493 Wörter, 3 Minuten Lesezeit
Zum 90. Geburtstag des Dichters Karl Mickel stelle ich kommentarlos Auszüge aus einem Bericht über seine Zusammenarbeit mit dem Staatssicherheitsdienst der DDR und eins meiner langjährigen Lieblingsgedichte untereinander.
Mickel verstand sich vermutlich nicht als gewöhnlicher Spitzel, sondern als Gesprächspartner der Stasi auf Augenhöhe, der mittels dieser Kontakte seine Vorstellungen umsetzen wollte. In diesem Sinne gab er zwei Jahre lang bereitwillig interne Informationen weiter, führte Gewünschtes aus und glaubte in massiver Selbstüberschätzung, die Stasi instrumentalisieren zu können. (…)
Mickel, wohl zu narzißtisch, um die tatsächlichen Machtverhältnisse zu realisieren, war für die Stasi schlicht ein klassisch geführter IM, über den sie ihre Strategie der 1980er Jahre vorantrieb. Nicht zuletzt deshalb war er ein ausgezeichnetes Instrument. Er kooperierte in allen Belangen und setzte geschickt um, was man mit ihm besprach. Auch wenn es sich für Mickel vermutlich anders darstellte, war er am Ende nichts anderes als ein Einflußagent eines Geheimdienstes, mit dem andere nicht kooperiert hätten (…).
Mickels Sperrigkeit war nur scheinbare Opposition. Er gefiel sich gut eingerichtet und ohne moralische Skrupel im kryptisch Artifiziellen und suggerierte Widerständiges. In dieser Inszenierung zog er den jungen literarischen Widerstand an und lähmte ihn zugleich. Diesen Typus der vermeintlich kritischen und dabei systemstabilisierenden Attitüde gab es nicht nur in der späten DDR. Ein noch zu erforschendes Feld im Hinblick auf das Thema Künstler und Diktaturen.
Daß es auch anders ging, ist von Mickels Freund Rainer Kirsch in den Akten überliefert: „Ich kann mir schon denken, was Sie von mir wollen“, hielt er den Stasioffizieren entgegen, „ich soll für Sie Leute bespitzeln. Wenn Sie aus diesem Grunde gekommen sind, so will ich es gleich frei heraus sagen, von mir werden Sie keine Zustimmung dafür erhalten.“Die Feststellung des bärbeißigen Adolf Endler, wenigstens sei es der Stasi nie gelungen, einen der 19 Protagonisten der „sächsischen Dichterschule“ anzuheuern, ist überholt. Und das Lob jüngerer Autoren auf Karl Mickel, der sie angesprochen habe, sich nicht mit politischen Gedichten und Petitionen abzugeben, sondern ganz in die Kunst zu gehen, erscheint im Wissen um Mickels stasiunterfütterte Entpolitisierungsstrategie in einem anderen Licht. Auf jeden Fall hätte Mickel im Zuge der Evaluationsverfahren aufgrund seiner doppelten Stasieinlassung nach 1989 nicht an der Schauspielschule „Ernst Busch“ weiter beschäftigt werden dürfen. Aber auch hier war er Profiteur, diesmal des Verschweigens.
Aus: Andreas Petersen: Zum Doppelleben des Dichters Karl Mickel. Wie aus In-und Auslandsagenten „hochgelehrte Käuze“ werden. https://zeitschrift-fsed.fu-berlin.de/index.php/zfsed/article/view/510/491
Karl Mickel
(* 12. August 1935 in Dresden; † 20. Juni 2000 in Berlin)
Bier. Für Leising
Maulfaul, schreibfaul bist du, Richard, gern
Stemm ich aufn Tisch zwei Ellenbogen
Und denke, es sind viere. Was steht zwischen
Uns? Bier. Helga! noch zwei große
Weiße Blumen auf dem gelben Stiel.
Was tue ich? sagst du, ich deute
An, sag ich. Die Wirklichweisen
Wenn die was sagen, sagen die: Naja
Ich kenne eine Frau, vom Hörensagen
Aber verbürgt: dreißig, neun Jahre am Fließband
Der zucken, wo sie geht und liegt, die Arme
Die läuft zum Psychiater, denn sie wünscht
Zu kündigen. Der Wunsch, klagt sie, sei krankhaft.
Wer Ohren hat zu sehen der wird schmecken.
Aus: Karl Mickel, Eisenzeit. Gedichte. Halle (Saale): Mitteldeutscher Verlag, 1975, S. 40
151 Wörter, 1 Minute Lesezeit
Elfriede Czurda
(* 25. April 1946 in Wels)
Ich saß auf einem Berge*
Ich saß auf einem Berge;
beiße, saufe, garne mich,
bieg auch Eisen, eß Farm,
mach Auge, freß Eisbein,
meß Frage, Sache, Bein. Ui!
Ich faß, rase, beuge mein
Bin. Rieche Gas, Efeu, Maß.
Feuerbach, si!, genas mies.
*) (Anastasius Grün)
Aus: Elfriede Czurda: Fälschungen. Anagramme und Gedichte. Berlin: Rainer Verlag, 1987, S. 18
der freund
es ist schwer, nicht vom vollmond
zu reden. es ist schwer, nicht zu
sagen, in mondgeflochtenen pantinen
steigt er himmelwärts, der freund:
soeben am sternbild der kassiopeia
vorbei. wer nicht fliegen kann, der
will es lernen. ein wenig nur, die
flügel sind so schütter und der mut
ist so gering. der freund steigt
schneller aufwärts. er dreht sich
um. er blickt zurück. er ist ver-
schwunden. wie einsam der planet
ist, wenn astronauten an ihm vorüber-
ziehn. es ist ihm schwer, dem freund,
zu schweigen.
Aus: Ebd. S. 77
143 Wörter, 1 Minute Lesezeit
Ulrich Berkes
(* 11. Mai 1936 in Halle (Saale); † 21. Dezember 2022 in Berlin)
Die Nachricht von seinem Tod (vor zweieinhalb Jahren!) hat mich verfehlt, ich stoße zufällig darauf. Hier ein Gedicht aus seinem zweiten Buch.
Theokrit
Eine cola mit dir zu trinken ist viel besser als in antiken idyllen zu lesen, und ich beneide den griechen nicht um zweitausendjährigen ruhm, denn er hatte keinen an seiner seite, mit ihm ein buch über einen schizophrenen dichter zu kaufen oder an einem blauen märzsonntag im Connewitzer gehölz spazieren zu gehn.
Er schrieb kunstvolle klagen nieder, als seine liebe nicht erwidert wurde, während ich dich vor einem umgestürzten baum fotografiere und mir wieder auffällt, daß du wie ein junger, träumender schafhirt im winter aussiehst, dem es völlig gleichgültig ist, ob ich dichte oder vielleicht tintenfische fange.
1978
Aus Ulrich Berkes: Tandem. Gedichte. Berlin und Weimar: Aufbau, 1984 (Edition Neue Texte), S. 49
93 Wörter, 1 Minute Lesezeit
Günter Kunert
(* 6. März 1929 in Berlin; † 21. September 2019 in Kaisborstel)
Film – verkehrt eingespannt
Als ich erwachte,
erwachte ich im atemlosen Schwarz
der Kiste. Ich hörte: Die Erde tat sich
auf zu meinen Häupten. Erdschollen
flogen flatternd zur Schaufel zurück.
Die teure Schachtel mit mir, dem teuren
Verblichenen, stieg schnell empor.
Der Deckel klappte hoch, und ich
erhob mich und fühlte gleich: drei
Geschosse fuhren aus meiner Brust
in die Gewehre der Soldaten, die
abmarschierten, schnappend
aus der Luft ein Lied,
im ruhig festen Tritt
rückwärts.
Aus: Günter Kunert, Notizen in Kreide. Gedichte. Leipzig: Reclam, 1970, S. 64
80 Wörter, 1 Minute Lesezeit
Kornelia Koepsell
An die Freunde
Ihr, Lieben, Trunkenbolde, Zeterer, lausige Schimpfer,
Maulhelden, Knallköpfe, Süßschnaufende, Zyniker, Zweifler,
ihr Melancholiker jenseits des Mondes,
wie konnte ich versäumen, euch zu besingen?
Hier bricht alles zusammen, ihr aber sagt: Wir haben
die gesellschaftsfeindliche Absicht,
nachzudenken, wie mich das freut.
Daß ihr aber die gesamte, beschissene Popmusik nicht mögt,
bis auf die Talking Heads, gefällt mir besonders, ihr Irren.
Aus: Jahrbuch der Lyrik 2024/25. Hrsg. Matthias Kniep und Karin Fellner. Frankfurt/Main: Schöffling, 2024, S. 116
213 Wörter, 1 Minute Lesezeit
Ivan Blatný
(* 21. Dezember 1919 in Brünn; † 5. August 1990, heute vor 35 Jahren, in Colchester, England)
ŠTĚPÁNEK: DER TSCHECHE UND DER DEUTSCHE
In Palästina wurde Die verkaufte Braut auf Hebräisch gespielt
in der Opéra Comique auf Französisch
in Sadler's Wells auf Englisch
Die verkaufte Braut
ist auf deutschen Bühnen wie zu Hause
wir verstehen uns mit den Deutschen
Österreich und das Reich sind unsere Heimat
Wilhelm der Zweite treibt Sport in seinem Exil
Das Fernsehen zeigt heute russische Turnerinnen
ich werde alles verkaufen
ich verkaufe den Laden meine Villa alle Vorräte
vielleicht lässt sich eine russische Turnerin erwerben.
Aus: Ivan Blatný: Hilfsschule Bixley. Gedichte. Aus dem Tschechischen und mit einem Nachwort von Jan Faktor und Annette Simon. Wien: Edition Korrespondenzen, 2018, S. 60
Jan Nepomuk Štěpánek (19. Mai 1783 – 12. Februar 1844) war ein tschechischer Dramatiker, Regisseur und Schauspieler. „Der Tscheche und der Deutsche“ war ein zweisprachiger Schwank (1812).
Ein bekanntes Klischee besagt, dass die ganz Großen der Kunst sich der Gefahr aussetzen, an sich und der Welt verrückt zu werden. Dieses Klischee erweist sich auch im Falle von Ivan Blatný als nicht wirklich wahr oder hilfreich, weil es zu viele Narrative nicht mit einbezieht. Blatný war ein hochbegabter, sensibler und sicherlich auch komplizierter Mensch. Aus heutiger Sicht war er einfach eine extravagante bis auffällige Persönlichkeit.
Aus dem Nachwort der Übersetzer, a.a.O. S. 211
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Sarah Kirsch
(* 16. April 1935 in Limlingerode am Harzrand; † 5. Mai 2013 in Heide (Holstein))
Der Maler Ebert
Und dann gingen wir noch
Den Maler Ebert am Stadtrand besuchen
Da stellten wir fest: Frühjahr war: den Wiesen am Fluß
Wuchs schon was und die Sträucher
Beblätterten sich und Vögel
Rieselten raus. Wo er wohnt
Ist die Saale sanft gebogen und die Schwärze
Überspannt mit zierlicher Wölbung ein Brückchen.
Im breiten Treppenhaus der Geruch alter Häuser
Ohne Wasserklosett aber man fühlt sich geborgen
Schon sahn wir die Bilder schimmern aus weißen Rahmen
Klopften da sagte die Nachbarin
Er wäre weggegangen und wenn er ginge
Zumal seine Frau beim Frisör sei käme er
Vor Anbruch der Nacht nicht. Wir fragten
Nach seinen Lieblingskneipen
Sahen in jede steckten den Kopf
Aus der Sonne in dämmrige Bierstuben
Kleinen rauchigen Inseln die Flaschen
Klingelten leise – ein Wirt
Hatte ihn gehn sehn empfahl uns
An den nächsten Wirt in der Straße
Aber nirgends im Mohren nicht nicht in der
Gosenschänke. Und dann fing die Stadt an
Wir konnten ihn
Nicht weiter verfolgen der Baum der Kneipen
Verzweigte sich mächtig
Aus: Sarah Kirsch, Zaubersprüche. Berlin und Weimar: Aufbau, 1973, S. 53
Albert Ebert (* 26. April 1906 in Halle (Saale); † 21. August 1976 ebenda) war ein naiver deutscher Maler und Grafiker in der DDR. (Wikipedia)
Ein Bild von ihm kann man hier sehen.
129 Wörter, 1 Minute Lesezeit
Jane Wels
Bitte versuchen Sie,
mich nicht in Begrifflichkeiten zu fassen.
Lassen Sie das Kontinuum frei.
Die Ranunkeln sind Handelsklasse A.
Kann der Wasserhahn nicht stehen bleiben?
Pathos tropft!
Ich schwöre.
Mein Parfum heißt L’INTERDIT.
Es ist so wunderbar, ein „R“ über die
Zunge rollen zu lassen.
Mache ich aber nicht.
Contenance!
Die „Letzte Buchung“ fällt,
an der ISBN bekomme ich sie gerade
noch zu fassen,
lege sie neben „Paris Rot“,
während der Glockenschlag siebenmal
die Zeit intoniert.
Warum so biblisch?
Licht fällt immer in den Schatten,
sagt dieser Mund.
und legt sich zum Schweigen.
Aus: Jane Wels, Das Es reiten. Mit einem Grußwort von José F. A. Oliver und einer Überlegung von Jürgen Brôcan. Dortmund: edition offenes feld, 2025
Jane Wels, geboren 1955 in Mannheim, lebt im Nordschwarzwald.
382 Wörter, 2 Minuten Lesezeit
Ein Abschnitt aus einem Text von Ilse Kilic
3.
das lieben ist schön,
schöner als das singen, als ich sah das lieben.
das lieben ist ein kummer. das lieben ist ein lied. (Ernst Herbeck)*
Das Singen im „Theater der Liebe“ ist Thema der SÜSSEN BÜSCHE** von Margret Kreidl. Die Autorin hebt den Vorhang, nennt „Dinge“ beim Namen, will sagen: sie benennt die Dinge. Die Namen der (Liebes)Dinge sind Worte, die, in ihrer „Wortartigkeit“ jene – ebenfalls wortartig gemachte – Erotik als machbar und gemacht (im Sinne von hergestellt) transportieren. Zugleich beheizt Margret Kreidl die Bühne, in deren Wärme die „Dinge“ selbst zu singen beginnen.
Der vokalharmonisch aufgebaute Text SÜSSE BÜSCHE, von der Autorin als Sammlung erotischer Prosastücke bezeichnet, beginnt und endet mit botanischen Studien, Pflanzenbeschreibungen, Blüten und Stengeln. Sprechen und Sprechen vom Sex ist immer auch politisches Sprechen, ist Sprechen, das gerade dort, wo es sich dem „Treibhaus“ nähert, eine Überarbeitung des Sprechgestus erfordert, eine Verbindung von ästhetischer und politischer TextArbeit. Vokalharmonien bestimmen letztlich, wer in Margret Kreidls Texten mit wem was treibt – die sprachliche Regel tritt in Konkurrenz mit der gesellschaftlichen — und sehr schnell wird klar, wo die „Lust“ zuhause sein kann. „Unschickliche Textkörperchen“, wie Christiane Zintzen in ihrer Rezension schrieb, wachsen gleichsam nicht natürlich, wie auch gerade die Erotik nicht natürlich wachsen kann, weil es sie natürlich gar nicht gibt. Die Textkörperchen sind aber keine Metafern der Sexualität – sie sind ihre ernste Darstellung, lustig dennoch in der Gewißheit der strengen Spielregel, der Form und Inhalt unterliegen. Hier ein Exempel zur Probe:
ILSE UND LIESL
Penis-Defizit. Ilse phantasiert. Traumatischer
Schnitt. Ich bin kastriert. Liesl kichert. Ilse
frustriert: Ich-Bildung ist wichtig. Liesl
masturbiert. Ideal-Ich Ich-Ideal? Liesl lacht.
Egal! Dattel Ding Dose. Honig fließt. Liesl
genießt narzisstisch. Ilse projiziert: Das Bild
bin ich. Ilse ist Liesls Spiegel. Die Dinge
zerspringen. Liesl grinst: Prickelnde Nippel-
Teaser? Ilses Trieb-Ich verdichtet sich. Riesen-
glitzerdildo? Ilse ist glücklich. Kitzelfinger
Lippentriller? Triebziel: Rille Riß. Ilse jubiliert:
Libido fluktuiert. Frische Ritze. Lustprinzip.
Pfui! Liesl spukt. Ilse fischelt. Bi oder wie? Liesl
verzichtet: Sublimieren ist richtig. Ilse befiehlt:
Lust-Ich! Du liebst mich! Liesl reagiert nicht.
Ilse regrediert oral-sadistisch. Triebschicksal?
Liesl schwitzt. Prinzip Klitoris. Liesl zittert.
Ilse ißt Liesl
Aus: Das fröhliche Wohnzimmer. Nr. 36, S. 15
*) Ernst Herbeck: Im Herbst da reiht der Feenwind. Salzburg-Wien 1992
**) Margret Kreidl: Süße Büsche. Wien 1999
283 Wörter, 1 Minute Lesezeit
Zum 100. Geburtstag von Ernst Jandl habe ich lange in Gedanken und Büchern meine Lieblingsjandl gesucht und mich schließlich für zwei unter vielen möglichen entschieden.
Ernst Jandl
(* 1. August 1925 in Wien; † 9. Juni 2000 ebenda)
my own song
ich will nicht sein
so wie ihr mich wollt
ich will nicht ihr sein
so wie ihr mich wollt
ich will nicht sein wie ihr
so wie ihr mich wollt
ich will nicht sein wie ihr seid
so wie ihr mich wollt
ich will nicht sein wie ihr sein wollt
so wie ihr mich wollt
nicht wie ihr mich wollt
wie ich sein will will ich sein
nicht wie ihr mich wollt
wie ich bin will ich sein
nicht wie ihr mich wollt
wie ich will ich sein
nicht wie ihr mich wollt
ich will ich sein
nicht wie ihr mich wollt will ich sein
ich will sein.
(1966)
Aus: aus dem wirklichen leben. gedichte und prosa. München: luchterhand, 1999, S. 52. Ursprünglich aus. selbstporträt des schachspielers als trinkende uhr (1983)
... er habe immer etwas zu sagen gehabt, und er
habe immer gewußt, daß man es so und so und so
sagen könne; und so habe er sich nie darum
mühen müssen, etwas zu sagen, wohl aber um die art
und weise dieses sagens. denn in dem, was man
zu sagen hat, gibt es keine alternative; aber für die
art und weise, es zu sagen, gibt es eine unbestimmte
zahl von möglichkeiten. es gibt dichter, die alles
mögliche sagen, und dies immer auf die gleiche
weise. solches zu tun habe ihn nie gereizt; denn
zu sagen gebe es schließlich nur eines; dieses aber
immer wieder, und auf immer neue weise.
(1973)
Aus: ebd. S. 58. Ursprünglich aus dingfest (1973)
Arthur Cravan, Boxer, Dadaist, Dichter, Neffe Oscar Wildes und „Fahnenflüchtiger von siebzehn Nationen“, verschwand im November 1918 spurlos in den Gewässern vor der mexikanischen Küste – vermutlich bei dem Versuch, mit einem kleinen Boot von Salina Cruz nach Guatemala* zu segeln. Sein Tod bleibt bis heute ungeklärt und nährt den Mythos um einen der radikalsten und schillerndsten Außenseiter der literarischen Moderne. Heute ein Gedicht des französischen Dichters Philippe Soupault aus seiner Sammlung „Grabinschriften“ (1919). Arthur Cravan war Ende 1918 im Golf von Mexiko* verschwunden, aber er schrieb auch Grabinschriften für seine lebenden Surrealistenfreunde Paul Éluard, André Breton und Louis Aragon.
*) siehe im Kommentar
Philippe Soupault
(* 2. August 1897 in Chaville bei Paris; † 12. März 1990 in Paris)
Grabinschriften
ARTHUR CRAVAN
Die Straßenhändler sind nach Mexiko ausgewandert
Alter Boxer du bist dort gestorben
Du weißt nicht einmal warum
Du hast lauter geschrien als wir in den Palästen Amerikas
und in allen Pariser Kneipen
Du hast dich nie in einem Spiegel angeschaut
Du warst im Krankenhaus zur Sommerfrische
Was wirst du nun im Himmel tun alter Junge
Ich habe dir nichts mehr zu verbergen
Die Seine fließt noch an meinem Fenster vorbei
Deine Freunde sind sehr reich
Ich habe ein wahnsinniges Verlangen zu rauchen
Aus: Philippe Soupault, Frühe Gedichte 1917 – 1930. Übersetzt aus dem Französischen und herausgegeben von Eugen Helmlé. München: edition text + kritik, 1983, S. 93
Karl Krolow, geboren 1915, starb 1999 im Alter von 84 Jahren. Er schrieb bis zuletzt. Über 700 Gedichte entstanden in den letzten drei Jahren seines Lebens, alle datiert, manche dazu noch mit Altersangabe versehen, „84 Jahre, 2 Monate“, als ginge es um eine Wette gegen die Zeit. Es ist wie ein Endspurt – 400 Gedichte in den letzten 5 (!) Lebensmonaten, rund 150 in den letzten 2. In „Zwischen den Zeilen“, datiert auf den 16. August 1996, entwirft Krolow eine kleine Poetik des Spätwerks: zwischen Phantasie und Wahrheit, Wahrheit und Irrtum, in der „anderen Zeit“, wo es „nie zu spät“ ist für „kurze Ewigkeit“.
Auch das Inselbuch mit einer Auswahl aus diesem Nachlass lag obenauf auf dem Schreibtisch von Irmgard Senf, dieses Gedicht angestrichen.
Karl Krolow
(* 11. März 1915 in Hannover; † 21. Juni 1999 in Darmstadt
Zwischen den Zeilen
Zwischen den Zeilen ist nichts.
Die Flucht aus der Phantasie,
verächtlichen Gesichts,
weiss es und anders war's nie.
Aber in Wahrheit trumpft
eine andere Wahrheit auf
gegen alle Vernunft,
nimmt den Irrtum in Kauf.
Wer zwischen Zeilen gerät
lebt in der anderen Zeit.
In ihr ists nie zu spät
für kurze Ewigkeit.
16. VIII. 96
Aus: Karl Krolow: Die Handvoll Sand. Gedichte aus dem Nachlaß. Auswahl und Nachwort von Charitas Jenny-Ebeling. Frankfurt/Main und Leipzig: Insel, 2001 (Insel-Bücherei 1223), S. 9
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