FRANCIS 教皇去世了 FRANZISKUS

Martin Winter

教皇去世了

我觉得他有点像拜登
很善良的人
老人家
对地球天然好
对穷人很好
试图做出改变
同时有点保守
很真实很开放
对教皇来说
有漫长的过去
但愿他们让拜登
这样下去到死
反正现在就是中世纪
教皇最后给世界拜和平
在罗马的广场
给大家说笑
早上就走了

2025.4
FRANCIS

Francis was a little like Biden,
he was a person.
A friendly old man.
Good for our earth,
good for poor people.
Somewhat conservative
in a way,
while changing things.
Honest and open,
at least for a Jesuit.
He had a long past.
I wish they would have let Biden
stay in office
until he dropped dead.
We have a very medieval age
right now after all.
Francis managed
his last Easter blessing,
praying for peace.

MW April 2025
FRANZISKUS

Franziskus war ein bisschen wie Biden,
ein freundlicher Mensch.
Ein alter Mann.
Gut für die Erde.
Gut für die Armen.
Nicht unumstritten
und in manchen Dingen
relativ konservativ.
Ehrlich und offen
und recht persönlich
für einen Papst.
Ein Mann mit Vergangenheit,
der im Alter
noch deutlich freundlicher wurde.
Wäre doch Biden im Amt geblieben
bis er gar nicht mehr konnte.
So richtig wie im Mittelalter,
das passt heutzutage.
Den Ostersegen
hat er noch geschafft.

Mit freundlicher Genehmigung übernommen von https://banianerguotoukeyihe.com/2025/04/25/francis-教皇去世了-franziskus/

Martin Winter (chinesisch 維馬丁; Pinyin: Wei Mading; * 1966 in Wien) ist ein österreichischer Übersetzer, Sinologe und Lyriker.

Efeu, immer der Efeu – Josep Maria Llompart zum 100.

Josep Maria Llompart

(* 23. Mai 1925, heute vor 100 Jahren in Palma; † 28. Januar 1993 ebenda) war ein spanischer Dichter katalanischer Sprache.

Efeu

Am Balkongitter
Efeu.
An den Händen, in der Erinnerung,
den Taschentüchern des Abschieds
Efeu.
Drinnen im verschlossenen Haus,
am Wandteppich, im Schrank,
in den Kaffeetassen
Efeu.
Efeu in den Augen der Toten,
den Tränen der Toten,
erstickend jedes Wort,
auf jedes Wort hin wuchernd.
Efeu, immer der Efeu,
wie er über die Wand wächst, die Liebe, den Traum,
wie er mir nachstellt, mich packt und erdrückt,
Efeu.

(1974)

Aus dem Katalanischen von Tilbert Stegmann, aus: Ein Spiel von Spiegeln. Katalanische Lyrik des 20. Jahrhunderts. Mit 7 Farbzeichnungen und 3 Collagen von Antoni Tàpies. Katalanisch und deutsch. Leipzig: Reclam, 1987, S. 161

L'heura

En els ferros del balcó,
l'heura.
A les mans i en el record,
al mocador dels adéus,
l'heura.
Per dins la casa barrada,
al tapís, al guarda-roba,
a les tasses de cafè,
l'heura.
L'heura dins els ulls dels morts,
dins les làgrimes dels morts,
estrenyent cada paraula,
florint per cada paraula.
L'heura, sempre l'heura
sobreeixint la paret, l'amor, el somni,
empaitant-me, assolint-me, ofegant-me,
l'heura.

Aus: Ebd. S. 160

zu kompliziert für den menschlichen verstand

Wolfgang Schlenker 

(* 26. Juli 1964 in Nürnberg; † 1. August 2011 in Müncheberg) 

schienen

es ist wie die erinnerung an einen film
entsprechungen die aussehen wie dinge
aber keine sind

oder wie ein bisschen zeichentrick
mit einem punkt der bestimmbar ist
aber kaum zu sehen

der menschen wunsch gut zu sein
stammt aus einer alten gleichung
zu kompliziert für den menschlichen verstand

perfektion heißt deren entsprechung
zur summe der teile
geordnet oder durcheinander

an den rand oder in die mitte gestellt
die welt sagt das kind
geht auseinander

und was ist mit den menschen?
die menschen sagt das kind
hoppeln in eine andere natur.

Aus: Wolfgang Schlenker, doktor zeit. Hrsg. Urs Engeler. Solothurn: roughbook 020, 2012, S. 18

Tabs der Zeit, Glocken aus Fleisch

Daniel Bayerstorfer

Boschiade

Sie kauern in der Ferse des Kosmos. In ihrem Abdruck sammelt sich ein danckbahr Schwarz. Das Erdreich ist gefüllt mit Tinte. Die Ufer? Säumen kahle Bäume und verbrannte Häuser. Und aus dem Dom, der zwischen den Ruinen steht, dringt das Grunzen der in die Sakristei gepferchten Mast-Libellen, derweil die Ushi-tora aus dem Chorgestühl ihr Futter zupfen, mampfen und verdauen. Der nimmerstille Mars steht ihn’n zur einen seiten / … Und frisst sich nimmer satt an so viel Christen Bluht / … zweimal muss er die Fledermäuse kacken, das tut gut. Will sagen: Zwei Tabs der Zeit sind parallel geöffnet, die Hand ist dem Chronos auf der Maus ausgerutscht. Zappelt rücklings wie ein Käfer. Vorsichtig halten die Hopliten (mit verschwitzen Locken unterm Helm) die Lanzen vor sich hin und ihren breiten Schild. Geduckt, doch sicher kommt die Phalanx voran. Die fette Glocke dröhnt so laut von oben her, dass die Visiere auf ihren Gesichtern vibrieren. Die Tesla-Fliegen haben die Sonne verdunkelt. Ihr Summen hört man bis in die Antike. Beim Zeus, was ist das für ein Eichenbaum? Die gehängten Bürger baumeln im Wind, vom Kolibri des Todes leergesaugt. Den blassen Bauern haben sie mit Gülle gefüllt (kein Scheiss): Ein Odelfass aus Fleisch, das sie mit Dreschflegeln zum Platzen bringen. Die andern sind sich einig: Wallensteins Bier war gut, er trank es selbst. Und Tillys Truppen saufen Krug um Krug die Elbe leer, wenn’s nötig ist. Die Duttenkragen in der Strömung vollgesogen. Das Prosit hört man bis tief in die Klüfte des Riesengebirges. Danach bleibt nur der Wels mit dem Kürass auf stelzenhohen Beinen, der durchs Flussbett rennt und blökt. Die Wörter glänzen, machen blind. Drei Meilen dick, der Berg von Hirsebrei. Wie Bratwurst duftet der Wald.

Aus: Jahrbuch der Lyrik 2024/25. Hrsg. Matthias Kniep und Karin Fellner. Frankfurt/Main: Schöffling, 2024, S. 70

Daniel Bayerstorfer, geb. 1989, lebt in München.

österreich ist ein sicheres land

Hannah K Bründl 

(* 1996 in Steyr, Oberösterreich) 

_Echidna

1
österreich ist ein sicheres land
österreich ist ein sicheres land, hier wird nur aus liebe getötet
am nationalfeiertag singen militär und präsident die bundeshymne
am nationalfeiertag geschieht unter der gehissten flagge der
23. femi(ni)zid des jahres
am nationalfeiertag singen militär und präsident die hymne aus der
feder einer frau

2
unsere münder essen nicht
sprechen nicht.
haben unsere zerplatzten lippen
/ geschlossen
wir überleben auf den rücken liegend wir überleben

sehen die decken die sich über
leiber spannen
legen unsere tausenden hände auf die
bäuche

wir lehnen unsere tausenden köpfe
unsere abertausenden ohren daran, wir horchen

HALLO
HALLO
HALLO HALLO
wer
spricht?
wir schaben
wir reiben die eihaut weg über den sätzen

wer
SPRICHT
DA?
HALLO wer? wer?
die fasern kratzen wir aus
unter den nägeln die unzähligen finger
brechen
durch die venen zerbeißen geflecht

SIE HABEN SICH VERWÄHLT SIE HABEN SICH

wer?

wer?
wir überprüfen
wir klauben
auseinander

ziehen
die krusten
zwischen uns
ziehen fort
darunter fruchtwasser-
betrunken

wir essen nicht.
wir atmen vermutlich.
diese geschichte gehört einmal uns vermutlich.

echidna (~700 v.d.z.)
paula preradovic (1887-1951)
biwi kefempom (~2023)

Aus: Hannah K. Bründl, MOTHER_s. Hrsg. Urs Engeler u. Christian Filips (roughbooks 063), roughbooks, 2023, S. 17-19

Die falschen Dichter und die anderen

Fritz Rudolf Fries 

(geboren 19. Mai 1935, heute vor 90 Jahren, in Bilbao, Spanien; gestorben 17. Dezember 2014 in Petershagen bei Berlin) 

Antithetisches Gedicht leicht verkleidet

1
These

Immer wieder die sensiblen jungen Männer
mit dem verstimmten Klavier
ihrer Herzen Not
Sehnsucht mit der rechten Hand
Einsamkeit mit der Linken
Klaviere im Regen der Zeit

2
Antithese der falschen Dichter, im Regen singend


Der Regen rinnt
das Lied beginnt
wir singen
singen das Glück der Zweisamkeit
wir bringen
deiner Brüste Knospen auf Notenpapier
und arrangieren in Moll für Wörterklavier
Papier Klavier wir haben Gemüt
wir wissen schon
Gottfried Benn war aus andrem Geblüt
was schert uns der Mann
wo er uns nichts tun kann
die Neue Zeit hat das Klavier

3
Synthese


Ein Klavierstimmer
ein Glas kühles Wasser
aus dem Brunnen des Nichts
liegend getrunken
größere Papierkörbe.

(1960)

Aus: Fritz Rudolf Fries, Herbsttage im Niederbarnim. Gedichte. Berlin u. Weimar: Aufbau, 1988, S. 30f

Vielleicht muss man wissen, dass 1960 in der DDR die falschen Dichter vom Glück der Zweisamkeit und der Neuen Zeit reimten (und Gottfried Benn eine Unperson war). Gedruckt wurde es eh erst 28 Jahre später.

Fries ist besonders als Romancier wichtig – sein erster Roman wurde nur in der Bundesrepublik gedruckt (was ihn in der DDR von der Stasi erpressbar machte).

Noch einmal Pangur

Das heutige Gedicht ist wenige Jahre alt, aber es reicht über 1000 Jahre mehr in die Literaturgeschichte zurück als das von gestern. Der moderne irische Dichter auf vertrautem Fuß mit einem sehr frühen Vorfahren.

Colm Tóibín 

(* 30. Mai 1955 in Enniscorthy, County Wexford)

Pangur

Pangur, des Nachbarn Katze,
kommt in mein Zimmer
auf der Suche nach Ruhe und Frieden.

Sie leckt gerne
meine bloßen Zehen,
während ich tippe.

Aber sie kann sich
nicht beherrschen
und bald

beißt sie hinein.
»Pangur«, schimpf ich,
»wenn du nicht aufhörst,

sperr ich dich wieder ein
in das Gedicht,
das ein Mönch einst schrieb.«

Aus: Colm Tóibín, Vinegar Hill. Gedichte. Aus dem Englischen und mit einem Nachwort von Michael Krüger und Volker Schlöndorff. München: Hanser, 2025, S. 112

Ein Pakt

Heute gehts ein Stück in die Literaturgeschichte. Im April 1913 veröffentlichte die US-amerikanische Zeitschrift Poetry unter dem Titel Contemporania 13 Gedichte von Ezra Pound, darunter einige, die zu modernen Klassikern wurden wie In a Station of the Metro und das folgende.

Ezra Pound 

(* 30. Oktober 1885 in Hailey, Blaine County, Idaho; † 1. November 1972 in Venedig)

A Pact

I make a pact with you, Walt Whitman –
I have detested you long enough.
I come to you as a grown child
Who has had a pig-headed father;
I am old enough now to make friends.
It was you that broke the new wood,
Now is a time for carving.
We have one sap and one root –
Let there be commerce between us.

(Hier die spätere Fassung. Beim Erstdruck in Poetry lautete die erste Zeile: I make truce with you, Walt Whitman—)

Ein Pakt

Ich schließ' einen Pakt mit Dir, Walt Whitman –
Ich hab' Dich lang genug verabscheut.
Ich komme zu Dir als erwachsenes Kind,
Das einen Dickschädel zum Vater gehabt hat;
Ich bin nun alt genug, Dein Freund zu sein.
Du warst es, der das neue Holz schlug,
Nun ist's an der Zeit – zu schnitzen.
Von einem Blut sind wir, aus einer Wurzel,
Laß Bruderschaft sein zwischen uns.

Deutsch von Roswith von Freydorf, aus: Die weiten Horizonte. The Vast Horizons. Amerikanische Lyrik 1638 bis 1980. Hrsg. Teut Andreas Riese. Guido Pressler Verlag, 1985, S. 217

Cover of the April 1913 issue of Poetry magazine, featuring the title 'Poetry: A Magazine of Verse', with contents listing poems by various authors, including Ezra Pound.

Das Zeitgemäße kann mich mal am Jambus

Heute vor 2 Jahren starb der Dichter Andreas Koziol. Jüngst erschienen Bücher bei Moloko Prints (Mur. Gedichtzyklus. Moloko Print Schönebeck 2024. Mit einem Nachwort von Klaus Michael. ISBN 978-3-910431-42-3.) und Kookbooks (Menschenkunde. Gedichte. kookbooks Berlin 2024. Mit Nachworten von Henryk Gericke und Lutz Seiler. ISBN 3-948336-25-3.). Hier ein Gedicht aus einer bibliophilen Auswahl von 2004.

KAPRIOLEN EINES IDIOMS

Ich bin der Hund auf den der Vers gekommen ist.
Ich hör aufs Wort wie kein realer Köter.
Mein Fell ist Schund und meine Leine mißt
fünfhunderttausend Hexazentimeter.

Ich bin ein Schmerz in jedem Musenschoß
vergeh auch nicht zu Füßen der Euterpe.
Sie krault mich sinnend mit dem Daktylos
und ahnt schon daß ich jedes Maß verderbe.

Das Fleisch ist billig und der Geist liegt brach
wie Träume zwischen sprechenden Maschinen.
Ich jage halbverwitterten Phantomen nach
und mein Trochäus wimmelt von Trichinen.

Wie seltsam ist der Wunsch modern zu sein.
Das Zeitgemäße kann mich mal am Jambus.
Die Muse kettet mir den Stern vom Bein
und näht ihn in das Futter ihres Handschuhs.

Sie sagt so läuft mir nicht dein Licht davon
wenn du wieder hinterm Mond verschwindest
und halte mehr Distanz zu meinem Distichon
seine Wasserkrone nämlich ist nicht windfest.

Sie küßt mich spruchreif für die Gegenwart.
Man wirft mich roh auf irgend einen Tresen.
Ich werde ausgespuckt als faule Redensart
und war doch fast schon am Parnaß gewesen.

Aus: Andreas Koziol, 7 Gedichte. München: Peter Ludewig, 2004 – Vgl. Planet Lyrik

Geo Milew (1895-1925)

Geo Milew (bulgarisch Гео Милев, mit vollem Namen Георги Мильов Касабов, Georgi Miljow Kassabow; * 15. Januar 1895 in Radnewo, bei Stara Sagora, Bulgarien; † Mai 1925 bei Sofia) war ein bulgarischer Literaturkritiker und expressionistischer Dichter. In den 1910er und 1920er Jahren war er insbesondere als Vermittler moderner kultureller Strömungen eine zentrale Figur des literarischen Lebens Bulgariens. (…) Im Zuge der antikommunistischen Gewalt durch die Regierung und der Regierung nahestehende Truppen nach dem Bombenanschlag auf die Kathedrale Sweta Nedelja am 16. April 1925 wurde er am 15. Mai durch die Sicherheitspolizei zu „einer kurzen Befragung“ abgeholt, von der er nicht wieder zurückkehrte. Erst rund dreißig Jahre später stellte sich heraus, dass er vermutlich erdrosselt und anschließend in einem Massengrab bei Ilijanzi nahe Sofia zusammen mit Hunderten anderer Opfer, darunter zahlreichen bedeutenden Intellektuellen des Landes, verscharrt worden war. https://de.wikipedia.org/wiki/Geo_Milew

Savonarola

Highlife öffentlicher Wohlanständigkeit. Beau monde der Sensationsskandale.
Ausgebootetes Gefolge der Heiligen Ordnung. Kommando ges. gesch. Überfalls.
Reine, reinste
glatte
gelackte
satinierte
weiße –
weiße Weißgardisten.
Priester des Mammons. Anbeter des Moloch. Pilgrime des toten Gewissens.
Heroen käuflicher Umarmungen. Ritter von Maniküre und Pediküre.
Champions der Wohltätigkeitsbälle.
Snob.
Mob.
Mops. Möpse.
Handlungsreisende in Sachen Ruhe und Ordnung. Geschwätzige Vertreter
höchster nationaler Interessen. Glücksritter der Konstitution.
Skandaldetektive der Presse. Herkulesse der Spekulation. Trabanten
der Pogrome. Argonauten der Aktionärsbanken. Apostel der völkischen
Volksfreiheit.
Das Leben – ein Traum.
Gerechtigkeit – einzig im Himmel.
Die Erde ist schwarz.
Trikolorenrhapsodien einer toten Zeit. Konquistadoren der Zivilisation.
Husaren der Raffgier. Legale Legaten des Friedens.
Prätorianer des Abschaums.

1924

Deutsch von Norbert Randow und Stefan Döring. Aus: Auf der Karte Europas ein Fleck. Gedichte der osteuropäischen Avantgarde. Hrsg. Manfred Peter Hein. Zürich: Ammann, 1991, S. 125/127

Савонарола

Хайлайф на общественото приличие. Бомонд на сензационните
скандали. Освиркана свита на свещения порядък. Гвардия на
законния грабеж.
Чисти пречисти
гладки
гланцирани
сатинирани
бели –
бели белогвардейци.
Жреци на Мамон. Поклонници на Молох. Пилигрими на мъртвата
съвест. Герои на продажните обятия. Рицари на маникюр и педикюр.
Шампиони на благотворителните балове.
Сноб.
Моб.
Мопс. Мопси.
Комивоайажори на обществената безопасност. Витии на върховнити
национални интереси. Витязи на конституцията. Жълти детективи
на пресата. Богатири на спекулата. Трабанти на погромите.
Аргонавти на акционерните банки. Апостоли на истинската народна
воля.
Животът е сън.
Правда има само в небето.
Земята е черна.
Трикольорни рапсодии на мъртвото време. Конквистадори на
цивилизацията. Хусари на плячката. Легални легати на мира.
Преторианци на позора.

1924

Aus: Ebd. S. 124/126

wahnwitz

Ulrike Draesner

was das wort ist
Samuel Beckett, comment dire / what is the word

wahnwitz
wahnwitz wie
wie
was das wort ist
wahnwitz weil
weil dies
wahnwitz weil all dies
angesichts
wahnwitz angesichts all dieses
sehens
wahnwitz all dies zu sehen
dies
was das wort ist
dies dies
dies dies hier
all dies dies hier
wahnwitz angesichts all dieses
sehens
wahnwitz all dies dies hier zu sehen
wie
was das wort ist
sehen
flüchtig sehen
flüchtig zu sehen glauben
flüchtig zu sehen glauben wollen
wahnwitz wie flüchtig zu sehen glauben zu wollen
was
was das wort ist
und wo
wahnwitz wie flüchtig zu sehen glauben zu wollen was wo
wo
was das wort ist
dort
dort drüben
weg dort drüben
weit
weit weg dort drüben
wankend
wankend weit weg dort drüben was
was
was das wort ist
angesichts all dessen
all dies dies
all dies dies hier
wahnwitz wie was zu sehen
flüchtig zu sehen
flüchtig zu sehen glauben
flüchtig zu sehen glauben zu wollen
wankend weit weg dort drüben was
wahnwitz wie flüchtig zu sehen glauben zu wollen wankend
weit weg dort drüben was –
was –
was das wort ist

was das wort ist

Aus: Poesiealbum 387. Ulrike Draesner. Auswahl Axel Helbig. Wilhelmshorst: Märkischer Verlag, 2024, S. 18f

Manfred Peter Hein (1931-2025)

Manfred Peter Hein, der am 10. Mai 2025 im Alter von 93 Jahren verstarb, war eine markante Stimme der deutschen Gegenwartslyrik. Als Übersetzer öffnete er auch den Blick für die finnische Literatur und andere osteuropäische Literaturen und trug Wesentliches zur literarischen Verständigung zwischen Kulturen bei. Sein Werk bleibt ein leises, aber dauerhaftes Echo im Gedächtnis der deutschsprachigen Poesie.

Manfred Peter Hein 

(* 25. Mai 1931 in Darkehmen / Ostpreußen; † 10. Mai 2025 in Espoo / Finnland)

BUCH DER UNRUHE

Aufgelassener Ölmühle Schilfdach
Schatten der fällt wo ich lese
im Buch der Unruhe während

langstreift am Strandgemäuer
wie gestern das Maultier
sich scheuernd am Ölbaum

Stimme des Schattens schürft
im Schatten
zu gleicher Stunde

Wo

mögen die wahrhaft
in Wahrheit lebendig
Lebenden sein

Aus: Manfred Peter Hein, Über die dunkle Fläche. Gedichte 1986-1993. Zürich: Ammann, 1993, S. 37

Hören Sie bei lyrikline den Autor das Gedicht lesen

Hier ein kurzer Film, in dem der Autor ein Gedicht liest und eine Übersetzung ins Arabische vorgestellt wird

Nachruf des Wallstein Verlags | Andreas F. Kelletat zum Tod Heins beim Deutschlandfunk

Neue Himmel für alte

Zum 100. Todestag erinnern wir an Amy Lowell – eine der bedeutendsten Stimmen des amerikanischen Imagismus. Ihre Gedichte verbinden präzise Bilder mit leidenschaftlicher Formsuche und einer oft übersehenen queeren Perspektive.

Aber stimmt das im einzelnen Gedicht, das man vor sich hat? Ich habe ein Gedicht herausgesucht, das Claire Goll für ihre Sammlung „Die neue Welt. Eine Anthologie jüngster amerikanischer Lyrik“ von 1921 übersetzt hat.

NEUE HIMMEL FÜR ALTE

Ich bin überflüssig,
Mein Tun unnütz.
Was ich denke, ist ohne Duft.
Es hängt ein Almanach zwischen den Fenstern
Aus dem Jahr meiner Geburt.

Die Kameraden rufen mich,
Sie schrein nach mir,
Wenn sie am Haus im großen Wind roter Fahnen vorüberziehn.
Frisch sind sie, sprühend.
Sie sind unanständig und brüsten sich damit;
Sie lachen und fluchen und lärmen
Und schmettern ihr: »Wer kommt mit?«
Gegen die eiserne Häuserfront an beiden Straßenecken.
Junge Männer mit nackten Herzen spotten zwischen den
eisernen Häusern,
Junge Männer mit nackten Körpern unter den Kleidern,
Leidenschaftlich bewußt ihrer selbst,
Bereit, ihre Kleider fortzuschleudern,
Bereit, ihre Sitten und täglichen Gewohnheiten fortzuschleudern,
Schrein nach der Roheit des Lebens
Voll Gier nach Liebe,
Die sie als Glaube proklamieren.
Anbeter der Jugend,
Anbeter ihrer selbst.
Sie rufen nach Frauen, und die Frauen kommen.
Sie entblößen ihre weiße Wollust
Vor der erstarrten toten Häuserfront.
Gleich Flammen brausen sie die Straße herunter;
Sie explodieren wie wildes Feuerwerk
Über den Häuserleichen.

Und ich –
Ich ordne drei Rosen in einer chinesischen Vase:
Eine rosa,
Eine rote,
Eine gelbe.
Ich nehme dies Arrangement sehr wichtig.
Dann sitz ich in einem Südfenster,
Nippe von bleichem Wein mit etwas Schierling,
Denke über Winternächte nach,
Und Feldmäuse kreuzen den Fleck,
Der bald mein Grab sein wird.

Aus: Die neue Welt. Eine Anthologie jüngster amerikanischer Lyrik. Hrsg. u. übersetzt von Claire Goll. Berlin: S. Fischer, 1921. 1.-3. Aufl., S. 44f

NEW HEAVENS FOR OLD

I am useless.
What I do is nothing,
What I think has no savour.
There is an almanac between the windows:
It is of the year when I was born.

My fellows call to me to join them,
They shout for me,
Passing the house in a great wind of vermilion banners.
They are fresh and fulminant,
They are indecent and strut with the thought of it,
They laugh, and curse, and brawl,
And cheer a holocaust of "Who comes firsts!"
at the iron fronts of the houses at the
two edges of the street.
Young men with naked hearts jeering
between iron house-fronts,
Young men with naked bodies beneath their clothes
Passionately censcious of them,
Ready to strip off their clothes,
Ready to strip off their customs, their
usual routine,
Clamouring for the rawness of life,
In love with appetite,
Proclaiming it as a creed,
Worshipping youth,
Worshipping themselves.
They call for women and the women come,
They bare the whiteness of their lusts
to the dead gaze of the old house-fronts,
They roar down the street like fame,
They explode upon the dead houses like
new, sharp fire.

But I –
I arrange three roses in a Chinese vase:
A pink one.
A red one,
A yellow one.
I fuss over their arrangement.
Then I sit in a South window
And sip pale wine with a touch of hemlock in it,
And think of Winter nights,
And field-mice crossing and re-crossing
The spot which will be my grave.

Aus: The Complete Poetical Works of Amy Lowell. With an introduction by Louis Untermeyer. Boston: Houghton Mifflin Company. The Riverside Press Cambridge. O.J. (1955) S. 574

Ist das die melancholisch-erhabene Selbstbehauptung einer Außenseiterin – oder eher sarkastisch gebrochene Selbstdemontage einer Figur, die sich mit kultivierter Bedeutungsschwere vor dem pulsierenden Leben rettet? Melancholische Gegenwelt zur entfesselten Energie einer ekstatischen Jugend oder Abrechnung mit der eigenen Unfähigkeit? Kontemplative Würde oder feine Selbstironie? Verleugnung ihrer imagistischen Jugend oder ein feiner Nachhall?

Liste weiterer Möglichkeiten

Chen Chen

Selbstportrait als enormes Potential

Träumen, von einem Tag, einem Sein, so furchtlos wie eine Mango.

So freundlich wie eine Tomate. Gnadenlos bis Kinnchen & Shirtbrust.

Merken, ich hasse das Wort »nippen«.

Aber das ist alles, was ich tue.

Ich trinke. So langsam.

& sage Ich koste es. Wenn ich bloß schlecht darin bin, Flüssigkeit einzunehmen.

Ich bin weder Mango noch Tomate. Ich bin ein rostiges Gähnen im gemunkelten Jahr.
Ich bin eine arktische Attika.

Komme schlendernd & und an sich im rutschigen polaren Durcheinander.

Ich bin nicht der analfixierte Hetero, zu dem meine Mutter mich erzog.

Ich bin ein schwuler Nipper, & meine Mutter setzte was von ihrer Hoffnung übrigblieb
in meine Brüder.

Sie will, dass sie die Welt herunterschlucken, stabile Abschlüsse herausspucken &
verantwortungsvolle Enkelkinder, bereit zu schlingen.

Sie werden besser sein als Mangos, meine Brüder.

Obwohl, ich habe Schwierigkeiten, mir vorzustellen, was das sein könnte.

Fliegende Mangos, vielleicht. Fliegende Mango-Tomaten-Hybride. Wunderbare Söhne.

Übersetzt von Devin Yu & Mari Molle. Auszug aus Chen Chen, When I Grow Up I Want to Be a List of Further Possibilities, BOA Editions, Ltd. 2017. In: Edit Nr. 91 (2024), S. 45

Nr. 357

Ein Gedicht des salvadorianischen Dichters Roque Dalton, der heute vor 50 Jahren ermordet und am 14. Mai vor 90 Jahren geboren wurde.

Roque Dalton

(* 14. Mai 1935 in San Salvador; † 10. Mai 1975 in Quezaltepeque)

NR. 357

Die Aufseher lassen sich in verschiedene Gruppen einteilen. Zum Beispiel, die mit Steinen nach Kaninchen schmeißen, sobald welche mit Margeriten im Maul aus dem Garten gerannt kommen. Und jene, die vor meiner Zelle herumhumpeln, dabei starke Worte brüllen und zusehen, wie sich in ihren Uhren der Geifer des Regens sammelt. Dann noch, die mich frühmorgens mit einem Pissestrahl wecken (wobei sie mir mit der Taschenlampe das Gesicht lecken) und mißmutig erzählen, daß es noch kälter geworden ist. Zu keiner dieser Gruppen gehört Nr. 357, früher Hirte und Musikant und jetzt aus Rache Polizist, wegen irgendeiner undurchsichtigen Geschichte, allerdings nur noch bis Entlassung (das heißt der von Nr. 357) Ende des Monats. Weil er sich nachts davongestohlen hatte und bis neun Uhr neun Uhr morgens bei seiner Frau schlief, dem Dienstreglement zum Hohn. Vor ein paar Tagen hat mir Nr. 357 eine Zigarette geschenkt. Als er mich gestern ein großes Blatt Anis kauen sah (mit der Hakenrute, die ich mir gebastelt hatte, war mir gelungen, die Pflanze in die Nähe des Gitters zu ziehen), fragte er mich nach Kuba. Und heute hat er mir vorgeschlagen, ich könnte ihm doch ein kleines Gedicht schreiben – etwas über die Berge von Chalatenango –, damit er ein Andenken von mir hat, wenn sie mich umgebracht haben.

Übertragen von Klaus Laabs, aus: Poesiealbum 236. Roque Dalton. Berlin: Neues Leben, 1987, S. 30

Im Jahr 1959 wurde er verhaftet und zum Tode verurteilt. Am Tag vor seiner Hinrichtung wurde Präsident José María Lemus López gestürzt; dies rettete Dalton vor der Exekution. Nach seiner Freilassung ging er nach Mexiko ins Exil. In seinen im Exil verfassten Büchern El turno del ofendido und La ventana en el rostro berichtet er über diese Geschehnisse.
1961 reiste Dalton nach Kuba, wo er bis 1965 blieb. In diesem Jahr kehrte Dalton nach El Salvador zurück, wurde dort aber bald wieder verhaftet und zum Tode verurteilt. Wieder entging er der Exekution: Ein Erdbeben ließ die Mauern seines Gefängnisses einstürzen, und ihm gelang die Flucht nach Kuba. (…) In kubanischen Militärcamps ließ er sich als Guerillero ausbilden. 1973 bot er sich den Fuerzas Populares de Liberación (FPL) als Kämpfer an. Deren Führer Salvador Cayetano Carpio wies ihn jedoch zurück mit dem Hinweis, seine Rolle in der Revolution sei die eines Dichters, nicht die eines Soldaten. Daraufhin schloss Dalton sich dem Ejército Revolucionario del Pueblo (ERP) an. In dieser „Revolutionären Volksarmee“ geriet der undogmatische Dalton bald mit der marxistischen Führung aneinander. Man unterstellte ihm, die Organisation spalten zu wollen. Nachdem ein „Revolutionäres Tribunal“ ihn zum Tode verurteilt hatte, exekutierten seine Genossen Roque Dalton am 10. Mai 1975.
Das Strafverfahren wegen Mordes gegen zwei ehemalige Kommandanten der Guerilla, Joaquín Villalobos und Jorge Meléndez, wurde durch ein Gericht in San Salvador am 9. Januar 2012 aufgrund von Verjährung eingestellt.

https://de.wikipedia.org/wiki/Roque_Dalton

Die DDR-Version:

1961 wegen „staatsfeindlicher Aktivitäten“ zum Tode verurteilt, Urteil wird nach einem Machtwechsel vier Tage vor dem Exekutionstermin ausgesetzt; Exil in Mexiko, dort Ethnologiestudium; 1963 in Kuba, Rückkehr nach El Salvador, Verschleppung und Versuch, ihn in der Gefangenschaft durch Nahrungsentzug umzubringen; 1964 Flucht während eines Erdbebens; (…) 1974 Rückkehr nach El Salvador, schließt sich dem Revolutionären Volksheer (ERP) an, wird am 10. Mai 1975 von einer maoistischen Fraktion dieser Guerilla-Organisation ermordet

Quelle: Poesiealbum 236