Liebliches Fest – und fast alle kamen

Zum Pfingsfest mal etwas Klassisches, Allbekanntes. Der berühmte Anfang des Goetheschen Reineke Fuchs.

Erster Gesang

Pfingsten, das liebliche Fest, war gekommen! es grünten und blühten
Feld und Wald; auf Hügeln und Höhn, in Büschen und Hecken
Übten ein fröhliches Lied die neuermunterten Vögel;
Jede Wiese sproßte von Blumen in duftenden Gründen,
Festlich heiter glänzte der Himmel und farbig die Erde.

Nobel, der König, versammelt den Hof; und seine Vasallen
Eilen gerufen herbei mit großem Gepränge; da kommen
Viele stolze Gesellen von allen Seiten und Enden,
Lütke, der Kranich, und Markart, der Häher, und alle die Besten.
Denn der König gedenkt mit allen seinen Baronen
Hof zu halten in Feier und Pracht; er läßt sie berufen
Alle miteinander, so gut die Großen als Kleinen.
Niemand sollte fehlen! und dennoch fehlte der Eine,
Reineke Fuchs, der Schelm! der viel begangenen Frevels
Halben des Hofs sich enthielt. So scheuet das böse Gewissen
Licht und Tag, es scheute der Fuchs die versammelten Herren.
Alle hatten zu klagen, er hatte sie alle beleidigt,
Und nur Grimbart, den Dachs, den Sohn des Bruders, verschont' er.

Hier die Parallelstelle aus dem originalen niederdeutschen Reynke de Vos von 1498. Vielleicht eine kleine Übung im Niederdeutschen zum Festtag.


1 ID gheschach vp eynen pynxstedach,
2 Datmen de wolde vnde velde sach
3 Grone staen myt loff vnde gras,
4 Vnde mannich fogel vrolich was
5 Myt sange in haghen vnde vp bomen;
6 De krüde sproten vnde de blomen,
7 De wol röken hir vnde dar;
8 De dach was schone, dat weder klar.

9 Nobel, de konnynck van allen deren,
10 Held hoff vnde leet den vthkreyeren
11 Syn lant dorch ouer al.
12 Dar quemen vele heren myt grotem schal,
13 Ok quemen to houe vele stolter ghesellen,
14 De men nicht alle konde tellen:
15 Lütke de kron vnde Marquart de hegger;
16 Ja, desse weren dar alder degger
17 (Wente de konnynck myt synen heren
18 Mende to holden hoff myt eren,
19 Myt vrouden vnde myt grotem loue
20 Vnde hadde vorbodet dar to houe
21 Alle de dere groet vnde kleyne)
22 Sunder Reynken den vos alleyne;
23 He hadde in den hoff so vele myßdan,
24 Dat he dar nicht endorste komen noch gan.

1 pynxstedach – ist natürlich Pfingsttag. Ich wiederhole es nur, weil ich das Wort in dieser Schreibung schön finde. Es gibt bis heute keine verbindliche Schreibweise des Niederdeutschen. Wer schreibt, musste sich etwas ausdenken. Es war an einem Pfingsttag.

2 Datmen – dass man (die Wälder und Felder sah)

3 grone – grün (stehen mit Laub und Gras)

4 und mancher Vogel war fröhlich

5 haghen – Hecken. Mit Gesang in den Hecken und auf Bäumen.

6 krüde – Kräuter. Die Kräuter und die Blumen sprossen.

7 röken – rochen. Die wohl (gut) dufteten hier und da.

8 weder – Wetter. Der tag war schön, das Wetter klar.

9 deren – Tieren. Nobel, der König aller Tiere.

10 vthkreyeren – aúsrufen. Er hielt Hof und ließ den Ausrufer ausrufen. Beachte den Reim.

11 durch sein Land überall.

12 schal – Schall (im Sinne: mit großem Gepränge, Pracht). Da kamen viele Herren mit großem Getös.

13 Ok – auch. Auch kamen zum Hof viele stolze Gesellen.

14 tellen – zählen. Die man nicht alle zählen konnte.

15 kron – Kranich, hegger – Häher. Lütke der Kranich und Markart der Häher.

16 degger – tapfer, von deger – tüchtig, stark, tapfer. Diese waren dort von allen die Tapfersten.

17 Wennte – denn, weil. Denn der König mit seinen Herren.

18 Mende – meinte, beabsichtigte (Hof zu halten in Ehren)

19 Mit Freuden und mit großem Lobe.

20 vorbodet – verboten, aber auch, hier: geboten. Und hatte eingeladen zu Hofe.

21 Alle die Tiere groß und klein.

22 Sunder – außer. Außer Reinke, den Fuchs alleine.

23 myßdan – Substantiv Misstaten, oder Verb: missgetan. Der hatte am Hof soviel missgetan.

24 endorste – getraute (erdreistete). Dass er sich nicht traute hinzukommen oder gehen.

Eine Übertragung in heutiges Deutsch:

Es geschah an einem Pfingsttag,
dass man die Wälder und Felder sah
grün stehen, mit Laub und Gras,
und mancher Vogel war fröhlich
und sang in den Hecken und auf den Bäumen.
Die Kräuter sprossen, und die Blumen
verströmten ihren Duft hier und da.
Der Tag war schön, das Wetter klar.

Nobel, der König aller Tiere,
hielt Hof und ließ im ganzen Land
seinen Ausrufer aussenden.
Da kamen viele Herren mit großem Gefolge;
auch kamen zum Hof viele stattliche Gesellen,
die man gar nicht alle zählen konnte:
Lütke der Kranich und Marquart der Häher —
ja, diese waren die tapfersten unter ihnen.
(Denn der König wollte mit seinen Herren
einen Hof in Ehren halten,
mit Freude und großem Lob,
und hatte alle Tiere, große und kleine,
zum Hof eingeladen) —
nur Reineke, den Fuchs, nicht.
Er hatte am Hof so viele Vergehen begangen,
dass er es nicht wagte, dorthin zu kommen oder zu gehen.

vergiss das feuer nicht

Lutz Seiler

prometheus als kind

wie schimmerte das igelit
am tisch, wenn träumend
eine knabenhand darüber strich?

schon beim frühstück
(blaues thermos, muckefuck, mehrfruchtmarmelade)
lauschte ich den rechenzentren. von dort, von lochkarte
zu lochkarte gesprochen, summte leise das gebot: »ver-
giss
nicht den ofen, die konzentration
vermeide leichtsinnsfehler, vergiss
nicht die glut, wenn sie noch gelb
oder gelbfarben ist, vergiss
die asche nicht, lutz, vergiss das feuer
nicht, den aschekübel, vergiss nicht
die ganz lieben grüße & auch
nicht den erfolgreichen tag!«

dazu das radio, bayern 3, in the ghetto
& zwei brötchenhälften, vorgeschmiert
bis ich weinen musste

Aus: Lutz Seiler, schrift für blinde riesen. gedichte. Berlin: Suhrkamp, 2021

Der Tod hat ein Datum

Am 4. April 2009 starb der Kieler Dichter Klavki, er wurde nur 36 Jahre alt. Lyrikzeitung bringt heute ein Gedicht von ihm über den Tod.

Klavki

(4. Oktober 1972 – 4. April 2009)

Gast

Der Tod hat ein Datum.
Er zeichnet zierliche
Risse und Rillen
in unser Fleisch,
zählt stolz jede Sekunde
rückwärts in uns,
atmet kaum hörbar
jede Stunde aus:
Malt fließende Bilder
auf Spiegel -
flüstert leise „leben",
stammelt „sterbensterbensterben"
und wiederholt immer wieder
„Noch-sein".

Wir sind ihm nie zu klein
zu arm, zu traurig
oder gar zu jung.

Er ist der Zweite
in uns.
Wir sind nie allein genug.
Vielleicht sind WIR
auch nur
SEIN Gast ...

Der Tod hat ein Datum.
Das Leben nicht.

Aus: Klavki, Delirium. Lyrik. 2. Aufl. 2012, S. 9

An die Platane!

Heute  jährt sich der Geburtstag von Stanislav Kostka Neumann zum 150. Mal. Neumann war ein bedeutender tschechischer Dichter, Publizist und politischer Aktivist. Er war eine zentrale Figur der tschechischen Avantgarde und Anführer anarchistischer Gruppierungen um František Gellner, Fráňa Šrámek und Karel Toman.  Er verwendete mindestens 25 Pseudonyme, darunter „Antikrist“, „Brutus“ und „Civis Bohemicus“.

Stanislav Kostka Neumann

(* 5. Juni 1875 in Prag; † 28. Juni 1947 ebenda) 

Lied von 1915

Auf dem Kasernenhof
hilflos in Szeged
muß wie die Luft das Grau'n
an dem Platanenbaum,
Ungarns Luft, der Soldat, Muskot,
schlucken, der Tscheche.

In seiner Qual versucht
mit dem gebundenen
Leib am Platanenstamm
einmal die Krümmung der Mann
endlos hinunter zum Wasserkrug,
eine Sekunde.

Wie eine Blume hängt,
welk und geschändet,
unterm Platanenlaub
er auf die Brust das Haupt.
Lange Sekunden, die Stunde denkt
nie an ein Ende.

Ratlos die Augen irrn,
sehen verschwommen
durch das Platanengrün,
durch das verdammte Grün
Mauern und Fenster und Leute flirrn.
Glut haucht die Sonne.

Strudelnd verschluckt ein Loch
jetzt die Gestalten.
An der Platane, fahl,
lächelt mit einem Mal
tödlich erschöpft der Soldat, nur noch
vom Stamm gehalten.

Eine Sekunde weht
aus dem Geschick ihn
an der Platane dort
zu der Kastanie, fort
zu seiner Mutter; wie abgemäht
er in den Schoß sinkt.

Glück, nur ein Augenblick,
ehe sie kamen,
eh ihn das Wasser traf,
weckte noch aus dem Schlaf.
Gleichmütig zog ihn zurück der Strick
an die Platane.

Deutsch von Elke Erb, aus: Ludvík Kundera, Eduard Schreiber (Hg.): Süß ist es zu leben. Tschechische Dichtung von den Anfängen bis 1920. München: Deutsche Verlags-Anstalt, 2006, S. 386f

Das Gedicht ist ein frühes Antikriegsgedicht, das in festem Strophenbau unter Verwendung antiker Versfüße – von Elke Erb versgetreu nachgedichtet – seinen bösen Inhalt entwickelt. Ein tschechischer Soldat der österreichisch-ungarischen Armee hängt an einer Platane, ist es Selbstmord? Oder eine sadistische Bestrafung? Hängt er am Strick an der Platane oder ist er zur Bestrafung daran gebunden? Ich vermute das erstere. Leider kann ich nicht Tschechisch, aber ich habe zumindest die Silbenzahl überprüft. Die zweite und sechste Zeile jeder Strophe verwenden den Adoneus, der in der sapphischen Odenstrophe den vierten Vers bildet: Daktylus plus Trochäus oder Spondeus: XxxXX. Ich lese das Gedicht als Beschreibung eines Selbstmordes oder Mordes, der Soldat hängt an der Platane, denkt noch einmal an die Mutter und wird dann von der Realität, vom Strick eingeholt. Im Adoneus! (Der vorige Satz ist selbst einer, ohne dass das geplant war).

Ein Gedicht von Stanislav Kostka Neumann aus dem Jahr 1915, das in zwei Sprachen, Deutsch und Tschechisch, auf einer Seite abgedruckt ist. Der Text beschreibt das Schicksal eines tschechischen Soldaten, der unter einer Platane hängt. Der gestalterische Aufbau umfasst Strophen mit festem Rhythmus und antiken Versfüßen.

Alles Gute, Alter

Ralf Thenior 

(* 4. Juni 1945 in Bad Kudowa, Schlesien)

Alles Gute, Alter 

Ich werde jetzt erstmal Geburtstag haben,
ich werde ganz ruhig bleiben
und nichts machen
und einfach Geburtstag haben,
ich werde mir die Hand schütteln,
mir auf die Schulter klopfen,
herzlichen Glückwunsch, alter Junge,
alles Gute und so weiter,
halt die Ohren steif,
werde ich mir
zum Geburtstag sagen,
nachts um halb drei
auf dem Balkon
mit der elften Bierflasche
unter grauem Morgenhimmel.

Aus: Ralf Thenior: Sprechmaschine Pechmarie. Neue Gedichte. Stuttgart: Klett-Cotta, 1979, S. 15

während die unruhe wächst

Andra Schwarz

In der luft die viel zu schweren vögel über den östlichen gebieten 
entlang der frontlinien von uns ungesehen falterhafte schwärme
sturzflüge das zittern in den böden als der frost vorüberzieht
sich einfrisst in die erde an den rändern das schwergerät
der winter ist zurück und in den alten das längst verdrängte bild
pulsiert das herzstück im zangengriff am saum blutende gerinnsel
spuren in mir nach wenn es still wird im bitteren vorfrühling
bilden sich junge knospen zurück sterben keimlinge im laub
überall staub ein schattenriss der uns nicht mehr verlässt
während die unruhe wächst verschlingen wir uns selbst

Aus: Andra Schwarz: Meteor. Berlin: SUKULTUR, 2023 (Schöner Lesen 204)

Andra Schwarz, geboren 1982 in der Oberlausitz

Das ging schnell mit vergessen

HEL (Herbert Laschet Toussaint)

(* 1957 in Eupen, Belgien, lebt in Berlin)

Aus: ANDANTE

Keine post im kasten
keiner kommt auf besuch
Telefon wird mir zu teuer.
Bleibt das geliehene buch
Das ging schnell mit vergessen
Menschheitsdämmerung dahin
Halten die freunde? hält der kurs?
wer zahlt den statusgewinn?

Damals waren sie geil drauf:
Haste 'n fanzine? kuck!
heute beschwert sich eine
über nen textabdruck
Wo sind die schreiber geblieben?
sie wollten überall rein
Sie gingen mit dir ins bett dafür
im statusirresein

Ich dachte es ständ unsre sache
im saft auf jahre hinaus
Ich sag euch es is 'n scheißdreck
Das konto blutet aus
Deal überzeichneter aktien
mir wird das langsam zu bunt
Ich bin nich euer habitushahn
und nicht euer statushund

Ich hab mein habitat und
ich brauch keinen habitus
Ich hab meinen biorhythmus
Der könig schläft noch und schluß
Willste wat? dann geh suchen
Du bist der bittsteller! klar?
brauchste mich? dann stell dich an
ran an die statusbar

Ich hatte ne alte liebe
mit kochtopp in sanftem grau
betrog sie mit ner jungen
ner businessklassefrau
Die betrog mich wieder
mit einem der war zwar alt
aber sein geld war faltenlos
der nahm sie mit statusgewalt

Sie machte im bett auf model
und tat wer weiß wie als ob
Ich sagte: haste das nötig
das hier is nich dein job
Sie sagte: reine gewohnheit
ich bin eben well defined
Sie brach in die knie und ich hielt sie im arm
und dann hat sie vor status geweint

Aus: HEL: NA55PO3M. Berlin: SuKuLTuR, 2. Aufl. 2005 (1. 2003) (Schöner Lesen 015)

Lebwohl Poesie

Eugene Ostashevsky

Auf tritt Morris Imposternak, verfolgt von Ironien, 11.

Nachdem die Poesie aufgehört hatte
Und die Welt nur noch aus unbelebten Strukturen bestand

Ein unfertiges weil unterfinanziertes Gebäude
Mitten im Müll und den Stimmen

Von Narren und Mördern auf der Jagd nach Gott
(Heißt zu wissen, wie man liebt

Auch zu wissen, wie man aufhört?)
Entschloss sich Morris Imposternak

Weil ihm Sprache
Als Ausdruck von Machtkämpfen und dem zivilen

Kannibalismus des Sozialen
Nichts mehr bedeutete

Seine Arbeit an der Dichtung
Ebenfalls einzustellen

Wie schade! Wär vielleicht ein annehmbares Gedicht geworden ...
Doch was hätte es sagen können? Man muss schon ein Profi
sein, um eine wahre Aussage zu treffen. Ach, und ein
Gedicht zu schreiben ohne wahre Aussage ist, als würden
die Arme in Schwimmbewegungen kreisen, während die
Füße noch am Fliesenboden des Beckens kleben!

Aus: Auf tritt Morris Imposternak, verfolgt von Ironien. Aus dem Amerikanischen von Uljana Wolf. Berlin: SuKuLTuR, 2016, 2. Aufl., 1. 2010 (Schöner lesen 94), S. 20

Freude / am Märchen, das ist an der Wirklichkeit

Uwe Kolbe 

(* 17. Oktober 1957 in Ost-Berlin)

Mein Märchen

Mein Märchen, du bist in Wirklichkeit
ganz dieser Welt, gehst wach die Stufen
hier neben mir, schaust wie nur wir
ins freundliche Alter hinüber, die Kunst,
denn das ist, einander erforschend
nicht mehr – wie bekannt wir uns sind –,
dein Garten, dein Tagwerk, begriff ich
in eins, leise sagst du, die Kunst, sicher
ist dieses uralte umfriedete Land, dein
von alters, wir wohnen in deinem Land,
von deiner Hand ist gesegnet das Blühen,
die Kunst, wir sitzen in deinem Garten
und sagen, die Kunst ist vor allem das,
was Lebende oft voreinander verhehlen,
den Weg zueinander nicht finden, aber
das ist ein Zitat aus einer, aus Spätzeit,
beim zweiten Lesen der Bücher,
kurz hebst du den Kopf, verabredest dich
auf einen Besuch bei den alten Meistern,
den frischeren Farben und Formen,
der Freundschaft der Toten gewiss
in dem Gewebe des Lebens, der Freude
am Märchen, das ist an der Wirklichkeit.

Aus: Uwe Kolbe: Imago. Gedichte. Frankfurt/Main: S. Fischer, 2020

Antistrophen

Am 30. Mai 1876 unterzeichnete Zar Alexander II. im deutschen Kurort Bad Ems den sogenannten Emser Erlass – ein Dokument, das die ukrainische Sprache aus dem öffentlichen Raum verbannen sollte. Ukrainische Bücher durften fortan weder gedruckt noch importiert werden, Lieder nicht mit Noten veröffentlicht, Theaterstücke nicht mehr aufgeführt werden. Die Absicht war klar: Ukrainisch sollte nicht mehr sichtbar, hörbar, denkbar sein – ein Werkzeug imperialer Assimilation. Im Russischen Reich sollte Russisch die alleinige Kultursprache sein. Erst nach der Revolution von 1905 wurde der Erlass teilweise aufgehoben.

Aber die ukrainische Literatur konnte man nicht mehr ungeschehen machen. Und es war gerade die Lyrik, die das sprachliche Überleben sicherte. Darüber spricht Juri Andruchowytsch in einem kurzen Vorwort zu der Sammlung „Der Klang von Sonnenklarinetten“, aus der ich heute ein Gedicht von Pawlo Tytschyna ausgesucht habe. Das Gedicht entstand 1920, das Thema ist bis heute brennend aktuell.

Antistrophe

Flugzeuge und die Wunder der Technik – wozu
dienen sie, wenn die Menschen einander nicht
ins Gesicht schauen?

Werft die Erzürnten nicht ins Gefängnis; sie sind
sich selber Gefängnis.

Universitäten, Museen, Bibliotheken
können nicht so viel geben wie
braune,
graue,
blaue Augen ...

1920

Aus dem Ukrainischen von Adrian Wanner, aus: Der Klang von Sonnenklarinetten. Drei Lyriker der ukrainischen Moderne. Zürich: Pano Verlag, 2008, S. 47

Антистрофа

Аероплани й усе довершенство техніки – до
чого це, коли люди одне одному в вічі не
дивляться?

Не хватайте озлоблених у тюрми: вони самі
собі тюрма.

Університет, музеї й бібліотеки не дадуть того,
що можуть дати
карі,
сірі,
блакитні ...

Ebd. S. 46

Expressionismus aus Rumänien

Oscar Walter Cisek 

(* 6. Dezember 1897 in Bukarest; † 30. Mai 1966 ebenda)

Hei!

Trambahnscheiben stürmen ekstatisch durch tanzende Sonne,
Hohl auf rasselndem Wagen grölt eine Tonne,
Muskelquellende Pferdeschenkel auf Steinen erzittern,
Und tausend Autoradsprossen Leben umgittern,
An Haltestellen Gesichtermeere sich stauen,
Blanke Kastanienblütenfackeln leuchten im Blauen,
Entsetzen stottert krank aus krummen Altweibermündern,
Staub spritzt aus strahlenden Haaren von spielenden Kindern,
Plakate schreien, und Kleider foppen, und Leiber bedrängen
Alternde Mauern, die dunkle Löcher in Frühlingsluft sprengen – :
Erleben krächzt, heult, posaunt, verblutet und johlt! –
Und ich schwebe, verfließe im Braus, bis der Teufel mich holt!!

Aus: „In Dornbüschen hat Zeit sich schwer verfangen“ : Expressionismus in den deutschsprachigen Literaturen Rumäniens ; eine Anthologie / Michael Markel (Hg.). Regensburg : Pustet, 2015, S. 100. Das Gedicht stammt vermutlich aus den 1920er Jahren, gedruckt wurde es erstmals 1972 in Rumänien.

Wie teilt man ein Bett?

Tom Schulz

Wie teilt man ein Bett? Setzt man einen Schwan hinein 
lässt die Sonne hinter den Vorhängen kreisen? Katze und Hund
gesellen sich dazu. Katze am Fußende, der zarte Köter
zwischen Brust und Schlüsselbein. In manchen Nächten bekommt
es Schlagseite, fliegen die Federn eines behelmten Vogels.
Das Holz arbeitet im Traum. Querflöte, du liegst wie eine Er-
trunkene. Du kannst doch nicht daneben liegen. Zur Ruh, zur
Ruh. Wäre das Bett eine Barke, der Himmel über einem Strand-
Korb, das Linnen und ein Segel. Von den Gewässern weiß man
dass sie fließen, dass sie den Berg hinauf geflossen sind.
Ich bin ein Teil von dir, ein Teil vom Holz, besticktes Kissen.
Bin das Geklöppelte, die Masche auf der Nadel. In einem
Rahmen: zwei Meter mal eins sechzig; keine deutsche Eiche.
Ein Flaum- Feder- und Fabelgewicht. Unter den Wolken, Glacier
endloses Eis und Tauzeit. Apnoe-Taucher, aussetzender Atem.

Aus: manuskripte 226/2019, S. 109

Thomas Müntzer

Heute vor 500 Jahren wurde Thomas Müntzer für seine Rolle beim Thüringer Bauernaufstand hingerichtet. Aus dem Anlass eine kurze Einführung, ein zeitgenössischer Bericht und ein Epigramm.

Die Schlacht bei Frankenhausen am 15. Mai 1525 war der Wendepunkt und das blutige Finale des Deutschen Bauernkriegs. Unter der Führung des radikalen Reformators Thomas Müntzer versammelten sich Tausende aufständische Bauern und städtische Handwerker in Thüringen, um gegen soziale Ungerechtigkeit, feudale Unterdrückung und kirchliche Machtstrukturen zu kämpfen. Müntzer, der sich von Martin Luther abgewandt hatte, predigte eine gewaltsame Umgestaltung der Gesellschaft im Sinne göttlicher Gerechtigkeit.

Die Aufständischen, schlecht bewaffnet und militärisch unerfahren, errichteten eine Wagenburg auf dem Schlachtberg bei Frankenhausen. Dort trafen sie auf ein vereintes Fürstenheer unter der Führung von Landgraf Philipp von Hessen und Herzog Georg von Sachsen. Trotz eines vereinbarten Waffenstillstands griffen die fürstlichen Truppen überraschend an. Die Bauern wurden überrumpelt, in Panik versetzt und massenhaft niedergemetzelt. Schätzungen zufolge starben etwa 6.000 Aufständische, während die Verluste der Fürsten minimal waren. 

Thomas Müntzer wurde nach der Schlacht gefangen genommen, auf der Festung Heldrungen gefoltert und am 27. Mai 1525 in Mühlhausen öffentlich enthauptet. Sein Tod markierte das Ende des organisierten Bauernwiderstands in Mitteldeutschland. Während Müntzer in der DDR als revolutionärer Märtyrer verehrt wurde, galt er im Westen lange als fanatischer Aufrührer. Heute wird seine Rolle differenzierter betrachtet – als Symbol für den radikalen Flügel der Reformation und als Mahnmal für die Grenzen revolutionärer Gewalt. 

Aussagen des Wiedertäufers Hans Hut über die Schlacht bei Frankenhausen

Der Müntzer hätte am Sonntag, als am Montag die Bauern geschlagen worden wärn, zu Frankenhausen gepredigt: Gott der Allmächtige wollte jetzo die Welt reinigen und hätte der Oberkeit den Gewalt genommen und den den Untertanen gegeben. Da würden sie schwach werden, wie sie denn schwach warn, und sie, die Oberkeiten, würden bitten, aber sie sollten ihnen keinen Glauben geben, denn sie würden ihnen kein Glauben halten, und Gott wäre mit ihnen, denn die Bauern hätten an einem jeden Fähnlein ein Regenbogen gemalt geführt. Hätte der Müntzer gesagt, das wäre der Bund Gottes. Und als der Müntzer den Bauern obgemeldetenmaßen drei Tag nacheinander gepredigt, wäre allwegen ein Regenbogen am Himmel um die Sonnen gesehen worden. Denselben Regenbogen der Müntzer den Bauern gezeigt und sie getröstet und gesagt, sie sehen jetzo den Regenbogen, den Bund und das Zeichen, daß es Gott mit ihnen haben wollt. Sie sollten nur herzlich streiten und keck sein. Und er, Hut, habe den Regenbogen auch gesehen.

Aus: Kaiser, Gott und Bauer. Die Zeit des Deutschen Bauernkrieges im Spiegel der Literatur. Berlin: Verlag der Nation, 1975, S. 494

Heinrich Anselm von Ziegler und Kliphausen

(* 6. Januar 1663 in Radmeritz, Oberlausitz, heute in Polen; † 8. September 1697 in Liebertwolkwitz, heute Leipzig)

Thomas Müntzer

Hier ruht der Schwärmer Haupt, der Bauern Arme-Ritter,
Es schmeckt ihm zwar der Tod, wie seinen Brüdern, bitter.
Doch glaubt: es sei sein Geist nicht gänzlich beigelegt,
Weil er sich heute noch in mancher Seele regt.

Aus: Wir vergehn wie Rauch von starken Winden. Deutsche Gedichte des 17. Jahrhunderts. 2. Band. Berlin: Rütten & Loening, 1985, S. 335

O meine Zizi

Louis Aragon 

(* 3. Oktober 1897 in Paris; † 24. Dezember 1982 ebenda)

Übertreibung

O meine Zizi
O meine Zizi
Deine kleinen Brüste deine kleinen
Füße
Füße Füße Füße Füße
Deine kleinen Füße auf meinen großen Brüsten

In: Variétés (1929). Übersetzt von Heribert Becker, aus: Das surrealistische Gedicht. 3. korrigierte u. erweiterte Auflage. Zweitausendeins. Museum Bochum, 2000, S. 27

(Den Originaltext habe ich leider nicht gefunden. Vielleicht kann jemand aushelfen?)

Nachgetragen:

Oh ma zizi
Oh ma zizi
Tes petits seins tes petits
Pieds
Pieds pieds pieds pieds
Tes petits pieds sur mes grands seins

Im Hyperbett mit angezogenen Beinen

Birgit Kempkers „Sehnsucht im Hyperbett“ ist keine Gedichtsammlung. Vielleicht ist es ein Langgedicht, oder doch Prosa im Flattersatz? Gerapptes? Aber man wird doch einmal ein Stück herausnehmen und als „Gedicht“ lesen können. Um wenigstens etwas Kontext herüberzuretten, rahme ich den willkürlich herausgebrochnen Klipp durch zwei Begleittexte – den Klappentext, Klipp Klapp, und eine „Leseleitung“ von Wolfgang Groddeck, Anfang und Ende des Buchs, das 2008 bei Droschl erschien.

Es geht um nichts Kleines. Es geht um Paul & Paula, es geht um den Vater in der Tochter, es geht um Missbrauch und Liebe, es geht um Gesang und Ekstase statt um Sprechen und Diskursivität. Es geht um mystisches Erkennen, und das sieht manchmal wie Pornografie aus. Es geht um Prosa im Flattersatz, Gereimtes & Gerapptes. Es geht um den Punkt, von dem aus Es sich öffnet. Es ist die Bühne des Vaters, der sich ausspricht.

Birgit Kempker verlangt nicht wenig vom Leser, von der Leserin – allem voran dieselbe Offenheit, das Stimmenhören, die schnelle Beweglichkeit zwischen Sprachkonstruktion und Lebenskonstruktion, die auch ihre Texte aufweisen. Und dazu die Gewissheit, dass die Sexualität der Angelpunkt ist.

(Klappentext aus: Birgit Kempker: Sehnsucht im Hyperbett. Ein transverfickter Diskurs. Graz und Wien: Droschl, 2008)

Paul ist nicht der Mann 
für verunglückte Bräute.
Jetzt ist er betäubt
& in Sicherheit.
Es war gefährlich
& er hat es geschafft.
Er sitzt im Hyperbett
mit angezogenen Beinen,
kratzt anmutig sein Knie
& stellt kindliche Fragen.
Pauls Neugier
ist das Wirklichste an Paul.

Seine Schuhe stehen vor dem Bett neben ihren.
Wenn einer so tut,
als ob er ein Idiot ist,
der so tut,
als ob er ein Idiot ist,
dann ist es Paul.
Ein Idiot.

Die Gefahr war immens.
Die Rettung wird erst nach & nach den Mann erreichen,
wenn er wieder weggeflogen
& bei sich ist in seinen Häusern,
an Plätzen,
die dann plötzlich heillos wechseln,
vor seinem Kühlschrank nachts.

Ebd. S. 174f

Wolfgang Groddeck: „Oh, es kommt / syntaxdurchbohrt“
Eine Leseleitung

Was ist der Gott der Literatur? Ein Vatergott, wenn man dem Text von der Sehnsucht im Hyperbett glauben darf. Ein katholischer Gott? Das viele Latein in der Litanei der Lust könnte es vermuten lassen. Aber das Latein im Text, o weh, ist kein Kirchenlatein, kaum Küchenlatein, es ist neu erfundenes Latein, Kinderlatein: dicurentenserum: Diekuhrenntdenseeherum – der Leser um den Text herum! Esse pro teste. Hiatus est: „Der Protest kommt beim Essen. / Schlucken ist Brechen“ – die Leserin im Text (S. 21). Es geht immer dem Klang nach, Literatur ist also Anklang und Bruch.

Und doch: die Tochter und Braut im Hyperbett des Vatergotts ist religiös und schluckt viel: „Ohne Inzest ist kein Gott zu haben“ (S. 27). Die Lust am Text ist die im Text, sie bricht sich in den Wörtern Bahn und verschmilzt mit ihnen. „Doch alle Lust will Ewigkeit“, fand einer, den die Sehnsucht im Hyperbett einmal beim Namen nennt – „doch jede Braut will Schleifen / & unverzüglich aufgefaltet sein“ klingt das Echo im Hyperbett. Die Braut im inzestuösen Hyperbett der Literatur ist ungeduldig und unsicher auch: „Das Wesen klappt die Beine zu / weit unten von sich, / die Stelle ist unbenannt, / das Wort entscheidet sich nicht.“ (S. 12) Das Wort, das sich nicht entscheidet oder entscheiden kann, ist hier, an dieser Stelle, das Wort `Scheide´. Das Wort? – „verdammte Ratte / verdammte Worte & Sache“ (S. 135): Literatur, der es ums Wort geht, kann sich zwischen Sache und Wort, res und verbum, kaum entscheiden. „Sei das Wort die Braut genannt, / Bräutigam der Geist“ beschied einst Goethe im trans-westlichen Divan. Anders tönt’s im Hyperbett: Hier lässt sich die Literatur-Tochter von Vater Literatur „ficken“, wüst missbrauchen – und sie scheint es zu genießen: ein transverfickter Diskurs tut sich auf. Literatur ist ebensosehr Gewalt wie Lust, im Schlagreim: ,wenn du Gewalt sagst, / öffnen sich meine Beine von alleine“ (S. 46) – Tabuverletzung noch und noch.

(Ebd. S. 204)