Das Archiv der Lyriknachrichten | Seit 2001 | News that stays news
Veröffentlicht am 5. März 2025 von lyrikzeitung
Elke Erb
(* 18. Februar 1938 in Scherbach, Rheinland; † 22. Januar 2024 in Berlin)
ANGEKOMMEN IN AHRENSHOOP
Oh, da ging ich zu ihr, der Ostsee, hin
am Abend auf einen Anstandsbesuch.
Aber indem ich stillstand vor ihr,
kamen die Wellen, nicht die, die ich sah,
kamen mit einem Mal Wellen, Wogen, sich
anschlagen schwach an mein Brustbein, unverkennbar
jene von sechs Jahrzehnten zuvor,
die ich, wie alt war ich? – dreizehn?,
sah zum ersten Mal
vor dieser grauen See
in der Erinnerung klein wie zehn.
Schwach, undeutlich empfand ich sie aber,
erkannte sie an der Empfindung,
es war keine Wiederholung.
Brustbein Bewußtsein.
Sie hatten, Wogen, mich schwimmen gelehrt,
da sie mich überfielen
und wieder auftauchen ließen ...
Es geht nichts verloren. Es kann sich melden,
undeutlich, doch unverkennbar, jung.
So sieh. Dann stirbt es mit dir.
Aus: Der ewige Brunnen. Deutsche Gedichte aus zwölf Jahrhunderten. Gesammelt und herausgegeben von Dirk von Petersdorff. München: C. H. Beck, 2023, S. 572
Kategorie: Deutsch, DeutschlandSchlagworte: Elke Erb
Kann zu diesem Blog derzeit keine Informationen laden.
Neueste Kommentare