 in Mainz geboren wurde. Er schrieb zwei Opern, Der Barbier von Bagdad (1858) und Der Cid (1865), eine dritte blieb unvollendet, und zahlreiche Lieder. Darunter ist ein Zyklus Weihnachtslieder. Ich entscheide mich aber für zwei persönlichere Gedichte.
Ich habe keine Titel.
Ich habe keine Titel,
Bin nicht Commerzienrath,
Ich hab' auch keine Mittel,
Der Fall ist desperat!
Bin so ein Stückchen Dichter,
Ein Stückchen Musikant,
Solch hungriges Gelichter
Erfüllt das ganze Land.
Käm' nur die Zeit recht schnelle,
Wo man den Menschen schätzt;
Dann blieb' manch hohe Stelle
Im Land wohl unbesetzt.
Und würden alle Hunde
Und Wölfe dann verbannt,
Blieb' wohl für mich zur Stunde
Ein Platz als Mensch vacant.
Aus: Gedichte von Peter Cornelius. Eingeleitet von Adolf Stern. (Herausgegeben vom Allgemeinen Deutschen Musikverein). Leipzig: C. F. Kahnt Nachfolger, 1890, S. 214
Zum Schluß
Wenige sind's, die mich verstehen,
Die mich nehmen wie ich bin,
Die das Wort mir nicht verdrehen,
Das ich sprach mit leichtem Sinn;
Die aus einer Spreu von Scherzen
Gern erspäh'n des Ernstes Korn,
Die da schöpfen, wie vom Herzen
Reich und spärlich fließt der Born.
Drum, daß ich euch bin begegnet
Hat mir voll das Herz erlabt,
Seid gegrüßet, seid gesegnet,
Daß ihr mich verstanden habt!
Aus: Ebd. S. 279
Im Eingangsbild Peter Cornelius, wie ihn die KI nach Lektüre dieses Beitrags sah. Hier ein Porträt von Friedrich Preller dem Älteren (aus dem Band seiner Gedichte).

Bertolt Brecht
(* 10. Februar 1898 in Augsburg; † 14. August 1956 in Ost-Berlin)
Die gute Nacht
Der Tag, vor dem der große Christ
Zur Welt geboren worden ist
War hart und wüst und ohne Vernunft.
Seine Eltern hatten keine Unterkunft
Und auf den Straßen herrschte ein arger Verkehr
Und die Polizei war hinter ihnen her
Und sie fürchteten sich vor seiner Geburt
Die gegen Abend erwartet wurd.
Denn seine Geburt fiel in die kalte Zeit.
Aber sie verlief zur Zufriedenheit.
Der Stall, den sie doch noch gefunden hatten
War warm und mit Moos zwischen seinen Latten
Und mit Kreide war auf die Tür gemalt
Daß der Stall bewohnt war und bezahlt.
So wurde es doch noch eine gute Nacht
Auch das Heu war wärmer, als sie gedacht
Ochs und Esel waren dabei
Damit alles in der Ordnung sei.
Eine Krippe gab einen kleinen Tisch
Und der Hausknecht brachte ihnen heimlich einen Fisch.
(Denn es mußte bei der Geburt des großen Christ
Alles heimlich gehen und mit List.)
Doch der Fisch war ausgezeichnet und reichte durchaus
Und Maria lachte ihren Mann wegen seiner Besorgnis aus.
Denn am Abend legte sich sogar der Wind
Und war nicht mehr so kalt, wie die Winde sonst sind.
Aber bei Nacht war er fast wie ein Föhn.
Und der Stall war warm. Und das Kind war sehr schön.
Und es fehlte schon fast gar nichts mehr –
Da kamen auch noch die Dreikönig daher!
Maria und Joseph waren zufrieden sehr.
Sie legten sich sehr zufrieden zum Ruhn.
Mehr konnte die Welt für den Christ nicht tun.
Entstanden Dezember 1926.
Aus: Bertolt Brecht: Gedichte 3. Gedichte und Gedichtfragmente 1913-1927 (Große kommentierte Berliner und Frankfurter Ausgabe 13). Berlin: Aufbau; Frankfurt/Main: Suhrkamp, 1993, S. 339f. Am 25. Dezember war eine erste Fassung in der Vossischen Zeitung in Berlin erschienen. Vermutlich erweiterte Brecht das Gedicht danach.
Tanja „Lulu“ Play Nerd
einkaufszettel
und dann gehe ich in den supermarkt
um mir mein abendessen zu kaufen
und dann setze ich mich vor den fernseher
um mir die nachrichten anzuschauen
und dann schlafe ich etwas früher als üblich ein
um morgens früh noch die nasskalte stille zu hören
und dann fahre ich wie gewohnt zur arbeit
um einen wundervollen tag zu verbringen
und dann denke ich an all das unerledigte
um mir einen plan zu machen
und dann schreibe ich wieder auf
was ich heute unbedingt kaufen muss
und niemand weiß dass jeder anfangsbuchstabe
insgeheim für etwas verbotenes steht
das die welt vielleicht retten könnte
und dann träume ich von den namenlosen blumen
die irgendwann dort blühen wo niemand mit rechnet
Charles Simic
( * 9. Mai 1938 in Belgrad, Königreich Jugoslawien, als Dušan Simić; † 9. Januar 2023 in Dover, New Hampshire)
21. Dezember
Diese Kriege, die nur enden,
Um neu zu beginnen,
Wie der Friseur beim Haareschneiden,
Oder wie diese Winter
Mit den trüben Tagen,
Die bis zu Kain zurückreichen.
Alles, was ich je getan habe,
War – so scheint es –, mit einem Stock
In Ruinen herumzustochern,
Bis mich Ruß
Und Asche bedeckten,
Die ich nicht abwaschen konnte,
Selbst wenn ich gewollt hätte.
Aus: Charles Simic: MEIN LAUTLOSES GEFOLGE. Gedichte. Aus dem Amerikanischen von Wiebke Meier. München: Lyrik Kabinett, 2006, S. 71
Friederike Mayröcker
(* 20. Dezember 1924, heute vor 100 Jahren, in Wien; † 4. Juni 2021 ebenda)
DIES DIES DIES DIESES ENTZÜCKEN ICH KLEBE AN DIESER ERDE an dieser hinschmelzenden Erde an diesem Baldachin eines Junihimmels dessen Bläue in Wellen gebauscht und mit tiefen Schwalben : ich meine trunken und zuweilen verborgen, scheinen sich zu verbergen in irgend Buchten und Malven Holunderbäumen : wilden Monstranzen .. die Luft ist wie damals, ja, die Luft wie damals in D., die Zirren nein Zirben die Wolfsmilchstauden VON ANBEGINN : alle Schmerzen aller Wahn schon Ewigkeiten vorher seit Ewigkeiten erlitten, die lilies Magnolienfelder, von oben von irgendwoher ich glaube aus verhülltem Gezweig diese einzelne Stimme mich durchdringt : mein unsichtbarer Liebster in dieser Baumkrone ach jubiliert! diese Lust diese Süsze ich KLEBE an dieser Flammen Erpressung an diesem Licht an diesem Himmel, sage ich, etwas Hawai oder möchte in BURGUNDISCHEN GÄRTEN über Maszliebchen Erde .. was! Flitzerei / plötzlicher Engel, habe diesmal versäumt die ersten Schwalben zu sichten in ihrer Inbrunst nicht wahr, diese Luftbeute, Wollust der Augen, ach ich KLEBE an diesem Leben an diesem LEBENDGEDICHT.
Geschrieben am 4.6.2000. Fünf Tage später starb ihr Partner Ernst Jandl.
Aus: Friederike Mayröcker, Gesammelte Gedichte 1939-2003. Hrsg. Marcel Beyer. Berlin: Suhrkamp, 2004, S. 692f
Rafael Alberti
(* 16. Dezember 1902 in El Puerto de Santa María, Provinz Cádiz; † 27. Oktober 1999 ebd.)
Am Tag seines Todes durch Waffengewalt
Sagt mir's doch rundheraus, ob das nicht alles lustig war.
5 x 5, das war damals noch nicht 25,
und die dämmernde Frühe hatte noch mit keinem Gedanken
an die Existenz der bösen Messer gedacht.
Ich schwöre dir beim Mond, daß ich kein Koch bin;
du schwörst es mir beim Mond, daß du kein Koch bist;
er schwört es uns beim Mond, daß er nicht mal ein
Dampfschwaden einer solch trostlos traurigen Küche ist.
Wer ist gestorben?
Die Gans bereut es, daß sie eine Ente ist;
der Spatz, daß er Professor für chinesische
Sprache ist;
der Gockel, daß er Mensch ist;
ich, daß ich Talent habe und das Elend bestaune,
das eine Schuhsohle im Winter meistens darstellt.
Einer Königin ist die Krone verlorengegangen,
dem Präsidenten einer Republik der Hut,
und mir ...
Ich glaube, mir ist nichts verlorengegangen,
mir ist noch nie etwas verlorengegangen,
mir ...
Was soll das heißen: »Guten Tag«?
Aus dem Spanischen von Fritz Vogelgsang, aus: Rafael Alberti: Ich war ein Dummkopf, und was ich gesehen habe, hat mich zu zwei Dummköpfen gemacht. Gedichte, spanisch und deutsch. Übertragung und Nachwort von Fritz Vogelgsang. Stuttgart: Klett-Cotta, 1982, S. 23
En el día de su muerte a mano armada
Decidme de una vez si no fue alegre todo aquello.
5 x 5 entonces no eran todavía 25
ni el alba había pensado en la negra existencia de los
malos cuchillos.
Yo te juro a la luna no ser cocinero,
tú me juras a la luna no ser cocinera,
él nos jura a la luna no ser siquiera humo de tan
tristísima cocina.
¿Quién ha muerto?
La oca está arrepentida de ser pato,
el gorrión de ser profesor de lengua
china,
el gallo de ser hombre,
yo de tener talento y admirar lo desgraciada
que suele ser en el invierno la suela de un zapato.
A una reina se le ha perdido su corona,
a un presidente de república su sombrero,
a mí ...
Creo que a mí no se me ha perdido nada,
que a mí nunca se me ha perdido nada,
que a mí ...
¿Qué quiere decir buenos días?
Ebd. S. 22
Margot Scharpenberg
(* 18. Dezember 1924 in Köln; † 25. August 2020 in New York)
GRENZGANG
Schütt ich Sand aus dem Schuh, bring ich Wasser mit,
hab ich Wüste und Meer gefangen,
und der Stein, den ich aufhob, heißt Tod.
Aus Wasser und Sand hab ich Häuser gemacht,
mit dem Stein hab ich Leben zu Fall gebracht,
meine Spur in der Sonne ist rot.
Ich treib auf dem Weltkorn im Wasserland,
wenn die Welle zerbricht, find ich anderen Sand,
und ich backe aus Erde Brot.
Doch die Wegzehr reicht nicht bis zum Grenzerhaus,
vor dem Horizont pack ich das Letzte aus,
dann kein Wasser kein Sand, nur die Blutspur im Schuh.
Den ich schleppte, der Stein schlug zu.
Aus: expeditionen. deutsche lyrik seit 1945. hrsg. wolfgang weyrauch. München: List, 1959, S. 81
Jacques Roubaud
(* 5. Dezember 1932 in Caluire-et-Cuire bei Lyon; † 5. Dezember 2024 in Paris)
Die Mona Lisa
Die wahren Liebhaber gehen
um die Mona Lisa zu sehen
nicht ans Ende der Welt
nicht einmal in den Louvre
Sie gehen an die Ecke der Straße
de La Rochefoucauld und der Straße
Notre Dame
von Loretta
sie betreten das Café
da ist sie
Das Bild ist auf der Wand
beige und elfenbein
der Rahmen ist beige und elfenbein und ein wenig orange
die Leinwand ist signiert
eigenhändig vom Künstler
E.
Merou.
Das ist die Mona Lisa
die Mona Lisa von Mérou
Mérou Émile? Mérou Eugène? Mérou Ernest?
warum nicht Émilie, Eugénie, Ernestine?
wie soll man das wissen?
hinter ihrer makellosen Scheibe
sieht die Mona Lisa zufrieden aus
sie schaut mich an
sie lächelt
nicht die geringste Herablassung
nicht ein Atom voll Geheimnis
ruhige
schöne
Sanftmut
die Mona Lisa eben!
Die wahren Liebhaber gehen
nicht ans Ende der Welt
ins Sélect an der Rotonde
auf den Grund dunkler Dschungel
weder auf eine Bohrinsel
noch zapfen sie Geldquellen an
noch nach Peru
sondern zwei Schritte von Sacré Coeur
besuchen sie die Mona Lisa
die Mona Lisa die Mona Lisa
die Mona Lisa von Mérou
kurz
ein Hoch, ein Hoch
auf die Mona Lisa
diemonalisavonmérou
Deutsch von Ursula Krechel, aus: Jacques Roubaud, Stand der Orte. Gedichte. Heidelberg: Wunderhorn, 1999, S. 9f
LA JOCONDE
Les vrais amateurs
pour voir la Joconde
ne vont pas au bout du monde
ni même au Louvre
Ils vont au coin de la rue
de La Rochefoucauld et de la rue
Notre‑Dame-
de‑Lorette
ils entrent dans le café
elle est là
Le tableau est sur le mur
beige et crème
le cadre est beige et crème et un peu orange
la toile est signée
de la main même de l’artiste
E.
Mérou.
C’est la Joconde
la Joconde de Mérou.
Mérou Émile ? Mérou Eugène ? Mérou Ernest ?
pourquoi pas Émilie, Eugénie, Ernestine ?
comment savoir ?
derrière sa vitre bien propre
La Joconde a l’air contente
elle me regarde
elle sourit
pas la moindre condescendance
pas un atome de mystère
placidité
calme
belle
La Joconde, quoi !
Les vrais amateurs
ne vont pas au bout du monde
au Sélect à la Rotonde
au fond des jongles profondes
ni aux îles de la sonde
ni au Pérou
mais à deux pas du Sacré‑Cœur
ils viennent voir la Joconde
La Joconde la Joconde
la Joconde de mérou
Bref
célé célé
brons la Joconde
lajocondedemérou !
Aus: JACQUES ROUBAUD: Je suis un crabe ponctuel. Anthologie personnelle 1967‑2014. Paris: Gallimard, 2016, S. 97-99
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