Im Hyperbett mit angezogenen Beinen

Birgit Kempkers „Sehnsucht im Hyperbett“ ist keine Gedichtsammlung. Vielleicht ist es ein Langgedicht, oder doch Prosa im Flattersatz? Gerapptes? Aber man wird doch einmal ein Stück herausnehmen und als „Gedicht“ lesen können. Um wenigstens etwas Kontext herüberzuretten, rahme ich den willkürlich herausgebrochnen Klipp durch zwei Begleittexte – den Klappentext, Klipp Klapp, und eine „Leseleitung“ von Wolfgang Groddeck, Anfang und Ende des Buchs, das 2008 bei Droschl erschien.

Es geht um nichts Kleines. Es geht um Paul & Paula, es geht um den Vater in der Tochter, es geht um Missbrauch und Liebe, es geht um Gesang und Ekstase statt um Sprechen und Diskursivität. Es geht um mystisches Erkennen, und das sieht manchmal wie Pornografie aus. Es geht um Prosa im Flattersatz, Gereimtes & Gerapptes. Es geht um den Punkt, von dem aus Es sich öffnet. Es ist die Bühne des Vaters, der sich ausspricht.

Birgit Kempker verlangt nicht wenig vom Leser, von der Leserin – allem voran dieselbe Offenheit, das Stimmenhören, die schnelle Beweglichkeit zwischen Sprachkonstruktion und Lebenskonstruktion, die auch ihre Texte aufweisen. Und dazu die Gewissheit, dass die Sexualität der Angelpunkt ist.

(Klappentext aus: Birgit Kempker: Sehnsucht im Hyperbett. Ein transverfickter Diskurs. Graz und Wien: Droschl, 2008)

Paul ist nicht der Mann 
für verunglückte Bräute.
Jetzt ist er betäubt
& in Sicherheit.
Es war gefährlich
& er hat es geschafft.
Er sitzt im Hyperbett
mit angezogenen Beinen,
kratzt anmutig sein Knie
& stellt kindliche Fragen.
Pauls Neugier
ist das Wirklichste an Paul.

Seine Schuhe stehen vor dem Bett neben ihren.
Wenn einer so tut,
als ob er ein Idiot ist,
der so tut,
als ob er ein Idiot ist,
dann ist es Paul.
Ein Idiot.

Die Gefahr war immens.
Die Rettung wird erst nach & nach den Mann erreichen,
wenn er wieder weggeflogen
& bei sich ist in seinen Häusern,
an Plätzen,
die dann plötzlich heillos wechseln,
vor seinem Kühlschrank nachts.

Ebd. S. 174f

Wolfgang Groddeck: „Oh, es kommt / syntaxdurchbohrt“
Eine Leseleitung

Was ist der Gott der Literatur? Ein Vatergott, wenn man dem Text von der Sehnsucht im Hyperbett glauben darf. Ein katholischer Gott? Das viele Latein in der Litanei der Lust könnte es vermuten lassen. Aber das Latein im Text, o weh, ist kein Kirchenlatein, kaum Küchenlatein, es ist neu erfundenes Latein, Kinderlatein: dicurentenserum: Diekuhrenntdenseeherum – der Leser um den Text herum! Esse pro teste. Hiatus est: „Der Protest kommt beim Essen. / Schlucken ist Brechen“ – die Leserin im Text (S. 21). Es geht immer dem Klang nach, Literatur ist also Anklang und Bruch.

Und doch: die Tochter und Braut im Hyperbett des Vatergotts ist religiös und schluckt viel: „Ohne Inzest ist kein Gott zu haben“ (S. 27). Die Lust am Text ist die im Text, sie bricht sich in den Wörtern Bahn und verschmilzt mit ihnen. „Doch alle Lust will Ewigkeit“, fand einer, den die Sehnsucht im Hyperbett einmal beim Namen nennt – „doch jede Braut will Schleifen / & unverzüglich aufgefaltet sein“ klingt das Echo im Hyperbett. Die Braut im inzestuösen Hyperbett der Literatur ist ungeduldig und unsicher auch: „Das Wesen klappt die Beine zu / weit unten von sich, / die Stelle ist unbenannt, / das Wort entscheidet sich nicht.“ (S. 12) Das Wort, das sich nicht entscheidet oder entscheiden kann, ist hier, an dieser Stelle, das Wort `Scheide´. Das Wort? – „verdammte Ratte / verdammte Worte & Sache“ (S. 135): Literatur, der es ums Wort geht, kann sich zwischen Sache und Wort, res und verbum, kaum entscheiden. „Sei das Wort die Braut genannt, / Bräutigam der Geist“ beschied einst Goethe im trans-westlichen Divan. Anders tönt’s im Hyperbett: Hier lässt sich die Literatur-Tochter von Vater Literatur „ficken“, wüst missbrauchen – und sie scheint es zu genießen: ein transverfickter Diskurs tut sich auf. Literatur ist ebensosehr Gewalt wie Lust, im Schlagreim: ,wenn du Gewalt sagst, / öffnen sich meine Beine von alleine“ (S. 46) – Tabuverletzung noch und noch.

(Ebd. S. 204)

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