100-Jahre-Serie

Die Literatur der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ist nun im Museum. In diesem Jahr würden viele ihrer Autoren 100 Jahre alt werden, wie man so schön sagt (mindestens einer wird es tatsächlich): die Wolfgang Bächler, Heimrad Bäcker, Anne Dorn, Heinz Gappmayr, Eugen Gomringer, Hanns Dieter Hüsch, Ernst Jandl, Inge Müller, Heinz Piontek, Werner Riegel, Dieter Wellershoff …, sowie aus anderen Literaturen James Berry, Ernesto Cardenal, T. Carmi, Jack Gilbert, Karel Hynek, Philippe Jaccottet, Roberto Juarroz, Donald Justice, Carolyn Kizer, Kenneth Koch, Maxine Kumin, Samuel Menashe, László Nagy, Ladislav Novak, Achmad Schamlu, Jørgen Sonne, Gerald Stern, Mikis Theodorakis, Emmett Williams … und dann die 90- (Nanni Balestrini, Peter Bichsel, Richard Brautigan, Inger Christensen, Ira Cohen, Heinz Czechowski, Roque Dalton, Pere Gimferrer, Forugh Farrochzad, Fritz Rudolf Fries, Rolf Haufs, Sarah Kirsch, Christoph Meckel, Karl Mickel, Helga M. Novak, Renate Rasp, Rosemarie Waldrop …) und 80-Jährigen (Thomas Brasch, Klaus Merz, Reinhard Priessnitz, Ralf Thenior, Anne Waldman, Rafał Wojaczek, Adam Zagajewski …), fast schon ein Leseleben.

Der heutige Hunderter, Werner Riegel, wurde nur 31. „Zwischen den Kriegen“ hieß die Zeitschrift, die er herausgab, hektografierte und verschickte und gemeinsam mit Peter Rühmkorf unter Zuhilfenahme vieler Pseudonyme bestritt. Zum Jubiläum ein Gedicht und eine Mini-Blütenlese.

NACHTS FÜHRT SIE DIE FEUERSÄULE

Nachts führt sie die Feuersäule,
Tags der schwarze Schwaden.
Zug der Kameraden
Auf der bittren Meile.

Manna fiel und fette Wachtel.
Keiner rührt sie an.
Zug nach Kanaan
Mit Karton und Schachtel.

Volk in Hemd und Leinenhose.
Loch auf Arm und Knie.
Rast am Sinai.
Deine Stunde, Mose!

Gott und große Ziele.
Kanaan liegt weit.
Unser ist das Leid,
Und wir sind nicht viele.

Uns gehört die letzte Trauer.
Vierzig tote Jahre.
Toter Zukunft Mahre.
Eine Klagemauer.

Zwischen den Kriegen 6, Mai 1953, aus: Peter Rühmkorf. Werner Riegel: „… beladen mit Sendung/ Dichter und armes Schwein“. Zürich: Haffmanns, 1988, 1.-4. Tsd., S. 63. – Die folgenden Splitter aus demselben Buch.

Wir sind gegen die Deutsche Dummheit. (36)

Wo bleiben unsere Kritiker! Schließlich können wir doch nicht ALLES selbst machen! (67)

Es ist nicht schwierig, bei uns in Deutschland, mißverstanden zu werden. Das Talent: zu schreiben, erhält sich noch in einigen Exemplaren; das Talent: zu lesen, scheint ausgestorben. (100)

Die Kennzeichen finistischer Lyrik sind denen der Jazzmusik analog und äquivalent. Sie heißen: Blues, »drive« und »schmutziges (dirty) Spiel«. (131)

(145)

Sie feiern Schiller; sie feiern den Genius eines, der ihre harmloseren Triebe verstand und formulierte: ihre Tüchtigkeit, ihren Biedersinn; sie halten seine Ansicht für ein Denkmal: ihrer selbst. Die höhere Moralität dieses Mannes haben sie nie auf sich bezogen; sie schleichen daran vorbei, Schuldner und Schuldige. Heut feiern sie ihn, – als Schiller Toller hieß, haben sie ihn erschlagen! (213)

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