Das glas schimmert im gras

Ein interessantes Gedicht des ungarischen Lyrikers Attila József

(* 11. April 1905 in Budapest; † 3. Dezember 1937 in Balatonszárszó).

Glas

Das glas schimmert im gras. Das glas ist
an das die tau-tropfen dringen.
Wenn ein klein kind gläser anschaut,
so fangen sie an
um still zu klingen.

Ein glas wächst am herzen der quellen
das weiss kein glaser selbst kein lieber leser.
Die mädchen und die jungen männer
verwechseln immer ihre gläser.

Die vielen gläser hinterm himmel
bemerkte einst ein vogel
durstig und ohne lied
Ich möchte dir, ich möchte nur so leuchten,
wie das glas,
das auf meinem tische allein blieb.

Interessant ist an diesem Gedicht zunächst, dass es auf Deutsch verfasst ist. Ich kann nicht Ungarisch – aber ich habe gelesen oder gehört, dass die Sprache des Autors in seinen ungarischen Gedichten oft sehr komplex und rhythmisch verdichtet ist und einen starken musikalischen Fluss aufweist. Die deutsche Sprache in „Glas“ ist – bewusst? – schlicht, fast naiv. Einige grammatische Eigenheiten („das glas ist / an das die tau-tropfen dringen“, „ein klein kind“, „so fangen sie an / um still zu klingen.“) deuten darauf hin, dass József möglicherweise Deutsch nicht muttersprachlich beherrschte, oder dass er einen besonders reduzierten, fast kindlichen Stil wählte. Aber unterstreicht das nicht gerade den kindlichen Blick und die Einsamkeit und Orientierungslosigkeit oder Sehnsucht nach Orientierung, die aus dem Gedicht sprechen?

Aus: Attila József, Liste freier Ideen. Hrsg. u. übersetzt von Christian Filips und Orsolya Kalász. Berlin und Schupfart: Roughbooks, 2017 (Roughbook 43), S. 79.

Musikgeschichte in Todesarten

Chris Bezzel

Spiel mir das Lied vom Tod

monteverdi schlummerte nach neuntägigem krankenlager im spätherbst 1643 in das reich jenseitiger harmonien hinüber.

an seinem sterbetag machte henry purcell sein testament.

als der fünfundzwanzigjährige pergolesi abgeschieden war, wurde er in der kathedrale pozzuoli beigesetzt.

vivaldi ist in wien völlig verarmt als 66jähriger heimgegangen.

bach schloß die augen, die schon bei sehenden zeiten so viel überirdisches geschaut hatten.

händel legte sich still zum sterben.

schließlich tat der einundachtzigjährige rameau seinen feinden den gefallen, mit tod abzugehen.

der tod hielt das herz des zweiundsiebzigjährigen scarlatti an.

im 87. jahr schwand der rastlose telemann dahin.

als christoph willibald gluck ein ihm verbotenes glas weinbrand hinuntergestürzt hatte, trug ihn kurz darauf ein zweiter schlaganfall sanft hinweg

carl philipp emanuel bach ging vierunsiebzigjährig dahin.

an einem wintermorgen hauchte mozart seine seele aus.

karl ditters von dittersdorf wurde siebzigjährig von seinem leiden erlöst.

beethovens ende erfüllte sich unter blitz und donner eines schweren gewitters.

schubert mußte 1828 dahin.

mendelssohn-bartholdy zählte erst 38 jahre, als der tod ihn, seinen zahllosen verehrern völlig unerwartet, aus reichem schaffen und wirken abberief.

chópin starb in den armen seines schülers gutmann.

der kranke robert schumann begriff allmählich das hoffnungslose seines zustands, verweigerte die nahrungsaufnahme und starb so, 46 jahre alt, an entkräftung.

rossini schloß sechsundsiebzigjährig die augen.

richard wagner erlag im venezianischen palast vendramin seinem herzleiden.

franz liszt hat in wahnfried seine augen für immer geschlossen.

verdi ging mit 88 jahren bei voller klarheit heim.

der 23. märz 1918 wurde debussys todestag.

nach vier jahren zunehmenden verfalls legte sich der seit je wortkarge ravel auf den operationstisch. er sollte nicht mehr zu bewußtsein kommen.

17 takte vor schluß des dritten klavierkonzerts entsank bartók die feder.

dann kam, nachdem der zweiundsiebzigjährige schönberg 1946 schon einmal fast gestorben und zuletzt beinah erblindet war, der tod.

quelle: hans joachim moser: musikgeschichte in hundert lebensbildern. klagenfurt 1958

Aus: Chris Bezzel: isolde und tristan. Hrsg. von Florian Neuner und Christian Steinbacher. Berlin, Hannover, Linz und Solothurn: Roughbooks, 2012 (Roughbook 22), S. 65-67

Gertrud Kolmar

Zum 80. Geburtstag von Ulla Hahn ihr Gedicht auf Gertrud Kolmar.

Ulla Hahn 

(* 30. April 1945 in Brachthausen / Sauerland) 

Gertrud Kolmar

Auf meinen Knien das Häufchen
Fotokopien wird leichter

Langsamer lesen

Mit jedem Blatt lege ich Lebenszeit ab
von einer die schrieb im vorletzten Brief:
Ganz ohne Freude bin ich freilich nicht
Sie meinte ihre Erinnerungen
Weinte mit keinem Wort
Lebte vom Leben schon sehr weit entfernt
Legte an alles Geschehen längst
den Maßstab der Ewigkeit
Trat freiwillig unter ihr Schicksal
Hatte es schon »im voraus bejaht, sich ihm
im voraus gestellt« schrieb sie

Langsamer lesen

Wir wissen nicht wo sie starb
Wir wissen nicht wann sie starb
Ihre Mörder sind bekannt

Im letzten Brief fiel ihr »eben etwas
Ulkiges ein«. Versprechen und Pläne. Herzliche Grüße

Langsamer lesen

Immer wieder von vorn.

Aus: Ulla Hahn, Klima für Engel. Gedichte. München: dtv, 1993, S. 60

Versicherungspolicen

Robert Kelly 

(geboren am 24. September 1935 in Brooklyn)

Aus: Die Sprache von Eden

warum waren Sie in Berlin
ich habe acht Monate dort gelebt
ich hatte ein Stipendium für mein Studium
bevor die Mauer fiel
ich war im Osten
ich liebe diese riesigen leeren Straßen
die offene Stadt
Wintermorgen hilf mir
dort habe ich etwas verloren

was haben Sie studiert
wie die großen Versicherungsgesellschaften
die Veränderungen überstanden haben
von Preußen zum Deutschen Reich
zur Weimarer Republik zum Dritten Reich
zur DDR immer
den ganzen Horror hindurch waren die Menschen versichert
haben Policen gekauft Prämien gezahlt
sind gestorben haben Witwen hinterlassen die abkassiert haben
daran denken wir bei Geschichte nie
aber alles geht immer weiter
Märkte und Dokumente und Einkommenssteuer

Aus dem Amerikanischen übersetzt von Urs Engeler, aus: Robert Kelly: Die Sprache von Eden, herausgegeben und übersetzt von Urs Engeler. Annandale on Hudson u.a.: roughbooks, 2016 (roughbook 041), S. 62f

how did you come to visit Berlin
I lived there for eight months
I had a fellowship to study
before the Wall came down
I was in the east
I love those huge empty streets
open city
morning winter help me
I lost something there

what did you study?
how the big insurance companies
weathered the changes
from Prussia to German Empire
to Weimar Republic to Third Reich
to the DDR, always
through all that horror people were insured,
bought policies, paid premiums,
died and left widows to collect
we never think of that in history
but things are always going on
markets and documents and income tax

Grace – Anmut – Grazie

Laura (Riding) Jackson

(* als Laura Reichenthal 16. Januar 1901 New York; † 2. September 1991 Wabasso)

GRACE

This posture and this manner suit
Not that I have an ease in them
But that I have a horror
And so stand well upright—
Lest, should I sit and, flesh-conversing, eat,
I choke upon a piece of my own tongue-meat.

Aus: PARA-Riding von Laura (Riding) Jackson, Christian Filips und Monika Rinck. roughbook 015, Berlin und Solothurn, 2011, S. 40

Anmut

Diese Pose, dies Benehmen – das geziemt sich,
Nicht dass sie mir behaglich sind,
Ein Schrecken sind sie mir,
Und so steh ich ganz gerade –
Um nicht, sitzend, leibgesprächig, essend,
Zu ersticken an meinem Brocken Zungenfleisch.

Deutsche Fassung von Monika Rinck, ebd. S. 38

Grazie

Manier und Positur, was sich so schickt,
Nicht, dass die mich bestricken,
Nein, dass ich einen Horror hab
Davor und aufrecht steh –
Denn setzte ich mich hin und äße, notgedrungen,
ich kaute rum auf meiner eignen Zunge.

Deutsche Fassung von Christian Filips, ebd. S. 39

Cover of the book 'Roughbook 015' featuring large text that mentions Laura (Riding) Jackson, discussing her contributions to poetry and literature.

Schall und Rauch

Laura Reichenthal Gottschalk (Riding) Jackson* +++ Rideschalk-Godding +++ Unhappy lady. Thinking hard ++ Frau im Unglück. Denkt schwer nach (Riding über Riding) +++ Was man sich über sie erzählt ++ Lauras reitende Gestalt +++ Legende unter Dichtern +++ Ashbery, Auden, Bronowski, Crane, Mathews, Rexroth, Woolf und andre: Laura Riding Roughshod +++ Laura reitet rücksichtslos +++ Trägt eine Krone aus Golddraht +++ Sibylline der Poesie +++ Auf sehr wilde Weise schön +++ Überlegen, unabhängig +++ Wahre Wut der Muse +++ Akribische, rücksichtslose Manipulatorin +++ Hexe +++ Nicht schlechter als Pound, Eliot, Joyce oder Gertrude Stein +++ Tiefe Überzeugungen +++ Durchgeknallte Schnalle +++ Zu Unrecht vernachlässigt +++ Seichte, egoistische Hahnenschrei-Kreatur +++ Verdammt schlechte Dichterin +++ Hart und prächtig, streng und diszipliniert +++ Sarkastisch, schwer, dunkel, feindselig, messianisch +++ Bully-Königin, die ein hysterischer Charakter gebar +++ Bizarr +++ Königin des Kann-Seins +++ Jüdin der amerikanischen Avantgarde +++ Eine Muse, die Unterwerfung befahl +++ Elitäre Tusse +++ Spröd und widersprüchlich +++ Feministische Malgré Elle +++ Kein lilienweißer Engel +++ Literatur-Leiche! +++ Anti-Dichterin! +++ So ziemlich die intelligenteste Frau, die ich je gesehen habe +++ Die lebendige Inkarnation der Weißen Göttin +++ Grausames Geschwätz! +++ Naturgewalt! +++ Beleidigtes Mannweib +++ Dichterin, Seherin, Muse und zuweilen Furie +++ Glühend romantisch! +++ Abscheulich dogmatisch +++ Queen of modern poetry +++ Wie ein Blitz +++ Die Selbst-Gerechtigkeit in Person ++ Transzendentale Platonikerin +++ Unpolitische Fotze mit ziemlicher Verachtung für die niederen Klassen +++ Hexe! +++ Die einzige lebende philosophische Dichterin +++ Blöde Kuh ++ Oberhaupt der Langeweile +++ Keine Dichterin für schlichte Leser +++ Heroine der Hühnerfarm +++ Tyrannische Nestbeschmutzerin! +++ Extremer Individualismus +++ Poetische Isolationshaft! +++ Seherin! +++ Die größte vergessene Dichterin der amerikanischen Literatur +++ Ich bin ordentlich, schnell, gut gelaunt, arbeite hart, lasse nichts aus und halte rein gar nichts von Kontrollverlust

(Riding über Riding)

*) „Bevor ich diesen Essay auf den Weg bringe, sollte ich meine Namen ,Laura Riding‘ und ,Laura (Riding) Jackson‘ erläutern. Unter ersterem bin ich als Dichterin bekannt. Nachdem ich mich von der Dichtung abgewandt habe, benutzte ich ,Riding‘ nicht mehr als Nachnamen, aber habe ihn im Sinne der Kontinuität meiner Autorenidentität in Klammern in dem Autorennamen beibehalten, den ich seit meiner Heirat für meine gesamte schriftstellerische Tätigkeit nutzte.“

Deutsch von Monika Rinck, ebd. S. 24f

alles ist sprache

Martin Jankowski

alles 
ist sprache
die dinge
(ich, der schnee, die sterne)
sind metaphern
ein und desselben
das macht uns
verwandt

im anfang
spricht
die welt

in der grammatik
des lichts

Aus: Martin Jankowski: sekundenbuch. gedichte und gesänge. Leipziger Literaturverlag, 2012. S. 25

Charlottenburg

Günter Bruno Fuchs 

(* 3. Juli 1928 in Berlin; † 19. April 1977 ebenda)

Charlottenburg

Gestern
stand ich
vor dem Schloßportal. Ich wollte
ein berühmtes Bild
stehlen. Der Museumswärter
sagte zu mir: Welches
möchten Sie
mitgehen lassen? Eins
von Watteau. Na gut, weil Sie
ehrlich sind, will ich
ein Auge zudrücken. Bloß
nicht zur Gewohnheit
machen, sonst kommt die Sache
ans Licht.

Aus: Günter Bruno Fuchs: Gedichte und kleine Prosa (Werke in drei Bänden, hrsg. von Wilfried Ihrig, Bd. 2). München, Wien: Hanser, 1992, S. 257

Im Licht der Prophezeiungen

Hendrik Jackson

Im Licht der Prophezeiungen IX

das also war aus Prometheus geworden: ein Mann mit Spinnenbeinen und Buckel, der mit der Bedächtigkeit eines wogenden Ozeans sich vorwärtstastet durch den mit schwarzen Knöpfchen übersäten wunden Bauch eines musikalischen Wals. so dringt zu eingefrorenen symphonischen Klängen der Wille in meinen Körper, spielt mit seinen Fingern in den Fingerhandschuhen des Hirns, flusige Aktinien in der Strömung.

dabei hatte es neuerdings geheißen, die Parallelen träfen sich, und zwar in der Spelunke zur goldenen 8 (Lobatschewski). wir fanden den Nutzen parasitär, ein ungeduldiger verzogener Sprössling, und sahen Schönheit keimen. das Böse war geboren und das Gute forderte als Schutz, zu dunklem Trost, die Reflexion. wir hatten die Feder gekrümmt wie zum Pflug, zogen mit ihr über das Papier, der abgenommene Mond leuchtete, und jemand starb, nicht du. der Kreis war gezogen, ein Teil fehlte. Entzug mit Entzug begegnen, das hatten wir immerhin gekonnt. langsame Bewegungen unter Wasser, in dieser Blockigkeit gedämpfter sounds.

Aus: Hendrik Jackson, Im Licht der Prophezeiungen. Gedichte. Berlin: kookbooks, 2012, S. 15

4 kurze Gedichte

nachgetragen zum gestrigen 50. Todestag von Rolf Dieter Brinkmann

(* 16. April 1940 in Vechta; † 23. April 1975 in London)

138 Wörter, 1 Minute Lesezeit. Wo kommen Sie sonst so schnell durch?

Kulturgüter

Eine Sonate von Stockhausen
drei Preise für Böll
das Dementi von Andersch
zwei Schmierzettel von Faßbender
Marylin Monroe ist tot
ihre roten Morgenröcke
das Vermächtnis von Borchert
von Bense die Theorie
ein Jahr die Frankfurter
Ohrenschmalz von Enzensberger
die Lyrik Heissenbüttels
ein Fötus in Spiritus

Aus: Rolf Dieter Brinkmann, Standphotos. Gedichte 1962-1970. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 1980, S. 13

Kurzzeiliges Bild 
für helmut pieper

Von früh
bis spät
ein Wort nach
dem andren
und am Ende
steht nichts.

Ebd. S. 48

Photographie

Mitten 
auf der Straße 
die Frau 
in dem 
blauen 
Mantel.

Ebd. S. 52

Sängerin

Sie hat nichts
als ihre Stimme
und ist ganz
nackt –
pressen, gute Frau
pressen!

Ebd. S. 83

O Höll, o Schmach!

Zum 200. Todestag des deutschen Dichters Friedrich Müller, genannt Maler Müller (* 13. Januar 1749 in Kreuznach; † 23. April 1825 in Rom), hab ich eine kleine groteske Szene aus der Idylle „Das Nusskernen“ herausgesucht. Die Geschichte ist in Kürze die.

Der junge Leander schleicht sich nachts zu einem Fenster, an dem Meline, seine Geliebte, steht. Sie zögert aus Angst, dass sie jemand belauscht, aber schließlich hilft sie ihm doch herein. Crispin, ein älterer, zurückgewiesener Verehrer von Meline, beobachtet eifersüchtig die Szene und gerät in Wut und Verzweiflung. Er erwägt, sich umzubringen, aber dann sieht er die Lächerlichkeit der Situation und seiner Rolle darin ein und endet in Spott und Hohn und Selbstironie. Es liest sich über weite Strecken wie eine Opernparodie. Da war ihm auch noch zu allem Unglück der Nachttopf umgefallen!

Ist mir ein Schandzeug!
O Höll, o Schmach!
Was? Ist er wirklich hinein?
Mein Seel, wie der Fuchs in Hühnerschlag!

O Hexe, o Falsche!
Vetter! Spitzbub! O weh!
Crispin! Was tust? ... Ja was?
Geh, alter Narr ... steh ... nein, geh ...

Erhenk dich! Stürz dich in Bronn! ...
Vom Fenster runter? Hum! Ziemlich hoch! –
Ein Pistol her! ... Nein, bohr mir lieber ein Loch,
Daß heraus kann der garstige Liebesgeist!

Armer alter Mann!
Das alles selbst anzusehn!
Über die Weil soll nachher
Gar noch zu Gevatter stehn!

Desperat! ... Doch halt, Crispin!
Besinne dich! ...
Eines Mädels wegen dich umzubringen?
Erhängen, ich, mich?

O Schand für 'nen Philosophen!
Was liegt mir dran?
Besser, die Hexe jetzt untreu,
Als wär ich ihr Mann.

Aber verfluchter Vetter! ...
Doch einerlei!
Hinweg dann, Liebe, höllische Liebe,
Ihr Grillen vorbei! ...

Könnt ich nur recht lustig sein,
Ich schert mich nichts drum!
Wollt gern recht schimpfen,
Ich weiß, es ist dumm.

Muß halt eins bechern!
Die werden itzt
Drinnen zusammen sein ...
Was ich schwitz! ...

Da dacht ich nun wirklich,
Hätt's sauber erwischt;
Meint mich auf Rosen,
Und lieg auf dem Mist.

Nehmt all ein Exempel,
Ihr, wer hier schaut:
So gehet's, wenn einer
Auf Mädchentreu baut.

Ungetreu das Mädel,
Der Nachttopf entzwei –
Der Henker hol 's Lieben!
Nun bleib ich dabei!

Aus: Friedrich (Maler) Müller: Idyllen. Leipzig: Reclam, 1976, S. 185f. (Hier online)

Und die Menschen sind meschügge

Paul Leppin

(* 27. November 1878 in Prag, Österreich-Ungarn; † 10. April 1945 ebenda)

Frühlingslied

Ach, das Schweinefleisch wird teuer,
Und der Frühling ist gekommen.
Viele Bürger haben heuer
Schon das erste Bad genommen.

Und im Mondschein, im verschmierten,
Wibbeln, wabbeln alle Kanten.
Bei dem Denkmal Karls des Vierten
Sammeln sich die Buseranten*.

Und die Mädchen ohne Mieder,
Die so plastisch im Detail sind,
Kommen auf die Straße wieder,
Weil sie wissen, wie wir geil sind.

Und die Menschen sind meschügge,
Und die Hoffnung ist ihr Anker.
Mancher wird beizeiten flügge,
Mancher erst beim zweiten Schanker.

*) Buserant, österr.: Homosexueller

Aus: Versensporn 59. Paul Leppin. Jena: Edition Poesie schmeckt gut, 2025, S. 6

Das lyrische Gedicht

Heute vor 50 Jahren starb der, ich sag mal einfach: dadaistische Expressionist Melchior Vischer. Hier ein Gedicht in Prosa aus dem Jahr 1920.

DAS LYRISCHE GEDICHT

Herr Dagobert Schwein saß auf dem Leuchterarm der Proszeniumsloge und aß Zinnsoldaten, Trompeten aus Edelmetall, elektrische Dynamos, vier Spiele Tarock, X%X Käseaktien, zwei Krawatten, 16 Stück Keuschheitsgürtel zum Gebrauch für Rabbinerfrauen, 1/4 Kilo Kokosnußsalat, und als Dessert zwei Rembrandts und eine Skizze von Picasso. Zum Schluß als einen trefflichen Magenbitter 3 Millionen in papierener tschechoslowakischer Valuta. Das alles verdichtete sich in Dagoberts erlauchtem Magen zu einem leise weinenden Gedicht. Kein Autobus mit selbstfunktionierender Wasserspülung war es, kein Tank, geölt mit Onaniertränen englischer Sufragettenjungfrauen, nein, das allein war ein schönes feuchtlyrisches Ragout, geballt zu einem Magensaftfußball, der gern zum Opernhaushimmel emporgestiegen wäre, o wie brummen die Gebete gotischer Dome, o wie hellklingen die tauben Leiber abgetriebener Jungfrauen, o, o und oh! nun sang unten der italienische Tenor eine voklane Kanzone, ein Opernglas fiel und ließ seine Glassplitter in den Angstduft verfließen, der aus dem Seidendessous der jungen Gräfin sich hervorgeisterte, Herr Dagobert Schwein lachte aber bloß. Wer ein Schwein ist, bleibt eben immer ein Schwein. Dann als die hochdramatische Szene ansetzte, erbrach sich Dagobert mit einem schönen, hell, bald darauf dumpfglucksenden Rülpser, sehr zur Freude des Logenschließers, der eine silberne Schüssel bereit hielt / auf der er sonst Austernbrötchen servierte / und Herrn Dagobert Schweins prachtvoll gemischtes sülziges Magenkompott mit einer eleganten Handbewegung und unter vornehm schlichter jesuitischer Augenverdrehung auffing und dazu ein starkes Dollartrinkgeld. Erleichtert, beinah triumphierend ließ Herr Dagobert Schwein seine Blicke durchs Haus gleiten, das froh der Pause entgegenatmete und schrie recht kommunistisch: „Ja, ja, die Zivilisation, ist das nicht wie ein Präservativ, beide täuschen einen Zustand vor, „als ob“!“ Dann machte er „hähä“.

Auch das Publikum seufzte tief ergriffen „hähä“ / sozusagen kollektiv / .

Aber Herrn Dagobert Schweins Hähä übertraf alle anderen Hähäs.

Aus: Melchior Vischer, Unveröffentlichte Briefe und Gedichte. Mit einem Vor- und Nachwort herausgegeben von Raoul Schrott. Universität/Gesamthochschule Siegen 1988 (Vergessene Autoren der Moderne 32), S. 19

Aus dem Nachwort von Raoul Schrott

Im „Lyrischen Gedicht“ ist der Vortex dann alleiniges Thema, „sülziges Magenkompott“ aus Kulturresten, die ein schon zur Karikatur gewordener Baal erbricht – Zeichen also der durch den Vortex verzerrten Dialektik. Die zynische Konsequenz des Vaihingerschen „als-ob“, die am Schluß gezogen wird, bestätigt den Zusammenbruch des apollinischen und dionysischen Gefüges. Aber die Vaihingersche Anerkennung des Gegebenen, die ohne die Ekstatik Nietzsches auskommt, geht in einem Lachen der Aggression – einer vorläufigen Definition des Grotesken – unter; ein pervertierter „Wille zur Macht“ hat die alte Dialektik ersetzt:

„Aber Herrn Dagobert Schweins Hähä übertraf alle anderen Hähäs.“

Ebd. S. 32

Ostergedicht

Slata Roschal

A page from a poetry book featuring a poem titled 'Ostergedicht' with text about church bells, historical events, and a mixed choir.
Text page from the book 'Slata Roschal, Ich brauche einen Waffenschein' containing excerpts of poems in German, with lines discussing themes of war, hope, and historical references.

Aus: Slata Roschal: Ich brauche einen Waffenschein, ein neues bitteres Parfüm, ein Haus in dem mich keiner kennt. Gedichte. Heidelberg: Wunderhorn, 2025, S. 28f

schmutz, schmuddel & schmodder

Tom Riebe

schmutz, schmuddel & schmodder

den rochen sezieren
ihn gewünschten bildern
namenlosen grauens
anverwandeln
überall gewimmel von
seebischöfen & meermönchen
& von tatzelwürmern sowieso
jenny haniver –
du, meine zusammengenähte
meine feuchte liebe
nie mehr nur noch
glockenbecher & röteltrichterlinge
nie mehr nur noch
schnurkeramik & zierliche öhrlinge
sondern entgrenzte meeresträume
die libido ist eingemacht
wird künstlich beatmet
schmutz, schmuddel & schmodder
komm doch, gebasteltes leben!

Aus: Abwärts! Nr. 54, März 2025, S. 15

Tom Riebe ist der Gründer der Heftreihe Poesie schmeckt gut!

Ach, Herr Doktor!

Mahtab Yaghma

Die iranische Dichterin und Social-Media-Aktivistin lebt zur Zeit in Berlin.

Ach, Herr Doktor! Selbst mein Kopf ist mir zum großen Schmerz geworden, 
Mein elendes Lämmchen hat sich in einen Wolf verliebt.
Es war enttäuscht von mir... floh hinaus auf die Straßen, ging fort,
Doch mein Wolf riss das Lamm nicht, er verschwand im Regen.
Ach, Herr Doktor! Seine Lippen gaben mir „Geduld und Standhaftigkeit*,
Sein Duft versprach „Rettung aus Kummer im Morgengrauen"*.
Ach, Herr Doktor! Wenn einem der Atem aussetzt, ist das schwer,
Doch wenn dieser anderen gehört, ist es noch schwerer.
Ach, Herr Doktor! Auf meinem Kopfe lastet großer Schmerz,
Mein Lämmchen sehnt sich danach, einen Wolf zu küssen.
O Doktor, verschreib mir diesmal ein wenig Regennässe,
Verschreib mir drei Nächte des Umherirrens auf den Straßen.

* ) aus einem Ghasel von Hafis

Aus dem Persischen ins Deutsche übersetzt von Ali Abdollahi, aus: manuskripte. Zeitschrift für Literatur 247/2025, S. 144

Zum Übersetzer: Ali Abdollahi, geboren in Birjand, Iran, ist Dichter, Übersetzer und Literaturkritiker in Berlin. Er veröffentlichte sieben Gedichtbände im Iran, über 90 Übersetzungen sowie Anthologien. In Deutschland erschienen fünf von ihm übersetzte Gedichtbände. Sein Gedichtband „Wetterumschlag“ (2021, Secession Verlag) wurde u. a. mit dem Chamisso-Publikationspreis 2021 und dem Bingel-Literaturpreis 2022 ausgezeichnet.

In ihren Gedichten gibt Yaghma der rebellischen Frau in einem repressiven Staat eine Stimme und ein Innenleben. Ihre lyrischen Texte, wie die hier erstmals in Übersetzung präsentierten Poeme, zeichnen eine schmerzhafte Subjektivität. Sie vereinen Verzweiflung, Rausch und Sehnsucht. Klage wird zu einer kraftvollen Geste der Selbstbestimmung. In ihren Gedichten verbindet sie klassische persische Formen mit modernen Elementen. Coca-Cola, Zigaretten und Alkohol finden ebenso ihren Platz wie symbolistische Chiffren wie Vogel, Wolf und Lamm.

Paul-Henri Campbell, aus der Einleitung zur Veröffentlichung von 5 Gedichten der Autorin im aktuellen Heft der manuskripte, a.a.O. S. 138