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Veröffentlicht am 22. Juni 2025 von lyrikzeitung
Daniel Bayerstorfer
Ur-20
Athene vertreibt den Homo Heidelbergensis aus dem Garten der Tugenden, und was mach ich? Ich beiße so ungeschickt in meinen Dürüm, dass die ganze Sauce auf meine neue, hellblaue Chino spritzt. Ich bekomme den Fleck nicht mehr raus, auch wenn ich im Bad das Wasser mit dem Daumen ins Gewebe reibe, ich schau aus wie der letzte Krattler, geh vom Zwinger zur Brücke, mit dem Gefühl von Blut und Kälte, als ob man zwischen Schweinehälften im Kühlraum steht. Und oben (wie angekündigt) regenschwere Wolken.
Und dann ist da noch der Äther dazwischen, der von Hölderlin, das Hochdruckgebiet der Ideen, eine Ionosphäre der Begriffe, eine heilige Cloud auch, in der die Halbgötter gespeichert sind und tätig. Vom Brocken aus, vom Ochsenkopf, wo die drahtigen Radarstationen knisternd in den Versfrequenzen wühlen, wird genommen, was man kriegen kann, man reicht nicht ran, die Tannen stehen eng und so freischützrauschend um die Findlinge aus Granit. So mittelgebirgig muss es sein, damit Sagen sich behaglich fühlen, und so hoch oben muss man bauen, wenn man in die Tiefe blicken will, in den Wetterumschwung der Grammatik. Dichtung wie:
Man widerspricht vor
einem Fenster. Das Nein ist kein Laut,
es ist eine beschlagene Fläche,
an das Glas gehaucht.
usw.
Aus: Daniel Bayerstorfer: Neulich starb Antigone. Hrsg. Urs Engeler. München und Schupfart: roughbooks, 2025 (roughbook 67), S. 72
Kategorie: Deutsch, DeutschlandSchlagworte: Antike in der Gegenwart, Daniel Bayerstorfer, Dürüm in der Dichtung, deutschsprachige Gegenwartsdichtung, Gegenwartslyrik, Hölderlin Referenz, Ironie in der Lyrik, Lyrik 2020er Jahre, Lyrik mit Popkultur, Lyrik und Mythologie, lyrische Textflächen, Neulich starb Antigone, Poetik des Alltags, postmoderne Lyrik, roughbooks, Sprachkritik in der Lyrik, Wetterumschwung der Grammatik
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