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Emmett Williams wäre heute 100 Jahre alt – ein Dichter, Übersetzer und Künstler, dessen Werk die konkrete Poesie und die Fluxus-Bewegung entscheidend mitgeprägt hat. Seine Texte sind formale Experimente, die sich zwischen Spiel und Strenge bewegen: Worte werden permutiert, Bedeutungen verschoben, Muster erzeugt, die sich in immer neuen Konstellationen entfalten.
In seinen permutativen Gedichten arbeitet Williams mit festen syntaktischen Strukturen, die durch minimale Variationen poetische Dynamik entfalten. Das scheinbar Mechanische seiner Konstruktionen entpuppt sich als unerwartet lebendig – mit rhythmischen Verschiebungen, überraschenden Bildern und einer ironischen, manchmal fast kindlichen Freude an der Sprache selbst.
Zu seinem 100. Geburtstag veröffentliche ich eins seiner Gedichte mit deutsche Version – und ein Schreibspiel, das die Prinzipien seiner Textmaschine erlebbar macht. Ein kleines Fest zum 100. Geburtstag – Einladung, Sprache nicht nur zu lesen, sondern sie als Material zu begreifen, das sich stets neu ordnen lässt.
Emmett Williams
(* 4. April 1925 in Greenville, South Carolina; † 14. Februar 2007 in Berlin)
Gedanke für den Tag: Wie schreibt man eigentlich über die eigene Arbeit? Man kann ihnen nicht erzählen, wie gut man ist, man muß drauf warten, daß sie es dir erzählen.
Aus: Emmett Williams, Schemes & Variations. Stuttgart: edition hansjörg mayer stuttgart london, 1981
Do You Remember (For Alison Knowles)
when i loved soft pink nights
and you hated hard blue valleys
and i kissed mellow red potatoes
and you loved livid green seagulls
and i hated soft yellow dewdrops
and you kissed hard pink oysters
and i loved mellow blue nights
and you hated livid red valleys
and i kissed soft green potatoes
and you loved hard yellow seagulls
and i hated mellow pink dewdrops
and you kissed livid blue oysters
and i loved soft red nights
and you hated hard green valleys
and i kissed mellow yellow potatoes
and you loved livid pink seagulls
and i hated soft blue dewdrops
and you kissed hard red oysters
and i loved mellow green nights
and you hated livid yellow valleys
and i kissed soft pink potatoes
and you loved hard blue seagulls
and i hated mellow red dewdrops
and you kissed livid green oysters
and i loved soft yellow nights
and you hated hard pink valleys
and i kissed mellow blue potatoes
and you loved livid red seagulls
and i hated soft green dewdrops
and you kissed hard yellow oysters
and i loved mellow pink nights
and you hated livid blue valleys
and i kissed soft red potatoes
and you loved hard green seagulls
and i hated mellow yellow dewdrops
and you kissed livid pink oysters
and i loved soft blue nights
and you hated hard red valleys
and i kissed mellow green potatoes
and you loved livid yellow seagulls
and i hated soft pink dewdrops
and you kissed hard blue oysters
and i loved mellow red nights
and you hated livid green valleys
and i kissed soft yellow potatoes
and you loved hard pink seagulls
and i hated mellow blue dewdrops
and you kissed livid red oysters
and i loved soft green nights
and you hated hard yellow valleys
and i kissed mellow pink potatoes
and you loved livid blue seagulls
and i hated soft red dewdrops
and you kissed hard green oysters
and i loved mellow yellow nights
and you hated livid pink valleys
and i kissed soft blue potatoes
and you loved hard red seagulls
and i hated mellow green dewdrops
and you kissed livid yellow oysters
and i loved soft pink nights?
Aus: Concrete Poetry. A World View. Edited and with an introduction by Mary Ellen Solt. Indiana University Press, Bloomington. London. 1970, S. 229 (Mein antiquarisches Exemplar verdanke ich dem Kennedy-Haus Kiel, das das Buch im Mai 1971 anschaffte und zu einem ungenannten Datum „gelöscht“ stempelte.)
Das Gedicht kann in seinen Bann ziehen, bevor man es versteht. Die Gedichtmaschine rattert drauf los. Aber was bedeutet es, bzw. wie übersetzt man es?
Das Bauprinzip ist einfache Arithmetik. Jede Zeile besteht aus sechs Wörtern. Das erste Wort ist ab der zweiten Zeile immer and. Sieht man auf das Zeilenende, bemerkt man schnell, dass 6 Substantive in immer der gleichen Folge wiederkehren. An der 5. Stelle fünf Farben, an der 4. vier Adjektive, an der 3. drei Verben und an der 2. die zwei Pronomen. So sieht das Schema aus:

Fertig ist die Maschine. Jetzt muss man nur noch in jeder Spalte die 6, 5, 4, 3, 2 Wörter und das eine (1) Wort immer in der gleichen Reihenfolge wiederholen bis man in Zeile 61 am Schluss anlangt, der die gleichen Wörter wie am Anfang enthält.
Wie kann man das übersetzen? Ein Problem dieser arithmetischen Struktur ist die Wortstellung in dieser langen Kette von Nebensätzen. Im Englischen steht das Verb an dritter Stelle, also braucht man drei Verben, lieben, hassen, küssen. Im Deutschen muss es an die sechste Stelle, also müsste man 6 Verben wählen. Ich habe mich entschlossen, die möglichst originalen Wörter zu benutzen. Dazu muss ich in Kauf nehmen, dass das mathematische Schema nicht eingehalten werden kann, weil die Dreierreihe nach hinten geschoben werden muss. Wer sich anders entscheidet, müsste die Zahlen für die Positionen anpassen und statt drei nun sechs Verben nehmen. Wenn es jemand versuchen will – gern hier als Kommentar.
Noch eine Frage zur Semantik blieb mir zu klären. Das betraf nur die Spalte mit den Adjektiven. Wie übersetzt man livid? Ich habe Deepl gefragt, die Antwort: lebendig. Rhythmisch schwierig, weil ich im Deutschen dann fünf Silben brauchte. Aber stimmt die Bedeutung? Ich frage das große Handwörterbuch Englisch/Deutsch aus dem VEB Verlag Enzyklopädie Leipzig:
adj bläulich, bleifarben | (Körper) blau (~ marks blaue Flecken m/pl) | (Gesicht) bleich, leichenblaß (with vor); li-vid-i-ty.
Hmm. Eine Farbe kann ich nicht gebrauchen, weil die Farbadjektive ja gleich dahinter stehen. Bleich vielleicht? Ich schlage im COD (Concise Oxford Dictionary) aus Studientagen nach:
livid, a. Of bluish leaden colour; discoloured as by bruise; ll (colloq.) furiously angry. Hence or cogn. lividity n., ~ly adv. [f. L lividus]
Wütend: ja, passt gut und ist auch rhythmisch besser. Also los:
Weißt du noch (Für Alison Knowles)
wie ich sanfte rosa Nächte liebte
und du harte blaue Täler hasstest
und ich milde rote Kartoffeln küsste
und du wütende grüne Möwen liebtest
und ich sanfte gelbe Tautropfen hasste
und du harte rosa Austern küsstest
und ich milde blaue Nächte liebte
und du wütende rote Täler hasstest
und ich sanfte grüne Kartoffeln küsste
und du harte gelbe Möwen liebtest
und ich milde rosa Tautropfen hasste
und du wütende blaue Austern küsstest
und ich sanfte rote Nächte liebte
und du harte grüne Täler hasstest
und ich milde gelbe Kartoffeln küsste
und du wütende rosa Möwen liebtest
und ich sanfte blaue Tautropfen hasste
und du harte rote Austern küsstest
und ich milde grüne Nächte liebte
und du wütende gelbe Täler hasstest
und ich sanfte rosa Kartoffeln küsste
und du harte blaue Möwen liebtest
und ich milde rote Tautropfen hasste
und du wütende grüne Austern küsstest
und ich sanfte gelbe Nächte liebte
und du harte rosa Täler hasstest
und ich milde blaue Kartoffeln küsste
und du wütende rote Möwen liebtest
und ich sanfte grüne Tautropfen hasste
und du harte gelbe Austern küsstest
und ich milde rosa Nächte liebte
und du wütende blaue Täler hasstest
und ich sanfte rote Kartoffeln küsste
und du harte grüne Möwen liebtest
und ich milde gelbe Tautropfen hasste
und du wütende rosa Austern küsstest
und ich sanfte blaue Nächte liebte
und du harte rote Täler hasstest
und ich milde grüne Kartoffeln küsste
und du wütende gelbe Möwen liebtest
und ich sanfte rosa Tautropfen hasste
und du harte blaue Austern küsstest
und ich milde rote Nächte liebte
und du wütende grüne Täler hasstest
und ich sanfte gelbe Kartoffeln küsste
und du harte rosa Möwen liebtest
und ich milde blaue Tautropfen hasste
und du wütende rote Austern küsstest
und ich sanfte grüne Nächte liebte
und du harte gelbe Täler hasstest
und ich milde rosa Kartoffeln küsste
und du wütende blaue Möwen liebtest
und ich sanfte rote Tautropfen hasste
und du harte grüne Austern küsstest
und ich milde gelbe Nächte liebte
und du wütende rosa Täler hasstest
und ich sanfte blaue Kartoffeln küsste
und du harte rote Möwen liebtest
und ich milde grüne Tautropfen hasste
und du wütende gelbe Austern küsstest
und ich sanfte rosa Nächte liebte?
Gedanke für morgen: Wenn du über Kunst schreiben mußt, wie kannst du es vermeiden, so über Kunst zu schreiben, wie die meisten Leute, die über Kunst schreiben, über Kunst schreiben? Ich nehme an, eine Möglichkeit ist die, niemals Kunstzeitschriften zu lesen.
Aus: Emmett Williams, Schemes & Variations. Stuttgart: edition hansjörg mayer stuttgart london, 1981
Und hier wie angekündigt eine Spielanleitung für eigene Emmett-Williams-Gedichtmaschinen.
Es gibt mehrere Möglichkeiten, das als Spiel zu spielen:
Variante 1: Zufall mit Papierstreifen
* Schreibe alle Verben auf einzelne Zettel, mische sie.
* Mache das Gleiche mit Adjektiven, Farben und Nomen.
* Ziehe zufällig aus jeder Kategorie ein Wort und setze es in die Satzstruktur ein.
* Wiederhole den Vorgang, bis ein ganzes Gedicht entsteht.
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Variante 2: Kooperatives Schreibspiel
• Eine Person schreibt eine erste Zeile nach dem Schema:
I kissed soft blue feathers
• Die nächste Person schreibt die dazugehörige „Du“-Zeile:
You hated hard yellow tunnels
• Dann geht es reihum weiter, bis ein vollständiges Gedicht entsteht.
Das sorgt für überraschende und absurde Kombinationen, die man selbst nicht vorhersehen kann!
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Und hier zwei Dateien zum Selberdichten
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