Keiner weiß

279 Wörter, 1 Minute Lesezeit.

Martin Bernhardt, Arzt, Autor und Künstler aus Greifswald, wäre am 22. Januar 65 Jahre alt geworden. Er starb im Jahr 2000 mit nur 39 Jahren. Sein schmales, kaum bekanntes lyrisches Werk gehört zu jenen Stimmen der späten DDR, die sich der Anpassung entzogen.

Martin Bernhardt

(1961-2000)

KEINER WEISS

Keiner weiß, wo wir allein sind,
überall ein Alp.
Formhaft genormtes Leben
im normhaft geformten Land.
Vor/Über allem strahlt die Sonne
nur über den Alleen n/Licht.
Wo einer weiß, allein wir sind.

Eigenartig wie aufrecht wir gehen,
auf Recht ist gut zu zählen,
– hierzulande, heutzutage –
Heute zu Tage treten
ist aufrecht, nur
auf welches Recht zählen?

Wir sind aus einer Tiefe gekommen,
die war dann leer,
und wir lehren die Fülle
und leeren sie weiter,
bis man uns fragt,
was denn da war.

Gut, bleiben wir liegen.
In der niederen Lage
ist die Niederlage gut zu tragen
und wir nicht zu treffen
in dieser Stellung.

Keiner weiß, wo allein wir sind.

Hier: https://www.wohlrab-verlag.de/buecher_bernhardt.php, S. 26, 1981

Auch in: Wie wunderbar – Gedichte von Martin Bernhardt. Ein teilweise originalgrafisches Künstlerbuch, u.a. mit Linolschnitten von Lutz Wohlrab und Dietrich Buhrow, die 1985 die Hausdurchsuchungen im Zuge eines Ermittlungsverfahrens der Staatssicherheit überstanden haben. 5 Exemplare, Format: 25,6 x 21 cm. Berlin 1990. Zur Zeit in Cottbus zu sehen. Bis zum 15. Februar zeigt das Brandenburgische Landesmuseum für moderne Kunst in Cottbus einen bislang wenig beleuchteten Teil der künstlerischen Produktion in der DDR: eine riesige Sammlung von inoffiziellen oder halboffiziellen Künstlerbüchern: „Die Tage waren gezählt. Künstlerbücher und -zeitschriften mit Originalgrafik und Fotografie aus der späten DDR und Ostdeutschland“. 

Über Martin Bernhardt bei planetlyrik und beim poetenladen (Elke Erb über seine Gedichte)

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