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236 Wörter, 1 Minute Lesezeit.
Victoria Chang
GEHEIMNISSE – starben am 7. August 2015, und sie waren erleichtert zu sterben. Niemand auf der Beerdigung meiner Mutter hatte gewußt, daß sie krank gewesen war. Niemand hatte gewußt, wie heftig meine Mutter und mein Vater stritten. Ein chinesisches Gesicht nach dem anderen. Ich erzählte die Geschichte. Ich erzählte sie noch mal. Ihre Münder öffneten sich wie Zeit. Rote Trauerschleifen mit chinesischen Schriftzeichen, die ich nicht lesen konnte. Die Stengel teilten sich durch ihre Blüten mit. Nach unten schauen und sehen, daß ihnen die Beine fehlen. Später fand ich ein Foto meiner Mutter, sie lächelnd mit Freunden bei sich zu Hause, nur ein Jahr zuvor. Keine Sauerstofflasche, kein Schlauch in ihrer Nase. Sie muß ihn abgenommen, ihn in den Schrank gepackt haben zwischen Anfang ihres Lebens und Ende ihres Lebens. Ich stelle mir vor, wie sie innerlich Panik schiebt und darauf wartet, daß alle gehen. Geist und Sprache vereinen und vereinzeln sich wie Gänse. Wissenschaftler sagen, daß der Geist noch nach dem Tod des Körpers arbeitet. Daß es einen Energieschub im Gehirn gibt. Dann hat sie vielleicht ein letztes Mal gehört, wie sich die Gänse über ihr vereinzeln. Dann hat sich vielleicht mein Kuß auf ihrer Wange angefühlt wie ein Blitz.
Aus dem Englischen von Ron Winkler, aus: Sinn und Form 1 / 2006, S. 29
Victoria Chang, geb. 1970 in Detroit, US-amerikanische Schriftstellerin taiwanesischer Abstammung, lebt in Los Angeles. Aus: »OBIT«, Copyright © 2020 Victoria Chang.
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