Heimliche Liebe

230 Wörter, 1 Minute Lesezeit.

Heute vor 825 Jahren starb die japanische Dichterin Shikishi Naishinnō, eine der „36 unsterblichen Dichterinnen“ des alten Japan.

Shikishi Naishinnō

(1153?—1201)

Über das Thema der heimlichen Liebe

wasurete wa
uchinagekaruru
yūbe kana
ware nomi shirite
suguru tsukihi o
Vergäße ich sie, 
müßt ich seufzen und schluchzen,
wenn der Abend kommt:
all die Tage und Monde,
da, ach, nur ich es wußte.

Die verdichtete Aussage des Textes wird noch verstärkt durch seine grammatikalische Struktur: Die letzten beiden Zeilen sind das Objekt des <Vergessens>, d. h. der Akt des Lesens muß gleichsam das Erinnern der Dichterin nachvollziehen. Das Schlüsselwort des Gedichts, uchinagekaruru, basiert auf dem Verb nageku, »leiden«, Präfix und Suffix geben dem Verb Schärfe und Spontaneität und steigern den lautmalerischen Effekt, der im Deutschen mit »müßt ich seufzen und schluchzen« wiedergegeben ist. Die tieferliegenden Themen – der Kampf der Dichterin um Selbstachtung, der Wechsel zwischen Erinnerung, Verlangen, Vorahnung, Enttäuschung und Furcht – machen das Gedicht zu einer Herausforderung an den Leser; auch weil es auf das übliche Gefühls-Repertoire der Liebeslyrik wie Groll, Einsamkeit, Wut und Verzweiflung verzichtet.

Andrew J. Pekarik: 36 Dichterinnen des Alten Japan. A.a.O. 1R

Aus: Sechsunddreißig Dichterinnen des Alten Japan. Höfische Dichtkunst der Heian- und Kamakura-Periode. 9. bis 13. Jahrhundert. Ein Album mit Illustrationen von Chōbunsai Eishi. Einführung, Kommentare und Übersetzungen von Andrew J. Pekarik. Köln: DuMont Buchverlag. In Zusammenarbeit mit der New York Public Library, 1991, 1 Rechts


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