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Heute vor 100 Jahren wurde Ingeborg Meyer geboren, die 1955 in dritter Ehe Heiner Müller heiratete und als Autorin vorwiegend unter dem Namen Inge Müller bekannt wurde – und als Dichterin erst nach ihrem Tod. Zum Anlass zwei Gedichte und wenige Auszüge aus dem von Ines Geipel herausgegebenen Band „Irgendwo; noch einmal möcht ich sehn. Lyrik, Prosa, Tagebücher. Mit Beiträgen zu ihrem Werk“.
UNTERM SCHUTT II
Und dann fiel auf einmal der Himmel um
Ich lachte und war blind
Und war wieder ein Kind
Im Mutterleib wild und stumm
Mit Armen und Beinen die ungeübt stießen
Und griffen und liefen.
Bilder ringsum
Kein Boden kein Dach
Was ist – verschwunden
Ich bin eh ich war
Ein Atemzug Stunden
Die andern! Ein Augenblick hell wie im Meer
Da klopft einer –
Den Globus her!
Daß ich mich halte
Brücken und Pole
Millionen Hände brauch ich
Mich trägst du nicht, Tod, ich mach mich schwer
Bis sie kommen und graben
Bis sie mich haben
Du gehst leer.
Inge Müller: Irgendwo; noch einmal möcht ich sehn. Lyrik, Prosa, Tagebücher. Mit Beiträgen zu ihrem Werk. Hrsg. Ines Geipel. Berlin: Aufbau, 1996, S. 15
RENDEZVOUS 44
František
Als du kamst war ich weg
Als ich kam warst du geholt
František! die Erde rollt.
Solln wir nur das Leben haben
Um die Freunde zu begraben?
Wann wird was wir wolln gewollt?
Als ich kam warst du geholt
Wenn du kommst bin ich weg
Werd dich suchen, František.
Ebd. S. 27
Ich entdecke zum ersten Mal bei Heiner die Eitelkeit, die ihn von ungeistigen Menschen abhängig macht. Es tut mir weh. Heiner kann noch immer kein Versprechen halten, es fällt ihm leicht, eins zu geben. – Ich habe wieder lange auf ihn gewartet. Wieder sehr stark empfunden, wie nachtragend ich bin, auch wenn ich verstanden habe und vergessen will. Ist Güte mehr als Verstehen?
Inge Müller, Tagebuch 1957, a.a.O. S. 120
Bei Gertrude Stein, deren Stil, deren Art zu denken, die wirklich weiblichste Art zu denken ist, die ich als Frau, als Frau die schreibt, als wirklich empfinde und damit mich wirklich empfinde, läßt mich im Grunde suchen, was an Weiblichem in mir zu finden ist, zu wählen und zu sein, was ich bin: wenn ich bin, wenn ich schreibe.
Inge Müller, Tagebuch 1962, a.a.O. S. 173
Die kurzen Schritte und der kalte Reim machten Inge Müllers Gedichte so geeignet fürs stumme Angstaufsagen. Und daß diese Gedichte auf der Winzigkeit des Sagens bestehen, daß sie aus ihr herausspringen in ungeschützte Sinnlichkeit.
Die Gedichte geben sich naiv und sind das Gegenteil davon: frech wie hingeschnauzt. Es wird alles in diesen Gedichten so kalt, bis es brennt. Der Reim zerrt eine Zeile in die andere, aber dem ganzen Gedicht hält er den Mund zu.
Herta Müller, a.a.O. S. 272
Das widerspruchsvolle und spannungsreiche Hin- und Widerspiel der Gesten in der eigentlich nicht sonderlich auf öffentlichen Beifall abgestimmten, streckenweise eher verschlossenen Dichtung Inge Müllers vollzieht sich, und es ist wirklich ein verwirrendes Phänomen, weithin unter Verwendung von Mitteln, die einem vor allem in der kabarettistischen Effekt-Gestik der Ringelnatze begegnen: da soll es »zum Klappen kommen«, da soll es »einschlagen«, z.T. auch durch die gehäufte Verwendung banalster Schlagreime –, und nicht Erheiterung durch Aufklärung ist die Folge, selbst wenn man sie vielleicht intendiert wie der oft ähnlich arbeitende Kuba, sondern im allgemeinen Aufputschung und Betäubung; statt des Intellekts werden die Nerven anvisiert. Ein Beispiel dafür, wie nahe Inge Müller bei anderen Zielen und anderen Wirkungen solchem Muster ist: Schaff mir doch jemand dem Schutzmann vom Hals! / Der Kerl schreitet ein. / Ich möchte doch gar nichts weiter als / Nur laut schrein. Ganz laut schrein. / Der aber schreit: Nein. / Das dürfte nicht sein. Könnte das nicht auch aus der Feder Ringelnatzens stammen? Es ist von Ringelnatz!
Adolf Endler, a.a.O. S. 291f
Solche aufstrebenden Dummköpfe wie ich besuchten damals eben den Mann, den Heiner, den fertigen Dichter. Man wußte womöglich, daß neben Müller diese Zuarbeiterin da auch schreibt oder gelegentlich geschrieben hat. Gedichte ja. Es roch in der Wohnung nach wenig Geld und nach Dichter-Hochmut. Die Zettelchen an den Wänden. Literaturtapete. Wir alle hatten Probleme mit den Mächtigen, mit der Dichterei, Probleme genug. Aber diese Frau da war ein Problem für sich.
Wolf Biermann, a.a.O. S. 333
Sie sind die schnell Vergessenen, zumeist nie wirklich Entdeckten – Dichterinnen und Dichter wie Dieter Leisegang, Evelyn Kuffel, Alexander Xaver Gwerder, Uwe Gressmann, Hertha Kräftner, Rainer M. Gerhardt oder Unica Zürn. Viele andere gehörten hier genannt.
Eine deutschsprachige Generation von Schreibenden, die durch den Nationalsozialismus und den Zweiten Weltkrieg ging und beides nie mehr loswurde.
Ines Geipel, a.a.O. S. 347f
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