Lebwohl Poesie

Eugene Ostashevsky

Auf tritt Morris Imposternak, verfolgt von Ironien, 11.

Nachdem die Poesie aufgehört hatte
Und die Welt nur noch aus unbelebten Strukturen bestand

Ein unfertiges weil unterfinanziertes Gebäude
Mitten im Müll und den Stimmen

Von Narren und Mördern auf der Jagd nach Gott
(Heißt zu wissen, wie man liebt

Auch zu wissen, wie man aufhört?)
Entschloss sich Morris Imposternak

Weil ihm Sprache
Als Ausdruck von Machtkämpfen und dem zivilen

Kannibalismus des Sozialen
Nichts mehr bedeutete

Seine Arbeit an der Dichtung
Ebenfalls einzustellen

Wie schade! Wär vielleicht ein annehmbares Gedicht geworden ...
Doch was hätte es sagen können? Man muss schon ein Profi
sein, um eine wahre Aussage zu treffen. Ach, und ein
Gedicht zu schreiben ohne wahre Aussage ist, als würden
die Arme in Schwimmbewegungen kreisen, während die
Füße noch am Fliesenboden des Beckens kleben!

Aus: Auf tritt Morris Imposternak, verfolgt von Ironien. Aus dem Amerikanischen von Uljana Wolf. Berlin: SuKuLTuR, 2016, 2. Aufl., 1. 2010 (Schöner lesen 94), S. 20

Freude / am Märchen, das ist an der Wirklichkeit

Uwe Kolbe 

(* 17. Oktober 1957 in Ost-Berlin)

Mein Märchen

Mein Märchen, du bist in Wirklichkeit
ganz dieser Welt, gehst wach die Stufen
hier neben mir, schaust wie nur wir
ins freundliche Alter hinüber, die Kunst,
denn das ist, einander erforschend
nicht mehr – wie bekannt wir uns sind –,
dein Garten, dein Tagwerk, begriff ich
in eins, leise sagst du, die Kunst, sicher
ist dieses uralte umfriedete Land, dein
von alters, wir wohnen in deinem Land,
von deiner Hand ist gesegnet das Blühen,
die Kunst, wir sitzen in deinem Garten
und sagen, die Kunst ist vor allem das,
was Lebende oft voreinander verhehlen,
den Weg zueinander nicht finden, aber
das ist ein Zitat aus einer, aus Spätzeit,
beim zweiten Lesen der Bücher,
kurz hebst du den Kopf, verabredest dich
auf einen Besuch bei den alten Meistern,
den frischeren Farben und Formen,
der Freundschaft der Toten gewiss
in dem Gewebe des Lebens, der Freude
am Märchen, das ist an der Wirklichkeit.

Aus: Uwe Kolbe: Imago. Gedichte. Frankfurt/Main: S. Fischer, 2020

Antistrophen

Am 30. Mai 1876 unterzeichnete Zar Alexander II. im deutschen Kurort Bad Ems den sogenannten Emser Erlass – ein Dokument, das die ukrainische Sprache aus dem öffentlichen Raum verbannen sollte. Ukrainische Bücher durften fortan weder gedruckt noch importiert werden, Lieder nicht mit Noten veröffentlicht, Theaterstücke nicht mehr aufgeführt werden. Die Absicht war klar: Ukrainisch sollte nicht mehr sichtbar, hörbar, denkbar sein – ein Werkzeug imperialer Assimilation. Im Russischen Reich sollte Russisch die alleinige Kultursprache sein. Erst nach der Revolution von 1905 wurde der Erlass teilweise aufgehoben.

Aber die ukrainische Literatur konnte man nicht mehr ungeschehen machen. Und es war gerade die Lyrik, die das sprachliche Überleben sicherte. Darüber spricht Juri Andruchowytsch in einem kurzen Vorwort zu der Sammlung „Der Klang von Sonnenklarinetten“, aus der ich heute ein Gedicht von Pawlo Tytschyna ausgesucht habe. Das Gedicht entstand 1920, das Thema ist bis heute brennend aktuell.

Antistrophe

Flugzeuge und die Wunder der Technik – wozu
dienen sie, wenn die Menschen einander nicht
ins Gesicht schauen?

Werft die Erzürnten nicht ins Gefängnis; sie sind
sich selber Gefängnis.

Universitäten, Museen, Bibliotheken
können nicht so viel geben wie
braune,
graue,
blaue Augen ...

1920

Aus dem Ukrainischen von Adrian Wanner, aus: Der Klang von Sonnenklarinetten. Drei Lyriker der ukrainischen Moderne. Zürich: Pano Verlag, 2008, S. 47

Антистрофа

Аероплани й усе довершенство техніки – до
чого це, коли люди одне одному в вічі не
дивляться?

Не хватайте озлоблених у тюрми: вони самі
собі тюрма.

Університет, музеї й бібліотеки не дадуть того,
що можуть дати
карі,
сірі,
блакитні ...

Ebd. S. 46

Expressionismus aus Rumänien

Oscar Walter Cisek 

(* 6. Dezember 1897 in Bukarest; † 30. Mai 1966 ebenda)

Hei!

Trambahnscheiben stürmen ekstatisch durch tanzende Sonne,
Hohl auf rasselndem Wagen grölt eine Tonne,
Muskelquellende Pferdeschenkel auf Steinen erzittern,
Und tausend Autoradsprossen Leben umgittern,
An Haltestellen Gesichtermeere sich stauen,
Blanke Kastanienblütenfackeln leuchten im Blauen,
Entsetzen stottert krank aus krummen Altweibermündern,
Staub spritzt aus strahlenden Haaren von spielenden Kindern,
Plakate schreien, und Kleider foppen, und Leiber bedrängen
Alternde Mauern, die dunkle Löcher in Frühlingsluft sprengen – :
Erleben krächzt, heult, posaunt, verblutet und johlt! –
Und ich schwebe, verfließe im Braus, bis der Teufel mich holt!!

Aus: „In Dornbüschen hat Zeit sich schwer verfangen“ : Expressionismus in den deutschsprachigen Literaturen Rumäniens ; eine Anthologie / Michael Markel (Hg.). Regensburg : Pustet, 2015, S. 100. Das Gedicht stammt vermutlich aus den 1920er Jahren, gedruckt wurde es erstmals 1972 in Rumänien.

Wie teilt man ein Bett?

Tom Schulz

Wie teilt man ein Bett? Setzt man einen Schwan hinein 
lässt die Sonne hinter den Vorhängen kreisen? Katze und Hund
gesellen sich dazu. Katze am Fußende, der zarte Köter
zwischen Brust und Schlüsselbein. In manchen Nächten bekommt
es Schlagseite, fliegen die Federn eines behelmten Vogels.
Das Holz arbeitet im Traum. Querflöte, du liegst wie eine Er-
trunkene. Du kannst doch nicht daneben liegen. Zur Ruh, zur
Ruh. Wäre das Bett eine Barke, der Himmel über einem Strand-
Korb, das Linnen und ein Segel. Von den Gewässern weiß man
dass sie fließen, dass sie den Berg hinauf geflossen sind.
Ich bin ein Teil von dir, ein Teil vom Holz, besticktes Kissen.
Bin das Geklöppelte, die Masche auf der Nadel. In einem
Rahmen: zwei Meter mal eins sechzig; keine deutsche Eiche.
Ein Flaum- Feder- und Fabelgewicht. Unter den Wolken, Glacier
endloses Eis und Tauzeit. Apnoe-Taucher, aussetzender Atem.

Aus: manuskripte 226/2019, S. 109

Thomas Müntzer

Heute vor 500 Jahren wurde Thomas Müntzer für seine Rolle beim Thüringer Bauernaufstand hingerichtet. Aus dem Anlass eine kurze Einführung, ein zeitgenössischer Bericht und ein Epigramm.

Die Schlacht bei Frankenhausen am 15. Mai 1525 war der Wendepunkt und das blutige Finale des Deutschen Bauernkriegs. Unter der Führung des radikalen Reformators Thomas Müntzer versammelten sich Tausende aufständische Bauern und städtische Handwerker in Thüringen, um gegen soziale Ungerechtigkeit, feudale Unterdrückung und kirchliche Machtstrukturen zu kämpfen. Müntzer, der sich von Martin Luther abgewandt hatte, predigte eine gewaltsame Umgestaltung der Gesellschaft im Sinne göttlicher Gerechtigkeit.

Die Aufständischen, schlecht bewaffnet und militärisch unerfahren, errichteten eine Wagenburg auf dem Schlachtberg bei Frankenhausen. Dort trafen sie auf ein vereintes Fürstenheer unter der Führung von Landgraf Philipp von Hessen und Herzog Georg von Sachsen. Trotz eines vereinbarten Waffenstillstands griffen die fürstlichen Truppen überraschend an. Die Bauern wurden überrumpelt, in Panik versetzt und massenhaft niedergemetzelt. Schätzungen zufolge starben etwa 6.000 Aufständische, während die Verluste der Fürsten minimal waren. 

Thomas Müntzer wurde nach der Schlacht gefangen genommen, auf der Festung Heldrungen gefoltert und am 27. Mai 1525 in Mühlhausen öffentlich enthauptet. Sein Tod markierte das Ende des organisierten Bauernwiderstands in Mitteldeutschland. Während Müntzer in der DDR als revolutionärer Märtyrer verehrt wurde, galt er im Westen lange als fanatischer Aufrührer. Heute wird seine Rolle differenzierter betrachtet – als Symbol für den radikalen Flügel der Reformation und als Mahnmal für die Grenzen revolutionärer Gewalt. 

Aussagen des Wiedertäufers Hans Hut über die Schlacht bei Frankenhausen

Der Müntzer hätte am Sonntag, als am Montag die Bauern geschlagen worden wärn, zu Frankenhausen gepredigt: Gott der Allmächtige wollte jetzo die Welt reinigen und hätte der Oberkeit den Gewalt genommen und den den Untertanen gegeben. Da würden sie schwach werden, wie sie denn schwach warn, und sie, die Oberkeiten, würden bitten, aber sie sollten ihnen keinen Glauben geben, denn sie würden ihnen kein Glauben halten, und Gott wäre mit ihnen, denn die Bauern hätten an einem jeden Fähnlein ein Regenbogen gemalt geführt. Hätte der Müntzer gesagt, das wäre der Bund Gottes. Und als der Müntzer den Bauern obgemeldetenmaßen drei Tag nacheinander gepredigt, wäre allwegen ein Regenbogen am Himmel um die Sonnen gesehen worden. Denselben Regenbogen der Müntzer den Bauern gezeigt und sie getröstet und gesagt, sie sehen jetzo den Regenbogen, den Bund und das Zeichen, daß es Gott mit ihnen haben wollt. Sie sollten nur herzlich streiten und keck sein. Und er, Hut, habe den Regenbogen auch gesehen.

Aus: Kaiser, Gott und Bauer. Die Zeit des Deutschen Bauernkrieges im Spiegel der Literatur. Berlin: Verlag der Nation, 1975, S. 494

Heinrich Anselm von Ziegler und Kliphausen

(* 6. Januar 1663 in Radmeritz, Oberlausitz, heute in Polen; † 8. September 1697 in Liebertwolkwitz, heute Leipzig)

Thomas Müntzer

Hier ruht der Schwärmer Haupt, der Bauern Arme-Ritter,
Es schmeckt ihm zwar der Tod, wie seinen Brüdern, bitter.
Doch glaubt: es sei sein Geist nicht gänzlich beigelegt,
Weil er sich heute noch in mancher Seele regt.

Aus: Wir vergehn wie Rauch von starken Winden. Deutsche Gedichte des 17. Jahrhunderts. 2. Band. Berlin: Rütten & Loening, 1985, S. 335

O meine Zizi

Louis Aragon 

(* 3. Oktober 1897 in Paris; † 24. Dezember 1982 ebenda)

Übertreibung

O meine Zizi
O meine Zizi
Deine kleinen Brüste deine kleinen
Füße
Füße Füße Füße Füße
Deine kleinen Füße auf meinen großen Brüsten

In: Variétés (1929). Übersetzt von Heribert Becker, aus: Das surrealistische Gedicht. 3. korrigierte u. erweiterte Auflage. Zweitausendeins. Museum Bochum, 2000, S. 27

(Den Originaltext habe ich leider nicht gefunden. Vielleicht kann jemand aushelfen?)

Nachgetragen:

Oh ma zizi
Oh ma zizi
Tes petits seins tes petits
Pieds
Pieds pieds pieds pieds
Tes petits pieds sur mes grands seins

Im Hyperbett mit angezogenen Beinen

Birgit Kempkers „Sehnsucht im Hyperbett“ ist keine Gedichtsammlung. Vielleicht ist es ein Langgedicht, oder doch Prosa im Flattersatz? Gerapptes? Aber man wird doch einmal ein Stück herausnehmen und als „Gedicht“ lesen können. Um wenigstens etwas Kontext herüberzuretten, rahme ich den willkürlich herausgebrochnen Klipp durch zwei Begleittexte – den Klappentext, Klipp Klapp, und eine „Leseleitung“ von Wolfgang Groddeck, Anfang und Ende des Buchs, das 2008 bei Droschl erschien.

Es geht um nichts Kleines. Es geht um Paul & Paula, es geht um den Vater in der Tochter, es geht um Missbrauch und Liebe, es geht um Gesang und Ekstase statt um Sprechen und Diskursivität. Es geht um mystisches Erkennen, und das sieht manchmal wie Pornografie aus. Es geht um Prosa im Flattersatz, Gereimtes & Gerapptes. Es geht um den Punkt, von dem aus Es sich öffnet. Es ist die Bühne des Vaters, der sich ausspricht.

Birgit Kempker verlangt nicht wenig vom Leser, von der Leserin – allem voran dieselbe Offenheit, das Stimmenhören, die schnelle Beweglichkeit zwischen Sprachkonstruktion und Lebenskonstruktion, die auch ihre Texte aufweisen. Und dazu die Gewissheit, dass die Sexualität der Angelpunkt ist.

(Klappentext aus: Birgit Kempker: Sehnsucht im Hyperbett. Ein transverfickter Diskurs. Graz und Wien: Droschl, 2008)

Paul ist nicht der Mann 
für verunglückte Bräute.
Jetzt ist er betäubt
& in Sicherheit.
Es war gefährlich
& er hat es geschafft.
Er sitzt im Hyperbett
mit angezogenen Beinen,
kratzt anmutig sein Knie
& stellt kindliche Fragen.
Pauls Neugier
ist das Wirklichste an Paul.

Seine Schuhe stehen vor dem Bett neben ihren.
Wenn einer so tut,
als ob er ein Idiot ist,
der so tut,
als ob er ein Idiot ist,
dann ist es Paul.
Ein Idiot.

Die Gefahr war immens.
Die Rettung wird erst nach & nach den Mann erreichen,
wenn er wieder weggeflogen
& bei sich ist in seinen Häusern,
an Plätzen,
die dann plötzlich heillos wechseln,
vor seinem Kühlschrank nachts.

Ebd. S. 174f

Wolfgang Groddeck: „Oh, es kommt / syntaxdurchbohrt“
Eine Leseleitung

Was ist der Gott der Literatur? Ein Vatergott, wenn man dem Text von der Sehnsucht im Hyperbett glauben darf. Ein katholischer Gott? Das viele Latein in der Litanei der Lust könnte es vermuten lassen. Aber das Latein im Text, o weh, ist kein Kirchenlatein, kaum Küchenlatein, es ist neu erfundenes Latein, Kinderlatein: dicurentenserum: Diekuhrenntdenseeherum – der Leser um den Text herum! Esse pro teste. Hiatus est: „Der Protest kommt beim Essen. / Schlucken ist Brechen“ – die Leserin im Text (S. 21). Es geht immer dem Klang nach, Literatur ist also Anklang und Bruch.

Und doch: die Tochter und Braut im Hyperbett des Vatergotts ist religiös und schluckt viel: „Ohne Inzest ist kein Gott zu haben“ (S. 27). Die Lust am Text ist die im Text, sie bricht sich in den Wörtern Bahn und verschmilzt mit ihnen. „Doch alle Lust will Ewigkeit“, fand einer, den die Sehnsucht im Hyperbett einmal beim Namen nennt – „doch jede Braut will Schleifen / & unverzüglich aufgefaltet sein“ klingt das Echo im Hyperbett. Die Braut im inzestuösen Hyperbett der Literatur ist ungeduldig und unsicher auch: „Das Wesen klappt die Beine zu / weit unten von sich, / die Stelle ist unbenannt, / das Wort entscheidet sich nicht.“ (S. 12) Das Wort, das sich nicht entscheidet oder entscheiden kann, ist hier, an dieser Stelle, das Wort `Scheide´. Das Wort? – „verdammte Ratte / verdammte Worte & Sache“ (S. 135): Literatur, der es ums Wort geht, kann sich zwischen Sache und Wort, res und verbum, kaum entscheiden. „Sei das Wort die Braut genannt, / Bräutigam der Geist“ beschied einst Goethe im trans-westlichen Divan. Anders tönt’s im Hyperbett: Hier lässt sich die Literatur-Tochter von Vater Literatur „ficken“, wüst missbrauchen – und sie scheint es zu genießen: ein transverfickter Diskurs tut sich auf. Literatur ist ebensosehr Gewalt wie Lust, im Schlagreim: ,wenn du Gewalt sagst, / öffnen sich meine Beine von alleine“ (S. 46) – Tabuverletzung noch und noch.

(Ebd. S. 204)

FRANCIS 教皇去世了 FRANZISKUS

Martin Winter

教皇去世了

我觉得他有点像拜登
很善良的人
老人家
对地球天然好
对穷人很好
试图做出改变
同时有点保守
很真实很开放
对教皇来说
有漫长的过去
但愿他们让拜登
这样下去到死
反正现在就是中世纪
教皇最后给世界拜和平
在罗马的广场
给大家说笑
早上就走了

2025.4
FRANCIS

Francis was a little like Biden,
he was a person.
A friendly old man.
Good for our earth,
good for poor people.
Somewhat conservative
in a way,
while changing things.
Honest and open,
at least for a Jesuit.
He had a long past.
I wish they would have let Biden
stay in office
until he dropped dead.
We have a very medieval age
right now after all.
Francis managed
his last Easter blessing,
praying for peace.

MW April 2025
FRANZISKUS

Franziskus war ein bisschen wie Biden,
ein freundlicher Mensch.
Ein alter Mann.
Gut für die Erde.
Gut für die Armen.
Nicht unumstritten
und in manchen Dingen
relativ konservativ.
Ehrlich und offen
und recht persönlich
für einen Papst.
Ein Mann mit Vergangenheit,
der im Alter
noch deutlich freundlicher wurde.
Wäre doch Biden im Amt geblieben
bis er gar nicht mehr konnte.
So richtig wie im Mittelalter,
das passt heutzutage.
Den Ostersegen
hat er noch geschafft.

Mit freundlicher Genehmigung übernommen von https://banianerguotoukeyihe.com/2025/04/25/francis-教皇去世了-franziskus/

Martin Winter (chinesisch 維馬丁; Pinyin: Wei Mading; * 1966 in Wien) ist ein österreichischer Übersetzer, Sinologe und Lyriker.

Efeu, immer der Efeu – Josep Maria Llompart zum 100.

Josep Maria Llompart

(* 23. Mai 1925, heute vor 100 Jahren in Palma; † 28. Januar 1993 ebenda) war ein spanischer Dichter katalanischer Sprache.

Efeu

Am Balkongitter
Efeu.
An den Händen, in der Erinnerung,
den Taschentüchern des Abschieds
Efeu.
Drinnen im verschlossenen Haus,
am Wandteppich, im Schrank,
in den Kaffeetassen
Efeu.
Efeu in den Augen der Toten,
den Tränen der Toten,
erstickend jedes Wort,
auf jedes Wort hin wuchernd.
Efeu, immer der Efeu,
wie er über die Wand wächst, die Liebe, den Traum,
wie er mir nachstellt, mich packt und erdrückt,
Efeu.

(1974)

Aus dem Katalanischen von Tilbert Stegmann, aus: Ein Spiel von Spiegeln. Katalanische Lyrik des 20. Jahrhunderts. Mit 7 Farbzeichnungen und 3 Collagen von Antoni Tàpies. Katalanisch und deutsch. Leipzig: Reclam, 1987, S. 161

L'heura

En els ferros del balcó,
l'heura.
A les mans i en el record,
al mocador dels adéus,
l'heura.
Per dins la casa barrada,
al tapís, al guarda-roba,
a les tasses de cafè,
l'heura.
L'heura dins els ulls dels morts,
dins les làgrimes dels morts,
estrenyent cada paraula,
florint per cada paraula.
L'heura, sempre l'heura
sobreeixint la paret, l'amor, el somni,
empaitant-me, assolint-me, ofegant-me,
l'heura.

Aus: Ebd. S. 160

zu kompliziert für den menschlichen verstand

Wolfgang Schlenker 

(* 26. Juli 1964 in Nürnberg; † 1. August 2011 in Müncheberg) 

schienen

es ist wie die erinnerung an einen film
entsprechungen die aussehen wie dinge
aber keine sind

oder wie ein bisschen zeichentrick
mit einem punkt der bestimmbar ist
aber kaum zu sehen

der menschen wunsch gut zu sein
stammt aus einer alten gleichung
zu kompliziert für den menschlichen verstand

perfektion heißt deren entsprechung
zur summe der teile
geordnet oder durcheinander

an den rand oder in die mitte gestellt
die welt sagt das kind
geht auseinander

und was ist mit den menschen?
die menschen sagt das kind
hoppeln in eine andere natur.

Aus: Wolfgang Schlenker, doktor zeit. Hrsg. Urs Engeler. Solothurn: roughbook 020, 2012, S. 18

Tabs der Zeit, Glocken aus Fleisch

Daniel Bayerstorfer

Boschiade

Sie kauern in der Ferse des Kosmos. In ihrem Abdruck sammelt sich ein danckbahr Schwarz. Das Erdreich ist gefüllt mit Tinte. Die Ufer? Säumen kahle Bäume und verbrannte Häuser. Und aus dem Dom, der zwischen den Ruinen steht, dringt das Grunzen der in die Sakristei gepferchten Mast-Libellen, derweil die Ushi-tora aus dem Chorgestühl ihr Futter zupfen, mampfen und verdauen. Der nimmerstille Mars steht ihn’n zur einen seiten / … Und frisst sich nimmer satt an so viel Christen Bluht / … zweimal muss er die Fledermäuse kacken, das tut gut. Will sagen: Zwei Tabs der Zeit sind parallel geöffnet, die Hand ist dem Chronos auf der Maus ausgerutscht. Zappelt rücklings wie ein Käfer. Vorsichtig halten die Hopliten (mit verschwitzen Locken unterm Helm) die Lanzen vor sich hin und ihren breiten Schild. Geduckt, doch sicher kommt die Phalanx voran. Die fette Glocke dröhnt so laut von oben her, dass die Visiere auf ihren Gesichtern vibrieren. Die Tesla-Fliegen haben die Sonne verdunkelt. Ihr Summen hört man bis in die Antike. Beim Zeus, was ist das für ein Eichenbaum? Die gehängten Bürger baumeln im Wind, vom Kolibri des Todes leergesaugt. Den blassen Bauern haben sie mit Gülle gefüllt (kein Scheiss): Ein Odelfass aus Fleisch, das sie mit Dreschflegeln zum Platzen bringen. Die andern sind sich einig: Wallensteins Bier war gut, er trank es selbst. Und Tillys Truppen saufen Krug um Krug die Elbe leer, wenn’s nötig ist. Die Duttenkragen in der Strömung vollgesogen. Das Prosit hört man bis tief in die Klüfte des Riesengebirges. Danach bleibt nur der Wels mit dem Kürass auf stelzenhohen Beinen, der durchs Flussbett rennt und blökt. Die Wörter glänzen, machen blind. Drei Meilen dick, der Berg von Hirsebrei. Wie Bratwurst duftet der Wald.

Aus: Jahrbuch der Lyrik 2024/25. Hrsg. Matthias Kniep und Karin Fellner. Frankfurt/Main: Schöffling, 2024, S. 70

Daniel Bayerstorfer, geb. 1989, lebt in München.

österreich ist ein sicheres land

Hannah K Bründl 

(* 1996 in Steyr, Oberösterreich) 

_Echidna

1
österreich ist ein sicheres land
österreich ist ein sicheres land, hier wird nur aus liebe getötet
am nationalfeiertag singen militär und präsident die bundeshymne
am nationalfeiertag geschieht unter der gehissten flagge der
23. femi(ni)zid des jahres
am nationalfeiertag singen militär und präsident die hymne aus der
feder einer frau

2
unsere münder essen nicht
sprechen nicht.
haben unsere zerplatzten lippen
/ geschlossen
wir überleben auf den rücken liegend wir überleben

sehen die decken die sich über
leiber spannen
legen unsere tausenden hände auf die
bäuche

wir lehnen unsere tausenden köpfe
unsere abertausenden ohren daran, wir horchen

HALLO
HALLO
HALLO HALLO
wer
spricht?
wir schaben
wir reiben die eihaut weg über den sätzen

wer
SPRICHT
DA?
HALLO wer? wer?
die fasern kratzen wir aus
unter den nägeln die unzähligen finger
brechen
durch die venen zerbeißen geflecht

SIE HABEN SICH VERWÄHLT SIE HABEN SICH

wer?

wer?
wir überprüfen
wir klauben
auseinander

ziehen
die krusten
zwischen uns
ziehen fort
darunter fruchtwasser-
betrunken

wir essen nicht.
wir atmen vermutlich.
diese geschichte gehört einmal uns vermutlich.

echidna (~700 v.d.z.)
paula preradovic (1887-1951)
biwi kefempom (~2023)

Aus: Hannah K. Bründl, MOTHER_s. Hrsg. Urs Engeler u. Christian Filips (roughbooks 063), roughbooks, 2023, S. 17-19

Die falschen Dichter und die anderen

Fritz Rudolf Fries 

(geboren 19. Mai 1935, heute vor 90 Jahren, in Bilbao, Spanien; gestorben 17. Dezember 2014 in Petershagen bei Berlin) 

Antithetisches Gedicht leicht verkleidet

1
These

Immer wieder die sensiblen jungen Männer
mit dem verstimmten Klavier
ihrer Herzen Not
Sehnsucht mit der rechten Hand
Einsamkeit mit der Linken
Klaviere im Regen der Zeit

2
Antithese der falschen Dichter, im Regen singend


Der Regen rinnt
das Lied beginnt
wir singen
singen das Glück der Zweisamkeit
wir bringen
deiner Brüste Knospen auf Notenpapier
und arrangieren in Moll für Wörterklavier
Papier Klavier wir haben Gemüt
wir wissen schon
Gottfried Benn war aus andrem Geblüt
was schert uns der Mann
wo er uns nichts tun kann
die Neue Zeit hat das Klavier

3
Synthese


Ein Klavierstimmer
ein Glas kühles Wasser
aus dem Brunnen des Nichts
liegend getrunken
größere Papierkörbe.

(1960)

Aus: Fritz Rudolf Fries, Herbsttage im Niederbarnim. Gedichte. Berlin u. Weimar: Aufbau, 1988, S. 30f

Vielleicht muss man wissen, dass 1960 in der DDR die falschen Dichter vom Glück der Zweisamkeit und der Neuen Zeit reimten (und Gottfried Benn eine Unperson war). Gedruckt wurde es eh erst 28 Jahre später.

Fries ist besonders als Romancier wichtig – sein erster Roman wurde nur in der Bundesrepublik gedruckt (was ihn in der DDR von der Stasi erpressbar machte).

Noch einmal Pangur

Das heutige Gedicht ist wenige Jahre alt, aber es reicht über 1000 Jahre mehr in die Literaturgeschichte zurück als das von gestern. Der moderne irische Dichter auf vertrautem Fuß mit einem sehr frühen Vorfahren.

Colm Tóibín 

(* 30. Mai 1955 in Enniscorthy, County Wexford)

Pangur

Pangur, des Nachbarn Katze,
kommt in mein Zimmer
auf der Suche nach Ruhe und Frieden.

Sie leckt gerne
meine bloßen Zehen,
während ich tippe.

Aber sie kann sich
nicht beherrschen
und bald

beißt sie hinein.
»Pangur«, schimpf ich,
»wenn du nicht aufhörst,

sperr ich dich wieder ein
in das Gedicht,
das ein Mönch einst schrieb.«

Aus: Colm Tóibín, Vinegar Hill. Gedichte. Aus dem Englischen und mit einem Nachwort von Michael Krüger und Volker Schlöndorff. München: Hanser, 2025, S. 112