Ishigaki Rin (jap. 石垣りん; * 21. Februar 1920 in Tokio; † 26. Dezember 2004) war eine bekannte zeitgenössische Dichterin in Japan, die Teil der zweiten Welle der modernen Renaissance der Frauenlyrik im Nachkriegsjapan war. Sie beschrieb mit den Mitteln einer einfachen, klaren Sprache und Alltagsmotiven die Frau als Individuum in Familie und Gesellschaft. Einige ihrer Werke wurden in japanische Schulbücher aufgenommen. https://de.wikipedia.org/wiki/Ishigaki_Rin
Vor mir Pfanne und Topf und loderndes Feuer
Immer
seit alter Zeit
hatten wir Frauen sie vor uns:
eine Pfanne von jener Größe
daß unsere Kraft ausreichte damit zu hantieren
einen geeigneten Topf um darin
den Reis weißglänzend aufquellen zu lassen
So vor dem von Anbeginn ererbten Feuer
saßen unsere Mütter und Großmütter und wieder deren Mütter.
Welches Quantum
Liebe und Aufrichtigkeit mögen diese Frauen
in die Gefäße gegeben haben?
Bald waren es rote Karotten
bald schwarzer Kombu-Tang
oder zerhackter Fisch.
Pünktlich
bereiteten sie in der Küche die Speisen
für Morgen Mittag und Abend
Vor der Zubereitung jedoch saßen sie
die warmen Schöße und Arme aneinandergedrängt
mit der oder jener anderen zusammen.
Ah wären diese anderen nicht gewesen
um bei ihnen zu sitzen
wie hätten die Frauen das Einerlei vor Pfannen und Töpfen
so fröhlich auf sich genommen?
Ein Dienen, das nie nachlassende Zuneigung
unvermerkt ins Alltägliche verwandelte.
Seltsam: wie sich dabei die Küchenarbeit verteilte
Auch daß sie Frauenpflicht war
hielt niemand für ein Unglück.
Mag sein daß wir daher ein wenig zurück sind
in puncto Wissen und gesellschaftlicher Stellung
aber zu spät ist es nicht
Denn was wir da vor uns haben:
Pfanne und Topf und loderndes Feuer –
vor diesen vertrauten liebwerten Gefäßen
gedenk ich mit dem gleichen Eifer
mit dem ich ein Gericht aus Kartoffeln und Fleisch bereite
Politik und Wirtschaft und Literatur zu studieren.
Und nicht aus Ehrgeiz oder Stolz
Nein
um das alles den Menschen darzureichen
um damit für den Gegenstand meiner Liebe zu sorgen.
Deutsch von Siegfried Schaarschmidt, aus: Stechäpfel. Gedichte von Frauen aus drei Jahrtausenden. Herausgegeben von Ulla Hahn. Stuttgart: Reclam, 2008 (Erweiterte Neuauflage. 1. 1992), S. 74ff
Thomas Brasch
(* 19. Februar 1945 in Westow, North Yorkshire; † 3. November 2001 in Berlin)
VORSPIEL II
Nicht Narr, nicht Clown, nicht Trottel, nicht Idiot.
Ihr Zuschaukünstler habt für mich kein Wort.
Ich komm aus England. Daher kommt der Tod.
Ich bin der Sterbewitz. Ich bin der Mord-
versuch, jaja, ich weiß. Auch der macht Spaß,
weil er sich reimt und ist nicht so gemeint,
denkt ihr. Ihr denkt? Sieh an, seit wann denkt Aas.
Ich bin mein eignes Volk. Ihr seid vereint
in dem Verein, der richtet und der henkt.
Ich will, daß ihr euch hier zu Tode lacht,
voll faulem Mitgefühl das Herz verrenkt,
ersauft in Tränen mitten in der Nacht.
Ihr seid das Volk. Ich bins, der euch verhetzt.
Ich heiß: The Fool. Das wird nicht übersetzt.
Aus: Thomas Brasch: „Die nennen das Schrei“. Gesammelte Gedichte. Herausgegeben von Martina Hanf und Kristin Schulz. Berlin: Suhrkamp, 2013, S. 7
Geschrieben vermutlich 1990. Erstdruck 1991, zuvor Vorspruch des Stücks LIEBE MACHT TOD, das am 8. November 1990 uraufgeführt wurde. „Wir sind das Volk“ war ein Slogan der friedlichen Revolution in der DDR im Herbst 1989, die Wiedervereinigung erfolgte wenige Wochen vor der Premiere.
Von Thomas Brasch gibt es zwei Gedichte in Prosa mit dem Titel Chlebnikow 1 / Chlebnikow 2. In dem Nachlassband der Gesammelten Gedichte, „Die nennen das Schrei“ (2013) kam ein drittes mit Bezug auf den russischen Dichter dazu.
Thomas Brasch
(* 19. Februar 1945 in Westow, North Yorkshire; † 3. November 2001 in Berlin)
1. FÜR JUTTA LAMPE
Menschen, wenn sie warten,
sind Versteinernde, blicklos Hockende;
Tiere, wenn sie warten,
sind Streunende, sprungbereit Zitternde;
Kinder, wenn sie warten,
sind Weltenknetende, lässig Hingeworfene.
Von Kindern lernen
Von Tieren lernen
Lernen gegen die Menschen.
(5.7.85 – Antwort auf Chlebnikow)
Aus: Thomas Brasch: „Die nennen das Schrei“. Gesammelte Gedichte. Herausgegeben von Martina Hanf und Kristin Schulz. Berlin: Suhrkamp, 2013, S. 653.
Die Zahl 1 verweist auf die Zugehörigkeit zu zwei weiteren kurzen Gedichten, die er an den folgenden beiden Tagen schreibt. Die 3 Gedichte stehen zusammen auf einem Blatt, das in der Nachlassausgabe im Faksimile wiedergegeben wird. Im Faksimile sieht man, dass statt Kinder in der 5. und 7. Zeile ursprünglich Götter stand.
Ich vermute, dass „Antwort auf Chlebnikow“ sich direkt auf das erste oder beide der folgenden Gedichte bezieht, die beide in der Chlebnikowausgabe bei Rowohlt und auch in dem 1976 in Ostberlin relativ leicht erhältlichen Poesiealbum 107 stehen. Alle drei Gedichte setzen vergleichend das Verhalten von Menschen und Tieren parallel, bewerten es aber teilweise entgegengesetzt.
Welimir Chlebnikow
(* 28. Oktoberjul. / 9. November 1885greg. in Malyje Derbety, Gouvernement Astrachan; † 28. Juni 1922 in Santalowo, Oblast Nowgorod)
WENN PFERDE STERBEN
Wenn Pferde sterben, schnaufen sie
Wenn Gräser sterben, vertrocknen sie
Wenn Sonnen sterben, verlöschen sie
Wenn Menschen sterben, singen sie Lieder.
Übertragen von Hans Christoph Buch. Poesiealbum 107. Welemir (sic!) Chlebnikow. Ostberlin: Neues Leben, 1976, S. 19.
WENN DER HIRSCH SEIN GEWEIH
Wenn der Hirsch sein Geweih aus dem Gras erhebt,
denkt man: ein verdorrter Baum.
Wenn der Unterdrückte sein Herz aus der Stummheit erhebt,
denkt man: ein Verrückter.
Übertragen von Chris Bezzel, aus: ebd.
Hier noch im russischen Originaltext.
Когда умирают кони — дышат,
Когда умирают травы — сохнут,
Когда умирают солнца — они гаснут,
Когда умирают люди — поют песни.
<1912>
Когда рога оленя подымаются над зеленью,
Они кажутся засохшее дерево.
Когда сердце н<о>чери обнажено в словах,
Бают: он безумен.
<1912>
Anmerkung aus einer russischen Onlineausgabe: Das Wort н<о>чери (n<о>tscheri) in der vorletzten Zeile ist ein Neologismus Chlebnikows. Seine Bedeutung ist unklar (im Originaltext stand „serdze boschije“, „Herz Gottes“, in der Ausgabe Izb., p. 8, „Herz der Natscheri“). Es scheint eine Umwandlung der Form „der Tochter“ , „dotscheri“, zu sein.
DeepL-Übersetzung des ersten Gedichts
Wenn Pferde sterben, atmen sie,
Wenn Gräser sterben, vertrocknen sie,
Wenn die Sonne stirbt, geht sie aus,
Wenn Menschen sterben, singen sie Lieder.
des zweiten
Wenn sich das Geweih eines Hirsches über das Grün erhebt,
erscheint es wie ein verdorrter Baum.
Wenn das Herz eines Mannes in Worten offenbart wird,
sagt man, er sei verrückt.
Timo Brandt
Für C.
Wie viele Instrumente der Regen hat,
überall klingt er anders.
Vermutlich könnte man die Welt neu errichten
mit sämtlichen Gebäuden und Landschaften,
hätte man nur ein Archiv der Regengeräusche
an sämtlichen Orten.
Aber es bräuchte auch jemanden, der zuhört.
Zwei sogar.
Man braucht nur einen Regen,
einen Ort mit Baum und Strauch.
Und einen zweiten Menschen.
Diesen zweiten braucht es auch.
Aus: Das Gedicht #32/2024. Menschlichkeit. Die Poesie der Nähe. S. 99
Heure vor 425 Jahren wurde Giordano Bruno in Rom auf dem Scheiterhaufen verbrannt. „Am 12. März 2000 erklärte Papst Johannes Paul II. nach Beratung mit dem Päpstlichen Rat für die Kultur und einer theologischen Kommission, dass die Hinrichtung nun auch aus kirchlicher Sicht als Unrecht zu betrachten sei.“ (Wikipedia). Nun ja. Hier ein Gedicht von Volker Braun sozusagen zum Thema. Brauns Vokabular und besonders ein Trick in der letzten Zeile machen aber klar, dass er von seiner Zeit und seiner Gesellschaft spricht: „Schwieriger Umgang mit dem Abweichler“ mit seinem „feindlichen Standpunkt“, „die Vernehmer glauben sich zu verhören“. Der Trick liegt natürlich darin, dass bei jemandem, der verbrannt wurde, das Verbrennen als „Lösung“ ausscheidet. – Das Buch erschien drei Jahre nach der Ausbürgerung Wolf Biermanns, gegen die auch Braun protestiert hatte. Wahrscheinlich lag es wie alle seine Bücher ein oder zwei Jahre (bei manchen dauerte es auch viel länger) auf Eis. Übrigens finde ich es falsch zu sagen, das sei Sklavensprache. Da ist gar nichts versteckt, auch die Zensoren wussten genau was gemeint war. Es ist einfach ein literarisches Verfahren.
Giordano Bruno (* Januar 1548 in Nola als Filippo Bruno; † 17. Februar 1600 in Rom)
Volker Braun
(* 7. Mai 1939 in Dresden)
BRUNO
Schwieriger Umgang mit dem Abweichler
Es hilft nicht, die Instrumente zu zeigen:
Er hat sie beschrieben
Er beharrt auf seinem feindlichen Standpunkt
Daß sich die Erde bewegt
Die Vernehmer glauben sich zu verhören
Im Knast agitiert er die Mönche
Als wüßten sie nicht wo Gott wohnt
Die Folter verfängt nicht: er singt ein Tedeum
Wohin mit ihm? die Hölle nimmt ihn nicht auf
Verbrennen wäre die Lösung, doch die ist nicht neu
Aus: Volker Braun, Texte in zeitlicher Folge. Band 5. Die Tribüne. Training des aufrechten Gangs. Guevara. Großer Frieden. Schriften. Halle-Leipzig: Mitteldeutscher Verlag, 1990, S. 73f. Zuvor in: Training des aufrechten Gangs. Gedichte. Halle-Leipzig 1979.
Miedya Mahmod
(Geboren 1996 in Dortmund, lebt im Ruhrgebiet)
sonntag, 19. februar
es gibt das vergessenhaben
und das wieheißtesnochmal
sich nicht erinnern können
wieheißtesnochmal
es gibt deutsche
und das deutschsein
es gibt die brd, ddr, die wiedervereinigung
es gibt das wir und es gibt das
wieheißtesnochmal
Rostock, Hoyerswerda, Mölln, Solingen
noch vor Rostock: Schwerin, Wismar,
jahre, südlicher, wärmer, wärmer, brandanschlag
Duisburg'84, es gibt sie
diese jahre
mal bist du die fackel
mal der gejagte
Aus: Sprache im technischen Zeitalter 251, September 2024, S. 258
Jochen Grünwaldt
(Geboren 1938 in Schwerin, lebt in Bremen)
Auf Rilkes ›Torso Apollos‹
Toll,
dieses Standbild von dem Gott Apoll!
Ohne Kopf zwar, hat auch keine
Arme oder Beine.
Aber dafür sooo viel Seele
in der Achselhöhle,
in der muskulösen Brust
oder in dem abgebrochnen Lust-
Spender; ja sogar noch an den Außenrändern
der Figur: Ich muß mein Leben ändern!
Aus: Poesiealbum 383. Jochen Grünwaldt. Wilhelmshorst: Märkischer Verlag, 2024, S. 19
Siegfried Sassoon
(* 8. September 1886 in Matfield, Kent; † 1. September 1967 in Heytesbury, Wiltshire)
Glory of Women
You love us when we're heroes, home on leave,
Or wounded in a mentionable place.
You worship decorations; you believe
That chivalry redeems the war's disgrace.
You make us shells. You listen with delight,
By tales of dirt and danger fondly thrilled.
You crown our distant ardours while we fight,
And mourn our laurelled memories when we're killed.
You can't believe that British troops “retire”
When hell's last horror breaks them, and they run,
Trampling the terrible corpses—blind with blood.
O German mother dreaming by the fire,
While you are knitting socks to send your son
His face is trodden deeper in the mud.
From: Counter-Attack and Other Poems (1918), bei https://www.poetryfoundation.org/poems/57368/glory-of-women
Ruhm der Frauen
Als Helden liebt ihr uns, auf Fronturlaub,
Vielleicht mit einer Wunde, vorzeigbar, adrett.
Ihr findet Orden zum Verhimmeln und ihr glaubt,
Es mache Rittertum des Krieges Schande wett.
Ihr baut uns Bomben. Ihr lauscht uns so gerne,
Und zeigt bei Reden von Gefahr und Schlamm Bedauern.
Ihr krönt mit Ruhm auch unsre Kampflust in der Ferne,
Und kommt uns, wenn wir tot, am Ehrenmal betrauern.
Daß Briten vor dem Feinde «weichen», geht euch nicht ein,
Wenn letzte Höllenwut sie bricht und nichts mehr hält,
Blutblind zu trampeln über die schrecklichenToten.
O deutsche Mutter, verträumt am Herd daheim:
Derweil du Socken strickst für deinen Sohn im Feld
Wird sein Gesicht noch tiefer in den Schlamm getreten.
Deutsch von Joachim Utz, aus: Du bist so wie niemand sonst. Gedichte auf die Mutter. Hrsg. Wolf Durant. Zürich: Manesse, 2002, S. 53f
Emmy Hennings
(* 17. Januar 1885 in Flensburg; † 10. August 1948 in Sorengo bei Lugano)
Türmen sich Tage
Jetzt geh ich soviel Gassen auf und ab.
Türmen sich Tage – türmt sich das Grab.
Mein Grab wird groß, mein Grab wird weit,
Umfängt mich Todeshügel der Vergänglichkeit.
Und immer träum ich doch im Tanzen, tanz in Träumen,
Und blüh im Raume – und verwelk in Räumen.
Meine Augen sind ein Sehn und ein Versehn,
Meine Haare sind ein Wehn und ein Verwehn.
Meine Hände sind ein Halten und ein Fallen,
Meine Worte sind ein Schrei und ein Verhallen.
Und ach, meine Tage sind ein Versinken,
Die Frühe will schon dem Abend winken.
Meine Rosen glühn, wenn grauer Himmel schneit.
Mein junger Morgen träumt in weicher Dunkelheit.
Und habe soviel Zärtlichkeit verhaucht in viele Ohren.
Wo singt wohl Lust, die ich versang? So tief verloren?
Wo schwebt mein Sein, mein süß' Verlieben?
Wo ist mein Leben nun, in dich hineingeliebt, geblieben?
Im Gruß liegt Abschied – im Anfang Ende.
Nur manchmal scheint meine Sehnsucht durch alle Wände.
Aus dem jüngst erschienenen Heft Poesiealbum 390: Emmy Hennings. Auswahl Wolfgang Ihrig. Bilder von Hans Richter. Wilhelmshorst: Märkischer Verlag, 2024, S. 18f
Heute vor 300 Jahren wurde er in Celle geboren. Er war offenbar kein bedeutender Dichter. Lessing verspottete ihn. Immerhin hat er eine Spielart des deutschen Alexandriners erfunden (über die Franzosen vermutlich wieder spotten würden), nämlich einen Alexandriner mit weiblichem ersten Halbvers, also Zäsur nach der 7. statt der 6. Silbe (im Beispiel am Anfang und Schluss):
Wie zärtlich klagt der Vogel und ladet durch den Hayn,
Den kaum der Lenz verjüngert, sein künftig Weibchen ein!
Doch, wenn durchs heiße Feld die Sommerwinde keichen,
Das Laub sich dunkler färbt, die dürren Aehren bleichen;
So endigt Vatersorge die Tage des Gesangs,
Und Fleis besetzt die Stunden des süßen Müßiggangs!
Meine Überzeugung ist sowieso, dass man auch in unbekannte und „unbedeutende“ oder für unbedeutend gehaltene AutorInnen gelegentlich hineingucken sollte. Hier ein Zitat aus einem Lehrgedicht, das ich ganz vergnügt gelesen habe. Es ist in gemischt herkömmlichen und Duschschen Alexandrinern geschrieben.
Johann Jakob Dusch
(* 12. Februar 1725 in Celle; † 18. Dezember 1787 in Altona)
Das, was die neue trägt, verlacht die alte Welt,
Europa tadelt oft, was Asien gefällt.
Ein jedes eignes Volk hält seine Regeln besser,
Und Gottesdienst, und Tracht scheint der Vernunft gemäßer.
Wie kommts, daß Pechins* Schönen nicht ohne Straucheln gehn? | *(Pekings)
Weil die Chineser glauben, ein kleiner Fuß sey schön.
In Fesseln bildet man des Mädgens zarte Füße,
Und sorgt nicht, daß sie einst auf Vieren kriechen müsse.
Die Höckernation, die Gulliver ersann,
Sieht grade Europäer für Mißgeburten an.
So äfft ein alter Wahn mit Sätzen und Gestalten,
Die wir für die Natur und für die Wahrheit halten.
Der Lehrer nahm es an, gestützet zwar auf nichts;
Der Schüler fand Beweis; dies starke Wort: er sprichts.
Der Vater ließ dem Sohn ein erbliches Vermögen,
Den Glauben, und sein Geld, den Irrthum, und den Segen;
Und dieser, dem Geheiß des Vaters unterthan,
Empfing, mit gleicher Lust, die Güter und den Wahn.
So ward und wuchs der Wahn, so wie durch neu Gewässer
Ein Strom im Laufe schwillt, und wird im Gehen größer.
Daher zieht, jede Welt, Barbaren Africa,
Europa Christen auf, und Türken Asia.
Und jeder Lehrer sät der eignen Meinung Samen,
Und Secten stehen auf, getauft mit seinem Namen:
(...)
Arbeite dich im Schwall der Meinungen empor (...)
Ah ja, unbedingt! Heute eher mehr denn je.
Hier das ganze Gedicht, Versuch von der menschlichen Vernunft und ihrem Gebrauche http://www.zeno.org/Literatur/M/Dusch,+Johann+Jakob/Gedichte/Drey+Gedichte/Versuch+von+der+Vernunft+und+ihrem+Gebrauche
Heute* vor 100 Jahren starb der französische Chansonsänger und Autor Aristide Bruant in Paris. Man kennt den roten Schal auf dem Plakat von Henri de Toulouse-Lautrec (s.u.).
*) Heute, wenn man nach dem französischen oder englischen Wikipedia geht. Das deutsche oder spanische dagegen nennen den gestrigen Tag. (Solche Umstimmigkeiten sind gaaaaar nicht selten.)
Hier jedenfalls eins seiner Chansons im Original und in der deutschen Fassung, die von dem DDR-Dichter Heinz Kahlau stammt. Doch zunächst eine andere Stimme.
Eine Legende ist noch einmal aufgestanden. Der Dichter Aristide Bruant, der vor vierunddreißig Jahren der Ruhm des alten französischen Cabarets war, Aristide Bruant, der das soziale Cabaret chanson geschaffen hat, der Mann, dessen Bild, in schwarzen Samthosen und roter Schärpe um den Leib, noch bei uns herumspukt, Aristide Bruant, den Steinlen auf die Plakate gezeichnet hat: Aristide Bruant singt in Paris.
Peter Panter alias Kurt Tucholsky, 1925 https://www.textlog.de/tucholsky/kritiken-rezensionen/aristide-bruant
Am Montmerte
Gemeiner Herkunft bin ich zwar,
Mein Vater bloß ein Säufer war
Der Rue Berthe.
Doch hausen seit 'ner Ewigkeit
Ich und die Meinen ohne Streit
Am Montmerte.
Um achtzehnhundertsiebenzig,
Da starb Papa elendiglich
Am Absinthe.
Siebenundvierzig wurde er
Und ruht im Grabe drin seither
Am Montmerte.
Schon zwei, drei Jahre später traf
Mich, seinen Sohn, der stets so brav,
Neue Härte.
Denn eines Tags um Abend rum
Fiel meine arme Mutter um
Am Montmerte.
Seitdem hab ich kein Glück gemacht,
Und ich verbrachte manche Nacht
In der Kälte.
Auch Hunger hatte ich, ganz klar,
Weil nicht mal Brot zu finden war
Am Montmerte.
Manieren hatte man und Schick
Als Sacré-Cœur noch nicht den Blick
Uns versperrte.
Damals umwarb ich die Nini,
Nini, denn nisten wollte die
Am Montmerte.
Im Herbste war es sicherlich,
Als auf dem alten Hügel ich
Sie begehrte.
Da haben wir im Heubett hier
Geheiratet ohne Papier
Am Montmerte.
Den Knirpsen war das ganz egal,
Es kamen zwei gleich auf einmal
Als Offerte.
Sie brechen sicher nicht den Brauch,
Sie leben, zeugen, sterben auch
Am Montmerte.
Gemeiner Herkunft bin ich zwar,
Mein Vater bloß ein Säufer war
Der Rue Berthe.
Doch hausen seit 'ner Ewigkeit
Ich und die Meinen ohne Streit
Am Montmerte.
Deutsch von Heinz Kahlau, wiederabgedruckt in: Poetischer Paris-Führer. Französisch und deutsch Zusammengestellt, eingeleitet und mit Kommentaren versehen von Mona Wodsak. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 1994.
Malgré que j'soye un roturier,
Le dernier des fils d'un Poirier
D'la ru' Berthe,
Depuis les temps les plus anciens,
Nous habitons, moi-z-et les miens,
A Montmerte.
L'an mil-huit-cent-soixante et dix,
Mon papa qu'adorait l'trois-six
Et la verte,
Est mort à quarante et sept ans,
C'qui fait qui' r'pose d'puis longtemps,
A Montmerte.
Deux ou trois ans après je fis
C'qui peut s'app'ler, pour un bon fils,
Eun' rud' perte:
Un soir, su' l' boul'vard Rochechouart,
Ma pauvr' maman se laissait choir,
A Montmerte.
Je n'fus pas très heureux depuis,
J'ai ben souvent passé mes nuits
Sans couverte,
Et ben souvent, quand j'avais faim,
J'ai pas toujours mangé du pain,
A Montmerte.
Mais on était chouette, en c'temps-là,
On n'sacrécœurait pas sur la
Butt' déserte,
Ej' faisais la cour à Nini,
Nini qui voulait fair' son nid,
A Montmerte.
Un soir d'automne, à c'qu'i paraît,
Pendant qu'la vieill' butte r'tirait
Sa rob' verte,
Nous nous épousions, dans les foins,
Sans mair', sans noce et sans témoins,
A Montmerte.
Depuis nous avons des marmots:
Des p'tit's jumell's, des p'tits jumeaux
Qui f'ront, certe,
Des p'tits Poirier qui grandiront,
Qui produiront et qui mourront,
A Montmerte.
Malgré que j'soye un roturier,
Le dernier des fils d'un Poirier
D'la ru' Berthe,
Depuis les temps les plus anciens,
Nous habitons, moi-z-et les miens,
A Montmerte.


Kryscina Banduryna
(Крысціна Бандурына. Geboren 1992 in Mazyr, Belarus)
Das Gewohnte ist verschwunden.
Anstelle des Gewöhnlichen Leere:
fett durchgestrichen
Vornamen, Namen –
gestrichen mit verhaltener Wut,
verhohlenem Hass.
Hier nun trennen sich unsere Wege.
Orpheus verwechselt vor Erregung die Kehre.
„Und wer bist du?", fragt der Spiegel. „Wer
bist du in diesem unvollendet gebliebenen
Santa-Barbara-Märchen?"
Auf Befehl von oben
schießen sie in den Rücken
mit Gummifeuerwerk und scharfem Bling-Bling.
Wo soll man da hin, liebe Eurydike, sag mir,
wohin?
06.11.2020
Aus dem Belarussischen von Thomas Weiler, aus: 23. poesiefestival berlin. Belarus – Anthologie der Dichterinnen. Lesung und Gespräch. Gedichte zum Mit- und Nachlesen. Berlin 2022, S. 29
Звыклае знікла.
На месцы звычайнага пуста:
тлустым прочыркам
імёны і прозвішчы —
крэсляць з затоенай злосцю,
схаванай нянавісцю.
Нам з імі цяпер не па гэтай дарозе.
Арфей растрывожана блытае павароты.
А хто ты? - пытае люстэрка. — Хто ты
ва сёй гэтай так і не скончанай
санта-варварскай казцы?
Яны па указцы зверху
страляюць у спіны
гумовымі феерверкамі і агнявым канфеці.
Куды тут ісці, мілая Эурыдыка, скажы мне,
куды тут ісці?
06.11.2020
Bei lyrikline.org kann man eine erweiterte Fassung dieses Gedichts lesen und von der Autorin vorgetragen hören.
Federico García Lorca
(* 5. Juni 1898 in Fuente Vaqueros, Provinz Granada; † 19. August 1936, ermordet, in Víznar nahe Granada)
GASELE I
VON DER UNERWARTETEN LIEBE
Niemand erkannte den Duft
der dunklen Magnolie deines Leibes.
Niemand wußte, daß zwischen den Zähnen
du einen Liebes-Kolibri quältest.
Tausend persische Pferdchen schliefen
auf dem mondhellen Platz deiner Stirn,
und vier Nächte lang umschlang ich
deine Lenden, diese Feinde des Schnees.
Zwischen Gips und Jasmin war dein Blick
ein fahles Büschel Samen.
In meiner Brust sucht ich für dich
die Elfenbeinlettern, die sagen immer.
Immer, immer: Garten meiner Agonie,
dein Leib auf der Flucht für immer,
das Blut deiner Adern in meinem Mund,
dein Mund ohne Licht schon für meinen Tod.
Aus dem Spanischen von Lothar Klünner, aus: Federico García Lorca, Diwan des Tamarit. Diván del Tamarit. Sonette der dunklen Liebe. Sonetos del amor oscuro. Übertragen von Rudolf Wittkopf und Lothar Klünner. Frankfurt/Main: Suhrkamp, 1990, S. 9
GACELA PRIMERA
DEL AMOR IMPREVISTO
Nadie comprendía el perfume
de la oscura magnolia de tu vientre.
Nadie sabía que martirizabas
un colibrí de amor entre los dientes.
Mil caballitos persas se dormían
en la plaza con luna de tu frente,
mientras que yo enlazaba cuatro noches
tu cintura, enemiga de la nieve.
Entre yeso y jazmines, tu mirada
era un pálido ramo de simientes.
Yo busqué, para darte, por mi pecho
las letras de marfil que dicen siempre.
Siempre, siempre: jardín de mi agonía,
tu cuerpo fugitivo para siempre,
la sangre de tus venas en mi boca,
tu boca ya sin luz para mi muerte.
Ebd. S. 8
Vier sehr kurze erotische Gedichte des peruanisch-spanischen Dichters Diego Valverde Villena (* 6. April 1967 in Lima, Peru)
ESPADAS ( II )
Cruzamos miradas
y yo fui el herido.
FLORETT ( II )
Wir tauschten Blicke
und ich war der Verwundete.
INDOCILIDAD DEL SUEÑO
Quiero soñar con otras, y apareces tú
UNGEHORSAM DES SCHLAFS
Träumen möchte ich von Anderen, und Du erscheinst.
CANTAR DE CANTARES
No es culpa del sol, Sulamita,
si se oscurece
que lo miraste
HOHELIED
Es ist nicht Schuld der Sonne, Sulamith,
wenn sie sich verdunkelt
da du sie angeschaut hast
BOCA
Tu boca es una planta carnívora que se ha hecho carne
MUND
Dein Mund ist eine fleischfressende Fleisch gewordene Pflanze
Aus: Diego Valverde Villena: Feuerzungen. Gedichte. Aus dem Spanischen von Harry Oberländer [span./dt.]. Frankfurt/Main: Edition Faust, 2024, jeweils auf den gegenüberliegenden Seiten 26/27, 28/29, 60/61 und 72/73.
(Nur wenige Gedichte in diesem Buch nehmen mehr als eine Seite ein, aber ich habe ungefähr die Kürzesten herausgesucht. Demnächst hier eine Rezension des Bandes.)
Heute wäre Heinz Czechowski 90 Jahre alt. Ich wähle ein Gedicht, das ich vor über 40 Jahren zuerst gelesen habe, in bleierner Zeit, wo Gedichte Trost spenden.
Heinz Czechowski
(* 7. Februar 1935 in Dresden; † 21. Oktober 2009 in Frankfurt am Main)
Was mich betrifft
Erziehungsberechtigt,
Und doch
Ständig erzogen von meinen Erziehern,
Mit gelockerter Zunge
Mündig geworden,
Und doch
Ständig mich anhaltend, den Mund zu halten,
Geh ich
Noch immer im Kreis.
Auf mich also verwiesen
Im Guten und Schlechten,
Teile ich mit:
Was mich betrifft,
So bin ich ich.
Die Zunge der Schlange ist
Geschickter als meine,
Die Haut des Chamäleons
Paßt sich vortrefflicher noch als die meine
Den jeweils herrschenden Umständen an.
Meine Vorzüge, ich gebe es zu,
Sind vergleichsweise gering: aber
Daß ich nicht kriechen kann
Und meine Farbe nicht wechseln
Je nach Belieben,
Ist auch eine Gnade, für die ich
Niemand zu danken habe,
Außer mir selbst.
Aus: Heinz Czechowski: Was mich betrifft. Gedichte. Halle-Leipzig: Mitteldeutscher Verlag, 1981, S. 17
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