Dichtung der Omaha
LIED DES KRIEGERS
niemand kennt einen Weg
dem Tod zu entkommen
den Tod zu umgehen
die Alten die ihn trafen
die an den Ort kamen
wo der Tod steht
und wartet
haben uns keinen Weg gezeigt
ihm auszuweichen
dem Tod entgegenzutreten
ist schwer
Aus: Hans Christian Meiser (Hrsg.): Haltet an euren Träumen fest. Gedanken der Indianer Nordamerikas. Reinbek: Rowohlt, 1992, S. 203
Erst durch eine Nachricht in sozialen Medien erfuhr ich, dass schon am 12. Juni der Lyriker Werner Weimar-Mazur gestorben ist. Einen Nachruf konnte ich nicht finden. In diesem Jahr erschien sein siebter Gedichtband, Die dunkle glocke der zeit. Edition Offenes Feld (eof), Hrsg. Jürgen Brôcan, Dortmund 2025, ISBN 978-3-7583-4010-9.
Hier ein Gedicht, das ich auf seiner Webseite unter „Unveröffentlichtes“ gefunden habe. R.I.P.
la zagara
du wirst sterben
und die orangen werden blühen
kein wind weht
kein stein schlägt
und keine stimme ruft
bleib!
worte verklingen
zahlen
erde vermischt sich mit schnee
kindheit mit licht
du wirst sterben
und die orangen blühen
Braulio Arenas war Mitbegründer der surrealistischen Gruppe Mandrágora in Chile und eine zentrale Figur der lateinamerikanischen Avantgarde. In seinem Gedicht Druckfehler verwischt er spielerisch und doch radikal die Grenzen zwischen Sprache, Sinn und Subversion. Der Text folgt der Logik des Traums, der poetischen Verschiebung – und stellt Fragen nach der Wirklichkeit der Wörter: Wo beginnt der Fehler, wo die Wahrheit? Und wer bestimmt, was zu „heißen“ hat?
Braulio Arenas
(* La Serena, 4. April 1913 – † Santiago de Chile 12. Mai 1988)
Druckfehler
Statt die Liebe muß es heißen die Liebe
Statt die Brüste muß es heißen die Brüste
Statt die Jugend die Schönheit die Mühle muß es
heißen die Mühle die Schönheit die Jugend
Statt der Tiger muß es heißen mondän*
Statt der Ozean muß es heißen das Meer
Statt die Liebe muß es heißen die Liebe
Statt der Höllenstein muß es heißen el nitrato de plata
Statt die Brüste muß es heißen die Brüste
Statt aus einem Schuß zwei Treffer machen muß es
heißen aus einem Mund zwei Lippen machen
Statt 1948 muß es heißen 8491
Statt ich liebe dich muß es heißen ich liebe dich
Statt die Nacht der Tag muß es heißen Nacht Tag
Statt der Abschied muß es heißen die Frau ist
gekommen
Statt die Damen von einstmals muß es heißen
die Frau ist gekommen
Statt ................... muß es heißen ................... .
Statt die Durchquerung des Spiegels muß es heißen
die Durchquerung des Spiegels durch einen Spiegel
Statt der Spiegel muß es heißen die Brüste.
* Anspielung auf die Erzählung »Der mondäne Tiger« (1946) des französischen Surrealisten Jean Ferry (Anm. d. Übers.)
Aus dem Spanischen von Heribert Beckder, aus: Becker, Heribert / Jaguer, Edouard / Král, Petr (Hrsg.): Das Surrealistische Gedicht. Frankfurt/Main: Zweitausendeins Museum Bochum, 1985. 3. korrigierte und erweiterte Auflage, Frankfurt am Main: Zweitausendeins Verlag, 2000, S. 30f
ISBN 9783861502463. Gebunden, 1888 Seiten, 25,56 EUR
Zum 125. Geburtstag von Robert Desnos (4. Juli 1900 – 8. Juni 1945)
Robert Desnos war Träumer, Radiomoderator, Poet und Résistance-Kämpfer. Sein dichterisches Werk oszilliert zwischen spielerischer Fantasie und existenzieller Tiefe. Das Gedicht Pas vu ça verdichtet in wenigen Zeilen Desnos’ Poetik: das Staunen über das Unsichtbare, die Kraft der Imagination – und zuletzt die Überlegenheit des gelebten Augenblicks über das Spektakel. Es wurde, wie viele seiner Werke, erst postum wiederentdeckt: Desnos starb wenige Wochen nach der Befreiung im Konzentrationslager Theresienstadt an den Folgen seiner Haft.
Robert Desnos
(* 4. Juli 1900, heute vor 125 Jahren, in Paris; † 8. Juni 1945 in Theresienstadt)
Das nicht gesehn
Nicht gesehn den Kometen
Nicht gesehn den schönen Stern
All das nicht gesehn
Nicht gesehn das Meer in der Flasche
Nicht gesehn das Gebirge verkehrt
Soviel nicht gesehn
Aber zwei schöne Augen gesehn
Gesehn einen Mund blendend schön
Und viel Besseres gesehn.
Aus dem Französischen von Klaus Möckel, aus: Robert Desnos: Die Quellen der Nacht. Gedichte. Berlin: Volk und Welt, 1985, S. 57
Pas vu ça
Pas vu la comète
Pas vu la belle étoile
Pas vu tout ça
Pas vu la mer en flacon
Pas vu la montagne à l'envers
Pas vu tant que ça
Mais vu deux beaux yeux
Vu une belle bouche éclatante
Vu bien mieux que ça
Das Gedicht hat 170 Wörter, 1 Minute Lesezeit … aber nur wenn man es schnell mal durchliest. Man könnte auch verweilen, das Gedichte verlangt langsames Lesen, wieder und wieder lesen, in der Bibel nachschlagen (die kursiven Stellen sind der Bergpredigt entnommen, ich habe die beiden Stellen mal mit wenig mehr Kontext unter den Text gestellt), darüber nachdenken, wie die Überschrift Kontext mitgibt oder wer „die andere“ ist. Und ja, ein Pferd ist auch wieder dabei, das „halfter“ hätte uns gleich stutzig machen sollen. 412 Wörter.
Theresa Luserke
wachhund
ich merke auf: wenn nun das salz nicht mehr salzt,
womit soll man salzen? ich gehe hin und beobachte
die andere: sie hat ihre wortschaufel in der hand;
sie wird um die tanne fegen, denk ich, leise
und ihre scherben in die scheune schütten.
nachts steh ich herum, der mond strahlt. scheinwerfer
der auf meinen stehfleck scheint. ich sage halsstarrig
zum erdboden: bis himmel und erde vergehen, wird
nicht vergehen der kleinste buchstabe, noch ein
tüpfelchen vom gesetz, bis es alles geschieht. ich
halte den wachhund, kampfgewicht, widerspenstig
am halfter. ich träume: sie hat die ausgeburt zu tode
gepflegt, mit salz und licht, mit gewaltiger geduld
hat sie eintöpfe gekocht und ausgelesen. ich wache
auf: alle wörter die gesprochen wurden beschirmen uns.
ich gehe hin, in gedanken, und sage zu ihr: gnade.
die lange schnur wörter die wir haben ... das ist doch
eine menge geschmolzen als ein leuchtendes blech!
dann schwing ich mich voller leidenschaft und stolz auf
ein pferd und treib es an den falben dass er wegspritzt
Aus: Theresa Luserke: ist liegt hinterm haus. Hrsg. Christian Filips. Berlin, Schupfart und Wien: roughbooks, 2025 (roughbook 066), S. 65
Ihr seid das Salz der Erde. Wenn nun das Salz nicht mehr salzt, womit soll man salzen? Es ist zu nichts mehr nütze, als dass man es wegschüttet und lässt es von den Leuten zertreten.
Ihr sollt nicht meinen, dass ich gekommen bin, das Gesetz oder die Propheten aufzulösen; ich bin nicht gekommen aufzulösen, sondern zu erfüllen. 18 Denn wahrlich, ich sage euch: Bis Himmel und Erde vergehen, wird nicht vergehen der kleinste Buchstabe noch ein Tüpfelchen vom Gesetz, bis es alles geschieht. 19 Wer nun eines von diesen kleinsten Geboten auflöst und lehrt die Leute so, der wird der Kleinste heißen im Himmelreich; wer es aber tut und lehrt, der wird groß heißen im Himmelreich. 20 Denn ich sage euch: Wenn eure Gerechtigkeit nicht besser ist als die der Schriftgelehrten und Pharisäer, so werdet ihr nicht in das Himmelreich kommen. Matthäus 5:17
Am 1. Juli 1925 starb der französische Komponist Erik Satie – ein Exzentriker, Außenseiter und Wegbereiter der musikalischen Moderne. Zu seinen kuriosesten Werken zählen die Trois Poèmes d’Amour (1914), drei Miniaturen für Singstimme und Klavier, deren Texte er selbst verfasst hat – offenbar das einzige Musikstück zu eigenen Texten.
Satie spielt darin mit der Form mittelalterlicher Liebeslyrik, parodiert Troubadour-Ton und Klischees der “amour courtois”, und versieht sie mit absurden Wendungen, lautmalerischen Elementen und unerwarteten Pointen. Der musikalische Satz ist schlicht, fast skizzenhaft – ganz im Dienst des grotesken Wortwitzes.
Satie verstand Text nie als bloßes Libretto. In vielen seiner Vokalwerke – ebenso wie in den oft kommentierten Klavierstücken – schuf er poetische, dadaeske Miniaturen, in denen Musik, Sprache, Humor und Schweigen zusammenspielen.
Man kann den französischen Text im Video oder direkt hierunter mitlesen, selbst wenn man kein Französisch versteht. Wichtiger ist der Klang. Ich übersetze nur untenstehend die Untertitel der drei Stücke. Für die von Youtube angehängten Werbevideos (die immer inhaltlich Entsprechendes mit dubiosen politischen Inhalten kombinieren) übernehme ich keine Verantwortung.
Ne suis que grain de sable,
Toujours frais et t'aimable,
Qui boit, qui rit, qui chante
Pour plaire à son amante.
Tout doux, ma chère belle
Aimez votre amant frêle;
Il n'est que grain de sable,
Toujours frais et t'aimable.
Alfred Erik Leslie Satie (1866 – 1925), Trois Poèmes d’Amour, no. 1, Éd Rouard Lerolle. Untertitel:
Der Dichter wagt eine diskrete Liebeserklärung an seine Geliebte – ein blasses Geständnis in eigenen, magischen Worten. Sie hört zu – kalt, verächtlich.
Suis chauve de naissance,
Par pure bienséance
Je n'ai plus confiance
En ma jeune vaillance.
Pourquoi cette arrogance.
De la si belle Hortence?
Très chauve de naissance,
Le suis par bienséance.
Untertitel: Hier bringt der Dichter seine ganze Hingabe und Konzentration zum Ausdruck. Er zweifelt an seinen eigenen Fähigkeiten und offenbart große Angst.
Ta parure est secrète,
Ô douce luronnette.
Ma belle guillerette
Fume la cigarette
Ferai-je sa conquête,
Que je voudrais complète?
Ta parure est secrète,
Ô douce luronnette.
Untertitel: Der Dichter, von Schwindel erfasst, scheint wahnsinnig vor Liebe. Sein Herz pocht, seine Lider zittern wie Blätter.
Zum 100. Geburtstag des Schweizer Dichters Philippe Jaccottet (* 30. Juni 1925 in Moudon, Schweiz; † 24. Februar 2021 in Grignan, Frankreich) würdigen wir mit diesem Gedicht die leise, pflanzenkundige Weisheit seiner Poesie. Jaccottets Welt spricht die Sprache der Pflanzen – Kreuzkraut, Wegwarte, Bärenwurz.
Zu viele Sterne in diesem Sommer, Meister und Herr,
zu viele niedergedrückte Freunde,
zu viele Rätsel.
Ich spüre, immer unwissender werde ich
mit der Zeit
und ende bald verblödet im Dornengestrüpp.
Erkläre dich endlich, ausweichender Meister!
Zur Antwort am Wegrand:
Kreuzkraut, Wegwarte, Bärenwurz.
Aus dem Französischen von Elisabeth Edl und Wolfgang Matz, aus: Philippe Jaccottet, Antworten am Wegrand. München, Wien: Hanser, 2001, S. 48
Trop d’astres, cet été, Monsieur le Maître,
trop d’amis atterrés,
trop de rébus.
Je me sens devenir de plus en plus ignare
avec le temps
et finirai bientôt imbécile dans les ronciers.
Explique-toi enfin, Maître évasif !
Pour réponse, au bord du chemin :
séneçon, berce, chicorée.
128 Wörter, 1 Minute Lesezeit
William Carlos Williams
(* 17. September 1883 in Rutherford, New Jersey; † 4. März 1963 ebenda)
The Act
There were the roses, in the rain.
Don't cut them I pleaded.
They won't last, she said.
But they're so beautiful
where they are.
Agh, we were all beautiful once, she
said,
and cut them and gave them to me
in my hand.
Die Tathandlung
Da standen die Rosen im Regen.
Ich bitt dich, schneid sie nicht ab.
Sie werden sich nicht halten, sagte sie.
Aber sie sind so schön,
wo sie sind
Ach, schön waren wir alle einmal,
sagte sie,
und schnitt sie und gab sie mir
in die Hand.
Deutsch von Hans Magnus Enzensberger, aus: William Carlos Williams, Gedichte. Der harte Kern der Schönheit. Paterson. Reinbek: Rowohlt, 2001, S. 216f
179 Wörter, 1 Minute Lesezeit.
Zu den 100jährigen des Jahres gehört auch die heutige Autorin, die im Februar 1925 geboren wurde und 98jährig im März 2023 starb. Ihr Buch bei hochroth Berlin erschien 2020.
Rivka Basman Ben-Chaim
| tojbn redn jidisch. ich hob alejn gehert. farklert schikn sej di werter zu der erd a grajpele gefinen – workn sej – wi dichters – a jidisch wort zu ergez a baginen. ich hob mit sej geret un mit a jidisch wort dem fli in sej gelegt. | Tauben sprechen Jiddisch, so hörte ich es immer wieder. Versonnen schicken sie die Wörter auf die Erde nieder. Haben sie ein Korn gefunden, gurren sie – wie Dichter – ein jiddisches Wort auf ihren Morgenrunden. Ich plauderte mit ihnen und bedachte zärtlich ihr Fliegen mit einem jiddischen Wort. |
| Aus dem Jiddischen von Niki Graça und Esther Alexander-Ihme |

Aus: Rivka Basman Ben-Haim: Tauben sprechen Jiddisch. Aus dem Jiddischen von Niki Graça und Esther Alexander-Ihme. Nachwort von Niki Graça. Grafik: Mula Ben-Haim. hochroth Berlin 2020, S. 26f
Rivka Basman Ben-Hayim geborene Rivka Basman (hebräisch ,רבקה בסמן בן-חיים geboren am 20. Februar 1925 in Ukmergė, Litauen; gestorben am 22. März 2023 in Herzlia, Israel) war eine litauisch-israelische Lyrikerin, die auf Jiddisch schrieb. https://de.wikipedia.org/wiki/Rivka_Basman_Ben-Hayim
231 Wörter (wenn man das Gedicht zweimal liest) 1 Minute Lesezeit
In ihrem Band Rätsel in großer Schrift verwandelt Franziska Füchsl das Kreuzworträtsel in eine poetische Denkfigur. Was zunächst wie ein harmloses Spiel erscheint, wird zur Reflexion über Sprache, Unsicherheit und Erkenntnis. Wer stellt die Fragen? Wer kennt die Antworten? Und was, wenn jede Antwort nur neue Fragen gebiert?
franziska füchsl

Aus: franziska füchsl: Rätsel in großer Schrift. Salzburg: edition mosaik, 2018 (3. Aufl.), S. 25
fragt der kreuzworträtsler? fragt jener, der ausfüllt, einträgt – fragst du, freund? fragst : DUKATEN und hast die antwort schon stehn : goldmünzen. du wusstest vielleicht nicht die antworten, sondern kanntest die fragen zu all dem vorgegebenen, zu allem bold : die hauptstadt von goldmünzen : dukaten? schwillt in den lösungen des kreuzworträtslers deine unsicherheit? meine, seine, unsre? heitert er die rätsel auf? macht sie lesbar, weil jede lösung die gegenfrage stellt – und die gegenantwort? fährt sie in gedachten linien / jenen wie diesen?
238 Wörter, 1 Minute Lesezeit
Pavlo Korobtschuk
ICH KANN NICHT
ich kann nicht pathetisch und patriotisch dichten,
die Helden des Volkes besingen, die im Grund
nur ihren Job tun, wie sichs gehört
ich umgehe die Nachrichten vom Kampffeld
ich lausche dem monotonen Rauschen der Autos
hinter dem Fenster, wie dichtem Regen
ich weiß, dort kämpfen unsere Leute, und dieses Wissen wärmt.
Blut und Leichen – auf beiden Seiten – davon
haben wir bereits genug gesehen
die Wunde am Oberschenkel vom Wintermajdan
ist längst verheilt, manchmal juckt sie ein wenig
und dies ist keine Allegorie
seit einem halben Jahr dichte ich nicht, auch dies ist kein Gedicht
vielleicht bin ich alt und unsensibel geworden
manchmal will ich sogar mein Abendessen anbrüllen
in jedem von uns wurde – so tückisch! – das niederträchtige,
abscheuliche Gefühl der Mißachtung, des Hasses gegen Opponenten gesät
Bastarde – Arschlöcher – macht sie kalt – und so weiter
was ich sagen will – wenn das alles einmal
vorüber sein soll, laßt uns alle Gedichte schreiben,
die schöner sind als dieser wackelige Therapie-Versuch
schreibt, daß die Liebe wie eine warme Badewanne ist
mit Kiefernölduft, was übrigens
einen positiven Einfluß auf Atemwege hat
schreibt nicht über gerettete Verletzte
über das wiedereroberte Lysytschansk, über Därme und Blut
schreibt lieber über die Kiefernadeln
wenn ihr es könnt, denn ich kann nicht mal das
Aus dem Ukrainischen von Stefanya Ptashnyk, aus: Poesiealbum. Gedichte aus der Ukraine. Auswahl Jakob Waloscczyk. Wilhelmshorst: Märkischer Verlag, 2023, S. 33
Pavlo Korobtschuk, geboren 1984, ist Schriftsteller und Musiker.
210 Wörter, 1 Minute Lesezeit.
Kafka? Jandl? Batman? Schneider!
In „A“ kracht, knarzt und klirrt es zwischen Sprachwitz, Kulturanspielung und dadaistischem Wahnsinn. Ein Gedicht wie ein verbal gezündeter Knallfrosch.
Klaus F. Schneider
A
A: - krass!
A: - ach was!
A: - mach halblang, A las ka ... las was?
A: - Kafka
A: - Kafka, Franz?
A: - nachlass, ja, prawda bracht's!
A: - massa gaga, was am dach?
A: - ratsam: schlagt Kafka nach!
A: - Kafka? was kann Kafka da?
A: - Landarzt!
A: - klar, krank all das!
A: - halbgar... spaßcalvar.
A: - scharlachgas alarm!
A: - gagparad schlachtplatt.
A: - parataxscharlatan.
A: - halbsatzschaman.
A: - absahnschakal.
A: - Jandl-abwasch, banal.
A: - Artmann-abklatsch, skandal!
A: - na, Batman, klar?
A: - ach ja, star war gar, par hazard?
A: - mars attack! rambazamba agaggag!
A: - magst krawall, Kaspar? wagst nahkampf gar?
A: - was, schlappschwanz, hast schlaganfall?
A: - na, lachstarrkrampf, arschdrangsal!
A: - hab acht lackaff, das kracht!
A: - hab dank, narr, was hat's bracht?
A: - wart's ab.
A: - war's das dann?
A: - warm, nah dran ...
A: - was nah dran?
A: - fast!
A: - dann mach, sag an, spast.
A: - DRA KAMATAN
A: - drakamatan?
was'n das, schwachmat?
A: - mat dam kantrabass,
SCHACH MATT!
Aus: Klaus F. Schneider & Klaus Thaler present: Avantgardez vous oder das übereinstimmen der unterschiede im unterscheidenden ihrer übereinstimmung. 5 nach 12 transdadaistische Hypothesen aus der Badewanne. hochroth Berlin 2021, S. 38f
170 Wörter, 1 Minute Lesezeit.
Krista Anna Belševica
Kunstwerke entstehen aus Schmerz 2
Wäre ich eine Schriftstellerin (nicht unbedingt berühmt, aber
definitiv eine Schriftstellerin),
ich würde definitiv lange Erzählungen und noch längere
Gedichte schreiben.
Keine Romane, weil niemand mehr Zeit hat, sie zu lesen.
Aber Gedichte auch nicht.
Ein allzu introvertiertes und egozentrisches Genre.
Eigentlich würde ich mein Leben dem widmen, andere Leben
schön zu machen,
zu inspirieren,
zu verändern (nicht unbedingt zum Besseren, natürlich),
aber ganz bestimmt
würde ich so empfinden lassen, als wäre das Leben lebenswert.
Anfangs würde ich wie zufällig Interesse erregen,
sie hineinziehen,
sie allmählich einbinden
und sie dann behutsam fallen lassen,
mit dem Gefühl, dass nichts jemals wieder so sein wird, wie
gewohnt.
Was soll das heißen – dass es niemals wieder so sein wird, wie
gewohnt?
Schau,
das wissen wir nicht
(und es ist ganz gut so, dass wir es nicht wissen).
Aus: Mir war, als ob es klopfte. Neue Gedichte aus Lettland. Aus dem Lettischen von Astrid Nischkauer und Kalle Aldis Laar. Köln, Leipzig, Wien: parasitenpresse, 2023, S. 26
Die von Marion Poschmann und Yoko Tawada zusammengestellte Anthologie jüngerer japanischer Dichtung trägt auf dem Einbanddeckel nur Text in den Sprachen Deutsch und Japanisch. Aber das große Zeichen in der Mitte ist auch ohne bildliche Zutat dekorativ. Es ist das japanische Zeichen für Poesie oder Dichtung, es besteht aus zwei Hälften, von denen die linke „sagen“ und die rechte „Tempel“ bedeuten. Ausgesprochen wird das Wort „shi“. Seine Bedeutung umfasst aber nicht das, was wir am ehesten mit japanischer Dichtung assoziieren, Tanka oder Haiku. Diese sind eine Welt für sich und bemerkenswert produktiv – 6 Millionen Japaner schreiben Haíku und 3 Millionen Tanka. „Shi“ ist nur die von westlicher Poesie beeinflusste Dichtung. Beide, soll ich sagen „Poesien“ leben für sich, die Millionen Haiku- und Tankadichter kommen kaum je mit „shi“ in Berührung und die meisten Verfasser von „shi“ schreiben nicht in diesen traditiinellen japanischen Formen. Der heutige Dichter ist eine Ausnahme, er bewegt sich in beiden Welten. Alles das und viel mehr kann man dem Vorwort der in Deutschland lebenden Yoko Tawada entnehmen.

Ich habe den Titel von Google übersetzen lassen, sie erkennen korrekt Japanisch und übersetzen das große Zeichen mit „Poesie“ und den Titel der Anthologie mit „Die sanfte Grenze des Lichts“. (Merkwürdiger Weise übersetzten sie, einmal in Fahrt, auch den deutschen Titel noch einmal ins Deutsche, aus „Eine raffinierte Grenze aus Licht“ wurde so „Sie sind verfeinerte Grenzen aus Licht“. Merkwürdig, aber nicht unbedingt falsch. Da in der japanischen Sprache weder Genus noch Artikel noch Pluralformen existieren, muss man sich weniger festlegen als im Deutschen und hat per se poetische Leerstellen zur Verfügung.)

KANIE Naha (カニエ・ナハ)
Haushalt
Wieder zurück
in der Bildlosigkeit,
falschen Angaben Glauben schenkend,
während auf der Straße der Menschenkrieg weiterging.
Ein Nachbar, ich hab ihn vergessen,
gibt ein neues Haus auf,
das sein Leben war,
und kehrt um, wir schweigen
seit mehr als zehn Jahren, Barmherzigkeit bildet ein Dach,
wir wiegen uns in Sicherheit, ein einziges
Weltwort ist uns geblieben.
Notate,
eingebrannt in die Armbeuge.
Am Schluss einer Petition
wird dem Menschen
die Empathie abgesprochen.
Deutsch von Marcel Beyer nach einer Rohübersetzung von Yoko Tawada, aus: Eine raffinierte Grenze aus Licht. Japanische Dichtung der Gegenwart. Hrsg. Marion Poschmann und Yoko Tawada im Auftrag der Akademie der Wissenschaften und der Literatur, Mainz. Göttingen: Wallstein, 2023, S. 177.
(In japanischen Namen wird der Familienname vorangesetzt, also hier Kanie, und Naha ist der Vorname. Nur im Westen lebende Japaner passen die Schreibweise hiesigen Gepflogenheiten an und stellen den Vornamen voran, wie Yoko Tawada oder Yoko Ono.)
Die Anthologie im Lyrikwiki
Gleichungen und Pferde
Veröffentlicht am 2. Juli 2025 von lyrikzeitung
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267 Wörter, 1 Minute Lesezeit
Kurz nachdem ich die Zusage zur Veröffentlichung meines ersten Buches bekommen hatte, schlug mein Lektor – der es gut meinte – vor, die langen Zeilen in diesem Gedicht umzubrechen: es würde dadurch besser wirken. Ich brach die Zeilen um. Es war ein Fehler. Der Text erschien in »American Letters & Commentary« und dann in »The Best American Poetry« mit den ursprünglichen langen Zeilen – die zugleich ganze Sätze sind. Diese Version ist die korrekte. Ich schere mich nicht weiter um die Pseudo-Unterschiede zwischen Poesie und Prosa. Dieses Gedicht ist Prosa. Ich bin eine Autorin von Prosa. Die Königin ist tot, lang lebe die Königin. Man vergeudet viel Zeit damit, die Oppositionen falscher Dualismen zu debattieren. »Der Reiter« beklagt diese vergeudete Zeit.
SARAH MANGUSO
SARAH MANGUSO
aus dem Amerikanischen von Ron Winkler
Aus: sprachgebunden. Zeitschrift für Text + Bild. Ausgabe 3, 2007. Edition Chiméra, S. 60f