Wiener

96 Wörter, 1 Minute Lesezeit

Franzobel

Klagbaumgasse

Im tiefsten Wiener, wenn es schneit,
Eiszapfen von den Regenrinnen flennen
wenn Hunger es in den Mägen gärt
die Luft vor den Mündern in Scherben zerfällt.
Im tiefsten Wiener, wenn es klirrt
und alles Kälte von den Bäumen fällt,
die Straßenbahn schon nicht mehr fährt
die Kinder an der Schule verhungern.
Im tiefsten Wiener, wo es plärrt,
Wiener, tiefster Wiener,
und ringt nur noch um Luft,
um Wienerabende am Feuer.

Aus: Lyrik von jetzt. 74 Stimmen mit einem Vorwort von Gerhard Falkner. Herausgegeben von Björn Kuhligk und Jan Wagner. Köln: DuMont, 2003, S. 123

Wenn die Welt die Tür ist (und das ist sie)

321 Wörter, 2 Minuten Lesezeit

Es ist immer ein Festtag, wenn ein neues Schreibheft im Briefkasten liegt. Erstes Kosten und Schnuppern der Dinge, die in den nächsten Wochen genauer studiert werden wollen. Gestern kam Nr. 105 mit den Schwerpunktthemen Eric de Kuyper, Gregor von Rezzori und James Agee (letzterer ein Filmschriftsteller) und wie immer noch etwas drum herum. Aus dem Entree ein Gedicht für heute. Es stammt von dem britischen Schriftsteller John Riley (1937-1978). Riley wurde in der Nacht vom 27. zum 28. Oktober 1978 in der Nähe seines Hauses in der Heimatstadt Leeds bei einem Überfall ermordet. Seine Gedichte wurden von Jürgen Brôcan und Roberta Harms ins Deutsche übertragen. Für mich einziges Manko dieser exquisiten Zeitschrift für Weltliteratur ist das Fehlen der Originaltexte. Ich verstehe, dass das nicht zuletzt ein Problem des Umfangs ist, aber könnte man nicht wenigstens jeweils ein Stück-, ein Gedichtchen im Original hinzufügen?

John Riley 

(* 10. Oktober 1937 in Leeds; † 27. Oktober oder 28. Oktober 1978 ebenda) 

WENN DIE WELT

Wenn die Welt alles ist (und das ist sie), was der Fall ist (eine hohe
Tür schlägt zu und öffnet sich), wie dann bejahen,
Dass sie zu viel ist dass sie
Wächst und schrumpft und anfängt und endet
Wie absichtlich, was nichts an dem ändert,
Was auch immer der Fall ist : zu viel, zu voll, fließt sie
Nicht über, wie Wasser von einem Brunnenbecken zum nächsten, von einer
Zeit und einem Raum zu weiterer Zeit, weiterem Raum, sondern zum Schweigen .

Poesie und das Material der Poesie sind dasselbe –
Selbstverständlich, und ist das nicht zu viel? Ich falle
Ich falle ins Gras – eine andere Welt, überwunden durch Schwemme,
Rot und gelb, weiß und rosa, die Rhododendronblätter
Scheinen sich im selben Wind zu bewegen, der auch die Amsel
Auf dem Rasen zerzaust. Wenn die Welt die Tür ist (und das ist sie),
an die wir klopfen,
Dann ist Poesie das Klopfen, ist die Welt des Klopfens der Fall .

Aus: Schreibheft. Zeitschrift für Literatur, 105, August 2025, S. 6

Über Hosen

145 Wörter, 1 Minute Lesezeit

Sandra Trojan

Meine Hose

Immer schreibst du über Hosen
sagst du. Hosen, die herunterfallen
Hosen, die auf dem Boden um
die Knöchel liegen, Khakis über
der Stuhllehne, aufgeknöpfte
Jeans, die einem Mädchen
ohne BH in deinem Zimmer
die Beine entlang zu Boden sinken.

Sie mag Erdbeeren und Strohhalme zum
Knicken, erzählt sie dir und kickt
sich die Hose vom Fuß. Du schon
im Bett, Arme hinter dem Kopf
verschränkt, Blick auf das Mädchen
(ohne Hose), das langsam wie Katze
auf Zunge über deine Beine schleicht.

Ich hab mich hier unten im Garten
versteckt, selbst die Laken zwischen
den Wäscheklammern wissen
dass sie noch bei dir ist. Und so
kratze ich über einen Ameisenbiss
an meinem Innenschenkel und
lasse dafür meine Hose fallen
so wie das Mädchen ohne Hose
dein langbeiniges Hermelin.

Aus: Sandra Trojan, Um uns arm zu machen. Gedichte. Leipzig: poetenladen, 2009, S. 25

„Kohln holn – sonst wird das nix“

340 Wörter, 2 Minuten Lesezeit

Zur Erinnerung an Peter Brasch

Peter Brasch, der jüngere Bruder von Thomas und Klaus Brasch, war ein Meister des tragikomischen Alltagsmonologs. In seinem Gedicht „Requiem für ein Tach“ verdichten sich Kälte, Zärtlichkeit, Witz und Weltflucht zu einem Liebesdialog voller Lücken und Lärmen. Eine zärtlich-chaotische Szene zweier Verlorener im Prenzlauer-Berg-Winter, irgendwo zwischen Kohlenkeller und Dachrinne, zwischen Sofia Loren und Grubenunglück.

Hier redet sich jemand gegen die Einsamkeit in Rage – mit sarkastischer Wärme, rauchigem Trotz und einem prekären Rest Hoffnung. In diesem Jahr wäre er 70 geworden. Wir erinnern mit diesem Text an einen Dichter, der den Sound der späten DDR und der Nachwendezeit in ihrer schrägen Melancholie einfing.

Peter Brasch

(* 18. September 1955 in Cottbus; † 28. Juni 2001 in Berlin) 

Requiem für ein Tach
Ein Liebesgedicht

Stoß jetzt die Decke weg Mann und Geh in Keller
Kohlen holen/Iss kalt Ich bin zu faul/Rauch ich jetz
Oder Nich/Iss nich gesund/Hörst Du Lieb/Mein Lieb/
Wo iss denn der Wein von Gestern/War was übrig!/Da
liegt Schon wieder Schnee aufm Fenster/Der kotzt ein
an dieser Schnee/Da war ein Grubenunglück/Ob sie
schon aus dem Schacht sinn/Umarm mich ma, iss kalt/
Ja/Umarmst mich seltener immer sel-Tener./Nee./
Willst du weiterschlafn/Mach ich die Augen zu und
denk da iss gar keine Frau Weil keine da war/Stell dir
doch eine vor Du Idiot/Nimm die Hand da weg/– – –
sofia loren sitzt auf der dachrinne zusamm mit den
Taubn: LIEBER NE BLINDE IM BETT ALS NE TAUBE
AUFM DACH. – sofia loren jedenfalls sitzt aufm dach-
first und bohrt sich mitm streichholz im Ohr und hustet.
– Jaja/Diese Wohnung ist ein Lazarett für vereiste
Fensterscheibn/Sag ich Dir/Ich küss dich jetzt/Werd
doch mal erwaxen Mann/Ich bin ein doter Verkannter/
Ein verkanteter Toter biss Du/Am meisten wenn du
gesund bist/Schmatz nich so beim Rauchen/Kohln holn
Los raus jetz Zusammreißen Aufstehn Mann/So iss das
Leben Sonst wird das Nix/Ich reiß mich zusamm jetz,
solang biß nich mehr beisamm bin Reiß ich mich/Iss
gut/Küß mich/Mußt du immer das letzte Wort Ham/– – –

Aus: Peter Brasch, Rückblenden an Morgen. Stücke Gedichte Prosa. Berlin und Weimar: Aufbau, 1991, S. 79

Das Gedicht als Sprachabenteuer

Jussi Hyvärinen

Fremdsprachiges Gedicht

Die Lippen liebkosen fremde Wörter, Knospen,
die nur für ein anderes Volk erblühen.
Die Zunge schmiedet Phoneme; hölzerne Klötze, ohne Farben,

wie sie klappern, harmonieren, stumme Rhythmen klopfen,
Wände, Räume, Häuser, Städte bilden,
in denen ich wandele, eine Binde über den Augen, Wachs in den Ohren.

Und die Finger tasten nach leeren Rahmen, ohne Funktion.
Warum singen die Laute dennoch, warum gleiten s, I und m so hübsch
und lassen die Sirenen ihre Arien fließen; a, e, i, o, u?

Und wenn man das Wörterbuch aufschlägt, springen die
Bedeutungen ins Auge, irgendeine von ihnen passt in den Rahmen,
wenn auch nicht genau, dennoch erblühen die Wörter in der eigenen
Sprache, duften, berühren die Haut,

und die Muttersprache gebiert alles von Neuem, verschluckt es,
vereint es mit ihrem Meer – Es ist mein Volk, seine Sprache, es ist
ein Gedicht, das entsteht und vergeht,
es ist das Volk, nach dem ich suche, nach dessen Worten ich greife,
sie erreiche

und wieder verliere.

Aus dem Finnischen von Svenja Knoke und Sabrina L. V. Scholz, aus: Matthias Friedrich, Slata Kozakova (Hrsg.): Einbildung eines eleganten Schiffbruchs. Gedichte aus dem Ostseeraum. Leipzig: Reinecke & Voß, 2017, S. 45

Vieraskielinen runo

Huulet hyväilevät vieraita sanoja, nuppuja
jotka kukkivat vain toiselle kansalle.
Kieli takoo foneemeja; puisia palikoita, ilman värejä,

kuinka ne kopisevat, sointuvat, hakkaavat mykkiä rytmejä,
ovat seiniä, huoneita, taloja, kaupunkeja,
joissa vaellan side silmillä, vahaa korvissani,

ja sormet tapailevat tyhjiä kehikoita, vailla tarkoitusta.
Miksi äänteet laulavat silti, miksi soljuvat soreasti s, l ja m,
ja seireenit juoksuttavat aarioitaan: a, e, i, o, u?

Ja kun sanakirjan avaa, hyppäävät silmille merkitykset,
jokin niistä sopii kehikkoon, vaikka ei täsmälleen, silti
sanat kukkivat omaan kieleen, tuoksuvat, hipovat ihoa,

ja äidinkieli synnyttää kaiken uudelleen, syö jälleen, sulattaa
omaan mereensä – On kansani, sen kieli, on runo joka syntyy
ja katoaa,
on kansa jota etsin, sen puhe jota haen, tavoitan

ja kadotan taas.

Aus: ebd. S. 44

Jussi Hyvärinen, geboren 1973 in Rääkkylä, studierte russische Sprache und Literatur in Helsinki (Promotion 2016 über die Lyrik von Osip Mandelstam) und absolvierte eine Ausbildung zum Bibliothekar. 2003 erhielt er den 1. Preis beim J. H. Erkko-Wettbewerb. Er lebt in Joensuu, wo er an der Universitätsbibliothek arbeitet.

Nietzsche in Turin

Gottfried Benn 

(* 2. Mai 1886 in Mansfeld bei Putlitz, Prignitz; † 7. Juli 1956 in Berlin)

Turin

»Ich laufe auf zerrissenen Sohlen«,
schrieb dieses große Weltgenie
in seinem letzten Brief –, dann holen
sie ihn nach Jena –; Psychiatrie.

Ich kann mir keine Bücher kaufen,
ich sitze in den Librairien:
Notizen –, dann nach Aufschnitt laufen: –
das sind die Tage von Turin.

Indess Europas Edelfäule
an Pau, Bayreuth und Epsom sog,
umarmte er zwei Droschkengäule,
bis ihn sein Wirt nach Hause zog.

Aus: Gottfried Benn, Gedichte in der Fassung der Erstdrucke. Frankfurt/Main: Fischer Taschenbuch, 1988, S. 271 (Erstdruck 1936)

Käslob

Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen

(* um 1622 in Gelnhausen; † 17. August 1676 in Renchen, Hochstift Straßburg)

Lob der guten Käse

Simplex:
Ich kam einstmals in ein Wirtshaus und fand an der Wand
das Lob der guten Käse in folgenden Reimen, die ich meiner
Schreibtafel einverleibte:

Weißer Texter und Holländer
Parmesan-Käs und Friesländer
Grüner Käs ist gut und frisch;
Voigtländischer Kräuter-Käse,
So sie weich, sind gar nicht böse,
Alle taugen wohl zu Tisch.

Hiernächst Schaf- und Ziegenkäsen
Bleibt das Lob im frischen Wesen
Auch den, von der Kuh gemacht,
Wann sie mit der Milch noch streiten,
So sind diese allen Leuten
Samt dem Quark für gut geacht.

Eier-Käse wohl gewürzet
Gelb gemacht, in Topf gestürzet,
Ist belobt, gesund und gut.
Und die runden Käse-Küchlein
Wohlgebacken können gut sein,
Machen alle frisch den Mut.

Aus: Poeten tischen auf. Ein kulinarischer Streifzug durch die Weltliteratur, unternommen von Günther Cwojdrak. Berlin: Eulenspiegel, 1978, S. 52

Getanzt

72 Wörter, 1 Minute Lesezeit

Gerhard Falkner 

(* 15. März 1951 in Schwabach) 

wir wollen alle getanzt werden

wir wollen alle getanzt werden
wie Mistpapiere soll man uns zerknüllen
die Fieberschlampen sollen aus den Trögen steigen
so nackt, daß nur die Augen ihr Gesicht verhüllen

wir wollen alle getanzt werden
vors Licht von Imbißbuden hingekübelt
die Nächte werden umgebellt zu Tanzpferden
und nichts soll bleiben das sich uns verübelt

Aus: Gerhard Falkner, X-te Person Einzahl. Gedichte. Frankfurt/Main: Suhrkamp, 1996, S. 26

2 Naturgedichte

132 Wörter, 1 Minute Lesezeit

Heike Fiedler

Windböen Basel, 2015

Als hätte der Sturm
die Worte zerrissen, Zelte
in die Luft gehoben,
Blätter über Kiesel
gefegt, die Äste
im Wind, der Regen
tropft
in den Fluss
m.einer Sprache

Von den Ufern
der Wupper, Rhône,
Rhein, der Sommer
streift die Augen
des Gedichts

Aus: Heike Fiedler: tu es! hier. Gedichte & Sprechtexte. Luzern: Der gesunde Menschenversand, 2022. (edition spoken script), S. 42. Dies und das folgende im Abschnitt: Naturgedichte.

Paulownia tomentosa

Du brachtest eine Blüte
von draußen nach Hause,
wir schauten
im Internet nach.

Sie kam von einem
Blauglockenbaum,
den Tahar Bekri
in einem seiner Gedichte
erwähnt.

Das Buch lag
grad noch geöffnet
neben
meinem Computer.

Aus: Ebd. S. 44

Heike Fiedler, geboren 1963 in Opladen, aufgewachsen in Düsseldorf, lebt in Genf. – Auf lyrikline.org liest die Autorin 12 Gedichte.

„Politik und Poesie“

493 Wörter, 3 Minuten Lesezeit

Zum 90. Geburtstag des Dichters Karl Mickel stelle ich kommentarlos Auszüge aus einem Bericht über seine Zusammenarbeit mit dem Staatssicherheitsdienst der DDR und eins meiner langjährigen Lieblingsgedichte untereinander.

Mickel verstand sich vermutlich nicht als gewöhnlicher Spitzel, sondern als Gesprächspartner der Stasi auf Augenhöhe, der mittels dieser Kontakte seine Vorstellungen umsetzen wollte. In diesem Sinne gab er zwei Jahre lang bereitwillig interne Informationen weiter, führte Gewünschtes aus und glaubte in massiver Selbstüberschätzung, die Stasi instrumentalisieren zu können. (…)

Mickel, wohl zu narzißtisch, um die tatsächlichen Machtverhältnisse zu realisieren, war für die Stasi schlicht ein klassisch geführter IM, über den sie ihre Strategie der 1980er Jahre vorantrieb. Nicht zuletzt deshalb war er ein ausgezeichnetes Instrument. Er kooperierte in allen Belangen und setzte geschickt um, was man mit ihm besprach. Auch wenn es sich für Mickel vermutlich anders darstellte, war er am Ende nichts anderes als ein Einflußagent eines Geheimdienstes, mit dem andere nicht kooperiert hätten (…).

Mickels Sperrigkeit war nur scheinbare Opposition. Er gefiel sich gut eingerichtet und ohne moralische Skrupel im kryptisch Artifiziellen und suggerierte Widerständiges. In dieser Inszenierung zog er den jungen literarischen Widerstand an und lähmte ihn zugleich. Diesen Typus der vermeintlich kritischen und dabei systemstabilisierenden Attitüde gab es nicht nur in der späten DDR. Ein noch zu erforschendes Feld im Hinblick auf das Thema Künstler und Diktaturen.

Daß es auch anders ging, ist von Mickels Freund Rainer Kirsch in den Akten überliefert: „Ich kann mir schon denken, was Sie von mir wollen“, hielt er den Stasioffizieren entgegen, „ich soll für Sie Leute bespitzeln. Wenn Sie aus diesem Grunde gekommen sind, so will ich es gleich frei heraus sagen, von mir werden Sie keine Zustimmung dafür erhalten.“

Die Feststellung des bärbeißigen Adolf Endler, wenigstens sei es der Stasi nie gelungen, einen der 19 Protagonisten der „sächsischen Dichterschule“ anzuheuern, ist überholt. Und das Lob jüngerer Autoren auf Karl Mickel, der sie angesprochen habe, sich nicht mit politischen Gedichten und Petitionen abzugeben, sondern ganz in die Kunst zu gehen, erscheint im Wissen um Mickels stasiunterfütterte Entpolitisierungsstrategie in einem anderen Licht. Auf jeden Fall hätte Mickel im Zuge der Evaluationsverfahren aufgrund seiner doppelten Stasieinlassung nach 1989 nicht an der Schauspielschule „Ernst Busch“ weiter beschäftigt werden dürfen. Aber auch hier war er Profiteur, diesmal des Verschweigens.

Aus: Andreas Petersen: Zum Doppelleben des Dichters Karl Mickel. Wie aus In-und Auslandsagenten „hochgelehrte Käuze“ werden. https://zeitschrift-fsed.fu-berlin.de/index.php/zfsed/article/view/510/491

Karl Mickel 

(* 12. August 1935 in Dresden; † 20. Juni 2000 in Berlin)

Bier. Für Leising

Maulfaul, schreibfaul bist du, Richard, gern
Stemm ich aufn Tisch zwei Ellenbogen
Und denke, es sind viere. Was steht zwischen
Uns? Bier. Helga! noch zwei große

Weiße Blumen auf dem gelben Stiel.
Was tue ich? sagst du, ich deute
An, sag ich. Die Wirklichweisen
Wenn die was sagen, sagen die: Naja

Ich kenne eine Frau, vom Hörensagen
Aber verbürgt: dreißig, neun Jahre am Fließband
Der zucken, wo sie geht und liegt, die Arme
Die läuft zum Psychiater, denn sie wünscht

Zu kündigen. Der Wunsch, klagt sie, sei krankhaft.
Wer Ohren hat zu sehen der wird schmecken.

Aus: Karl Mickel, Eisenzeit. Gedichte. Halle (Saale): Mitteldeutscher Verlag, 1975, S. 40

1 anagramm u. 1 gedicht

151 Wörter, 1 Minute Lesezeit

Elfriede Czurda 

(* 25. April 1946 in Wels)

Ich saß auf einem Berge*

Ich saß auf einem Berge;
beiße, saufe, garne mich,
bieg auch Eisen, eß Farm,
mach Auge, freß Eisbein,
meß Frage, Sache, Bein. Ui!
Ich faß, rase, beuge mein
Bin. Rieche Gas, Efeu, Maß.
Feuerbach, si!, genas mies.

*) (Anastasius Grün)

Aus: Elfriede Czurda: Fälschungen. Anagramme und Gedichte. Berlin: Rainer Verlag, 1987, S. 18

der freund

es ist schwer, nicht vom vollmond
zu reden. es ist schwer, nicht zu
sagen, in mondgeflochtenen pantinen
steigt er himmelwärts, der freund:
soeben am sternbild der kassiopeia
vorbei. wer nicht fliegen kann, der
will es lernen. ein wenig nur, die
flügel sind so schütter und der mut
ist so gering. der freund steigt
schneller aufwärts. er dreht sich
um. er blickt zurück. er ist ver-
schwunden. wie einsam der planet
ist, wenn astronauten an ihm vorüber-
ziehn. es ist ihm schwer, dem freund,
zu schweigen.

Aus: Ebd. S. 77

Ulrich Berkes (1936-2022)

143 Wörter, 1 Minute Lesezeit

Ulrich Berkes 

(* 11. Mai 1936 in Halle (Saale); † 21. Dezember 2022 in Berlin)

Die Nachricht von seinem Tod (vor zweieinhalb Jahren!) hat mich verfehlt, ich stoße zufällig darauf. Hier ein Gedicht aus seinem zweiten Buch.

Theokrit

Eine cola mit dir zu trinken ist viel besser als in antiken idyllen zu lesen, und ich beneide den griechen nicht um zweitausendjährigen ruhm, denn er hatte keinen an seiner seite, mit ihm ein buch über einen schizophrenen dichter zu kaufen oder an einem blauen märzsonntag im Connewitzer gehölz spazieren zu gehn.

Er schrieb kunstvolle klagen nieder, als seine liebe nicht erwidert wurde, während ich dich vor einem umgestürzten baum fotografiere und mir wieder auffällt, daß du wie ein junger, träumender schafhirt im winter aussiehst, dem es völlig gleichgültig ist, ob ich dichte oder vielleicht tintenfische fange.

1978

Aus Ulrich Berkes: Tandem. Gedichte. Berlin und Weimar: Aufbau, 1984 (Edition Neue Texte), S. 49

Rückwärts

93 Wörter, 1 Minute Lesezeit

Günter Kunert 

(* 6. März 1929 in Berlin; † 21. September 2019 in Kaisborstel)

Film – verkehrt eingespannt

Als ich erwachte,
erwachte ich im atemlosen Schwarz
der Kiste. Ich hörte: Die Erde tat sich
auf zu meinen Häupten. Erdschollen
flogen flatternd zur Schaufel zurück.
Die teure Schachtel mit mir, dem teuren
Verblichenen, stieg schnell empor.
Der Deckel klappte hoch, und ich
erhob mich und fühlte gleich: drei
Geschosse fuhren aus meiner Brust
in die Gewehre der Soldaten, die
abmarschierten, schnappend
aus der Luft ein Lied,
im ruhig festen Tritt
rückwärts.

Aus: Günter Kunert, Notizen in Kreide. Gedichte. Leipzig: Reclam, 1970, S. 64

Mach ein Update von mir

151 Wörter, 1 Minute Lesezeit

Inga Pizāne

5 Gedichte

Wir löschen die Fotos, auf denen wir uns nicht gefallen 
behalten aber die, auf denen wir uns gefallen
rauben unseren Erinnerungen die Objektivität
und werden zu einer erfundenen Version unserer selbst.
Eine schöne Version von uns selbst.
Eine Version von uns selbst.
Aber ich würde gerne all diese Versionen
von mir abschälen
wie Zwiebelschalen.
Und diese Zwiebel dann bis zum Kern aufschneiden
und weinen –
endlich weinen
echte und vollkommen unperfekte
Tränen.

***
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Aus: Mir war, als ob es klopfte. Neue Gedichte aus Lettland. Aus dem Lettischen von Astrid Nischkauer und Kalle Aldis Laar. Köln, Leipzig, Wien: parasitenpresse, 2023, S. 67f

Ihr Irren

80 Wörter, 1 Minute Lesezeit

Kornelia Koepsell

An die Freunde

Ihr, Lieben, Trunkenbolde, Zeterer, lausige Schimpfer,
Maulhelden, Knallköpfe, Süßschnaufende, Zyniker, Zweifler,
ihr Melancholiker jenseits des Mondes,

wie konnte ich versäumen, euch zu besingen?
Hier bricht alles zusammen, ihr aber sagt: Wir haben
die gesellschaftsfeindliche Absicht,

nachzudenken, wie mich das freut.
Daß ihr aber die gesamte, beschissene Popmusik nicht mögt,
bis auf die Talking Heads, gefällt mir besonders, ihr Irren.

Aus: Jahrbuch der Lyrik 2024/25. Hrsg. Matthias Kniep und Karin Fellner. Frankfurt/Main: Schöffling, 2024, S. 116