Fabriken, Licht und Untergang

209 Wörter, 1 Minute Lesezeit

Uriel Birnbaum 

(geboren 13. November 1894 in Wien; gestorben 9. Dezember 1956 in Amersfoort, Niederlande)

Verse

Im Flusse widerglänzten die Fabriken,
Im Rädertaumel zitterten die Brücken,
Ich eilte fröstelnd durch die Sommernacht.
Es schrie die Nacht laut auf aus grellen Fenstern,
Und Lichtreklamen tanzen gleich Gespenstern
– Zu wüstem Wirbel war der Schlaf erwacht.
Ich eilte fröstelnd durch das halbe Dunkel,
Es peitschte mich das lärmende Gefunkel,
Umschlang mich höhnisch: Weiß, grün, blau, rot, rot –
– Die ernste Sommernacht war wie zerflossen
– Durch grelle Gassen schrille Autos schossen –
– Die Steine lebten und der Mensch war tot!

Aus: Armin A. Wallas (Hrsg.): Texte des Expressionismus. Der Beitrag jüdischer Autoren zur österreichischen Avantgarde. Linz, Wien: edition neue texte, 1988, S. 38

Uriel Birnbaum (1894–1956) war ein österreichischer Dichter, Schriftsteller, Maler und Grafiker jüdischer Herkunft. Er war der Sohn des zionistischen Publizisten Nathan Birnbaum und wuchs in Wien auf. Nach seinem Fronteinsatz im Ersten Weltkrieg entwickelte er eine eigenständige, symbolistisch geprägte Bild- und Sprachwelt und veröffentlichte Gedichtbände, Essays sowie Illustrationen zu biblischen und literarischen Stoffen. In den 1920er und 1930er Jahren schuf er zahlreiche Holzschnitte und Buchillustrationen; 1938 floh er vor dem Nationalsozialismus in die Niederlande, wo er im Exil weiterarbeitete. Birnbaum starb 1956 in Amersfoort und gilt als vielseitiger Vertreter der expressionistischen und religiös inspirierten Kunst der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Vor 1200 Jahren geboren – Ariwara no Narihira

434 Wörter, 2 Minuten Lesezeit

Vor 1200 Jahren, im Jahre 825, wurde Ariwara no Narihira geboren. Er war Enkel der Kaiser Kanmu und Heizei und „Oberster Kammerherr des Unteren Vierten Rangs, oberer Abschnitt“ und so berühmt, dass man ihn in die „Sechs Dichtergenies“ aufnahm. In der ersten kaiserlichen Anthologie japanischer Gedichte, dem Kokin-wakashū (japanisch 古今和歌集 , auch: 古今集 Kokin-shū, deutsch ‚Sammlung alter und moderner Gedichte‘), die zwischen 890 und 920 zusammengestellt wurde, sind 30 seiner Gedichte enthalten. Die Anthologie umfasst über 1100 Tankas, Kurzgedichte, die in westlichen Übersetzungen gewöhnlich in fünf Zeilen gesetzt werden. Vor 2 Jahren erschien eine vollständige Übersetzung des Buches von Björn Adelmeier. Die Gedichte sind nach den Themen Jahreszeiten, Glückwünsche, Abschied, Reise, Begriffe, Liebe, Trauer angeordnet, jeweils mit Angabe des Themas oder des Anlasses, aus dem es entstand, und so komponiert, das sie sich thematisch oder situativ aufeinander beziehen. Ich habe 3 aufeinander folgende Gedichte zum Thema Liebe ausgesucht.

475
Thema unbekannt, von Tsurayaki

Zwischen Mann und Frau 
existiert so etwas doch:
An eine wie Wind
mit Augen nicht Sichtbare
sehnsuchtserfüllt zu denken.*

476 Am Tag des Reiter-Bogenschießens der Kaiserlichen Garde zur Rechten kam hinter dem Vorhang eines Wagens, der dem des Autors gegenüberstand, das Gesicht einer Dame leicht zum Vorschein, woraufhin Folgendes komponiert und ihr geschickt wurde.
Der Fürst Ariwara Narihira:

Der Unverborg'nen, 
aber auch nicht Sichtbaren
gilt meine Sehnsucht –
Ob ich also heut sinnlos
trüb vor mich hinblicken werd'?

477 Die Antwort auf das vorige Gedicht.
Anonymus:

Bekannt oder nicht - 
Was wollen Sie so sinnlos
Unterschiede machen?
Nur die Leidenschaft kann doch
als ein Wegweiser dienen.

Aus: Kokin Wakashū. Die erste kaiserliche Anthologie japanischer Gedichte. Übersetzt von Björn Adelmeier. Norderstedt: Book on Demand, 2023, S. 184f.

Folgen die 3 Originaltexte und eine englische Fassung.

475

yo no naka wa
kaku koso arikere
fuku kaze no
me ni minu hito mo
koishikarikeri

476

mizu mo arazu
mi mo senu hito no
koishiku wa
aya naku kyō ya
nagamekurasamu

477

shiru shiranu
nani ka aya naku
wakite iwamu
omoi nomi koso
shirube narikere
475

So it is like this
between a man and a girl!
I yearn for someone
heard of as we hear the wind,
and no easier to see.

476

How very foolish!
Shall I spend all of today
lost in pensive thought,
my heart bewitched by someone
neither seen nor yet unseen?

477

How very foolish
to make distinctions between
knowing and not knowing!
It is the devoted heart
that alone can serve as guide.

Aus: Kokin Wakashu. THE FIRST IMPERIAL ANTHOLOGY OF JAPANESE POETRY. Translated and Annotated by HELEN CRAIG McCULLOUGH. With Tosa Nikki and Shinsen Waka. Stanford University Press, 1996, S. 112

Paul Neubauer (1891-1945)

320 Wörter, 2 Minuten Lesezeit

Von Paul Neubauer, einem deutschsprachigen jüdischen Schriftsteller aus der Slowakei (1891-1945) kenne ich nur ein Gedicht in der Anthologie „Texte des Expressionismus. Der Beitrag jüdischer Autoren zur österreichischen Avantgarde“, Herausgeber Armin A. Wallas Linz, Wien: edition neue texte, 1988. Es gibt einen kurzen Artikel im Killy-Literaturlexikon, ansonsten überall Fehlanzeige, auch in den Lexika zur deutschsprachigen jüdischen Literatur und bei Wikipedia. Hier dieses eine Gedicht mit einer kurzen Einführung, gestützt auf den Killyartikel.

Paul Neubauer (*28. September 1891 in Neustadt an der Waag / Nové Mesto nad Váhom, † 1945 in Fonyód) war ein deutschsprachiger Lyriker, Erzähler und Journalist slowakischer Herkunft. Nach seiner Promotion zum Dr. jur. arbeitete er als Redakteur und Kritiker beim Prager Tagblatt, wo er neben Max Brod und Walter Seidl zu den führenden Stimmen zählte, sowie für den Prágai Magyar Hirlap und den Pester Lloyd.

Sein expressionistisch geprägter Gedichtband Wohin (1922), Romain Rolland gewidmet, stellt den Versuch dar, „Bilder des Absoluten“ zu gestalten. Neubauer verstand Dichtung als Glaubensakt angesichts des modernen Transzendenzverlusts. In seiner Lyrik treten religiöse Visionen, die Figur des Ausgestoßenen und die Suche nach Liebe und Gott zentral hervor – etwa in den „Gottesballaden“, in denen sich Mystik und Alltag überlagern.

Neubauer wurde nach der Besetzung der Tschechoslowakei wegen seiner jüdischen Herkunft verfolgt und 1945 in Ungarn ermordet.

Pause

Der winterweiße Raum dehnt unermessen
Und schweigend sich in ewiges Vergessen
Weltenmüde, todbereit...
Gleich Kindertränen gleiten sanfte Flocken,
Verhallend schwirrt ein Klang von Abendglocken -
Die Gegenwart ist zugeschneit.

In allen Ecken stehn Erinnerungen
Und neigen sich, von letztem Licht umsungen,
Und sehn mich an mit großen Blicken...
An den Wänden, hinter Glas im Rahmen,
Hängen tote Freunde, die ihr Amen
Treu zu mir herüberschicken.

Alles Müde ging schon längst nach Hause,
Erstarrtes Leben träumt wie eine Pause,
Der hocherhobne Taktstock steht. . .
Da flammt der Lampenschein, daß lichtgeblendet
Vergangenheit von mir hinweg sich wendet
Und ist ins Dunkel fortgeweht.

Aus: A.a.O. S. 197 (Quelle ist der Gedichtband Wohin? von 1922)

Alle drei

Heute wieder ein Kurzes, Spitzes.

Johann Wolfgang Goethe

Venezianische Epigramme aus dem Nachlass, 13

Juden und Heiden hinaus! so duldet der christliche Schwärmer.
Christ und Heide verflucht! murmelt ein jüdischer Bart.
Mit den Christen an Spieß und mit den Juden ins Feuer!
Singet ein türkisches Kind Christen und Juden zum Spott.
Welcher ist der klügste? Entscheide! Aber sind diese
Narren in deinem Palast, Gottheit, so geh ich vorbei.

Aus: Goethe, Gedichte 1756-1799. Hrsg. Karl Eibl. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 1998 (zuvor Deutscher Klassiker Verlag, 1987), S. 467.

Als Zugabe (wegen der Dreizahl in der Überschrift dieses Beitrags) ein noch kürzeres von Friedrich von Logau – die innerchristliche Szene.

Glauben

Luthrisch, Päpstisch und Calvinisch,
diese Glauben alle drei
Sind vorhanden; doch ist Zweifel,
wo das Christentum dann sei.

(1654)

Ich verschlinge die Welt

202 Wörter, 1 Minute Lesezeit

Pablo Jofré

(* 18. April 1974 in Santiago de Chile)

ICH, DER DICHTER

ICH, DER DICHTER, verschlinge die Welt
mit meinen Händen und sauge ihre Flüssigkeiten auf, ich liebe
die Männer und die Frauen, ihre unschuldigen
oder sarkastischen Augen, ich liebe
ihre Ängste und auch ihr Begehren; ihre Illusionen.
Ich umarme alle Bäume, immer wenn ich kann
ich suhle mich auf dem Rasen und auf der Erde
den unendlichen Seen.

Ich umarme die Tiere, küsse sie, danke ihnen
und bitte sie um Verzeihung; auch die Pflanzen
und ihre Blumen, die mich ansehen.
Ich renne durch diese Straßen, um
das zu erreichen, was ich begehre, rufe laut nach jenem,
der sich in Gefahr befindet
oder den ich leidenschaftlich küssen will.
Ich liebe die Liebe, den Sex zwischen vertrauten Körpern
und auch zwischen Unbekannten.
Ich bin geduldig und ungeduldig;
genieße es zu tanzen, zu trinken, zu schlafen
und zu lieben, in meinen Bettlaken oder seinem.

Unermüdlich suche ich Antworten auf Alles. Und manchmal
wenn meine Seele vergiftet wird,
steigt brennender Hass in mir auf.

Aus: Pablo Jofré: Straße um Straße. Gesammelte Gedichte. Aus dem Spanischen von Barbara Buxbaum und Johanna Menzinger sowie von Léonce W. Lupette (S. 62-63) und Odile Kennel (S. 99-124). Köln, Leipzig: parasitenpresse, 2023, S.61

Rotkäppchen

Carl Fredrik Reuterswärd 

(* 4. Juni 1934 in Stockholm; † 3. Mai 2016 in Landskrona)

ROTKÄPPCHEN ist gar nicht mehr
so jung
es ist eine Großmutter jetzt
und der ergrauende Wolf kommt zu Besuch
er hat Angst einem ungezogenen Kind
zu begegnen.

Aus: Das surrealistische Gedicht. Hrsg. Heribert Becker, Edouard Jaguer und Petr Král. Frankfurt / Main: Zweitausendeins / Museum Bochum. 1986 (2. Aufl.), S. 1119

Von Spucke

212 Wörter, 1 Minute Lesezeit

Joachim Ringelnatz 

(* 7. August 1883 in Wurzen; † 17. November 1934 in Berlin)

BETRACHTUNGEN
IN EINER BAHNHOFSWARTEHALLE


Wie seine eigne Spucke schmeckt,
Das weiß man nicht.
Wenn man in seinen Spiegel leckt,
Kriegt man die Spucke zu Gesicht.

Das muß durchaus kein Spiegel sein.
Man kann aufs Sofa, auf die Hand,
Man kann auf jeden Gegenstand,
Wenn man nur richtig hintrifft, spein.

Jedoch: Tut wohl ein Gent,
Der etwas von Bazillen
Weiß und die Folgen kennt,
Bazillen das zu Willen??

Man spuckt von Bord ins Meer bei Sturm.
Man spuckt diskret vom Eiffelturm
(Bis unten sechs Sekunden).
Man spuckt an einen Litfaßzaun,
Doch nie in Gegenwart von Fraun
Und stets in stillen Stunden.

Weh dem, der sie verliert!
Weh dem, der sie vergeudet,
Die Spucke! Sie bedeutet
Viel, wenn man raucht und priemt, frankiert,
Umblättert, löscht, aquarelliert.

Die eigne Spucke, Mimikry,
Verdirbt den Appetit uns nie.
Ich bin nicht ihr Entdecker.
Ich bin kein Speichellecker,
Bin kein Feinschmecker,
Doch ich liebe sie.

Ich liebe nur die meinige.
Ausnahmen sind exeptionell
Und – frei gesagt – dann sexuell;
Obwohl ich solche Leute niemals steinige.

Manches soll man verschlucken.
Jetzt naht mein Zug. Die Zeit vergeht.
Ich weiß, in jedem Wagen steht:
„Nicht auf den Boden spucken.“

Aus: Joachim Ringelnatz, „Reisebriefe eines Artisten“, Zeichnungen von Olaf Gulbransson, Ernst Rowohlt Verlag, 1927, S. 9f

Die Geheimen Botschaften von Erik Satie

L&Poe-Journal 4-2025

Odile Endres

3 Satie-Gedichte

Die geheimen Botschaften von Erik Satie
(4 Anagrammstrophen)

„Was ist ein Mensch? Eine arme Kreatur, die man auf die Erde
gesetzt hat, damit sie den anderen auf die Nerven geht.“
Erik Satie, Schriften, Volta, Ornella (Hrsg.), 1988: Wolke Verlag, Seite 319


staatsmaennischer merkur: wie
die tat am gefiederten hades
aufhaengende neider nervt.
mit eidesaudienzen.

haarwasser erstickte immunen.
duftende eiszeit armada hegte
das edv rentier. nein. meide
angehende taifune.

du summiertest nackenhaare
intim geahndete seide
sagen wirs zeithaft ermuedet
narrende naive feen die da

anastatische tiefen erwirken,
muse, mr satie. aufatmend
gesiedet herz damit deine
ideen andauernd vergehen.
la premiére lettre

quand on ignore la première lettre d’un mot, il est excessivement
difficultueux de trouver sa signification dans un dictionnaire.
(Satie, Écrits attribués, p. 102)


s st eicht u eweisen
rüher ielt ch atie ür inen angweile
eine eduld onnte ch n ir inden
is ch ierzehn tunden ang die ex
ations örte. a amen ir eit nd rt
bhanden. ch webte m pace. ch
ah terne ntstehen ergehen ah
de irbel er alaxien. die eit er
schwan n en eiten es pace.
benso ie ch. ls ch urückkehrte
ar ch ewandelt um an on
atie. ar atiephil. atte e atiepatie
aher rieb ch ies athologische
edicht. an öge ir ies erzeihen.

Während der Mund spricht, gehen die Gedanken ihres Wegs

130 Wörter, 1 Minute Lesezeit

Karel Hynek 

(* 11. September 1925, heute vor 100 Jahren, in Prag; † 9. Januar 1953 in Prag) war ein tschechischer Surrealist.

Während der Mund spricht 
gehen die Gedanken ihres Weges


Ich als einziger kann bezeugen
Wie die Mitternacht vom Turme herabsteigt
In dein Ohr

Ich flüstere dir zu
Frau mit dem Inhalt der Glocken
Doch lieber sollte ich schreien
Frau mit dem Inhalt der Mitternacht

(Die Frequenz meiner Finger auf deinem Leib
Ach ihr schönen Boulevards ohne Polizisten)

(Ein and'res Mal war ich ein Bäuerlein
Über der Furche auf deinem Bauch)

(Und heut' Nacht bekleide ich meinen Kopf
Mit deiner Wäsche
Und werde dein Schoß deine Brüste)

Aus dem Tschechischen von Milan Nápravník und Heribert Becker, aus: Das surrealistische Gedicht. Hrsg. Heribert Becker, Edouard Jaguer und Petr Král. Zweitausendeins / Museum Bochum, 1986 (2. Aufl.), S. 586f

Dies war der Abschied

112 Wörter, 1 Minute Lesezeit

Ein Abend, ein Zug, ein fremdes Land und fremde Wörter. Ein Gedicht von Hannah Arendt, die vor den Nazis fliehen musste, über das Ankommen im Fremden.

Hannah Arendt

(geboren am 14. Oktober 1906 in Linden / Hannover; gestorben am 4. Dezember 1975 in New York City)

Dies war der Abschied.
Manche Freunde kamen mit
und wer nicht mitkam war ein Freund nicht mehr.

Dies war der Abend.
Zögernd senkte er den Schritt
und zog zum Fenster unsre Seelen raus.

Dies war der Zug.
Vermaß das Land im Fluge
und stockte durch die Enge mancher Stadt.

Dies ist die Ankunft.
Brot heißt Brot nicht mehr
und Wein in fremder Sprache ändert das Gespräch.

Aus: dreizehn + 13 Gedichte. Sommer 2015, S. 92

Lies lieber mich

219 Wörter, 1 Minute Lesezeit

Ulrich Bergmann

Ich bin dein Buch

Liest du?, fragt Schlange. – Ja, sage ich. – Was denn?, sagt Schlange. – Damontes „Kritische Körper“, sage ich. – Lies lieber mich, sagt Schlange. – Warum, sage ich. – Weil ich das bessere Buch bin, sagt Schlange. – Ich hab dich doch schon gelesen, sage ich. – Die besten Bücher liest man immer wieder, sagt Schlange. – Aber die Spannung lässt nach, sage ich – Es geht um die Liebe, sagt Schlange. – Sag ich ja, sage ich. – Nein, sagt Schlange, du willst nur Lust. – Das eine ist die Voraussetzung für das andere, sage ich. – Ja, sagt Schlange, aber das gilt so rum und so rum! – Einverstanden, sage ich, jeder nach seiner Fasson. – Dann schlag mich auf, sagt Schlange. – Wie bitte?, sage ich. – Lies mich!, sagt Schlange. – Auf welcher Seite?, sage ich. – Egal, sagt Schlange, jede Seite ist gut. – Wie die Bibel?, sage ich. – Ja, sagt Schlange, du sollst Keine anderen Bücher haben außer mich! – Mir, sage ich. – Mich, sagt Schlange. – Wenn du so sprichst, will ich dich nicht lesen, sage ich. – Siehst du, sagt Schlange, du hast längst vergessen, was du bei mir gelesen hast. – Das spricht nur gegen dich, sage ich. – Im Gegenteil, sagt Schlange, ich bin jedes Mal ein neues Buch. – Na dann, sage ich.

Aus: Das fröhliche Wohnzimmer. Zeitschrift für unbrauchbare Texte und Bilder (Wien) 45 / 2012, S. 24

nicht alles verloren

72 Wörter, 1 Minute Lesezeit

Helga M. Novak 

* 8. September 1935, heute vor 90 Jahren, in Berlin; † 24. Dezember 2013 in Rüdersdorf bei Berlin) 

solange noch Liebesbriefe eintreffen

solange noch Liebesbriefe eintreffen
ist nicht alles verloren
solange noch Umarmungen und Küsse
ankommen und sei es in Briefen
ist nicht alles verloren
solange ihr noch in Gedanken
nach meinem Verbleib fahndet
ist nicht alles verloren

Aus: Helga M. Novak, wo ich jetzt bin. Gedichte. Ausgewählt von Michael Lentz. Frankfurt/Main: Schöffling & Co., 2005, S. 134

Bist des du?

190 Wörter, 1 Minute Lesezeit

Jonas Thüringer

Bitte zeig di

I hob di scho laung nimmer mehr gseng,
die Erinnerungen verblassen wie a Nebel an oam Herbsttog.
Dei Lächeln kenn i nua mehr vu Büldern,
dei Stimm nua mehr aus Videos.
Owa do is de Nachboarskotz,
sie foigt ma seit a poar Tog auf meine Weg'.
Bist des du?

I sprech so oft zu dia,
führ oan Monolog nach dem ondren
und frog mi, wos des sui.
I vamiss di scho unhamlich,
owa do is da Wind,
er flüstert ma seit a poar Tog auf meine Weg' zua.
Bist des du?

I hear den mia Verbliebnen zua,
trotzdem ist's stü um mi herum.
I woart auf dei Stimm', auf a Zeichn
und do is a Vogl
am Giebel über meim Fenster.
Er weckt mi seit a poar Tog für meine Weg' auf.
Bist des du?

Kau no immer net akzeptiern,
dass du von nun an fuat bist.
Such di überoi, owa find di net auf meine Weg'.
Doch da regt si wos in meim Herzen und i waß,
des bist du.

Aus: Jahrbuch österreichischer Lyrik. Herausgegeben von Alexandra Bernhardt. Wien: Edition Melos, 2023, S. 277

ob ich …

261 Wörter, 1 Minute Lesezeit

Jan Faktor 

(* 3. November 1951 in Prag)

ob 
ob ob ob
(Pause)
ob ich
ich
ch ch
(Pause)
ob ich nur Lust
ob ich nur Lust haben
ob ich nur Lust haben
(Pause)
ob ich nur Lust haben
ob ich nur Lust haben werde
ob ich nur Lust haben werde
ob ich nur Lust haben werde das nächste Wort
(Pause)
ob ich nur Lust haben werde das nächste Wort auszusprech
ch ch
ob ich nur Lust haben werde das nächste Wort auszusprech
ch
ch ch

Aus: Jan Faktor, Georgs Versuche an einem Gedicht und andere positive Texte aus dem Dichtergarten des Grauens. Frankfurt/Main: Luchterhand Literaturverlag, 1990 (Lizenzausgabe des 1989 beim Aufbau-Verlag erschienenen Bandes), S. 71

»Der Schalksnarr, der Schwejk dieser literarischen Landschaft heißt Jan Faktor und stammt aus der Tschechoslowakei. Ein Autor, der permanent den Konventionen, den schwer faßbaren, weil in der Regel unausgesprochenen Verabredungen darüber, wie Literatur zu sein habe, ein unschuldig tuendes, böses Schnippchen schlägt. Hinzu kommt, daß seine Texte oft wie in einem angelernten Deutsch geschrieben wirken (oder tatsächlich sind), was auch von ihm, dem wirkungsvollen Entertainer und Inszenator seiner Texte nach Art manches Zirkus-Clowns als ›verfremdender Reizs eingesetzt wird… Man wird angesichts solcher Texte an Ernst Jandl denken dürfen, der davon sprach, daß mit einer unverbrauchten Sprache sich eher ein Gedicht machen läßt, als mit einer durch Poesie bereits verbrauchten…«

Adolf Endler

Jan Faktor wurde 1951 in Prag geboren. Verschiedene Arbeitsverhältnisse in Prag und der Slowakei. Fernstudium Datenverarbeitung. In Prag zuletzt als Programmierer tätig. 1978 Übersiedlung nach Berlin/DDR. Arbeit als Kindergärtner, Schlosser und Übersetzer.

Ratlosigkeit

Hilde Rubinstein (geboren 7. April 1904 in Augsburg; gestorben 5. August 1997 in Göteborg) war eine deutsche Malerin und Dichterin. Sie publizierte unter verschiedenen Pseudonymen wie Katarina Brendel und Hilde B. Winrich. (…) sie emigrierte 1934 über Belgien und die Niederlande 1935 nach Schweden. 1936 und 1937 lebte sie in der Sowjetunion, wo sie wegen trotzkistischerTätigkeit zehn Monate inhaftiert wurde und ihr die Auslieferung ans Deutsche Reich drohte. Sie flüchtete nach Polen und kam über Lettland wieder nach Schweden. https://de.wikipedia.org/wiki/Hilde_Rubinstein

Paradigmen der Ratlosigkeit

Pablo Neruda sagte: Man muß mehr von Geist sprechen
Ach ja Pablo – nur hören sie dann nicht hin
und es ist müßig immerzu Brücken zu bauen
die niemand beschreitet ..
Und der berüchtigte Apfel war keine Frucht –
er war aus Gold fabriziert und den rollen sie
hin und her bis ins Heute ... Aber die Schlange
ist ohne Schuld – sie glaubte es wäre ein Apfel
und wollte Adam und Eva auf dessen Köstlichkeit
hinweisen

Aus: Hilde Rubinstein, Tiefgefrorenes Reh. Stücke Lyrik Prosa. Berlin: Henschel, 1987, S. 143